Alle Jahre wieder

Kaum ein naturheilkundliches Kurverfahren hat in Europa eine derartige Berühmtheit erlangt wie das ayurvedische Panchakarma – und das zu Recht. Es geht um weit mehr als nur Entgiftung und Entsorgung von Altlasten. Es geht um Regulation, um Neuordnung, um Veredelung. Panchakarma ist zu einem Inbegriff der Lebensstiländerung geworden. Es ist eine Reise durch sich selbst – zu sich selbst.

Aber Vorsicht: nicht überall, wo Panchakarma draufsteht, steckt auch Panchakarma drin! Es soll immer schneller gehen, mit immer weniger Zeit- und Energieaufwand. Ist das möglich? Woran erkenne ich eine klassische Panchakarma-Kur? Was unterscheidet die Schulen aus Südindien und Sri Lanka? Was erwartet mich in den Ursprungsländern verglichen mit Europa? Unsere Orientierungshilfe ist Ihre Entscheidungshilfe für eine durchdachte Buchung und einen erfolgreichen Gesundheitsurlaub!

Klassisches Panchakarma – „Entgiftung“ mit System

Panchakarma ist entgegen vielen Vorstellungen kein Entspannungsverfahren, kein Erholungs- und auch kein Wellnessurlaub! Panchakarma kostet anfangs Kraft – und gibt am Ende umso mehr Kraft zurück – also ein gesundheitlich wahrer „return on invest“.

„Pancha Karma“ bedeutet wörtlich übersetzt „fünf Handlungen“ und bezieht sich auf fünf Ausleitungsverfahren, die in den ayurvedischen Kompendien bereits vor 2000 Jahren in ihrer Vorbereitung, Durchführung und Nachsorge exakt beschrieben wurden.

Klassisches Panchakarma zählt zu den eliminierenden Körpertherapieverfahren (Shodhana) im Ayurveda und dient primär der Reinigung von all denjenigen Stoffen, die unsere Körperflüssigkeiten und Gewebe belasten. Diese Entsorgung von „Altlast“ ermöglicht eine innere Neuordnung, die durch anschließende regenerative Therapieverfahren (Rasayana) eingeleitet wird. Somit ist Panchakarma ein vorbereitendes und zugleich eigenständiges Behandlungskonzept.

Körpertherapien im Ayurveda:

Panchakarma stellt ein doppeltes 3-Phasen-System dar und gliedert sich in eine Vor-, Hauptund Nachkur. Die Hauptkur wiederum setzt sich aus einer Vorbereitungs-, Ausleitungs- und Nachsorgephase zusammen.

Vor- und Nachkur werden begleitend zum Arbeitsalltag ohne Beeinträchtigung Ihres Leistungsvermögens von zu Hause aus durchgeführt, die Hauptkur entspricht dem stationären Aufenthalt in einer spezialisierten Kureinrichtung.

Phasen im klassischen Panchakarma:

In der Vorkur wird der Körper darauf vorbereitet, die intensiven äußerlichen und innerlichen Therapien der Hauptkur zu tolerieren. Dafür ist eine reibungslose Verdauung, die ungehinderte Zirkulation aller Körpersäfte und die Sicherstellung, dass keine klebrigen Stoffwechselrückstände (Ama) im Körperinneren blockieren, erforderlich. Sie erhalten einen Ernährungstherapieplan mit individuellem phytotherapeutischem Rezept. Viele Patienten schildern schon nach der Vorkur vor ihrem eigentlichen „Kurantritt“ das Gefühl „gereinigt zu sein“.

Die Hauptkur beginnt mit der Vorbereitung auf die erste große Ausleitung. Sie bekommen 3-7 Tage lang mediziniertes Ghee (Butterreinfett mit Kräuterextrakten) in täglich ansteigender Dosis zur innerlichen Einnahme verabreicht. Zeitgleich erhalten Sie tägliche dynamische Ganzkörpermassagen (Abhyanga) mit ayurvedischen Medizinalölen. Diese innere und äußere Fettung weicht Gewebe auf, löst und mobilisiert Dosha und bindet fettlösliche Rückstände im Körper.

Wenn die innere Einnahme von Ghee abgeschlossen ist, wird im Anschluss an jede Massage eine schweißtreibende Behandlung (Svedana), zum Beispiel in Form des ayurvedischen Dampfbades, durchgeführt. Die Hitze weitet alle Gefäße, erhöht deren Aktivität und Leitfähigkeit. So können alle gebundenen Rückstände wieder dem Magen-Darm-Trakt für die zwei Tage später folgende Ausleitung zugeführt werden.

Diese umfangreiche Vorbereitung wird für die beiden ersten großen Ausleitungen (Magenspülung und Abführtherapie) durchgeführt und benötigt jeweils zirka eine Woche. Die Vorbereitung für Darmeinläufe, Intranasaltherapie und Blutreinigung ist weniger umfangreich.

Verfahren der Hauptkur im Überblick:

Zu jedem der einzelnen Ausleitungsverfahren werden Indikationen und Kontraindikationen sowie detaillierte Anweisungen zur korrekten Durchführung gegeben. In der Nachkur muss der gereinigte Körper gestärkt werden, um den Alltagsbelastungen standzuhalten. Sie befinden sich sozusagen in einem labilen Gleichgewicht, das nun stabilisiert wird.

Der Magen- Darm-Trakt ist durch die zahlreichen Ausleitungen möglicherweise noch leicht gereizt und die Verdauung noch nicht vollständig geregelt, daher ist ein schrittweiser Kostaufbau erforderlich. Sie erhalten zudem ein phytotherapeutisches Rezept zur Regeneration und Unterstützung der noch geschwächten Funktionen und Strukturen.

Keraliya Panchakarma

Haben Sie schon eine „Panchakarma Kur“ in Südindien oder auf Sri Lanka erlebt und denken nun, meine Kur sah doch ganz anders aus als oben beschrieben? Das stimmt.

Der südindische Bundesstaat Kerala ist Ursprung kunstvoller Massagen, Ölanwendungen und physiotherapeutischer Maßnahmen. Dort wurde eine eigene Schule unter dem Namen „Panchakarma“ entwickelt, die mit dem klassischen Panchakarma aus Mittel- und Nordindien wenig Gemeinsamkeiten aufweist – und dennoch hervorragende Resultate erzeugt.

Mein Lehrer Prof. Dr. R.H. Singh (B.H. University) bringt in seinem berühmten Standardwerk „Panca Karma Therapy“ die Unterschiede auf den Punkt:

Vergleich: Klassisches Panchakarma und Keraliya Panchakarma

Klassisches Panchakarma

  • Primärfokus: Elimination (Shodhana)
  • Reduzierende Maßnahmen (Langhana)
  • Dosha-Elimination über den Magen-Darm-Trakt
  • Ölungen und Hitzeapplikationen sind Vorbereitungen
  • Geringerer Einsatz von Medikationen
  • Panachakarma ist Vorbereitung für Veredelung (Rasayana)
  • Ausleitungen werden gemäß Dosha geplant
  • Vorrangig standardisierte Kurprotokolle

Keraliya Panchakarma

  • Primärfokus: Linderung (Shamana)
  • Aufbauende Maßnahmen (Brmhana)
  • Dosha-Therapie über die Haut, Muskeln, Gelenke
  • Ölungen und Hitzeapplikationen sind Kerntherapie
  • Umfangreicher Einsatz von Medikationen
  • Panchakarma wird nicht als Vorbereitung angesehen
  • Therapien beziehen sich auf spezilelle Krankheiten
  • Komplett individualisierte Kurprotokolle

Vereinfacht lassen sich die Unterschiede so ausdrücken:

  • Klassisches Panchakarma ist eine INSIDE-OUT-Therapie und eliminiert innere Rückstände.
  • Keraliya Panchakarma ist eine OUTSIDE-IN-Therapie und nimmt von außen Einfluss auf das Innere.

Keines ist besser oder schlechter, die Frage lautet: wer braucht was?

  • Das Keraliya Panchakarma ist für jede Konstitution geeignet und geht individuell auf die gesundheitlichen Bedürfnisse des Gastes ein. Dafür ist der Ausleitungseffekt geringer.
  • Das klassische Panchakarma benötigt vor Kurantritt eine umfangreiche Diagnostik zur Eignungsprüfung. Der Ausleitungseffekt ist größer, kostet aber auch mehr Kraft.

Während der Fokus im klassischen Panchakarma auf den fünf Ausleitungen liegt, werden im Keraliya Panchakarma zahlreiche Therapien empfohlen – die wichtigsten sind Güsse über die Stirn (Shirodhara), Ganzkörpergüsse (Kayaseka), Bolusmassagen (Pindasveda) und Kräuterauflagen (Lepa). Der Begriff „Pancha Karma“ hat somit in Kerala eher eine symbolische Bedeutung.

Keraliya Panchakarma hat maßgeblich den Sri Lanka Ayurveda beeinflusst. Dort werden zudem oft hydrotherapeutische Verfahren wie Kräuterbäder integriert.

Panchakarma in Europa

Die meisten Kurangebote in Europa stellen Kombinationen aus dem klassischen und dem Keraliya Panchakarma dar. Der Vorwurf, europäische Anbieter würden mehr auf wirtschaftlichen „Wellness“ setzen und weniger klassisch arbeiten, ist heute nicht mehr haltbar. Im Gegenteil: Europa wird immer klassischer und es lässt sich ein deutlicher Wellness-Trend in den Kur-Hochburgen Südindiens und Sri Lankas verzeichnen.

Die wesentlichen Unterschiede können Sie nachfolgend entnehmen:

Vergleich: 5 Vorteile von Panchakarma in Europa

Vergleich: 5 Vorteile von Panchakarma in Asien

Aus 5 mach‘ 3?

Die Hauptkur im klassischen Panchakarma benötigt etwa einen Monat Zeit. „Ein ganzer Monat? Das kann ich mir nicht leisten, so viel Urlaub bekomme ich auch gar nicht an einem Stück.“ Diese Aussage von Kurinteressierten kennt jeder Kuranbieter.

Die Folge: „Panchakarma“ wird heute in 3 Wochen, 2 Wochen und 10 Tagen angeboten. Die Krönung stellt ein 5-Tage-Intensivprogramm aus den USA dar…

Ist das möglich?

Streng genommen heißt Pancha „5“ – wo 5 drauf steht, muss auch 5 drin sein. Medizinisch betrachtet stellt sich jedoch die Frage, wie viele der 5 Ausleitungsverfahren erforderlich sind, um eine systemische Reinigung unseres Körpers zu erreichen. Und hier gilt die mathematische Mehrheitsregel: 3 ist mehr als die Hälfte. Häufig werden die Ausleitungen 1 (Magenspülung) und 5 (Blutreinigung) aus einem Kurprotokoll gestrichen.

Für die drei Ausleitungen, wir könnten sie „Trikarma“ nennen, benötigen Sie in der Hauptkur etwa drei Wochen. Das ist organisatorisch schon wesentlich realistischer planbar.

Fallbeispiel

Eine 45-jährige Unternehmerin sucht meine damalige Kurklinik auf mit dem Wunsch nach einer Panchakarma Kur. Sie fühlt sich urlaubsreif und möchte in diesem Jahr etwas für die Gesundheit tun. Ihre Beschwerden umfassen chronische Rückenschmerzen nach zwei Bandscheibenvorfällen vor drei Jahren, chronische Verstopfung seit zehn Jahren, Durchschlafstörungen seit etwa sechs Monaten und eine erhöhte Infektanfälligkeit mit regelmäßigen Nasennebenhöhlenentzündungen seit der Kindheit.

„Ich dachte an 10 Tage Kur bei Ihnen und möchte danach noch eine Woche auf die Kanaren fliegen.“ So präsentierte sie ihre Urlaubsplanung für den goldenen Oktober. Ich erläuterte ihr, dass weder in 10 Tagen eine nachhaltig wirkungsvolle Panchakarma Kur durchführbar, noch im Anschluss eine Flugreise auf windige Inseln empfehlenswert sei. Somit entschloss sie sich, die drei Wochen Urlaub gänzlich Ihrer Gesundheit zu widmen und stimmte den Kurplan rechterhand zu.

Vorbereitend startete sie drei Wochen vor Hauptkurbeginn mit einer Ernährungsumstellung und Verdauungskorrektur durch Einsatz pflanzlicher Ayurveda Produkte. Nach der Kur stellten wir einen zweiwöchigen Aufbauplan zusammen. Das Ergebnis war überzeugend: „Ich fühle mich wie neu geboren“, waren ihre Worte in der Abschlusskonsultation.

Ihre Rückenschmerzen gehörten bereits nach 10 Tagen der Vergangenheit an, die Stuhlentleerung funktionierte reibungslos und nach anfänglicher Verschlimmerung der Schlafstörungen konnte sie in der letzten Kurwoche schlafen „wie seit Jahren nicht mehr“.

Noch während der Kur restrukturierte sie ihre Firma, um künftig mehr Zeit für Muße zu haben – und sie reservierte sich schon ein Zeitfenster für ihre nächste Kur im Folgejahr.

Die ganzheitliche Dimension

Panchakarma zählt zweifelsfrei zu den körperlichen Therapiemaßnahmen im Ayurveda und ist therapeutische Handwerksarbeit. Zahlreiche Kurgäste, insbesondere Europäer, beschreiben darüber hinaus außergewöhnliche Erfahrungen mentaler Art. Wie ist das möglich?

Aus ayurvedischer Sicht beeinflusst nicht nur der Geist unseren Körper, sondern auch umgekehrt: Eine Veränderung im Körper wirkt rückkoppelnd über die Sinne und das Nervensystem auf den Geisteszustand. Für uns Europäer ist eine Panchakarma Kur mit intensiven körperlichen, psychischen und spirituellen Erfahrungen verbunden.

Das Gefühl nach einer intensiven inneren Reinigung ist unbeschreiblich – man erfährt die Kraft der Leere, Klarheit und Leichtigkeit. Panchakarma ist eine wahre Königsdisziplin im Ayurveda. Wer es kennt, weiß wovon ich spreche. Wer es nicht kennt, hat die freie Wahl etwas Einzigartiges kennenzulernen. Mit dieser speziellen Erfahrung hat der nächsten Urlaub mehr Sinn und Tiefgang – zudem macht man aktiv etwas für die Gesundheit – Sie werden es nicht bereuen!

Beispiel für ein Kurprotokoll von 3 Wochen

Ayurveda Journal 37 · Seite 18 – 25

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