Die Mischung machts

Die ayurvedische Ernährungslehre ist ein äußerst komplexes Gesundheitssystem, welches jeden einzelnen Menschen in Bezug zu seinem individuellen Stoffwechsel sowie seiner Auswahl und Qualität der täglichen Nahrung differenziert beleuchtet. „Gesund“ ist dabei alles, was der persönlichen Konstitution und nachhaltigen Energiegewinnung zuträglich ist.

Ernährung und Verdauungsfeuer

So stellen die ayurvedischen Ernährungsregeln eine vielfaltige Auswahl von Verbesserungsvorschlägen dar, die uns helfen, unsere Verdauungs- und Stoffwechselvorgänge zu optimieren, um damit mehr Lebensqualität und Gesundheit zu erlangen. Ebenso nimmt die richtige Ernährung einen wichtigen Stellenwert in der Ayurveda-Medizin ein und bestimmt maßgeblich den Heilungserfolg einer ganzheitlichen Ayurveda-Therapie.

Primär orientieren sich die ayurvedischen Ernährungsregeln an den Funktionen des Stoffwechsels und der Verdauungsorgane. Unser Verdauungsfeuer (Agni) arbeitet nach einem übergeordneten Prinzip, ist aber individuell unterschiedlich ausgeprägt: Entsprechend der individuellen Konstitution brennt das Verdauungsfeuer in seiner jeweiligen Stärke, und alle physischen und psychischen (Dosha-)Störungen führen unweigerlich zu einer Schwächung der Verdauungs-, Resorptions- und Erneuerungsfunktionen des Stoffwechsels.

Funktionen von Jatharagni

  • Verantwortlich für den ersten Kontakt zur Nahrung, Andauung
  • Primäre (Avasthapaka) und sekundäre (Vipaka) Verdauung
  • Trennung von Nährstoffen und Abfallprodukten (Sara-Kitta-Vibhajana)
  • Kontrolle der Sekretion
  • Systemische Kontrolle über andere Arten von Agni
  • Kontrolle über alle Pitta-Arten
  • Indirekte Regulation von Quantität und Qualität der Dhatus

Funktionsstörungen von Jatharagni

  • Mandagni – Zustand gehemmter Funktion verursacht durch Kapha (zu schwach)
  • Tikshagni – Zustand angeheizter Funktion verursacht durch Pitta (zu stark)
  • Vishamagni – Zustand instabiler Funktion verursacht durch Vata (zu unregelmäßig)

So ist eines der wichtigsten Kriterien der ayurvedischen Ernährung die leichte Verdaulichkeit der Speisen! Immer dann, wenn die Speisen zu schwer sind, können sie nicht vollständig verdaut werden und es entstehen Stoffwechselschlacken und toxische Substanzen (Ama). Kennt man die Wirkung der einzelnen Lebensmittel auf die Doshas und die persönlichen Konstitutionen, so weiß man, welche Lebensmittel in diesem Fall gut verdaulich sind und welche den Organismus stören können.

Achten Sie auf Kombinationen

Um den Stoffwechsel zu stärken und die Speisen leichter verdaulich zu machen, achtet Ayurveda auf die richtige Kombination von Nahrungsmitteln und die Zubereitung mit verdauungsfördernden Gewürzen. Diese beiden Aspekte stellen die Grundregeln der ayurvedischen Ernährung dar. Dabei unterstützen die richtigen Nahrungsmittelkombinationen das Verdauungssystem in der vollständigen Aufschlüsselung von allen Nährstoffen. Denn nicht alle Nahrungsmittel können gleich gut miteinander verwertet werden. Bei der Einteilung der Nahrungsmittel orientiert sich Ayurveda nicht an der biochemischen Zusammensetzung der Speisen, sondern legt die Priorität auf die Verwertung der Nahrung. Die alten Ayurveda-Schriften betonen ausdrücklich, dass die größte Gefahr einer gesundheitsschädlichen Ernährung in der falschen Kombination von Nahrungsmitteln liegt.

Dabei geraten Nicht-Vegetarier am leichtesten in Gefahr, den Organismus mit unverdaulichen Kombinationen zu belasten, denn alle tierischen Eiweiße wie Fleisch, Fisch, Eier oder Milch dürfen keinesfalls miteinander gegessen werden, sonst entstehen unweigerlich toxische Stoffwechselschlacken (Ama), die den Organismus maßgeblich belasten.

So zählt z.B. die frische Kuhmilch als ausgesprochen wertvolles und sattvisches Nahrungsmittel mit seiner aufbauenden Qualität zu den wichtigsten Therapeutikas der ayurvedischen Rasayana-Therapien. Wird die Milch jedoch in Kombination mit Fisch oder Fleisch genossen, so hat dies eine unmittelbare Ama-Bildung zur Folge. Ebenso ist die Kombination von Milch mit Früchten (ganz besonders saure Beeren- und Zitrusfrüchte sowie Bananen) nicht zu empfehlen, speziell für alle Menschen mit einem hohen Pitta-Anteil und Hautbeschwerden. ln der Praxis heißt dies, dass wir uns von Erdbeermilchshakes, dem morgendlichen Wurstbrot mit Frühstückskakao sowie dem Milch-Cappuccino beim Italiener nach dem gegrillten Fisch verabschieden müssen.

Vorsicht bei Kombinationen mit Milch

Hülsenfrüchte wie Mungobohnen, Linsen oder Kichererbsen sind die einzigen Eiweißträger mit einem süßen Geschmack nach der Verdauung (mandha vipaka) und können aus diesem Grunde mit Milch gemeinsam verdaut werden. ln der gewebsaufbauenden Rasayana-Ernährung darf Milch zusammen mit basischen und süßen Nahrungsmitteln wie Reis, Gries oder Trockenfrüchten (ungeschwefelt) gegessen werden, um Auszehrungen, Untergewicht und Energieverlust auszugleichen.

Vorsicht vor falschen Nahrungsmittelkombinationen

Sie belasten den Stoffwechsel, bilden Ama, behindern die Transportfunktion und „verunreinigen“ das Blut, was z.B. die Hauptursache vieler Hautkrankheiten ist.

• Milch: Am besten alleine einnehmen und keinesfalls gemeinsam mit Saurem und Salzigem, Fleisch, Fisch, Knoblauch, Rettich, Granatäpfeln, Blattgemüse, Senf, Sesamsamen oder Bananen kombinieren.

• Fleisch, Fisch und Eier generell nicht zusammen essen

• Fleisch von gezüchteten Tieren und von solchen, die in Feuchtgebieten leben, nicht mit Honig, Sesam, Milch, Rettich, Zuckerrohrprodukten oder Sprosse kombinieren

• Fisch nicht mit Banane, Joghurt und Buttermilch kombinieren

.
• Eier nicht mit Milch, Joghurt, Melone, Käse, Früchten und Kartoffel kombinieren

• Honig und Ghee oder Honig und Wasser nie zu gleichen Teilen mischen

• Frische Früchte nur alleine verzehren und am besten nicht mit gekochten Speisen kombinieren

• Keine kalten Getränke zu heißem oder fertigem Essen

• Keine kalten Speisen mit sehr heißen Speisen

Auf Rang 2 der am häufigsten Kombinationsfehler ist die falsche Umgangsweise mit frischen Früchten: Obst ist zwar ein sehr leicht verdauliches Nahrungsmittel, das aber in der falschen Zubereitungsform zu starken Gärungs- und Fäulnisprozessen im Verdauungstrakt führen kann. Aus diesem Grunde sollten alle rohen Früchte nur allein eingenommen und nicht zusammen mit Milch, Getreide oder anderen festen Nahrungsmitteln kombiniert werden. Saure Früchte in Kombination mit Joghurt, Quark oder anderen Milchprodukten führen zu einer massiven Störung des Blutes (rakta-dhatu), was sich häufig in Hautreizungen und Entzündungen äußert. Die Melone nimmt durch ihren hohen Wassergehalt dabei sogar eine Sonderstellung ein, und sollte ausschließlich nur mit anderen Melonen kombiniert werden.

Ist das Feuer (Agni) von Natur aus eher etwas träge und schwach, wie es bei einer Kapha-Konstitution häufig vorkommt (mandhagni), so dient die wohlbekannte Trennkostregel 

„Eiweiß und Kohlenhydrate voneinander trennen“

auch im Ayurveda als wirkungsvolle Maßnahme zur Gewichts- und Gewebsreduktion. Trennen wir die süßen und stärkenden Nahrungsmittel (wie Getreide und Öl) von sauer verdauten Nahrungsmitteln (wie alle Milchprodukte und tierischen Eiweiße), so entlasten wir Agni und gewinnen Leichtigkeit und Vitalität.

Eiweiß in Form von Fleisch, Fisch, Eiern oder Milchprodukten wird nun vorwiegend mit Gemüse und Salat kombiniert. Ebenso werden alle süßen Nahrungsmittel wie Getreide, Teigwaren, Kartoffeln und Fette am besten mit Gemüse und Salat kombiniert. Der Reis bildet als sehr leicht verdauliches Getreide eine Ausnahme und kann zu allen zu Speisen kombiniert werden. In diesem Sinne sind typische Gerichte wie gebratener Fisch mit Kartoffeln, Spagetti Bolognese oder Käsebrot mit einem Apfel nicht empfehlenswert.

Die Kombinationen der vegetarischen Ayurveda-Küche sind weitaus vielseitiger. Wenn wir Fleisch, Fisch und Eier weglassen und vor allem Hülsenfrüchte als Eiweißquelle nutzen, sind alle Kombinationsmöglichkeiten erlaubt. Wir können nun große Ayurveda-Menüs mit allen Arten von Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchten, Fetten, Nüssen, Trockenfrüchten und Salaten und Süßspeisen zusammenstellen.

Erschienen im Ayurveda Journal 20

Ayurveda Journal 20 Cover

Das Ayurveda Journal beschäftigt sich in dieser Ausgabe als Titelthema mit dem Schwerpunkt „Unsere Haut“.

Heft 20 im Shop bestellen
Vorheriger ArtikelDer Winter
Kerstin Rosenberg
Kerstin Rosenberg ist eine international bekannte Ayurveda-Spezialistin, Dozentin und Autorin. Seit mehr als 20 Jahren bildet sie Ayurveda-Ernährungsberater, Gesundheitscoachs und psychologische Ayurveda-Therapeuten in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Gemeinsam mit ihrem Mann leitet sie die renommierte Europäische Akademie für Ayurveda mit angeschlossenem Kur- und Kompetenzzentrum in Birstein, Hessen. www.ayurveda-akademie.org, www.rosenberg-ayurveda.de