Das Pranayama ist im Yoga dafür bekannt heilsam auf Körper und Seele zu wirken.

Nachdem in den Ayurveda Journalen 35 und 36 die gesundheitliche Bedeutung yogischer Verhaltensgrundlagen und Körperstellungen beschrieben wurden, erreichen wir auf unserer ayurvedischen Yoga-Reise nun Stufe vier – im Sanskrit Pranayama, das bewusste Atmen, genannt.

Dr. Günter Niessen ist ausgewiesener Experte des therapeutischen Yoga und weiß als Orthopäde und Unfallchirurg Brücken zwischen der westlichen Medizin, dem Yoga und der Ayurvedamedizin zu bauen.

Atmung spielt eine große Rolle im Yoga. Denn Atem ist viel mehr als reine Sauerstoffzufuhr für unseren Organismus – durch bewusste Atem-Techniken, Training und Steuerung des Atems können auch mentale Fähigkeiten gefördert werden.

Pranayama – die vierte Stufe des Yoga

Pranayama ist das vierte Element des achtgliedrigen Yogaweges des indischen Gelehrten Patanjali und wird durch Asana, die Körperübungen, vorbereitet. Die achtsame Arbeit mit dem Körper in der Asanapraxis kann zu einer subtileren, inneren Wahrnehmung führen. Richtig ausgeführt, bringt die Koordinierung von Bewegung und Atem bereits eine positive Verbindung zur eigenen Atmung und vertieft sie. So wird dieser oft unbewusst ablaufende Prozess anders wahrgenommen – und verbessert.

Die Wortbedeutung von Pranayama gibt nur geringen Aufschluss darüber, was wir auf dem Yogaweg konkret mit unserer Atmung anfangen sollen. Prana könnte man vereinfacht mit „Lebensenergie“ übersetzen, „ayama“ ist wörtlich das „Ausdehen“, „Regulieren“, „Weiten“ oder „Verlängern“. Der Prozess der Ausdehnung der Lebensenergie beziehungsweise der Atmung im engeren Sinne wäre demnach eine mögliche Interpretation des Begriffes. Aber wohin und zu welchem Zweck erfolgt die Ausdehnung? Und wie soll das geschehen?

In vielen Yogatraditionen wird unter Pranayama eher die Kontrolle und Beherrschung der Atmung durch unseren Geist verstanden und die entsprechenden Übungen sind oft technischer Natur. Avancierte Praktiken werden zum Teil schon Anfängern auf dem Yoga-Übungsweg gelehrt und die Auswirkungen davon sind nicht immer positiv. Schon in den alten Texten wird vor der undifferenzierten Anwendung der zum Teil komplexen Techniken ohne gut ausgebildete Lehrer gewarnt. Komplizierte und für den nur gelegentlich Übenden wenig sinnvolle Techniken werden nachfolgend nicht beschrieben – aber ein erster Schritt auf dem Weg zum Pranayama – im Sinne des Patanjali.

Bewusstsein über die Atmung

Worin besteht ein erster und für uns alle so sinnvoller und wichtiger Schritt? Ich atme ein, ich atme aus – ich atme ein, ich atme aus. Allein beim Lesen dieses Textes wird sich bei manchen Lesern die Atmung schon verändern: vertiefen oder verlangsamen. Durch die Aufmerksamkeit allein auf unserer Atmung induzieren wir oft schon eine Veränderung.

Kann ich den Prozess meiner eigenen Atmung beobachten ohne in den physiologischen Ablauf der ruhigen Atmung einzugreifen? Ist es möglich, meine Atmung einfach nur wahrzunehmen? Zunächst sollten wir unsere Achtsamkeit schulen. „Achtsamkeit“ ist der Boden, auf dem Yoga erst gedeihen kann, sagen erfahrene und glaubwürdige Lehrer wie A.G. Mohan oder Dr. Shrikrishna. Eine Grundvoraussetzung und ein Ziel zugleich. Denn geht es auf dem Yogaweg – sofern man sich auf Patanjali bezieht – nicht vor allem darum, einen ausgeglichenen, ruhigen und friedlichen Geist zu entwickeln und zu erhalten?

Die acht Elemente des Yoga

Die acht Aspekte des Yoga nach Patañjali werden als „anga“, das heißt als Glieder, bezeichnet und stehen zueinander grundsätzlich nicht in einer Reihenfolge oder im Verhältnis von nacheinander zu erreichenden Stufen, sondern werden als Mittel verstanden, um den Zustand von Yoga zu erreichen. Welche Schritte zu welcher Zeit zur Entwicklung eines Menschen das Beste beitragen können, wird von den individuellen Neigungen und Fähigkeiten abhängen. Patanjali beschreibt die Notwendigkeit, dass Pranayama durch Asana vorbereitet werden sollte: Sutra II. 49 des Yoga-Sutra ist eine gute Körperhaltung die Voraussetzung („tasmin sati“ bedeutet „unter dieser Voraussetzung“ oder „erst dann“) dafür, dass der Fluss des üblichen Atems ausgedehnt wird.

Der rechte Zeitpunkt

An welchem Punkt des Yogaweges man sich auch gerade befinden mag – am Anfang oder seit vielen Jahren übend – der Weg von Asana über Pranayama in die Meditation ist als Ziel klar vorgegeben. Pranayama funktioniert dabei wie ein Bindeglied zwischen den körperlichen Anforderungen und unseren geistigen Möglichkeiten, da es sich besonders intensiv auf unsere Emotionen und die Prozesse des Bewusstseins auswirkt. Pranayama der bloßen Technik oder Beherrschung der Atmung wegen auszuüben, wäre Selbstzweck und aus der Perspektive des Yoga nicht sinnvoll.

So wie wir uns auch auf der körperlichen Ebene erst über regelmäßiges Üben und einfache Asana kennenlernen, so ist die Wahrnehmung des ansonsten unbewussten Atemvorgangs und damit das erstellen einer positiven, freundschaftlichen Verbindung zu meiner unbeeinflusst und rhythmisch ablaufenden Ruheatmung ein erster und wichtiger Schritt.

Im Yoga-Sutra (II.51-53) wird beschrieben, dass der Weg des Pranayama nur dann so genannt werden sollte, wenn er zur Klarheit des Geistes und zur Meditation führt. Diese sehr verkürzte und vereinfachende Darstellung der relevanten Sutren zu Pranayama verdeutlichen, dass auch der lange Weg zu den höheren Zielen des Yoga – dem ruhigen, klaren Geist – mit dem ersten Schritt begonnen werden muss.

Das praktische Vorgehen könnte dabei so aussehen (vorab ist es wichtig, sich über die Übungs-Motivation Klarheit zu verschaffen): Zu Beginn der Atempraxis wäre es hilfreich, sich in eine bequeme und aufrechte Sitzhaltung zu begeben oder sich komfortabel auf eine Matte zu legen. Dann entspannt man den Körper von den Füßen bis zum Scheitel, damit er möglichst „geräuschlos“ und ruhig wird und uns in der Praxis nicht ablenkt. Nur so viel Kraft wie nötig sollte aufgebracht werden, um den Körper im Falle des Sitzens in der aufrechten Haltung zu stabilisieren.

Im Moment ankommen

Als Nächstes machen wir uns das „Jetzt-hier-Sein“ bewusst und verbinden uns mit den Empfindungen im Augenblick mit all ihren Aspekten. Sich in diesem Augenblick zu zentrieren, ihn mit allen Sinnen wahrzunehmen, um dann die Achtsamkeit auf die ruhig und unbeeinflusst strömende Atmung zu lenken, ist der Prozess des „Inne-Haltens“, des Wahrnehmens ohne wertende oder korrigierende Einflussnahme.

Den natürlichen Rhythmus des Atems wahrnehmen, den Geist auf diesen Vorgang fokussieren, ruhiger werden, gemeinsam mit der ebenfalls immer ruhiger und subtiler werdenden Atmung, ist ein guter Ausgangspunkt für Pranayama, unabhängig von der danach vielleicht anzuwendenden Technik. Vom „Tun“ zum „Erleben“ der Atmung, mühelos, absichtslos, dieser Zustand bildet die Basis, auf der Pranayama geübt werden und Yoga entstehen kann.

Ayurveda Journal 38 · Seite 50 – 52

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