Einleitung

Mythischer Unsterblichkeitsnektar, mittelalterlicher Jungbrunnen, modernes Anti-Aging – der Traum vom ewigen Leben ist so alt wie die Menschheit. In der Moderne nimmt er im Jugendlichkeitswahn groteske Formen an, fördert allerdings auch die medizinische Altersforschung.

Nur wird sich die Natur immer ihr Recht auf Altern- und Vergehenlassen vorbehalten, denn Sterblichkeit garantiert durch beständiges Erneuern die gute Qualität einer Art. Altern ist somit ein natürlicher Prozess, an dessen Ende die größte psychologische Herausforderung unseres Lebens steht. Dieser kann man nur spirituell begegnen. Durch Ayurveda lernen wir, die Vergänglichkeit anzunehmen. Und wichtiger als das Nicht-Altern ist der indischen Naturheilkunde, die körperliche und geistige Lebensqualität in jeder Lebensphase zu optimieren. Das Konzept, das Ayurveda zu diesem Zweck entwickelt hat, heißt Rasayana.

Rasayana Begriffe

Der Sanskrit-Begriff Rasayana wird schon in der Charaka-Samhita (CS) – dem ältesten und bedeutendsten Text des Ayurveda – verwendet und bedeutet wörtlich:

Der Pfad zu oder die Verwirklichung von (einem optimalen Zustand der) Gewebe“. Und analog lautet die klassische Definition (CS Ci. 1.1.8): „Diejenigen Mittel (und Maßnahmen), die zu einem optimalen Zustand vom Nährgewebe Rasa und den anderen Geweben führen, nennt man Rasayana.

Die Rasayana-Wissenschaft zentriert sich also um den Funktions- und Nährzustand aller Gewebe, welche im Ayurveda als die materiellen Grundeinheiten des Körpers angesehen werden, aber auch geistige Funktionen tragen. Somit wäre eine gute Übersetzung von Rasayana: „Geweberegeneration“.

Ein weiterer Begriff, der im Bereich Rasayana von Bedeutung ist, lautet Bala. Bala bedeutet „Kraft“ und im engeren Sinn Abwehrkraft – also die Fähigkeit des Körpers, die Entstehung von Krankheiten zu unterbinden oder bei bestehenden Krankheiten die Auswirkungen derselben einzuschränken. Dies gilt für die körperliche Ebene genauso wie für die psychische. Besonders die Abwehressenz (Ojas) übernimmt diese Aufgaben, aber auch Kapha-Dosha in seiner physiologischen Funktion und Prana-Vata – die Lebensenergie schlechthin.

Klassische Ansätze – moderne Umsetzung

Zwei gleichwertige Ziele formuliert die Charaka-Samhita für die Medizin (CS Ci. 1.1.4):

Gesundheit erhalten und fördern, sowie Krankheiten beseitigen.

Und zwei der acht Teilbereiche der Ayurveda-Therapie widmen sich der Gesundheitsförderung: Rasayana strebt ein gesundes, glückliches, jugendliches und möglichst langes Leben der gegenwärtigen Generation an; Vaji-Karana soll das Gleiche für kommende Generationen verwirklichen, indem bereits vor der Zeugung die Qualität der elterlichen Keimzellen verbessert wird.

Der Vorteil der möglichst breit gefächerten Gesundheitsförderung gegenüber einer aufwendigen Therapie im Krankheitsfall liegt auf der Hand. Auch der modernen Medizin ist dies bewusst geworden, sodass sie sich von den vormals rein kurativen Ansätzen immer mehr der Früherkennung und Prävention zuwendet. Im Ayurveda lassen sich mit Rasayana und Vaji-Karana viele Ansätze finden, um die Mobilität, den Energie- und Abwehrstatus, die Leistungs- und Genussfähigkeit, die Ausgeglichenheit und innere Zufriedenheit im Menschen zu fördern. Durch diese „Verjüngung“ des biologischen Alters können vorzeitige Alterungsprozesse auf körperlicher und psychischer Ebene verzögert, aufgehalten oder gar umgekehrt werden.

Rasayana-Methoden

Oft wird Rasayana mit zauberhaften Verjüngungsmedikamenten gleichgesetzt. Tatsächlich handelt es sich um ein umfassendes Konzept, das verschiedene ayurvedische Verfahren miteinander vereint. Heilpflanzen, Massagen, Entschlackungsverfahren, Entspannungstechniken, ja selbst psychische und spirituelle Methoden stehen dem Ayurveda-Arzt hierfür therapeutisch zur Verfügung. Meist wird eine therapeutische Rasayana-Behandlung in Form von Kuren durchgeführt. Doch den größten Beitrag leistet der Einzelne selbst – im Alltag. Durch die richtige Ernährung und Lebensführung nimmt er seine Gesundheit in die eigenen Hände.

Zwei Grundformen: Stationäre oder ­ambulante Behandlung?

Sollte eine längere stationäre Behandlung nicht möglich sein, so wird die zweite Form von Rasayana angewendet (Vatatapika), die sich auf ausgewählte Aktivitäten, Ernährung und Heilkräuter beschränkt.

Idealerweise beginnt man eine Rasayana-Behandlung mit einer inneren Ausleitung (Shodhana). Dadurch werden verschiedene Schlacken- und Giftstoffe aus dem Körper beseitigt und andere Maßnahmen können effektiver wirken. Bei gesunden, kräftigen Personen (CS Ci. 1.4.27) wird eine intensive Ausleitung bevorzugt, die möglichst sämtliche Verfahren des Panca-Karma umfasst (vgl. Ayurveda Journal; Heft 9, Seiten 5 ff) und mehrere Wochen dauert. Diese kann nur stationär (Kutipraveshika) durchgeführt werden (CS Ci. 1.1.16ff.). Im Altertum wurden zu diesem Zweck an ruhigen Orten Hütten mit ineinander verschachtelten Räumen errichtet, um den Patienten frei von schädlichen Einflüssen in Klausur versetzen zu können.

Ursachenvermeidung

Jede therapeutische Bemühung wird zunichte gemacht, wenn krankmachende Verhaltensweisen beibehalten werden. Somit steht zu Beginn einer jeden ayurvedischen Behandlung die Ursachenvermeidung, auch bei Rasayana. Der Ayurveda beschreibt Ernährungs- und Verhaltensgewohnheiten, die die Gewebe auf Dauer schädigen und schneller altern lassen. Die Kunst des Therapeuten besteht darin, den Patienten zu motivieren, folgende Faktoren zu meiden:

Unzuträgliche Ernährung

  • minderwertige und ungesunde Nahrungsmittel (z.B. Fast-food, industriell hergestellte Produkte)
  • verdorbene Nahrungsmittel (aufwärmen, Schimmelkäse)
  • zu sauer (Essig, Tomaten, saure Früchte), zu salzig oder ­zu scharf­
  • schwer verdaulich oder „blockierend“ (Joghurt, Käse, ­Fettiges, zu viel Fleisch)
  • „trockene“ Nahrungsmittel (Blattgemüse, Mais, Hirse): die Mahlzeiten sollten mit genügend guten Fetten (Ghee, Olivenöl, Sesamöl) und ausreichend Flüssigkeit zubereitet werden­
  • Produkte aus gegorenen Getreidesorten oder Hülsenfrüchten­
  • falsche Kombinationen (besonders Milch mit Saurem oder Salzigem, Milch mit Bananen)
  • unregelmäßige Einnahme (gut wären drei Mahlzeiten, wobei das Mittagessen die Hauptmahlzeit sein sollte
  • erneut essen, bevor die vorangegangene Mahlzeit verdaut ist (erst nach ca. 4-5 Stunden)

Ungesunde Lebensführung

  • unrhythmisches Leben
  • tiefer Tagesschlaf
  • Mangel an Schlaf und Ruhephasen
  • Übermaß an Alkohol, Nikotin und anderen Genussgiften
  • körperliche Überforderung (Beruf, Sport, aber auch sexuell) und völliger Bewegungsmangel (gut wäre angemessene Bewegung, wie aerober Ausdauersport)
  • psychische Überanstrengung (Mangel an regenerierenden Methoden wie Meditation)
  • emotionale Unausgewogenheit (Ängste, Sorgen, Aggressionen, Einsamkeit)

Stoffwechselkorrektur

Der Ayurveda sieht in aggressiven Stoffwechselzwischenprodukten (Ama), die durch eine geschwächte Verdauungs- und Stoffwechsellage entstehen, eine Hauptursache für Erkrankungen und verfrühte Alterungsprozesse. Somit beginnt man eine Rasayana-Kur meist mit einer Anregung des „Verdauungsfeuers“ (Agni). Besonders geeignet hierfür ist die therapeutische Anwendung von Langem Pfeffer (Pippali = Piper longum; vgl. Ayurveda-Journal Heft 7, S. 11). Für den Hausgebrauch bestünde eine einfache Variante darin, einige Tage nur warme Mahlzeiten zu sich zu nehmen, insgesamt weniger zu essen, auf unnötige Fette und Eiweiße (Käse, Butter, Joghurt, Fleisch, Eier, Fisch) zu verzichten, sowie viel heißes Ingwerwasser zu trinken (3-4 dünne Scheiben frischen Ingwers in einem Liter Wasser 15-20 min. kochen).

Ausleitung

Auch der ambulanten Rasayana-Kur sollte eine Phase der milden inneren Reinigung vorausgehen. Triphala-Pulver öffnet die inneren Kanäle, wirkt leicht abführend und besitzt zudem eine Rasayana-Wirkung: 1-2 Wochen lang jeden Abend einen Teelöffel des Pulvers mit warmem Wasser vor dem Schlafengehen einzunehmen, wäre eine milde Form der vorbereitenden Ausleitung.

Rasayana-Substanzen

Abgerundet wird das Rasayana-Konzept durch die Gabe von meist pflanzlichen Nahrungsergänzungen. Die genannten vorbereitenden Maßnahmen machen den Körper empfänglich für diese regenerierenden Impulse. Obwohl Rasayana ein Kurkonzept ist, wird im Ayurveda auch eine Gruppe von Pflanzen als Rasayana bezeichnet. Gemeint ist damit ihre Rasayana-, also geweberegenerierende Wirkung. Rasayana-Pflanzen haben sich in der jahrhundertelangen Erfahrung des Ayurveda als unbedenklich und nebenwirkungsfrei herausgestellt. Sie werden seit jeher über einen langen Zeitraum eingenommen. Somit sind die Rasayana-Mittel Nahrungsergänzungen par excellence.

Sie wirken generell regenerierend auf sämtliche Gewebe. Allerdings haben sich besondere Beziehungen zu einzelnen Geweben herauskristallisiert (Naimittika-Rasayana). Dabei scheinen die Pflanzen die Gewebe insgesamt zu harmonisieren: Überfunktionen werden gedämpft und Unterfunktionen angefacht. Für kosmetische Zwecke werden auch Rasayanas beschrieben (Kamya-Rasayana). Sie verbessern den Nähr- und Funktionszustandes besonders von Haut, Fettgewebe, Nägeln und Haaren und schenken somit ein besseres Aussehen.

Nahrungsmittel

Unter den Nahrungsmitteln (Ajasrika-Rasayana) gelten Ghee, Honig und warme Milch als die besten Rasayanas. Trinkwasser, das in einem Kupferbehälter über Nacht gelagert wurde, besitzt am nächsten Morgen genossen ebenfalls Rasayana-Wirkung. Als Gewürze sind besonders Safran und Kalmus, als Tee Süßholz (Yashti-Madhu) zu empfehlen.

Generelle Rasayanas

Als bestes kräftigendes und vitalisierendes Rasayana bezeichnen die Klassiker (CS Ci. 1.1.62ff.) ein fruchtig-würziges Konfekt (Chyavanprash), dessen Grundlage die Amla-Frucht (Emblica officinalis) und Rohrzucker bilden, das aber noch ca. weitere 50 Pflanzen enthält. Es wird als tägliches Rasayana mit warmer Milch empfohlen. Zudem fördert es die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern und kräftigt im Alter.

Die Amla-Frucht ist das berühmteste Einzel-Rasayana. Besonders tonisiert sie Augen, Haare, Herz, Leber und den Verdauungstrakt. Die Klassiker (CS Ci. 1.1) loben allerdings noch mehr die Haritaki-Frucht (Terminalia chebula): Das ganze Jahr über zeitige sie gesundheitsfördernde Wirkungen – ähnlich fürsorglich „wie eine Mutter“ und besitzt zudem eine mild abführende Wirkung.

Spezielle Rasayanas

Für Nerven, Psyche und Intelligenz gilt Shankhapushpi (Convolvulus pluricaulis) als das beste Rasayana (CS Ci. 1.3.31), aber Brahmi (Bacopa monniera), Mandukaparni (Centella asiatica) und Tulsi (Ocimum sanctum) können ebenso verwendet werden.

  • Das Sprechvermögen und die Sprachentwicklung fördert Vaca (Acorus calamus).
  • Regenerierend auf das Immunsystem und auf den Atemtrakt wirkt Pippali (Piper longum).
  • Der Harntrakt spricht besonders auf Gokshura (Tribulus terrestris) und eine teerartige Substanz aus fossilen Pflanzenteilen (Shilajatu) an;

die Haut auf Guduchi (Tinospora cordifolia); das Muskelgewebe auf Ashvagandha (Withania somnifera) und Bala (Sida cordifolia).
Um die besten gesundheitlichen Voraussetzungen für die nachfolgende Generation zu schaffen, empfiehlt Ayurveda die Fortpflanzungsorgane und Sexualkraft der Eltern im Vorfeld einer Schwangerschaft zu stärken (Vaji-Karana). Die weiblichen Organe tonisiert Shatavari (Asparagus racemosus); die männlichen Ashvagandha (Withania somnifera) und Atmagupta (Mucuna pruriens).

Klassische Wirkungen

Rasayana…

  • erhält die Doshas im Gleichgewicht
  • stabilisiert die Gewebe
  • stärkt Verdauung und Stoffwechsel (Agni)
  • verbessert den Schlaf
  • beseitigt körperliche und geistige Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Schwäche
  • fördert die Gesundheit
  • erhält die Jugend
  • fördert Schönheit und Ausstrahlung
  • fördert das Leben

Indikationen

Rasayana ist gut bei …

  • allgemeiner Schwäche
  • Burnout und Stressfolgen
  • Abmagerung
  • unerfülltem Kinderwunsch
  • kindlichen Entwicklungsstörungen
  • Abwehrschwäche
  • Altersschwäche
  • immunologischen Erkrankungen

Einsatzgebiete

Rasayana kann genutzt werden für die …

  • Prävention
  • Gesundheitsförderung
  • Kosmetik
  • Medical Wellness
  • Anti-Aging
  • Abwehrförderung
  • Regeneration
  • Rehabilitation
  • Altersheilkunde

Auch für die einzelnen Doshas gibt es besondere Rasayanas:

Kapha: Vaca (Acorus calamus), Pippali (Piper longum) und Guggulu (Commiphora mukul)
Pitta: Guduchi (Tinospora cordifolia)
Vata: Ashvagandha (Withania somnifera)

Als bestes Rasayana überhaupt – besonders für das Immunsystem – gilt jedoch Gold. Schwermetalle werden im Ayurveda in höchst aufwendigen Verfahren zu Aschen verarbeitet (rasa-shastra; vgl. Ayurveda-Journal, Heft 6, S.14 ff) und so in eine für den Körper verträgliche und heilsame Form umgewandelt. Diese Produkte müssen jedoch mit größter Sorgfalt hergestellt werden und sind z.Zt. in Deutschland noch nicht erhältlich.

Ethische Lebensweise

Ein wichtiger Aspekt von Rasayana wird oft vernachlässigt; manche bezeichnen ihn sogar als Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Wirkung von Rasayana überhaupt – nämlich das „Rasayana des rechten Lebenswandels“ (Acara-Rasayana), also die ethische Verhaltensweise. Alle großen Religionen und spirituellen Traditionen empfehlen, die Psyche durch ethischen Lebenswandel rein zu halten. Der Geist wird gestärkt, psychische Anspannungen reduziert und inneres Glück entfaltet sich. Und dass der psychische Zustand auf die Gesundheit Einfluss nimmt, ist heute niemandem mehr ein Geheimnis. Im Rahmen des Rasayana-Konzepts unterstützt eine reine Psyche die Rasayana-Behandlung in ihrer Wirkung.

Die Klassiker empfehlen folgende Einzelpunkte:

  • gute Gewohnheiten
  • Regelmäßigkeit in Schlaf und Erwachen
  • „aufhellende“ Nahrung wie Milch und Ghee

Respektvolles Verhalten:

  • mitfühlend, aggressionslos, gewaltfrei
  • friedvoll
  • gebefreudig
  • wahrheitsliebend
  • entsagend (bes. Genussgifte und Drogen)
  • sanfte Rede
  • klare Sinne
  • offener Geist
  • Interesse an spirituellem und philosophischem Wissen
  • gläubig
  • spirituelle Praxis pflegen (z.B. Mantra-Rezitation)
  • stabiler Geist
  • frei von Egoismus
  • Erkennen von Zeit und Raum
  • Schauen der letzten Realitäten

Ethik und Spiritualität stabilisieren den Geist und die Psyche bei der Begegnung mit den größten Herausforderungen des Lebens. Die Klassiker behaupten, dass selbst Altern und Sterben sich hierdurch überwinden lassen. Ist also mit dem philosophischen Grundansatz des Ayurveda doch ein ewiges Leben möglich? Das Rasayana-Konzept lädt uns ein, dies selbst auszuprobieren.

Ayurveda Journal 11 · Seite 7 – 11