Gemüse statt Pillen

„Der Ayurveda behandelt primär den Menschen, nicht die Krankheit.“

Mit diesem Grundsatz definieren die klassischen Ayurveda- Lehrbücher den individuellen Ansatz der traditionellen Heilkunde. Dieser spiegelt sich auch in der ayurvedischen Diätetik wider: Entsprechend unserer körperlichen und mentalen Konstitution entfaltet sich jedes Krankheitsbild auf ganz einzigartige Weise, welches nicht mit vorgefertigten Therapie- und Diätplänen behandelt wird, sondern mit Hilfe eines individuellen und feinjustierten Behandlungs- und Empfehlungskatalogs.

Dabei zählt die richtige Ernährung zu den wichtigsten therapeutischen Maßnahmen des Ayurveda. Mehr als 50% unseres physischen und emotionalen Zustandes werden direkt von dem, was wir essen und trinken – oder was wir nicht essen und nicht trinken – geprägt. Neben vielen grundlegenden Ernährungsempfehlungen für einen gesunden Verdauungs- und Zellstoffwechsel – wie die richtigen Kombinationen und Zubereitungsformen – beschreibt die ayurvedische Diätetik ausführlich, auf welche Weise Nahrungsmittel als Heilmittel eingesetzt werden können, um den Zustand der strukturellen Anatomie (Dhatus, Sroras) und funktionalen Physiologie (Doshas, Agni) zu beeinflussen.

Die Heilkraft eines Nahrungsmittels entspringt unmittelbar aus seiner spezifischen Wirkungsweise durch den Geschmack (Rasa) und die Eigenschaften (Guna). Diese entscheiden über die Menge und Darreichungsform im therapeutischen Einsatz. Als weitere aktive Prinzipien sind die Potenz (Virya), der Effekt nach der Verdauung (Vipaka), Wirkung (Karma) und spezielle, nicht direkt erklärbare Wirkungsweisen (Prabhava) sehr wichtig für den differenzierten, pharmakologischen Einsatz von Nahrungsmitteln, Gewürzen und Kräutern.

Küchengewürze als Heilmittel verwenden

Das Wissen um die heilende Wirkung von Gewürzen und Nahrungsmitteln fließt in viele allgemeingültige Ernährungsempfehlungen des Ayurveda ein. Typische Ayurveda-Rezepte wie Reis mit Raita-Joghurt oder Ingwerwasser sind nicht nur wesentlicher Bestandteil der ayurvedischen Alltagskost, sondern auch wirkungsvolle Therapeutika der Ayurveda-Hausapotheke.

So hat sich zum Beispiel der regelmäßige Genuss von Ingwerwasser bereits im lifestyle-geprägten Gesundheits-trend fest etabliert, doch nur wenige wissen, dass im Ayurveda dieses legendäre Morgengetränk als klassisches Hausmittel gegen einen ernährungsbedingt erhöhten Cholesterinspiegel, Thrombosen, Asthma oder Arthritis eingesetzt wird.

Um die Wirkung zu optimieren, sollte jedoch in der Zubereitung zwischen getrocknetem und frischem Ingwer unterschieden werden: Der frische Ingwer (ardraka) wirkt mit seinem scharfen Geschmack nach der Verdauung (katuvipaka) stärker reinigend und abbauend, und der getrocknete Ingwer (shunthi) hat durch seinen süßen Geschmack nach der Verdauung (madhuravipaka) eine mildere und aufbauende Wirkung.

Auch andere, viel verwendete Gewürze – wie Nelke, Kurkuma oder Kreuzkümmel – sind fester Bestandteil jeder Hausapotheke in einem indischen Haushalt. So dient ein Nelkentee als bestes Hausmittel gegen Erkältung und Kopfschmerzen, Kurkumawasser macht jeder Halsentzündung den Garaus und Kreuzkümmel-Tee hilft gegen Blähungen und Hitzewallungen.

Rezepte aus der Ayurveda-Hausapotheke

In Indien werden alle Familienmitglieder mit Gewürzen als tägliche Hausmittel gegen vielerlei Alltagsbeschwerden behandelt. Dieses alte Wissen fließt automatisch in die Küchenpraxis mit ein:

• 1 EL frischen Ingwer und Nelkensamen oder alternativ 1/2 TL Süßholz und 1 EL frischer Ingwer als Tee gegen Erkältung und Schnupfen zubereiten.

• 1/2 TL Kurkuma in Wasser aufgekocht und abgekühlt gegen Halsentzündung, Hautbeschwerden und Darmpilze.

• Je 1/4 TL Anis und Ajwain mit heißem Wasser zu einer Tasse Tee zubereiten und bei akuten Verdauungsstörungen und Blähungen vor dem Essen schlückchenweise trinken.

• 1 Scheibe Ingwerwurzel und 1/2 TL Galgantpulver in 1/2 Liter Wasser für 15 Minuten köcheln lassen und ca. 20 Minuten vor dem Essen bei Appetitlosigkeit trinken.

•1 TL geriebenen Ingwer mit 1 TL Kreuzkümmel und 1 TL Hing in 1/2 I zum Kochen bringen und auf die Hälfte einkochen. Hilft in kleinen Schlucken getrunken hervorragend gegen Blähungen.

• Gekochter Reis mit frischem Joghurt und etwas Muskatnuss stoppt Durchfall.

Karma – die Heilwirkung unserer Nahrung

Die pharmakologisch Wirkung (karma) von Nahrungsmitteln und Kräutern ist in der Ayurveda-Medizin von größter Wichtigkeit. Über 50 spezielle Qualitäten werden in ihrer Wirkung auf die unterschiedlichen Systeme (Verdauung, Atmung, Herz-Kreislauf usw.) beschrieben. Einige dieser Qualitäten spielen auch in der ayurvedischen Diätetik eine große Rolle: Kennen wir die medizinischen Einsatzmöglichkeiten von einigen häufig verwendeten Nahrungsmitteln und Gewürzen, so können damit viele Beschwerdebilder auf natürliche Weise behandelt werden (siehe Tabelle).

Die klassische Schriften der Caraka, Sushruta und Vagbhata beschreiben nicht nur die therapeutische Wirkung und den Einsatz von Früchten, Getreiden, Hülsenfrüchten, Nüssen und Gewürzen, sie nennen uns auch einen überzeugenden Grund warum es sich lohnt, Dravyaguna – das Wissen um die phytotherapeutischen und pharmakologischen Prinzipien zu studieren.

Wenn Nahrungsmittel mit gegensätzlichen Qualitäten kombiniert werden, dann wird die stärkere über die schwächere siegen. So kommt es auch, dass der Geschmack nach der Verdauung (vipaka) die Wirkung von Geschmack (rasa) annulliert, die Potenz (virya) sowohl den Geschmack wie auch die Wirkung nach der Verdauung (rasa und vipaka) überdeckt und die spezifische Wirkung (prabhava) aller anderen ausschaltet.

Nahrungsmittel / GewürzHeilsame Wirkung (Karma)
Amla, GuduciWirken als geweberegenerierendes Aufbaumittel (rasayana), fördern die Gesundheit und den optimalen Nähr- und Funktionszustand aller Gewebe
KokosnussWirkt anabolisch (brimhanya) und baut Gewebemasse auf. Wird gerne zum Substanzgewinn und Kapha-Vermehrung eingesetzt.
Kichererbsen, GersteTrocknen die Gewebe aus(rukshana) und reduzieren den Fett- und Flüssigkeitsgehalt des Körpers. Sind besonders hilfreich bei vermehrten fettigen Absonderungen, Verschleimung, Ödemen und Adipositas.
Rosenblüten, SüßholzWirken hilfreich bei allen Erkrankungen, die mit brennenden Symptomen einhergehen (daha-prashamana), wie z.B. Sodbrennen (Gastritis), brennender Harn (Harnwegsinfekte), brennende Hauterscheinungen (Dermatitis), brennende Augen, Hitzewallungen
Dillsamen, KreuzkümmelRegulieren den Vata-Fluss (anulomana) Gemäß dieses wichtigen Therapiekonzepts des Ayurveda helfen diese Gewürze, um eine Fehlregulation der Vata-Bewegung – wie Störungen der Peristaltik und sämtlichen Spasmen – vegetativ gesteuerter Muskulatur auszugleichen
Pippali, IngwerWirken Ama-auskochend (amapacana) und regen Agni auf verschiedenen Stoffwechselebenen an. Damit werden speziell die Stoffwechselzwischenprodukte (ama) in eine ausscheidungsfähige Form umgewandelt
KurkumaWirkt blutreinigend (raktashodana) und reinigt das rakta-dhatu. Besonders hilfreich bei Hautkrankheiten, Gicht, Abzessen, Milz- und Leberleiden
Ghee, Kurkuma, SafranWirken antitoxisch (vishaghna) und unterstützen Abbau und Ausscheidung von toxischen Substanzen aus dem Körper; z.B. hilfreich bei starker Exposition gegenüber Umwelt-, Genuss- oder Nahrungsmittelgiften sowie nach Chemotherapie oder Vergiftungen
Süßholz, IngwerWirken gut für die Stimme (svarya)
ZimtWirkt schleimlosend (cedana)
Pippali, Nelke, Ingwer, ZimtWirken hustenlindernd (kaasahara)

Erschienen im Ayurveda Journal 30

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Das Ayurveda Journal beschäftigt sich in dieser Ausgabe als Titelthema mit dem Schwerpunkt “Kuren am Ursprung des Ayurveda”.

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