Wer schon einmal eine traditionelle Ayurveda-Anwendung in Form einer Abhyanga (Ganzkörperölmassage) oder eines Shirodhara (Stirnguss) genossen hat, erinnert sich
sofort an den besonderen und sehr eigenen Geruch ayurvedischer Behandlungsöle, der von erdig-dumpf bis würzig-ätherisch reichen kann. Als wesentlicher Bestandteil ayurvedischer Panchakarma-Kuren und ambulanter Ayurveda-Therapie sind sie unersetzbar, da sie auf jahrhundertealten Rezepturen mit bis zu 50 verschiedenen Inhaltsstoffen basieren. Ihre ausgefeilte Herstellung und differenzierte Anwendung ist ein einzigartiger Aspekt des Ayurveda.

Die Herstellung ayurvedischer Öle

Besuchen wir in Indien Produktionsstätten dieser Kräuteröle, so sehen wir Unmengen an getrockneten und frischen Pflanzen, die manuell und maschinell zerkleinert, gerieben, entsaftet und gerührt werden. Hinzu kommen verschiedenste Kanister mit fettigen Trägersubstanzen wie Ghee, Sesam-, Rizinus-, Senf- oder Kokosöl und Milch. In riesigen Kochtöpfen brodeln in einem langen (oft mehrtägigen) Koch- und Rührprozess ein oder mehrere Basisöle mit einem Kräuterdekokt (Kvatha) und einer Pflanzenpaste (Kalka).

Eine wesentliche Eigenschaft der ayurvedischen Ölherstellung ist, dass die Drogen fast nie (es gibt ganz wenige Ausnahmen) in Ghee oder Öl direkt erhitzt werden, was sämtliche Wirkstoffe sofort zerstören würde.

Für die Produktion von einem Liter ayurvedischem
Kräuteröl gilt daher allgemein folgende Formel: 16 Liter Wasser werden mit einem Kilogramm Kräuter auf ein Viertel der Flüssigkeitsmenge heruntergekocht. Diese vier Liter Dekokt werden abgefiltert und mit einem Liter Öl und 250 Gramm Pflanzenpaste (inklusive weiteren Zugaben wie z. B. Milch, Buttermilch, Frischpflanzensaft) so lange schonend bei 95 bis 99 Grad gekocht, bis keine Flüssigkeit mehr im Öl ist.

Wichtig für die Herstellung eines ayurvedischen Öls ist dabei das Vorgehen nach traditionell überlieferten Rezepturen, die genau angeben, zu welchem Zeitpunkt Pflanzenpaste, Dekokt, Milch oder Frischpflanzensaft dem Öl hinzugegeben werden. Nur so kann das Ayurveda-Öl seine volle Wirksamkeit entfalten. Je mehr Inhaltsstoffe ein Öl enthält, desto aufwendiger ist seine Herstellung.

Die Alchemie des Herstellungsprozesses

Ähnlich dem alchemistischen Prozess der homöopathischen und anthroposophischen Arzneimittelherstellung (Potenzierung und Dynamisierung von Substanzen durch Verdünnen, Verreiben und Verschütteln) werden auch im Ayurveda die Eigenschaften und Wirkungen
von pflanzlichen, mineralischen und tierischen Substanzen durch Erhitzen und Rhythmisierung verändert. Einige Ayurveda-Öle gibt es sogar in den unterschiedlichen Potenzierungen, bei denen der Herstellungsprozess mit bereits fertig hergestelltem Öl und immer wieder frischen Zutaten 7-, 14-, 21-, 41- oder 101-mal wiederholt wurde. Diese zeitaufwendige Poten-zierung, die bis zu sechs Monate benötigen kann, bringt ein dickflüssiges Konzentrat hervor, das nur in kleinen Mengen angewendet wird.

Die Energetik ayuvedischer Öle und Fette

Ayurvedische Öle bestehen aus einer reichhaltigen Palette pflanzlicher, mineralischer und tierischer Drogen und fettigen Trägersubstanzen, wobei das Geheimnis hier in der speziellen Kombination der Substanzen liegt. Bis heute sind diese traditionellen Rezepturen zum Beispiel als Mahanarayana-, Dhanvantaram-, Ksheerabala-, Sahacharadi- oder Murivenna-Öl bekannt.
In den ayurvedischen Klassikern wie der Ashtanga Hridaya und der Charaka Samhita sind bereits die bis heute verwendeten Sesam-, Rizinus-, und Senföle, aber auch tierische Fette wie Ghee, Milch, Sahne und Butter erwähnt.

Öle auf Sesamölbasis

Gereiftes (erhitztes) Sesamöl ist wegen seiner sehr guten Gewebe-Penetrationsfähigkeit das gängigste Basisöl ayurvedischer Massageöle, weswegen diese auch Thailam (Tila = Sesamsamen) heißen.

Sesamöl besitzt für sich genommen eine erwärmende und nährende
Wirkung, nimmt aber im Herstellungsprozess die jeweilige Energetik der Wirksubstanzen an, sodass es als Basis sowohl erwärmender Öle wie Narayanam-Thailam als auch kühlender Öle wie Jatyadi-Thailam dient. Kräuteröle auf Senfölbasis, wie zum Beispiel Shulahara-Thailam, gelten als erhitzend, tief in die Gewebeschichten eindringend und werden bei Schmerzen
und Kapha-Störungen angewandt.

Öle auf Kokosölbasis

Kräuteröle auf Kokosbasis wirken kühlend und nährend und werden als Keram (Kera = Kokosnusspalme) vor allen Dingen in Kerala eingesetzt. Eines der bekanntesten ayurvedischen Öle auf Kokosölbasis ist das Murivenna-Keram, welches äußerlich als kühlendes, lokales Notfallöl angewendet wird. Die Verbindung von stark erhitzenden
Kräutern wie Zwiebel, Betelpfeffer, Moringa mit kühlenden Pflanzen wie Aloe Vera und Kokos schaffen hier ein besonderes Öl.

Weitere Komponenten

Öle, die neben Sesamöl und Ghee auch noch Rizinusöl enthalten, nennen sich Kuzhambu und werden nur in Kerala entsprechend den Rezepturen der ayurvedischen Klassiker verwendet. Sie wirken vor allem stark nährend auf das Gewebe und helfen daher bei Auszehrung und Gewebemangel. Ein auf Rizinusöl basierendes Öl ist zum Beispiel auch das knallrote Pindaöl mit der Färberwurzel (Manjistha) als Inhaltsstoff, welches bei Pittaproblematiken eingesetzt wird.

Mediziniertes Ghee

Kräuter-Ghee (mit Kräutern angereichertes Butterreinfett) ist eine spezielle Errungenschaft des Ayurveda, welche vor allem in Kräuterzubereitungen für die innere Anwendung genutzt wird. Neben seiner reinigenden und zugleich nährenden und kühlenden Wirkung assimiliert es die Eigenschaften anderer Substanzen, ohne seine eigene Wirkung aufzugeben. Es wird gerne als Transportmedium vor allem für (nerven-) tonisierende Kräuter verwendet. Ein bekanntes
Beispiel ist hier die nährende Nasenölung mit Brahmi-Ghee bei Vata-Problematiken und mentalem Rajas. Eine weitere Maßnahme ist die äußere Augenbehandlung mit Triphala Ghrita, wobei die Augen in Ghee gebadet werden, um sie zu kühlen und zu klären.

Der sytemische Einsatz von Ölen im Ayurveda

Der Einsatz medizinierter Fette ist in der ayurvedischen Manualtherapie und den Pancha-karmakuren ein wesentlicher Bestandteil.

Ayurvedische äußere Ölungen, ob Massage, Stirnguss, Körperguss oder äußerer Öleinlauf auf Rücken, Knie oder Herzregion, werden immer mit warmem Kräuteröl durchgeführt, um durch die Kombination von Druck/Berührung, Massagetechnik, Wärme und Ayurvedaöl einen synergistischen Heileffekt zu erzielen. Bei der Massage sollte jeder Bereich des Körpers
für mindestens fünf Minuten behandelt werden, damit das Öl mit den Wirkstoffen alle sieben Körpergewebe durchdringen kann. Vor jeder innerlichen wie äußerlichen Behandlung mit ayurvedischen Ölen sollte mithilfe von stoffwechselanregenden Kräutern ein gut funktionierendes Agni hergestellt, Ama mit speziellen Kräutern eliminiert, Kapha reduziert und die Körperkanäle (Srotas) gereinigt werden. Erst dann ist unser Organismus in der Lage, das extern oder intern zugeführte Öl aufzunehmen und zu verarbeiten. Eine Kapha-Konstitution,
die bereits über wichtige Eigenschaften des Öls wie Schwere und Öligkeit und in der Regel über ein eher schwaches Agni verfügt, kann durch Ölbehandlungen noch schwerer und träger werden. Eine Pitta-Störung wird durch Ölanwendungen im Allgemeinen erhöht, wenn es sich nicht um kühlende Öle wie beispielsweise Jatyadi-, Ksheerabala- oder Pindaöl handelt. Vata-Störungen des Bewegungs- und Nervensystems dagegen sind am besten über medizinierte Öle behandelbar, die erwärmend, nährend und beruhigend sind.

Wichtige Voraussetzung für den Einsatz ayurvedischer Öle und jeglicher Ayurvedatherapie ist jedoch immer eine professionelle ayurvedische Anamnese und Diagnose, die den individuellen Gesundheitszustand des Menschen feststellt. Dann können die richtigen Öle ausgewählt und eingesetzt werden, die dem Menschen Gutes tun und seine Gesundheit fördern.

Erschienen im Ayurveda Journal 57

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Eva Maack ist Kulturwissenschaftlerin und Heilpraktikerin für Ayurveda, Phytotherapie und Homöopathie. Sie ist seit 13 Jahren in Berlin tätig und bietet in ihrer Naturheilpraxis auch ayurvedische Kuren, astrologische Lebensberatung, stille Meditation sowie regelmäßige Workshops an.