Die weibliche Fruchtbarkeit

Wenn ein Mann mit gesunden Spermien und eine Frau mit unbelastetem Genitaltrakt, Eizelle und Gebärmutterbecken während der Phase der Fruchtbarkeit zusammenkommen, treten die Seele (jiva) zusammen mit dem Geist in die befruchtete Eizelle (Zygote) ein, die sich in der Gebärmutter befindet. Dies führt zur Bildung eines Embryos. Es wächst ohne Schaden heran, wenn es von einem gesunden Rasa-Dhatu genährt und von einem guten Lebensstil (der Mutter) unterstützt wird.

In wohl keiner anderen Medizin gibt es ein umfangreicheres Sortiment an Medikamenten, Therapie- und Verhaltens­maßnahmen sowie Ernährungsanweisungen, um gesunde Kinder zu bekommen wie im Ayurveda. Die ayurvedische Heilkunde räumt dem gesamten Bereich, angefangen von der Behandlung der Unfruchtbarkeit bei Frau und Mann über die vorbereitenden Kurmaßnahmen für Schwangere bis über die Stillzeit hinaus einen so großen Raum ein wie keine andere Naturheilkunde. Im Ayurveda gibt es einen eigenen Fachbereich, der sich ausschließlich mit der Behandlung der Fruchtbarkeit (Aphrodisiaka) sehr intensiv auseinandersetzt. Nirgendwo findet man eine solche Fülle von hervorragend wirkenden Heilpflanzen, Rezepten und Therapiekonzepten wie im Ayurveda. Nicht nur angesichts der immer weiter ansteigenden Zahlen von unfruchtbaren Paaren besonders in der westlichen Welt erscheint dieses umfassende Baby-Hilfs-Management ganz neue Möglichkeiten für eine erfolgreiche und vor allem gesunde Schwangerschaft zu bieten.

Die Fruchtbarkeitsstörung (Sterilität)

Selbst bei einer fruchtbaren Frau, kann es zu einer Verzögerung der Empfängnis kommen, weil Probleme auftreten mit der Gebärmutter, den Spermien, der Eizelle, der Psyche, der Ernährung, der täglichen Routine, dem richtigen Zeitpunkt der sexuellen Vereinigung und mangels (körperlicher) Stärke.

Wenn sich gesunde junge Paare Nachwuchs wünschen, aber der Erfolg auf Dauer ausbleibt, spricht man in der Medizin von einer Fruchtbarkeitsstörung. Während sich 1950 noch durchschnittlich 100 Millionen Samen- zellen pro ml in der Samenflüssigkeit eines Westeuropäers befanden, sind es heute nur noch 40-60 Millionen pro ml, Tendenz weiter fallend. Der Anstieg steriler Samenspender stieg von 1,6% (1980) auf 9,0% (1993). Aber nicht nur die Anzahl der Samenfäden im Sperma geht rapide zurück, sondern auch deren Qualität und Beweglichkeit. So erhöhte sich der Anteil von Samenspendern mit geringer Qualität der Samenzellen von 5,4% (1980) auf 45,8% (1993). Seit 1960 hat sich die Zahl der Neugeborenen in Gesamtdeutschland halbiert, in den neuen Bundesländern ist sie sogar auf ein Drittel zurückgegangen.

Etwa zwei Millionen Paare in Deutschland, das entspricht 12-15%, haben einen unerfüllten Kinderwunsch. Von der Unfruchtbarkeit sind mittlerweile Männer ebenso häufigbetroffen wie Frauen. Während die moderne Medizin bestreitet, die Qualität der Spermien direkt verbessern zu können, kann man dies mit Ayurveda tatsächlich erreichen. Allerdings braucht es dazu ein besonders intensives und längerfristiges Therapieprogramm.

Bei der Frau sind die Gründe für Fruchtbarkeitsprobleme ganz anders gelagert und weniger kompliziert. Allein schon die Körpergewebe, die an der Empfängnis beteiligt sind, sind bei Mann und Frau völlig unterschiedlich. Beim Mann ist es bekanntlich das Spermium, die kleinste Zelle des Körpers. Während es bei der Frau die Eizelle ist, die größte Zelle des Körpers. Eizelle und Spermium sind also nicht nur von der Größe sondern auch vom Aufbau her so verschieden voneinander wie es zwei Zellen nur sein können. Das männliche Spermium wird im Hodengewebe gebildet und ist laut dem Ayurveda das am weitesten spezifizierte Körpergewebe überhaupt. Alles, was ein Mann heute zu sich nimmt, braucht 30 Tage, um sich in umgewandelter Form im Sperma wiederzufinden. Dazwischen sind unzählige Reifungs- und Entwicklungsschritte nötig, bis aus der verdauten Nahrung eine männliche Samenzelle entstanden ist. Aus ayurvedischer Betrachtungsweise ist das Spermium der feinste materielle Ausdruck der Lebenskraft Ojas*. Ojas* ist natürlich im ganzen Körper tätig, aber die Spermien (Shukra-Dhatu) sind das konzentrierteste Substrat davon.

Die weibliche Eizelle dagegen besteht vor allem aus Plasmagewebe (Rasa-Dhatu), dem ersten Körpergewebe, das aus der Nahrung gebildet wird. Sie ist damit ein relativ unspezifisches Körpergewebe, das dafür jedoch sehr empfindlich und schnell auf Ernährungssünden und falsche Lebensweise reagiert. Die Bildung vom Plasmagewebe dauert nur einige Stunden und ist abhängig vom Verdauungsfeuer Agni. Wenn Agni nicht richtig brennt oder unverdaubare Nahrung verzehrt wurde, wird das Plasmagewebe mit Stoffwechselschlacken (Ama) beschmutzt. Je mehr Ama gebildet wird, umso schlechter ist die Qualität von Rasa-Dhatu und somit aller Schleimhäute im Körper, auch der Gebärmutterschleimhaut. Je mehr Stoffwechselschlacken (Ama), umso schlechter aber auch die Qualität der Eizelle an sich. Ama ist von seinen Eigenschaften her kalt, zäh, klebrig, schleimig und blockierend. Nach einer möglichen Befruchtung durch den Mann können dadurch folgende Komplikationen entstehen: Alle weiblichen Fortpflanzungsorgane sind vor allem von der Qualität von Rasa-Dhatu abhängig. Je mehr Schlacken, Unverdautes (Ama) sich in den Körpergeweben wiederfindet, umso geringer die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Empfängnis.

Eine mit Stoffwechselschlacken (Ama) verunreinigte Eizelle kann leichter im Eileiter kleben bleiben, was das Risiko einer Eileiterschwangerschaft erhöht. Der Eizelle droht eher ein Nährstoffmangel, da die Gebärmutterschleimhaut ebenfalls mit Ama verschlackt ist. Ihre Eigenversorgung ist durch Ama ebenfalls gemindert, wodurch der Transport der Nährstoffe noch weiter gemindert wird. Die Folge davon ist, dass die Eizelle meist frühzeitig abgestoßen wird oder später im Extremfall Fehlbildungen beim Embryo verursachen können.

Die Behandlung der weiblichen Fruchtbarkeitsstörung

Die ayurvedische Medizin versucht – im Gegensatz zur westlichen Medizin – die wirklichen Ursachen weiblicher Fruchtbarkeitsstörung zu beseitigen und von Grund auf zu heilen. Ist es nicht viel wichtiger, die Ursache für eine hormonelle Störung zu finden und diese zu behandeln, als einfach nur Hormone zu verschreiben? Oder der Frage nachzugehen, warum die Eileiter sich immer wieder verkleben, anstatt jedes Mal mit hartem Stahl in den empfindlichen weiblichen Unterbauch einzudringen? Dennoch kann man den chirurgischen Eingriff manchmal nicht mehr vermeiden. Er sollte jedoch der Weisheit letzter, nicht erster Schluss sein.

Im Ayurveda kann man in den meisten Fällen weiblicher Fruchtbarkeitsstörungen sehr viel tun. Intensive Reini­gungskuren (Panchakarma), Heilpflanzen, die effizient den Stoffwechsel verändern und gezielt die gewünschten Gewebe aufbauen, bewirken oft schon große Erfolge. Ein kleines Beispiel einer Heilpflanze, deren Heilkraft für den weiblichen Organismus so groß ist, dass nur wenige andere ihr ebenbürtig sein dürften, ist Shatavari, ein indisches Spargelgewächs. Die Wirkungen von Shatavari auf den weiblichen Organismus sind so vielfältig, dass ich mich hier nur auf die für eine Schwangerschaft wichtigsten beziehen möchte. Shatavari reinigt die Schleimhäute der weiblichen Fortpflanzungsorgane und baut sie optimal für die Schwangerschaft auf. Viele früheren Verletzungen oder Operationen in diesem Bereich können damit wieder regeneriert werden. Shatavari hat auch einen starken hormonstimulierenden Effekt. Hormonelle Störungen können damit ausgeglichen werden, ohne die gefürchteten Nebenwirkungen von Hormonpillen. Auch während der Schwangerschaft ist Shatavari sehr wichtig, da es kaum etwas Besseres für den Embryo gibt, um sein Knochen­gerüst zu stärken und andererseits die Frau vor Mangel­erscheinungen zu bewahren. Aber auch der mental beruhigende Effekt von Shatavari besonders in der ­Schwangerschaft ist nicht zu unterschätzen. Die konstante Einnahme hilft auch den Geburtsvorgang bestens vorzubereiten und Komplikationen zu mindern.

Die Vorbereitungen für eine Schwangerschaft

Die Vereinigung von Spermium, Eizelle und der göttlichen Seele in der Gebärmutter wird als Embryo bezeichnet. Die Entstehung und das Wachstum eines Embryos sind laut den ayurvedischen Schriften abhängig von folgenden sechs Faktoren:

  1. Der Mutter
  2. Dem Vater
  3. Der göttlichen Seele (Atman)
  4. Der Gesundheit der Mutter
  5. Dem Plasmagewebe (Rasa-Dhatu) der Mutter
  6. Dem Geist (des Kindes)

Die Mutter ist der wichtigste aller Faktoren, da der Fötus von ihr ernährt wird und ihre Gesundheit, aber auch ihre Defekte, auf ihn übergehen. Ein Großteil der Organe und Gewebe im Fötus werden aus der mütterlichen Quelle gebildet, bei­spielsweise Haut, Blut, Fleisch, Fett, Herz, Leber, Milz, Nieren, Blase, Rektum, Magen, Darm und andere. Die Spermien des Vaters sind für alle Gewebe verantwortlich, die dem Embryo Stärke und Stabilität geben, beispielsweise Haare, Nägel, Zähne, Knochen, Venen, Arterien, Sehnen, Bänder und Sperma. Der Einfluss des Spermiums ist in der ersten Zeit für den Fötus stärker als der der Eizelle, da der Formgebung und Stabilität zu Beginn höchste Priorität zukommt. Die göttliche Seele (Atman) ist zusammen mit dem Geist für folgende Faktoren zuständig: Lebensspanne, Selbstver­wirklichung, die charakterliche Grundstruktur, Vorlieben und Abneigungen, Stimme und Ausstrahlung, Bewusstheit, Mut, Intellekt, Gedächtnis, Egoismus und andere.

Das Plasmagewebe (Rasa-Dhatu) ist die Nährflüssigkeit des Embryos. Es bestimmt Größe, Stärke, Zufriedenheit, Rundlichkeit und Enthusiasmus des Embryos. Der Geist ist verantwortlich für die unter der göttlichen Seele (Atman) genannten charakterlichen Eigenschaften. Daneben ist der Geist jedoch durch die drei mentalen Gunas Sattva (Makellosigkeit), Rajas (Verlangen) und Tamas (Passivität) geprägt. Die individuelle Mischung der drei Gunas hängt sehr stark vom Vorleben des Embryos ab. Der Geist ist verantwortlich für die Vereinigung der göttlichen Seele mit dem feinstofflichen und später auch mit dem grobstofflichen Körper eines Lebewesens. Nur wenn die göttliche Seele sich mit dem feinstofflichen Körper verbindet, kann ein neues Lebewesen entstehen.
Ich möchte es an dieser Stelle noch einmal wiederholen: die häufigsten Ursachen für eine weibliche Fruchtbarkeitsstörung sind im Gegensatz zur männlichen eher funktioneller Natur und weniger ein substanzielles Problem. Bei der Frau ist von Geburt an alles, was sie braucht, um schwanger zu werden vorhanden. Selbst sämtliche Eizellen sind bereits beim weiblichen Säugling vollständig angelegt und müssen nur noch für den späteren 4-wöchentlichen Menstruationszyklus ausgereift werden. Die Frau muss daher nicht wie der Mann ständig neue Eizellen produzieren, sondern kann auf ein unerschöpfliches Reservoir zurückgreifen.

Die Frau ist die Empfangende. Sie empfängt das werdende Kind und sollte, um schwanger zu werden den Körper so vorbereiten, dass nichts dieser Empfängnis im Wege steht. Aus ayurvedischer Sicht ist für den Erfolg einer Empfängnis vor allem die Qualität von Rasa-Dhatu entscheidend. Rasa-Dhatu, das Grundplasma, das nicht nur alle Körperzellen ernährt und versorgt, sondern in diesem Fall auch den werdenden Embryo. Man könnte dieses Prinzip mit unserer „Mutter Erde“ vergleichen. Je besser die Qualität der Erde, umso schneller, kräftiger und häufiger können die Pflanzen auf ihr wachsen. Bei schlechter Erde gedeiht nur wenig, und die wenigen sind meist schwach und kümmerlich. Achtung: Lassen Sie sich nicht vom Begriff Panchakarma verführen.

Die meisten Ayurvedaanbieter werben heutzutage mit diesem Wort, ohne dem hohen Anspruch dieser komplizierten Therapie auch nur einigermaßen gerecht werden zu können. Daraus wird verständlich, dass jede Frau vor einer erwünschten Schwangerschaft eine Reinigungskur (Panchakarma) durchführen lassen sollte. Nur ein gut geschulter ayurvedischer Therapeut kann nach eingehender Untersuchung feststellen, wie diese im Einzelfall auszusehen hat. Diese Kur kann nicht nur in einer Kurklinik über 2-4 Wochen stationär durchgeführt werden, sondern auch begleitend zum Alltag, aber dann über einen längeren Zeitraum.

Allgemeine Empfehlungen bei Kinderwunsch

  1. Führen Sie rechtzeitig vor einer geplanten Schwangerschaft bei einem erfahrenen Ayurveda-Therapeuten eine Pancha Karma-Kur durch.
  2. Achten Sie auf einen geregelten Tagesablauf und regelmäßige Essenszeiten. Gehen Sie zeitig ins Bett.
  3. Achten Sie auf eine gesunde Ernährung, die ihrer Konstitution und ihrer Verfassung entsprechen.
  4. Vermeiden Sie grundsätzlich folgende Speisen: Meeresfisch, Meerestierchen, Meersalz, unverdünnte Obstsäfte (vor allem gemischte) und Nahrung, die irritierend auf die Schleimhäute wirkt (Chili, Rettich, Schimmelkäse).
  5. Halten Sie weitgehend die allgemeinen ayurvedischen Ernährungsrichtlinien ein wie sie im theoretischen Teil kurz angesprochen wurden und beschäftigen Sie sich mit weitergehenden ayurvedischen Ernährungsbüchern, die darauf noch spezifischer eingehen.
  6. Hören Sie auf zu rauchen. Nikotin mindert die Fruchtbarkeit der Frau (übrigens beim Mann noch mehr).
  7. Vermeiden Sie regelmäßigen Alkoholkonsum, besonders Bier, Weißwein und natürlich Hochprozentiges.
  8. Vermeiden Sie Stress, besonders beruflichen. Setzen Sie die Priorität auf die bevorstehende Schwangerschaft, weniger auf Beruf oder andere Dinge.
  9. Vermeiden Sie harte körperliche Anstrengungen.
  10. Bereiten Sie sich vor allem geistig auf das Schwangerwerden vor: Fangen Sie an zu meditieren, beschäftigen Sie sich mit allen Themen der Schwangerschaft, machen Sie in Gedanken Visualisierungen, um Ihren gesamten Organismus optimal darauf vorzubereiten. Aber verkrampfen Sie sich dabei nicht! Oft ist man erfolgreicher, wenn man die Dinge auch loslassen kann.
  11. Machen Sie sich keinen Stress, um nur zum „optimalen“ Zeitpunkt Geschlechtsverkehr zu haben. Schlafen Sie nur mit Ihrem Mann, wenn Sie in der richtigen Stimmung dazu sind, also mit einem ausgeglichenen, klaren und liebenden Geist. Und vergessen Sie niemals: Die Empfängnis ist ein heiliger und kein rein mechanischer Akt. Es ist eine Gnade unseres Schöpfers, die wir genauso empfangen müssen. Trotz bester Voraussetzungen kann es manchmal lange dauern. Niemand kann es erzwingen. Versuchen Sie Gott oder eine höhere geistige Führung darum zu bitten, Ihnen diesen Herzenswunsch zu erfüllen.

Lesen Sie auch:

Ayurveda bei unerfülltem Kinderwunsch Teil 2

Fußnoten Aus dem Buch:
Dieter Scherer – Das Ayurveda Gesundheitsbuch für Frauen: München/Kreuzlingen 2004. Hugendubel/Irisiana
Caraka Samhita Vol.1 by R.K. Sharma Bhagwan Dash, Chowkamba Sanskrit: Sarirasthana, Kap. III
Caraka Samhita Vol.1 by R.K. Sharma Bhagwan Dash, Chowkamba Sanskrit: Sarirasthana, Kap. II
Vgl. Konrad und Steffen Kunsch, Der Mensch in Zahlen. Heidelberg, Berlin, 2000: Spektrum Akademischer Verlag.
Caraka Samhita Vol.1 by R.K. Sharma Bhagwan Dash, Chowkamba Sanskrit: Sarirasthana, Kap. IV
Dieter Scherer – Das große Ayurvedabuch: München/Kreuzlingen 2002. Hugendubel/Irisiana
Homöopathische und ayurvedische Medikamente können auch Alkohol enthalten. Daher sollten Sie diese besser von einem Heilpraktiker oder naturheilkundlichen Arzt verschreiben lassen und nicht selbst experimentieren.


Heft 18 – Ayurveda bei unerfülltem Kinderwunsch

Unerfüllter Kinderwunsch – keine Seltenheit und kaum natürliche Behandlungsmöglichkeiten. Die weibliche Fruchtbarkeit besser verstehen und ayurvedisch unterstützen und auch in den Wechseljahren die Balance finden.