Dr. Antonio Morandi ist Leiter eines ayurvedischen Instituts in Mailand. Der 55-jährige Neurologe hat sich vor vierzehn Jahren auf den Ayurveda spezialisiert. Dr. Antonio Morandi ist verheiratet und hat einen Sohn.

Dr. Morandi, wie sind Sie zum Ayurveda gekommen?

Ich habe viele Jahre als Neurologe in der Forschung gearbeitet. Schwerpunktmäßig interessierten mich neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson sowie zerebrale Alterungsprozesse. Ich forschte viele Jahre an US-amerikanischen Universitäten mit dem Ziel, Modelle von Zellkulturen menschlicher Krankheiten zu reproduzieren. Das war die Zeit, in der mir zum ersten Mal die Grenzen der westlichen Wissenschaft deutlich wurden.

Eines Tages realisierte ich, dass die Zellen, die ich im Reagenzglas heranwachsen lies, kein richtiges Organ formten. Das lag daran, dass die Zellen losgelöst von ihrer ursprünglichen Umgebung heranwuchsen, losgelöst vom Gesamtkörper, dem sie entnommen wurden. Diese Erkenntnis war wie eine Erleuchtung für mich. Meine Aufmerksamkeit richtete sich von nun an nicht mehr auf das Organ an sich, sondern auf die vernetzten Verbindungen, die das Organ formen. Der gesamte Körper ist ein grenzenloses Geflecht an Verbindungen, die wiederum den Körper formen. Von diesem Moment an musste ich eine andere Sichtweise von Natur und Wissenschaft finden. Und diese andere Sichtweise habe ich wenige Jahre später im Ayurveda gefunden.

Was bedeutet die Arbeit als ayurvedischer Arzt für Sie?

Es bedeutet, ein ganzheitlich orientierter Arzt zu sein. Ayurveda hat meine Ausbildung vervollständigt. In der westlichen Medizin hat man die Sichtweise, dass der Patient oder die Patientin ein Ganzes ist, verloren.

Ein ganzheitlicher Ansatz berücksichtigt auch den Bereich von Körper, Geist und Seele sowie die Umgebung, in der der Patient oder die Patientin lebt. Diese, im Ayurveda vorherrschende, Perspektive verändert das Verhältnis zwischen Arzt und Patient grundlegend und führt zu einer besseren Wirksamkeit von Therapien.

Welche Menschen suchen Ihren Rat?

Alle Arten von Patienten. Mich konsultieren Menschen jeden Alters mit allen denkbaren Krankheitsbildern.

Was hat sich in Ihrem Leben verändert, seit Sie Ihre Praxis eröffnet haben?

So ziemlich alles. Ayurveda verändert Deine Lebensauffassung und die Art und Weise, wie Du Deine Arbeit siehst, komplett.

Wie finden Sie Ihre persönliche Balance zwischen Ihrem Beruf und Ihrem Privatleben?

Für einen Arzt gibt es keine so klare Trennung zwischen Beruf und Privatleben – und das kann zu Problemen führen. Aber durch die Philosophie des Ayurveda lässt sich auch diese Angelegenheit regeln.

Sind Sie mit dem finanziellen Ergebnis Ihrer Praxis zufrieden?

Ja, ich bin absolut zufrieden. Mein größter Bonus aber ist die erfolgreiche Therapie.

Wie bekannt ist Ayurveda in Ihrem Land und wie wird es sich Ihrer Meinung nach weiterentwickeln?

Die Bedeutung von Ayurveda nimmt in Italien sehr schnell zu, aber der Bekanntheitsgrad ist auch nicht das Problem. In Italien haben wir ein politisches Problem – nicht nur in Bezug auf Ayurveda, sondern bezüglich der nicht-konventionellen Medizin überhaupt. Ein Gesetz, das die Praxis und Ausbildung im Bereich Ayurveda sowie anderen traditionellen und nicht-konventionellen Bereichen der Medizin regelt, wäre dringend notwendig. Aber bislang hat die italienische Regierung noch nicht darüber entschieden.

Wie wirkt sich die Europäische Finanzkrise auf den Ayurveda und Ihre Arbeit in Italien aus?

Die Krise hilft den Menschen, neue Werte zu finden und zu erkennen, welche Dinge wichtig in ihrem Leben sind. Die Indikation, die Ayurveda anbietet, geht in diese Richtung. Vorbeugung, Ernährung und Lebensführung werden zu Schlüsselfaktoren auf der Suche nach einer neuen Lebensweise, die auf wahren Werten basiert und die Krise durch persönliche Entwicklung überwindet.

Wie kombinieren Sie Ayurveda mit allopathischer Medizin? Haben Sie einen Weg gefunden, allopathische Mittel zu verschreiben, wenn sie in einer “ayurvedischen Weise” gebraucht werden?

Ayurveda ist nicht gleichzusetzen mit Kräutern, bestimmten Anwendungen oder Nahrungsmitteln. Ayurveda ist noch nicht einmal typisch indisch. Es ist der Weg, die Natur mit den Augen der Natur zu beobachten. Auf diese Weise ist es möglich, die zugrunde liegenden Prinzipien auf jede nur denkbare Aktivität anzuwenden.

Und so ist es auch möglich, chemische Arzneimittel nach den Prinzipien des Ayurveda anzuwenden, um – im Hinblick auf die guna (Eigenschaft) des Medikaments und der benötigten guna des Patienten – die besten therapeutischen Ergebnisse zu erzielen. Auf die gleiche Weise ist es möglich, ayurvedisch zu essen, ohne auf indisches Essen zurückzugreifen. Es geht lediglich darum, auf eine ayurvedische Art und Weise zu denken.

Ayurveda Journal 35 · Seite 12 – 13

[ratings]