Wer nicht die richtige Frage stellt, bekommt auch nicht die richtige Antwort. So kann ich unwissend eines veränderten Umfeldes plötzlich vor irreversible Fakten gestellt werden, die meine Lebensqualität und bürgerlichen Freiheiten massiv einschränken.

So erhitzt eine große öffentliche Debatte über drei EU Gesetzesnovellen seit einigen Jahren die Gemüter in England und führte am 15. Juni 2003 zu einem großen Protestumzug durch die Innenstadt von London. Wenn Sie zu der Zeit nicht gerade an der Themsestadt verweilten, dann können Sie auch nicht wissen, worum es dabei ging, denn keine deutschsprachigen Medien hatten darüber berichtet.

Drei neue Gesetze …

Drei neue Direktiven sind im europäischen Parlament verabschiedet worden. Sie sollen Nahrungsergänzungsmittel (FSD – Food Supplement Directive), Pharmazeutische Substanzen (PD – Pharmaceutical Directive) und traditionelle pflanzliche Heilmittel (THMPD – Traditional Herbal Medicinal Products Directive) im gesamten Gebiet der EU neu regulieren. Die Auswirkungen für sämtliche Naturheilverfahren und für alle, die sich lieber mit Pflanzen behandeln, sind katastrophal. Tausende von altbewährten Mitteln, die heute noch frei verkäuflich sind, sowie viele Heilpflanzen dürfen nicht mehr in den freien Handel gelangen.

Die verantwortlichen Politiker begründen diesen Schritt mit dem dringend notwendigen Schutz der Konsumenten und „im Namen der heiligen Wissenschaften“ sollen alle Substanzen genau überprüft werden

Das betrachte ich aus folgenden Gründen als völligen Unsinn: Wie schütze ich Konsumenten effektiv – indem ich sie von vorn herein als unmündige Bürger abstemple, nicht fähig zu unterscheiden, was gut und was schlecht für sie sei?
Ich denke, mehr Information, Transparenz und ein gutes Produkt führen zum gewünschten Erfolg. Das ist auch meine Erfahrung in über 20 Jahren klinischer Arbeit mit Ayurveda. Die Menschen, die auf ein natürliches Gesundheits- oder Heilsystem zurückgreifen, sind gut informiert, bewusst lebend und haben Erfahrung mit Heilpflanzen sowie Hausmitteln. Warum werden solche Bürger, die mit ihrem aktiven Beitrag das Gesundheitssystem entlasten, gemaßregelt und als unfähig erklärt? Wenn den Politikern wirklich soviel am Wohl der Bürger liegt, warum wird Tabak, Alkohol und Fastfood nicht verboten oder wenigsten nur gegen ein ärztliches Zeugnis abgegeben? – Ganz einfach: Weil große Interessengruppen dahinterstehen! Das ist auch der wahre Grund dieser Gesetzesänderungen. Mehr mag ich dazu eigentlich gar nicht sagen.

Die von allen Seiten hochgepriesene Wissenschaft ist und war nie neutral oder objektiv! Sie beruht auf ebenso vielen Irrtümern wie Erkenntnissen und musste sich immer dem Zeit- oder politischen Geist beugen. Zum Beispiel erhielt Einstein seinen Nobelpreis 1921 nicht für seine Relativitätstheorie, sie war zu kontrovers, sondern für eine Veröffentlichung von 1905, mit der er zur Entwicklung der Quantentheorie beigetragen hatte. Mit Hilfe der Wissenschaft werden weltweit viele traditionelle Wissenssysteme unterdrückt.

Was sind die direkten Auswirkungen für jeden Konsumenten von natürlichen Nahrungsergänzungs- und pflanzlichen Gesundheitsmitteln?

… und deren Auswirkungen

  1.  Viele, wenn nicht die Mehrzahl, der heute frei verkäuflichen Nahrungsergänzungsmittel fallen in Zukunft unter die pharmazeutischen Substanzen, d.h. sie sind nicht frei oder überhaupt nicht mehr verkäuflich.
  2. Kombinationen von Kräutern mit Mineralien und tierischen Produkten sind nicht mehr möglich (viele ayurvedische Gesundheitsprodukte enthalten auch Minerale wie Eisen, Kalzium und tierische Produkte wie Ghee, Milch oder Honig – Ayurveda würde damit auf den Status einer Pflanzenmedizin reduziert!).
  3. Nur eine stark reduzierte Auswahl von Produkten wird überleben.
  4. Verteuerung der Produkte wegen aufwendiger Registrierungsmethoden.
  5. Die Debatte, wer dann solche pharmazeutischen Präparate verschreiben oder abgeben darf, ist noch nicht abgeschlossen. Aber jedes Rezept verteuert ein Präparat!
  6. Kleine, mittlere und Familienbetriebe können sich diese Kosten und den Wegfall ihrer zahlreichen populären Produkte nicht leisten und gehen zu grunde.
  7. Nicht in Europa heimisches Pflanzenmaterial kann nur registriert werden, wenn ein medizinischer Gebrauch von mindestens 15 Jahren in Europa nachgewiesen werden kann (d.h. Ginseng, Aloe, Noni oder andere exotische Pflanzen könnten nicht mehr registriert werden).
  8. Diese Einschränkungen tötet die Eigeninitiative der Konsumenten.
  9. Die therapeutische Arbeit von Ärzten, Heilpraktikern, Ernährungs- und Gesundheitsberatern wird behindert.

Die Betroffenen werden vertröstet, dass ihre Anliegen vielleicht noch irgendwie untergebracht werden können. Dazu ist es aber zu spät. Der Zug ist definitiv abgefahren und die Praxis zeigt:

Wir Naturheilpraktiker und Hersteller von traditionellen Gesundheitsmitteln haben nicht genügend Einflussmöglichkeiten. Aber wir haben immer mehr gesundheitsbewusste Klienten und letztlich hängen auch Politiker und die Grossindustrie von ihrer Wähl- und Kaufkraft ab.

Liebe Leserinnen und Leser des Ayurveda-Journals, bekunden Sie Ihre Überzeugung, Erfahrungen und Ihren Willen, damit nicht in einer modernen Hexentreiberei das wenige traditionelle Wissen, das uns verblieben ist, für immer verschwindet.Ayurveda Journal 4 · Seite 11

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Hans H. Rhyner
Hans H. Rhyner gilt international als Experte für Ayurveda. Er lebte 25 Jahre in Indien und praktizierte dort in seiner eigenen Klinik in Bangalore. Er blickt auf 40 Jahre klinische Erfahrung zurück, die er insbesondere im Bereich Diagnostik, Panchakarma und ayurvedische Heilmittelkunde einsetzt. Er ist in seiner Praxis in Teufen, im Ayurveda Parkschlösschen Bad Wildstein und in Wien tätig. www.ayurveda-rhyner.com, Institut in Wien: Naglergasse 3, 1010 Wien