Der lange Weg der Johanna B.

Mitte Januar 2007 suchte mich Johanna B. in meiner Praxis für Ayurveda Medizin auf. Sie war damals knappe 38 Jahre alt, geschieden, kinderlos und allein lebend, 172 cm groß und 66 kg schwer und arbeitete sehr engagiert im sozialdiakonischen Bereich. Mit Ende Zwanzig traten bei ihr diffuse Bauchschmerzen und Darmbeschwerden auf.

Ihr Hausarzt diagnostizierte und behandelte eine Darmentzündung! Als die Schmerzen nicht aufhörten, suchte sie Rat bei ihrer Gynäkologin. Diese stellte eine Wucherung der Gebärmutterschleimhaut (Endometriose) fest, vermutete aber auch ein bösartiges Geschehen. Zur genaueren Abklärung erfolgte 1999 ein Eingriff. Dabei wurden verschiedene Endometrioseherde entfernt und mehrere kleine Ovarzysten festgestellt. Seither nahm Johanna regelmäßig die Pille (Gestagen) ohne Verbesserung des Zustandes. Schließlich begann eine Zyste zu wachsen und war beim ersten Besuch etwa 3 cm Durchmesser groß und saß auf dem rechten Ovar. Im linken Ovar waren verschiedene Endometrioseherde.

Johanna B. war eine äussert sensible Frau. Sie ging auf in ihrer sozialen Arbeit für andere, fand aber nur wenig Zeit für sich selbst und schon gar nicht, um sich mit ihrem eigenen Frau-sein auseinanderzusetzen. Sie machte zwar regelmäßig etwas Yoga, nahm keine Genussmittel zu sich, vernachlässigte aber ihre Ernährung. Im unteren Lendenwirbelbereich verspürte sie zeitweise ausstrahlende Schmerzen. Diese konnten aber auch von ihren Unterleibsbeschwerden oder den Blähungen und Verstopfung stammen. Ihr Appetit und Durstgefühl waren eher unregelmäßig. Ihr LDL Cholesterin und ihr Augendruck waren zu hoch. Sie klagte über häufige Blähungen und Verstopfung. Ayurvedisch erschien sie als Pittavata in der körperlichen Konstitution und Sattva-Rajas in der psychischen Konstitution. Ihre Schwachstellen (Dushya) waren die weiblichen Fortpflanzungsorgane (Arthava Vaha Shrota), der Dickdarm (Purisha Vaha Shrota), der Fettstoffwechsel (Medo-agni). Die verursachenden Bioenergien (Dosha) waren primär Vata und Kapha. Der primäre Stoffwechsel (Jatharagni) wurde von diesen beiden überschüssigen Doshas angegriffen und so war ein Teufelskreis entstanden, denn der gestörte Stoffwechsel hat zur Folge, dass Schlackenstoffe produziert werden, die wiederum sowohl den Stoffwechsel behindern wie auch noch mehr überschüssige Bioenergie (Dosha) produzieren.

Ich empfahl ihr folgendes Vorgehen.

Ernährung: Auswahl der Nahrungsmittel entsprechend Pitta. Sie sollte aber möglichst drei warme Mahlzeiten zu sich nehmen.

Lifestyle: Salbung (Abhyanga) mindestens 1 x, besser aber 2 x die Woche mit Vataöl. Dann sollte sie unbedingt die unteren beiden Cakra (Muladhata und Swadishthana) stimulieren – am Besten mit Tanzen (Bauchtanz oder hüftschwungbetonte Tänze wie Salsa) und/oder die Yoga Übungen für den Unterleib.

Heilmittel: Sie bekam Saraca indica Extrakt 5:1 Konzentrat 2 x 2 Kapseln. Es ist bekannt, dass die Rinde des Ashoka Baumes (Saraca) eine stark reinigende und durchblutungsfördernde Wirkung auf die Schleimhaut der weiblichen Fortpflanzungsorgane ausübt. Weil das Mittel auch blutstillend wirkt, muss es während der regulären Monatsblutung ausgesetzt werden. Als Zweites bekam sie Commiphora mukul Extrakt 5:1 Konzentrat 2 x l Kapsel. Dieser Extrakt eines Myrrhegewächses ist menstruationsfördernd, beseitigt Zysten, Myome oder Tumore wirkungsvoll. Das Problem ist, dass, wenn nicht unter sachkundiger Aufsicht abgegeben, das Mittel Allergien verursachen kann. Beide Mittel sollte sie direkt vor den Mahlzeiten mit einer Tasse heißem Wasser oder lngwertee einnehmen.

Im Frühjahr empfahl ich ihr eine Entschlackungskur für zu Hause. Johanna B. trank jeden Morgen für 2 Wochen nüchtern 2 Gläser warmes Wasser mit je einem Teelöffel frischem Zitronensaft und Honig und dazu je 3 Kapseln Emblica officinalis (Amalaki) und 3 Kapseln Saraca indica (Ashoka). Darauf sollte Sie 2 Std. nichts essen. Abends sollte sie nur eine leichte Suppe zu sich nehmen und mittags normal essen.

Johanna B. befolgte diese Ratschläge genau und führte Buch über ihre Perioden. Die letzte Konsultation war im Februar 2008. Sie hatte vorher den empfohlenen Gynäkologen besucht. Dieser befand bei der letzten Untersuchung, dass die Eierstöcke völlig frei seien: Keine Spur von Endometrioseherden oder einer Zyste. Das Beste aber war, Johanna B. harte sich verliebt!

Erschienen im Ayurveda Journal 20

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Das Ayurveda Journal beschäftigt sich in dieser Ausgabe als Titelthema mit dem Schwerpunkt “Unsere Haut”.

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Hans H. Rhyner
Hans H. Rhyner gilt international als Experte für Ayurveda. Er lebte 25 Jahre in Indien und praktizierte dort in seiner eigenen Klinik in Bangalore. Er blickt auf 40 Jahre klinische Erfahrung zurück, die er insbesondere im Bereich Diagnostik, Panchakarma und ayurvedische Heilmittelkunde einsetzt. Er ist in seiner Praxis in Teufen, im Ayurveda Parkschlösschen Bad Wildstein und in Wien tätig. www.ayurveda-rhyner.com, Institut in Wien: Naglergasse 3, 1010 Wien