Über die vielseitigen Wirkungsbereiche des indischen Weihrauches und das unterschätzte Potenzial der Jahrtausende alten Heilpflanze.

Herr Professor Ammon, wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, sich mit der Wirkung von Weihrauch zu befassen?

Meine Kollegen und ich hatten ein Medikament mit dem Namen „Saleil Guggal“ auf einer Studienreise in Indien erhalten – mit der Bitte, dass wir uns damit befassen. Wir hatten keine Ahnung, was „Saleil Guggal“ ist. Man bat uns herauszufinden, ob pharmakologisch an diesem Medikament tatsächlich etwas dran ist. Wir haben dann Versuche an isolierten Zellen gemacht, die in der Lage sind, Stoffe zu produzieren, die Entzündungen beim menschlichen Körper hervorrufen. Und zu unserer Überraschung entdeckten wir, dass dieses Medikament aus Indien tatsächlich antientzündlich zu wirken schien. Wir trennten Boswelliasäuren aus dem Harz heraus und haben sie wieder in unseren Tests eingesetzt – mit positiven Ergebnissen.

Was sagten denn die meisten Mediziner zunächst dazu?

Lange bin ich ausgelacht worden. Die sagten: Weihrauch? Sie spinnen wohl. Das gehört in die Kirche. Doch mittlerweile werden schon Umsätze in Millionenhöhe mit Produkten von Boswellia gemacht. Tendenz steigend. Doch leider gibt es noch kein zugelassenes Medikament in Deutschland.

Olibanum, das Harz des Weihrauchbaumes, wird seit Jahrtausenden als Heilmittel verwendet. Warum verbinden wir mit der Pflanze dennoch meist nur ein Räuchermittel bei spirituellen Anlässen?

Sie war als Heilmittel im Westen schlicht in Vergessenheit geraten. Olibanum war bis Mitte des 20. Jahrhunderts Bestandteil des Deutschen Arzneibuches und wurde ärztlich rezeptiert. Im „Lehrbuch der Biologischen Heilmittel“ von Gerhard Madaus sind noch 1938 innerliche Anwendungsgebiete, unter anderem bei Heiserkeit, Gicht, Rheuma, Blasen- und Nierenleiden, genannt worden. Äußerlich fand Olibanum in Form von Salben und Pflastern Anwendung zum Beispiel bei Furunkeln. Doch durch die rasante Entwicklung chemisch-synthetischer Wirkstoffe und dem Vormarsch der »evidence-based medicine« (auf empirische Belege gestützte Heilkunde) hatte Olibanum keine Chancen, da für dieses Harz keine wissenschaftlichen Daten vorlagen.

Wogegen hat denn Ayurveda schon seit Tausenden von Jahren den indischen Weihrauch verwendet?

Indischer Weihrauch
Quelle: © iStock Photo

Nach der uralten Definition wird Weihrauch bei Krankheiten angewendet, die mit einem Übermaß an Pitta einhergehen, bei zu viel Feuer. Also im Wesentlichen bei Entzündungskrankheiten.
Der Indische Weihrauch hilft zum Beispiel bei Erkrankungen des Nervensystems, Darmerkrankungen, Husten, Heiserkeit, Schnupfen.

Im Altertum wurde Olibanum von Ärzten wie Hippokrates oder Galen ebenfalls bei Erkrankungen des Bewegungsapparates, des Magen-Darm-Traktes, der Atemwege, der Haut, der Geschlechtsorgane
und sogar bei Tumoren angewandt. Diese Anwendungen fanden sich auch im Mittelalter bis hinein in die Neuzeit.

Was macht denn Weihrauch so wertvoll?

Die Inhaltsstoffe des Weihrauchs, die Boswellia Säuren, wirken entzündungshemmend. Sie hemmen die Aktivität des Enzyms 5-Lipoxygenase, ein Schlüsselenzym bei Entzündungen.

Heute gibt es mehr als 250 Veröffentlichungen, die sich mit chemischer Analytik der Inhaltsstoffe von Olibanum, mit den Mechanismen der Entzündungshemmung, aber auch mit der Wirkung auf Faktoren des Immunsystems sowie auf verschiedene Tumorzellen befassen. Die im Weihrauch vorhandenen Boswelliasäuren drängen Wasseransammlungen zurück, die sich um einen Tumor bilden. Dieser kann daraufhin besser chirurgisch behandelt werden.

Wird Boswellia hierzulande bereits eingesetzt?

In Deutschland gibt es momentan noch kein als Arzneimittel zugelassenes Produkt aus dem Harz von Boswellia serrata. Da das Harz Bestandteil des Europäischen Arzneibuches ist, besteht allerdings die Möglichkeit einer Rezeptur durch den Arzt. Spezialisierte Apotheken stellen eine Medizin her. In Indien sind Präparate zugelassen und in Tablettenform erhältlich. Sie sind für Deutschland import- und für den Arzt verordnungsfähig. Wenn ein Rezept vorgelegt wird, können sie durch die Apotheke besorgt werden.

Boswellia – ein Überblick

Boswellia ist der Gattungsname einer Reihe von Balsambaumgewächsen, zu denen auch die vorwiegend in Indien vorkommende Art Boswellia serrata Rox. (Indischer Weihrauchbaum) gehört. Das Harz dieses Baumes – in Indien „salai guggal“ genannt – ist Bestandteil des Europäischen Arzneibuchs und wird dort als „Indischer Weihrauch“ beziehungsweise „Olibanum indicum“ bezeichnet. Das Harz besteht aus Schleimstoffen, ätherischem Öl und Harzsäuren. In Letzteren finden sich die für die antiinflammatorischen Wirkungen verantwortlichen Boswelliasäuren.

In Deutschland gibt es derzeit kein als Arzneimittel zugelassenes Produkt aus dem Harz von Boswellia serrata. Da das Harz Bestandteil des Europäischen Arzneibuches ist, besteht die Möglichkeit einer Rezeptur durch den Arzt. Für die Herstellung gibt es spezialisierte Apotheken. In Indien sind Präparate in Tablettenform verfügbar und durch die indische FDA als Arzneimittel zugelassen. Sie müssen allerdings von Ärzten verordnet werden.

Anmerkung der Redaktion:

Nach Auskunft der Europäischen Kommission handelt es sich bei Boswellia serrata um eine verkehrsfähige Zutat für Nahrungsergänzungsmittel. Weihrauch wird nicht als Novel food (anmeldungspflichtiges neuartiges Lebensmittel) beurteilt, da Boswellia serrata bereits vor dem 15.Mai 1997 im Verkehr war. Da das Harz aber sowohl als Arzneimittel als auch als Nahrungsergänzungsmittel eingesetzt wird, muß bei der Verwendung in Nahrungsergänzungsmitteln zur Abgrenzung zu Arzneimitteln und zur Gewährleistung der gesundheitlichen Unbedenklichkeit der Gehalt an Boswelliasäuren bekannt sein. In Deutschland sind entsprechende Nahrungsergänzungsmittel auch in Bio-Qualität rechtmäßig im Handel erhältlich. Weiterhin sind bei der EFSA European Food Safety Authority verschiedene gesundheitsbezogene Wirkaussagen zu Weihrauch eingereicht.

Kleinere klinische Studien berichten über eine Wirksamkeit bei rheumatoider Arthritis, Kniegelenksarthrosen, Colitis ulcerosa, chronischer Kolitis, kollagener Kolitis, Morbus Crohn und Asthma bronchiale. Als Mechanismus der antientzündlichen Wirkung werden die Hemmung der 5-Lipoxygenase (und damit der Leukotrienbildung) sowie die immunmodulierende Wirkung (Hemmung verschiedener Zytokine) angesehen. Weihrauch erhielt zudem mediale Aufmerksamkeit, weil er bei
aggressiven Hirntumoren helfen kann.

Ayurveda Journal 39 · Seite 55 – 57

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Pharmazeut und Mediziner, arbeitet in der Abteilung Pharmakologie für Naturwissenschaftler am Pharmazeutischen Institut der Universität Tübingen. Er gilt als Gründervater der Weihrauchforschung in Deutschland. Seit Anfang der 1990er Jahre beschäftigt er sich mit der Wirkung von Weihrauch-Inhaltsstoffen, insbesondere mit den Wirkungen der Boswelliasäuren. Sein Team untersuchte die Wirkungen der Boswelliasäuren als spezifische Hemmstoffe der 5-Lipoxygenase, die für die Bildung von bestimmten Entzündungsstoffen (Leukotriene) verantwortlich sind.