Ayurvedische Kräuter aus wissenschaftlicher Sicht – Teil 5

Mehr als ein Pfeffer zum Würzen

Bereits Hippokrates erwähnte den langen Pfeffer (lat.: Piper longum). In ayurvedischen Fachkreisen wird er auch Pippali genannt. In Europa war der lange Pfeffer bereits vor dem
schwarzen Pfeffer bekannt und im Ayurveda ist Pippali eine der bedeutsamsten Pflanzen². Er reduziert Vata und Kapha, wirkt dabei jedoch gleichzeitig geweberegenerierend und kräftigend. Der lange Pfeffer regt das Verdauungsfeuer (Agni) an, reduziert Stoffwechsel-
Abfallprodukte und reinigt laut ayurvedischer Vorstellung unsere Körperkanäle. Diese Qualitäten machen Pippali zu einer außergewöhnlichen Pflanze.

Pippali ayurvedisch klassifiziert

Der lange Pfeffer ist eine schlanke, duftende Kletterpflanze und wächst in den heißeren Gebieten Indiens. Sie ähnelt in ihren Eigenschaften stark dem schwarzen Pfeffer, ist aber „sanfter“ für den Magen. Die 2–3 cm langen, grünlichen Pippali-Früchte erinnern an die
uns bekannten weiblichen „Birkenkätzchen“. In Europa werden vor allem die unreif getrockneten Früchte als Pulver verwendet. Es ist ratsam, auf eine grünliche Färbung und einen metallischen Geschmack zu achten. Diese Früchte weisen die beste Qualität auf. Ayurvedisch wird der lange Pfeffer wie folgt klassifiziert:

Ayurvedische Eigenschaften von Pippali:

  • verwendete Pflanzenteile: Früchte
  • Dosha: Vata und Kapha werden reduziert
  • Rasa (Geschmack): scharf, bitter und süß
  • Guna (Eigenschaften): ölig, leicht, spitz
  • Virya (Wirkkraft, Potenz): leicht erhitzend
  • Vipaka (Wirkung nach der Verdauung): süß
  • Agni (Stoffwechselenergie): stärkt Agni

Pippali senkt Vata und Kapha, bei normalem Gebrauch wird das Pitta-Dosha nicht gestört. Besonders gut wirkt Pippali zusammen mit Honig eingenommen. Zur Behandlung von Kapha kocht man Pippali mit Wasser ab oder gibt es als Pulver gemischt mit Honig. Soll Vata reduziert werden, verwendet man eine Milch-Abkochung oder eine Ghee-Zubereitung (angereichertes Butterreinfett). Bei Pitta helfen ebenfalls Milch- und Ghee-Zubereitungen, die dann zusätzlich mit etwas Zucker vermischt werden können.

Piper Longum aus wissenschaftlicher Sicht

Die enthaltenen Wirkstoffe vom langen Pfeffer sind zwischenzeitlich recht gut erforscht.

Die Früchte haben einen Anteil von 4–6 % scharf schmeckender Amine wie Piperin und Pipernonalin. Amide zeichnen verantwortlich für eine gefäßerweiternde Wirkung². Das Alkaloid Piperin steigert laut neueren Studien die Wirksamkeit von Kurkuma um ein Vielfaches. Enthaltene ätherische Öle (ca. 1 %) haben besonders auf den Magen-Darm- und Atemtrakt
einen günstigen Effekt. Pippali als Pulver eingenommen wird bereits im oberen Gastro-intestinaltrakt (Mund, Speiseröhre, Magen und Zwölfdingerdarm) resorbiert. Über eine enge Beziehung zur Schleimhaut der Atemwege können seine ätherischen Öle hier rasch ihre volle Wirkung entfalten.

Pippali eignet sich auch zur Anwendung bei allergenen Reaktionen einschließlich allergischen Asthmas. Untersuchungen zeigen auch gute Effekte bei Salmonellen, Pseudomonaden (Bakterienart) und besonders bei Bakterien, die Infektionen des Gastrointestinaltrakts
hervorrufen².

Ein typischer Einsatz von Pippali – Die Treppenkur

Die sogenannte Pippali-Treppenkur ist eine effektive Maßnahme zur Anwendung bei Störungen, die ursächlich von einem Überschuss an Kapha herrühren und mit dem Vorhandensein unreifer Stoffwechselendprodukte (Ama) einhergehen.

Man verabreicht Pippali in ansteigender und abfallender Dosierung über insgesamt 14 Tage. Am ersten Tag wird morgens und abends nach dem Essen je 1 g Pippali eingenommen. Die Dosis wird bis zum Tag 5 um jeweils 0,5 g gesteigert und dann über 3 Tage mit je 3 g zweimal täglich gehalten. Anschließend wird die Menge wieder um 0,5 g pro Tag reduziert.

In Begleitung eines erfahrenen Ayurveda-Therapeuten ist eine Treppenkur auch ambulant durchführbar. Sie führt bemerkenswert schnell zu einer Harmonisierung von Ungleichgewichten.

Erfahrungswerte im Ayurveda

Dank seiner appetitanregenden, verdauungsfördernden und windtreibenden Wirkung unterstützt Pippali das Verdauungssystem. Er schürt das Verdauungsfeuer (Agni) und fördert Verdauung, Absorption und Assimilation der aufgenommenen Nahrung. Er wirkt positiv
bei Appetitmangel, Übelkeit und Übersäuerung. Pippali beseitigt Ama (Stoffwechselschlacken) und wirkt vor allem positiv bei verschiedenen, durch ein Übermaß an Kapha verursachten Störungen, so z. B. auch bei Übergewicht¹. Als Besänftiger von Kapha und Vata ist Pippali auch für seine positiven Auswirkungen auf den Atemapparat bekannt. Als wirksamer Schleimlöser beseitigt er überschüssiges Kapha im Brustbereich.

Klassische Darreichungsformen:

  • Pippali Churna: 0,5 bis 1 g zweimal täglich
  • Pippali Asava: 5 bis 10 ml zweimal täglich mit der gleichen Menge Wasser

Tipp: Da Pippali insbesondere Kapha reduzierende Eigenschaften besitzt, kommen uns seine wohltuenden Wirkungen im kaphadominierten Frühjahr besonders zugute.

Hinweis der Redaktion:
Die hier gemachten Wirkaussagen sind nur gültig im Zusammenhang
mit der ayurvedischen Gesundheitslehre und deren Terminologie. Es
handelt sich nicht um Krankheiten im Verständnis westlicher Wissenschaft.
Es gibt keine pharmakologische und krankheitsheilende Wirkung
im Sinne der westlichen Medizin. Pippali wird lediglich als Gewürz
und Lebensmittel verwendet. Es ist kein Arzneimittel.
¹ P. Manoj, E.V. Soniya, N.S. Banerjee, P. Ravichandran. Recent studies
on well-known spice, Piper longum Linn. Natural Product Radiance Vol
3(4), Jul-Aug. 2004
² S. Kumar, J. Kamboj, Suman, S. Sharma. Overview for various Aspects
of the Health Benefits of Piper Longum Linn.Fruit. Journal of Acupuncture
and Meridian Studies, June 2011, Vol. 4(2): S. 134-140

Erschienen im Ayurveda Journal 53

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