Es ist ein spannendes Thema: Fisch und Ayurveda. Weder in den alten Schriften noch in der modernen Ayurveda-Literatur findet man über den Genuss von Meerestieren detaillierte Abhandlungen.

Eine Ursache mag sein, dass vom Himalaja, dem gebirgigen Ursprungsgebiet des Ayurveda, das Meer relativ weit entfernt ist. Die raren Erwähnungen über Fisch in den Klassikern (Charaka Samhita) können mit einem Satz zusammengefasst werden: „Das Fleisch von Fischen ist schwer, heiss, süss, stärkend, muskelbildend, fett, aphrodisiakisch, beseitigt Vata und blockiert die Srota“ (die Versorgungs- und Entsorgungskanäle).

Im Kapitel über „unzuträgliche“ Nahrungsmittel-Kombinationen findet sich der Hinweis, dass Fisch nie mit Milcheiweiss kombiniert werden sollte, da beide Nahrungsmittel im Körper eine konträre Energetik (Virya) erzeugen; Fisch wirkt eher erhitzend, Milch kühlend. So können Verdauungsprozesse irritiert werden. In der westlichen Ernährungslehre dagegen gilt Fisch unumstritten als gesundes Nahrungsmittel. Er liefert nicht nur wichtige Mikronährstoffe wie Jod, Selen, Phosphor, Kalium und Zink sowie die Vitamine A, D und B, insbesondere B12, sondern auch hochwertige Aminosäuren (Eiweissbausteine) und entzündungshemmende Omega-3-Fettsäuren.

Fisch – ein Grundnahrungsmittel in vielen Teilen der Welt

Fisch gehört in vielen Teilen der Welt seit Anbeginn der Menschheit zur Grundnahrung, in einigen Gebieten macht er sogar den Hauptbestandteil der Ernährung aus. Und weil dessen Genuss heute auch in der modernen westlichen Ernährungstherapie stark propagiert wird, lohnt sich ein vertiefter, ayurvedischer Blick auf das komplexe Nahrungsmittel.

Im Ayurveda gibt es kein generelles „gesund“ oder „ungesund“. Jedes Nahrungsmittel wird immer dahingehend analysiert, ob, in welcher Menge und wie zubereitet es für den Esser mit seiner individuellen körperlichen Konstitution, seiner momentanen Verdauungskraft (Agni) und seinen beeinflussenden Lebensfaktoren „zu- oder abträglich“ ist.

Fisch nach Ayurveda

Auch Fisch ist nicht gleich Fisch. Für eine ayurvedische Analyse braucht es immer den Blick auf das Lebensumfeld, die Fortbewegungsart und die Ernährung des Tieres selber, um herauskristallisieren zu können, welche Wirkung dessen Verzehr im menschlichen Organismus entfaltet.

So gibt es Süsswasserfische – darunter See- und Flussfische – sowie Salzwasserfische (Meerfische), bei denen der salzige Geschmack dominant ist, was sie auf den ersten Blick für Vata attraktiv macht. Meerfische (und Algen) sind aber auch reich an Jod, ein wichtiges aktivierendes (erhitzendes) Spurenelement für die Schilddrüse, die den Stoffwechselgrundumsatz reguliert. Hier stellt sich dann die Frage, ob oder für wen eine solche Anregung förderlich ist.

Im wichtigsten Lehrbuch der Ayurvedamedizin (Caraka Samhita) wird Labeo Rohita, eine südasiatische Karpfenart, als leicht verdaulich, stärkend und appetitanregend eingestuft – der besondere Vorzug liegt in seiner herbivoren Natur: Er ist Pflanzenfresser und ernährt sich vorwiegend von Algen.

Neben eher mageren weißfleischigen Fischsorten (die beste Wahl für Pitta) gibt es auch so genannte Fettfische wie Makrelen, Sardinen, Heringe und Lachs. Diese leben vorzugsweise in nördlichen, kalten Gewässern, wo sie der Küstenbevölkerung nicht nur hochwertiges Eiweiss, sondern auch wertvolle Fette für die körpereigene Wärmebildung liefern. Die Verdauung von Fettfisch setzt aber eine starke Verdauungskraft (Agni) voraus.

Fetthaltiger Fisch nur bei starkem Agni

Je fetthaltiger der Fisch, desto Vitamin-D-reicher ist er. Vitamin D wird normalerweise über direkte Sonnenstrahlung im menschlichen Hautgewebe aktiviert. Da also, wo Menschen aufgrund klimatischer Verhältnisse zuwenig UVB-Strahlen erhalten, liefert der Fettfisch das lebenswichtige Vitamin D, dessen vielfältige positive Wirkung auf den menschlichen Organismus gut erforscht ist: bezüglich Kalziumaufnahme und in der Krebsprophylaxe.

Weiterhin gibt es Fische mit relativ hohem Puringehalt, darunter die meisten Meeresfrüchte. Purine werden im Organismus zu Harnsäure abgebaut. Je mehr Purine in der Nahrung, desto mehr Harnsäure, die Gichtentwicklung fördern kann, ist im Organismus. Wieviel Harnsäure jemand verträgt, ist wiederum abhängig von Konstitution und Gesundheitszustand des Verzehrers.

Frischen Fisch bevorzugen

Ein wichtiger Aspekt vor dem Fischgenuss sind Lagerung und Zubereitung. Fangfrischer Fisch ist immer die beste Wahl. Da, wo die Transportwege jedoch lang sind, ist Tiefkühl-Fisch durchaus sinnvoller. Denn nichts verdirbt schneller als Fischeiweiss! Die durch den Tiefkühlprozess erzeugte Kälte lässt sich bei der Zubereitung mit wärmenden Gewürzen, wie Ajowain, Fenchel und Dill etwas ausgleichen.

Je mehr Informationen also über den Fisch und den Konsumenten zur Verfügung stehen, desto gezielter lässt sich beurteilen, ob und welcher Fisch wie zubereitet und in welcher Menge für wen „zuträglich“ ist.

Ayurveda Journal 37 · Seite 54 – 55

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