Bhaya bedeutet Angst, ein Begriff, den wir schon in der ältesten vedischen Literatur, in Rigveda, finden. Mit dem Wort wird die Urangst der materiellen Existenz beschrieben. So gesehen haben wir alle genug Anlass zum Fürchten, denn Geburt, Tod, Alter und Krankheit sind die vier unumstößlichen Fakten unseres Lebens.

Wo dann hört die gesunde Angst auf und beginnt die kranke?

Dazu müssen wir uns die vedische Funktion der Psyche vor Augen führen: Die Psyche ist untrennbar mit unseren Sinnen verbunden. Wir sind ständig bestrebt Leid, das aus unangenehmen Sinneskontakten mit der Umwelt stammt, zu vermeiden und angenehmen Kontakt zu fördern und zu erhalten. Die innewohnenden Eigenschaften der Psyche gehen aber noch viel weiter. Auf der Abrufebene wird das Erinnerungsvermögen aktiv, auf der Entscheidungsebene das analytische Vermögen und die Kontrollebene bleibt den ganzen Prozess über aktiv, um maßzuhalten.

Ist nun eine oder mehrere dieser vier Funktionen gestört, d.h. die Sinneswahrnehmung, das Erinnerungsvermögen, die analytische Kapazität oder die Kontrollfähigkeit, dann entstehen psychische Erkrankungen. Die bei Angststörungen verantwortlichen Faktoren sind zuallererst Tamas, dann Rajas – beide auf der psychologischen Ebene und dann zeitversetzt auf der körperlichen Ebene Vata. Dieser Zustand wird Cittodvega (heftige Erregung des Geistes) genannt.

Die ayurvedische Behandlung von Angststörungen (Cittodvega) beinhaltet deshalb folgende Maßnahmen:

1. Vata regulierende Therapien, vor allem Ölbehandlungen wie Stirnölguß (Shirodhara), Ganzkörperölguß (Pariseka), Ganzkörperölmassagen (Abhyanga), Einnahme von öligen Substanzen (Snehapana), Abführtherapie (Virecana), verschiedene Arten von Klistiers (Anuvasana-, Yogaoder Matravasti) und Nasen/Nebenhöhlentherapien (Nasya).

2. Gesprächsorientierte Therapie mit Hilfe der grundphilosophischen Konzepte von Sankhyayoga und Vedanta mit entsprechenden Übungen zur Differenzierung der „Angst“ und des Wahrnehmers dieser Angst.

3. Spirituelle Therapien, um dem vorherrschenden Tamas mit Sattva Maßnahmen entgegenzuwirken: Zum Beispiel Rituale und meditative Praktiken.

4. Vermeiden von Rajas- und Tamas-Situationen bei allen Aktivitäten, insbesondere auch bei der Ernährung

5. Psychoimmunisierende Medikamente (Medorasyana und Vajikarana) wie Withania somnifera (Ashwagandharishta, Ashwagandhadi Lehyam, Immutone) und Bacopa monnieri (Brahmarasayan, Saraswatharishta, Neurotone).

Wie die ayurvedische Behandlung von Angststörungen in der Praxis aussehen kann und weitere Erläuterungen zu den oben genannten 5 Punkten zeige ich am besten anhand eines Praxisfalls auf:

Kathrin W. erblickte das Licht einer zerstörten Welt 1944 in einer größeren Stadt Deutschlands. Ihre Mutter wurde während eines Bombenangriffs im siebten Schwangerschaftsmonat im Keller ihres Wohnhauses verschüttet. Da aus Sicht des Ayurveda die Sinneswahrnehmung eines sieben Monate alten Embryos voll entwickelt ist, war das nicht nur für die Mutter sondern auch für ihr ungeborenes Kind eine schreckliche Erfahrung, die Kathrin W. fortan prägen sollte. Ihre körperliche Konstitution ist Pittavataja, ihre psychische Konstitution Sattvika mit Rajas, was bedeutet, dass sowohl auf der körperlichen wie psychischen Ebene eine hohe Reaktionsbereitschaft besteht. Seit 3 Jahren ist Kathrin W. verwitwet und lebt seither allein. Sie ist 164 cm groß bei einem Gewicht von 49, 5 Kilogramm. Ihre Ernährung besteht oft aus Aufgewärmtem, ist unregelmäßig und kohlehydratlastig. Sie konsumiert Genussmittel wie Schwarztee (4 x), gelegentlich Rotwein, fast täglich Schokolade. Sport betreibt sie keinen, pflegt regelmäßige und gute soziale Kontakte mit Familie und Freunden.

Zu mir kommt sie zu einer Pancakarma Kur von 12 Tagen. Ihr Hauptanliegen sind ihre massiven Angststörungen, die sie schon begleiten seit sie sich erinnern kann, nach dem Tode ihres Mannes aber stark zugenommen und zu chronischen Durchschlafstörungen geführt haben. Als Folge leidet sie unter einer starken Erschöpfung. Blutdruck ist 110/70 und Puls bei 72. Der ayurvedische Puls zeigt einen deutlichen Vata-Überschuß, die Körpergewebe (Dhatu) sind alle reduziert, die befallenen Strukturen (Shrota) sind Herz/Kreislauf (Rasavaha Shrota) und das Nervensystem (Majjavaha Shrota). Psychopathologisch besteht eine hohe innere Anspannung, und Unruhe (Rajas) und diffuse Ängste und Antriebslosigkeit (Tamas). Der Stoffwechsel ist unregelmäßig und abgeschwächt (Vishamagni) und Anzeichen von Verschlackung (Ama) sind prominent.

Am ersten Kurtag bekommt Sie als Detox Getränk 20 ml frischen Ingwersaft mit 20 ml frischem Zitronensaft, 1 Teelöffel Palmzucker und einer Prise Salz vor dem Essen. Die folgenden drei Tage bekommt sie morgens nüchtern 30 g, 50 g und 75g warmes Brahmi Grhitam (Butterfett mit Bacopa monnieri). Die ersten drei Tage verschreibe ich ihr Ganzkörperölmassagen mit anschließendem Dampfschwitzbad (Abhyanga Sweda). Danach folgen 2 Tage Ganzkörperölguß (Seka). Am Tag 6 führen wir zur Reinigung eine Abführbehandlung (Virecana) mittels 40 ml Rizinusöl vermischt mit 40 ml Granatapfelsaft durch. Bis zum Mittag führt Frau W. 11 x ab. Danach bekommt sie eine Reisschleimsuppe mit anschließender Aufbaukost.

Meiner Erfahrung nach zeigt die Abführtherapie einen Zusatznutzen auf der psychologischen Ebene, sie befreit von Ängsten. So bessern sich auch bei dieser Patientin die Angst und Schlafstörungen nach dem Virecana deutlich und das vorerst ohne Abgabe von Medikamenten. Im nächsten Kurabschnitt verschreibe ich ein klassisches Mittel, das schnell und effektiv bei Angststörungen wirkt – Ashwagandharishta, ein Kräuterelixier mit dem Hauptwirkstoff der Withania somnifera. Für die mittel- und langfristige Stärkung des Zentralnervensystems kommen Präparate, bei denen die Pflanzenwirkstoffe in fettigen Lösungen eingebaut sind, zum Einsatz, denn so können sie die Hirn-Blut-Schranke passieren. An erster Stelle bietet sich dazu das klassische Präparat Brahmi Grhita an. Alternativ kann der Hauptwirkstoff in diesem Präparat, die Bacopa monnieri als Konzentrat mit Milch und Ghee eingenommen werden. In meiner Praxis verwende ich ein starkes Konzentrat von Brahmi (Bacopa monnieri), Jatamansi (Nardostachys jatamansi) und Tagara (Valeriana wallichii) mit sehr gutem Erfolg.

Die Panchakarma Behandlung von Frau W. geht weiter mit Stirnölguss, falls notwendig wechselnd mit einem Stirnguß mit arzneilicher Buttermilch (Takradhara) – beides Behandlungen, die sowohl bei Angst, wie bei Schlafstörungen indiziert sind. Weiter kommen auch nährende Stempelmassagen (Pindasweda) bei ihr zum Einsatz. Dazu kommen reinigende Behandlungen wie Klistiers (Matra- und Yogavasti) mit Ghee und Sesamöl sowie Nasen/Nebenhöhlentherapien (Nasya) mit Brahmi Ghee zum Einsatz.

Bei der Ernährung lautet die Grundregel: Speisen mit möglichst hohem Sattva Anteil, die nährend aber nicht schwer sind – also Pittavata regulierend zu konsumieren. Hier möchte ich nochmals hervorheben, wie wichtig bei allen psychischen Erkrankungen der Sattva-Faktor ist. Die Speisen müssen grundsätzlich immer frisch und auch frisch zubereitet sein. Hohe Sattva Anteile bieten Getreide wie Einkorn, Dinkel, Weizen und Reis, Hülsenfrüchte wie Mung Dal, süße Früchte, Gemüse, das an der Oberfläche und nicht im Erdreich wächst, Nüsse von Bäumen wie Mandeln, Pistazien, frische Milchprodukte und Honig. Auf Fleisch, Kaffee, Schwarztee, Brot, Alkohol und andere fermentierte Speisen oder Getränke muss vollständig verzichtet werden.

Kathrin W. hat auf alle Therapien sehr gut angesprochen, sie schläft besser und wird von Tag zu Tag kräftiger. Auch ihre Stimmung hat sich deutlich verbessert. Die Ängste sind nachts lediglich einmal aufgetreten. Mit Hilfe eines kleinen Rituals, das ich ihr im Rahmen der spirituellen Therapie aufgezeigt hatte, konnte sie die Angststörung abschwächen und weiterschlafen. Das Konzept der spirituellen Therapien – obwohl der Name im modernen medizinischen und psychologischen Umfeld auf starke Widerstände stößt, erweist sich in meiner Praxis immer deutlicher als wichtiges Instrument in der Ayurveda Behandlung hier in Europa. Caraka schrieb vor 3500 Jahren in seiner Abhandlung über psychische Erkrankungen (Cikitsasthana, Kapitel , Vers 5): „Die verursachenden Faktoren wie Angst stören das Gleichgewicht der Bioenergien (Dosha) im Zentralnervensystem bei Menschen mit wenig Sattva.“ Es gilt deshalb zwingend, dieses Sattva zu vermehren. Aus diesem Grund ist einerseits die Diagnose der psychischen Grundstruktur (Manasa Prakriti) sowie der psychopathogenen Faktoren (Rajas und Tamas) zwingend. Das Konzept der drei Omnisubstanzen (Triguna) Makellosigkeit (Sattva), Tatkraft (Rajas) und Schwerfälligkeit (Tamas), obwohl verankert in den Denkschulen von Sankhya, Vedanta und Yoga, fand im Westen bisher leider nicht die Beachtung, die ihm eigentlich gebührt. Dieses einzigartige Arbeitsmodell ist nicht nur der Schlüssel zur Behandlung für psychische Störungen sondern für jedes ganzheitliche Verständnis von Gesundheit.

Ich habe Frau Kathrin W. ihre psychische Konstitution ausführlich dargelegt sowie die Faktoren, welche zu ihren Ängsten führen. Danach habe ich eine meditative Praktik vorgeschlagen, die ihr helfen soll, zwischen ihren Ängsten und ihrem Selbst zu differenzieren. Die Diskussion und anschließende Meditation war ein extrem bewegendes Ereignis für sie – ein Meilenstein in ihrer Lebensgeschichte. Zusätzlich habe ich ihr verschiedene Techniken zu ihrem persönlichen Schutz beigebracht. Schutzrituale waren auch in unserer westlichen Gesellschaft Teil des täglichen Lebens, jedoch über Jahrhunderte unter Kontrolle des Klerus. Sie sind entweder in Vergessenheit geraten oder mit der Abwendung von den etablierten Religionen nicht mehr ausgeführt worden. Das entstandene Vakuum ist einer der Ursachen für Unsicherheit, Ängste und anderen existentiellen Problemen.

Kathrin W. habe ich auf allen Ebenen gestärkt, entschlackt und befreit nach Hause entlassen können. Ihr frischer Mut, sich ihren Ängsten und Sorgen stellen zu können, ihr gestärktes Entscheidungsvermögen sowie die Erinnerung an das neu Erfahrene bei der Kur werden verhindern, dass sie fortan unkontrollierbares Leid durch ihre Ängste erfahren wird. Mir bleibt die Freude an den wunderbaren Instrumenten, die Ayurveda uns auf allen Ebenen eröffnet. OM TAT SAT

Dieser Artikel stellt kein Heilversprechen dar!

Ayurveda Journal 36 · Seite 52 – 54

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