Hinter den vier Buchstaben ADHS verbirgt sich eine Erkrankung, die für die betroffenen Kinder und Jugendlichen schwerwiegende Folgen für das gesamte weitere Leben haben kann. ADHS bedeutet Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. 5% bis 10%, d.h. mindestens 500.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland zwischen 6 und 18 Jahren sind von dieser Erkrankung betroffen, wobei nur ein Teil effektiv behandelt wird.

Und: Die Zahl der erkrankten Kinder und Jugendlichen hat in den letzten 10 Jahren sehr rasch zugenommen. In den USA wird ADHS als die sich am schnellsten ausbreitende Krankheit bezeichnet! In meiner Praxis für Kinder- und Jugendmedizin behandle ich derzeit über 50 Kinder und Jugendliche, die an ADHS leiden. Das Thema ist wichtig und aktuell. Wie bekannt ist, haben 50% der Betroffenen auch im Erwachsenenalter weiterhin Probleme.

Ist ADHS eine neue Modekrankheit?

Nein! Bereits in den ayurvedischen Schriften ist die Erkrankung als Unterart von „Unmada“ beschrieben worden. Es werden Störungen des Geistes, des Intellekts, des Gedächtnisses, des Verhaltens etc. aufgezählt. Betroffen ist vorwiegend das Vata-Dosha und zusätzlich psychische Faktoren mit einem Überschuss an rajas (überaktiv) oder tamas (lethargisch). Auch Hippokrates hat vor 2500 Jahren die Krankheit beschrieben. In der westlichen Medizin wurde ADHS erstmals 1902 von G. F. Still systematisch untersucht.

Was kennzeichnet ADHS?

Das Hauptmerkmal der Erkrankung ist die gestörte

„Aufmerksamkeit“

Die Erkrankung tritt dabei in zwei Varianten – mit und ohne Hyperaktivität – auf. Ein Teil der Betroffenen fällt durch „Träumen“ z.B. im Schulunterricht auf. Bei der anderen Variante ist ein wesentliches Merkmal die permanente und für die Umwelt sehr unangenehme Unruhe, die „Hyperaktivität“. Die geringe Ausdauer sowie die eingeschränkte psychische und emotionale Belastbarkeit führen zu Problemen in der Schule bis hin zu komplettem Schulversagen. Dazu kommen, zusätzlich bedingt durch ein sehr geringes Selbstwertgefühl, Störungen im Sozialverhalten, Krisen in der Familie, Probleme mit Gleichaltrigen usw..

Wie wird ADHS festgestellt?

Die Diagnose wird durch ein persönliches Gespräch des Arztes mit dem betroffenen Kind/Jugendlichen und mit seinen Eltern gestellt. Zusätzlich sind Informationen aus Schule und Kindergarten wichtig und nützlich. Auch die Beobachtung des Kindes/Jugendlichen liefert weitere Informationen. Häufig finden sich zusätzliche Zeichen wie trockene Haut, brüchige Nägel, Neurodermitis, überempfindliches Gehör, Schlafprobleme, Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen. Aus ayurvedischer Sicht sind diese zusätzlichen Erkrankungen bzw. Symptome als Vata-Störungen zu betrachten.

Eine Schilddrüsenfunktionsstörung sollte ausgeschlossen werden. Hierzu ist eine Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse und eine Blutabnahme notwendig und sinnvoll. Weitere moderne Untersuchungsmethoden wie Computertomographie (CT), Kernspintomographie (MRT) oder Hirnstrommessung (EEG), sind für die Diagnosestellung nutzlos und sollten unterlassen werden, um das Kind oder den Jugendlichen nicht unnötig zu belasten!

Wo liegt die Störung beim ADHS?

In diesem kurzen Artikel kann ich nur auf einige wichtige Aspekte eingehen. Voranstellen möchte ich zum besseren Verständnis – etwas vereinfacht – das aktuelle Wissen vom ADHS in der „modernen“ westlichen Medizin.

Beim ADHS handelt es sich um eine Stoffwechselstörung des Gehirns. In einem kleinen aber sehr wichtigen Gehirnbereich wird eine Substanz, die zur Informationsübertragung benötigt wird, extrem rasch verbraucht. Dadurch können Informationen von außen nur während einer kurzen Zeit weitergeleitet und verarbeitet werden. Die Folgen sind eine schlechte oder fehlende Aufmerksamkeit, eine schlechte und lückenhafte Speicherung der Informationen und als Folge davon ein Leistungsabfall z.B. in der Schule bis hin zu komplettem Schulversagen. Das Gehirn der Betroffenen ist nur für kurze Zeit (wenige Minuten) in der Lage, Informationen korrekt aufzunehmen, weiterzuleiten und zu speichern. Das Gehirn ist somit in vielen wesentlichen Bereichen nur sehr eingeschränkt anpassungs- und leistungsfähig. Durch die Summe der Probleme kommt es zu auffälligem Verhalten bis hin zu schweren Verhaltensstörungen und psychischen Problemen. Als ursächliche Faktoren werden in der modernen Medizin neben vererbten Risiken Störungen vor, während und nach der Geburt beschrieben. Rauchende Mütter oder Väter mit Alkoholmissbrauch, ein schlechtes Wohnumfeld, ungünstige Einflüsse in der Schule usw. erhöhen das Risiko, an ADHS zu erkranken.

Aus ayurvedischer Sicht handelt es sich beim ADHS um eine Kombination aus schwerer Vata-Störung und einer Störung des Nervengewebes. Dazu kommt je nach Ausprägung ein Überschuss der pathologischen psychischen Faktoren tamas mit Trägheit, fehlendem Antrieb, Träumen im Unterricht etc. oder rajas mit unangenehmer Überaktivität bis hin zur Aggressivität.

Welche Möglichkeiten gibt es im Ayurveda, ADHS zu verhindern?

Aus ayurvedischer Sicht steht die Prophylaxe, d.h. das Verhindern des ADHS an erster Stelle. Hierzu sind eine ausgeglichene Konstitution und der optimale Aufbau aller (!) Gewebe die Grundlage. Und: Diese Grundlage wird bereits vor der Geburt gelegt!

Daraus ergeben sich kurzgefasst die Möglichkeiten der ADHS-Prophylaxe vor und während der Schwangerschaft:

Mutter und Vater sollten gesund sein und sich ihrer Konstitution entsprechend ernähren und bewegen (siehe kurz gefasst z.B. im Buch „Balance durch Ayurveda-Yoga“). Dabei gelten für beide die ayurvedischen Regeln für eine gesunde Lebensweise (siehe entsprechende Literatur). Neben einer optimalen, sattvischen Ernährung mit allen wichtigen Nährstoffen ist das Vermeiden von Genussgiften und Lärm sehr wichtig. Ergänzend soll für eine angenehme Bewegung sowie eine Harmonie von Körper und Geist gesorgt werden. Hierzu ist z.B. Yoga geeignet. Ideal ist z.B. Yoga für die eigene Konstitution– Ayurveda-Yoga.

Nach der Geburt steht die ADHS-Prophylaxe auf zwei Pfeilern:

Zum einen ist dies eine gute, im Idealfall sattvische Ernährung mit frischen Nahrungsmitteln. Die Ernährung soll an die Konstitution angepasst sein und alle notwendigen Vitamine, Spurenelemente etc. enthalten. Besonders wichtig für das Gehirn und zumindest in der deutschen Ernährung knapp sind Zink, Biotin und Omega-3-Fettsäuren. Auch eine Nahrungsergänzung z.B. mit Chyavanprash (Amla-Mus) ist daher durchaus sinnvoll.

Zum anderen ist dies eine gute Bewegung von Anfang an und im Idealfall täglicher (!) Sport in Kindergarten und Schule. In vielen Ländern der Welt von Neuseeland über Vietnam bis Finnland wird darauf besonders geachtet!

Welche Möglichkeiten gibt es, wenn bei ­einem Kind oder Jugendlichen ein ADHS ­aufgetreten ist?

Gleich vorweg: In vielen Fällen wird man um eine (zumindest vorübergehende) westliche Therapie mit Methylphenidat oder ähnlichen Substanzen nicht herumkommen.

Erstes Ziel ist, den Leistungsabfall in der Schule aufzuhalten und schwere psychische Schäden zu vermeiden.

Eine prinzipielle und dauernde Verbesserung der Gehirnfunktion wird damit jedoch nicht erreicht. Eine gute Therapie des ADHS muss im eigentlichen Sinne ganzheitlich sein! Therapieversuche mit Bachblüten, Homöopathie oder Ähnlichem sind meiner Meinung nach allerdings hier nicht nutzbringend. Eine kombinierte Therapie ist auf Dauer am Erfolg versprechendsten. Gerade in diesem Bereich liegt der große Nutzen von Ayurveda! Folgende Maßnahmen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) sind wichtig und sinnvoll:

Bemerkungen zum Schluss

ADHS ist die häufigste psychische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. Die Erkrankung und ihre Folgen ziehen sich durch das ganze Leben. Die Diagnosestellung und die Therapie von Kindern und Jugendlichen mit ADHS ist schwierig und komplex. Beides sollte daher unbedingt von einen erfahrenen Kinder- und Jugendarzt oder einen Kinder- und Jugendpsychiater durchgeführt und gesteuert werden. Auch die Steuerung einer Ayurvedatherapie bleibt spezialisierten Ärzten vorbehalten.

Die Durchführung einer optimalen Therapie des ADHS erfordert zusätzlich ein ganzes Netzwerk aus Familie, Schule, Ausbildungsstelle usw.. Die wichtige ergänzende Ayurvedatherapie und vor allem sämtliche Maßnahmen zur Verhinderung eines ADHS fallen in den Aufgabenbereich von Ayurvedatherapeuten und insbesondere der Eltern. Die Voraussetzungen zu schaffen für eine optimale Umwelt, für gute Ernährung und Nahrungsmittel sowie für geeignete Bewegung und Sport ist ebenfalls Aufgabe der Eltern aber auch der Kindergärten und Schulen und damit auch der Politik!

Im Ayurveda ist Förderung, gute Versorgung und Krankheitsvorsorge der Kinder Grundlage der Gesundheit und Entwicklung einer Kultur! Dies sollte auch in Mitteleuropa und speziell in Deutschland gelten.

Wer mehr erfahren möchte, kann in zwei neu erscheinenden Büchern des Autors nachlesen. Es wird eine Verbindung zwischen moderner Kinder- und Jugendmedizin und Sportmedizin sowie traditioneller ayurvedischer Medizin hergestellt. Ausschnitte aus den Büchern wurden für diesen Artikel verwendet.

Grunert, D.: Gesunde, fitte und intelligente Kinder durch Ayurveda, Das große Ayurveda-Gesundheitsbuch für Eltern und Erzieher. Erschien Frühjahr 2007. Verlag Via Nova, Petersberg

Grunert, D.: Gesundheit, Fitness und Leistungsfähigkeit durch Ayurveda im Sport. Erschien Herbst 2006. Verlag Via Nova, Petersberg

Ayurveda Journal 10 · Seite 19 – 21

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Dr. Detlef Grunert
Arzt für Kinder- und Jugendmedizin und Ayurveda-Spezialist (SEVA). Schwerpunkte seiner Tätigkeit: Präventivmedizin, Ayurveda, Sportmedizin, Asthma bronchiale, Allergien und Ultraschalldiagnostik. Hält Vorträge und Seminare zu den Themen Ayurveda, gesundheitsorientierter Sport, gesunde Ernährung, gesunde Lebensweise und Stressmanagement. Aktiver Ausdauersportler und langjähriger Yoga-Ausübender.