Organe aus ayurvedischer Sicht

Atem ist Lebensenergie. Das Leben beginnt mit dem ersten Atemzug und endet mit dem
letzten. Dazwischen liegen nach 100 Lebensjahren etwa 788 Millionen Atemzüge und 500 Millionen Liter Luft. Unsere äußere Atmung erfolgt als Lungenatmung über Mund und Nase, die innere Atmung (Zellatmung) dient der Energiegewinnung.

Diese Energie wird im Ayurveda Prana genannt. Prana (Atemenergie) ist eine unserer drei Energiequellen, die anderen beiden sind Tejas (Lichtenergie) und Ojas (Nahrungsenergie).

Organe stehen in der westlichen Medizin diagnostisch und therapeutisch im Mittelpunkt. Nicht so im Ayurveda, der Gesundheit als Folge eines ausgewogenen Milieus, in dem alle Funktions-kräfte optimal arbeiten können, versteht. Organstörungen sind vorrangig die Folge eines pathologisch veränderten Milieus.

Die Organisationsebenen des Lebens

Aus westlicher Sicht bestehen unsere Organe aus mehreren Geweben, die wiederum aus Zellverbänden aufgebaut werden. Mehrere Organe, die funktionell zusammenarbeiten,
bilden ein Organsystem – und alle Organsysteme kreieren unseren Organismus.

Im Ayurveda wird der Körper als der aus einer Kombination von fünf Elementen bestehende Sitz des Bewusstseins definiert. Er wird anatomisch und physiologisch in Strukturen und Funktionen unterteilt.

Zu den Strukturen zählen:

  • Dhatu – Hauptgewebe: Nährsaft, Blut, Fleisch, Fett, Knochen, Mark und Fortpflanzungs-gewebe
  • Upadhatu – Nebengewebe: Muttermilch, Menstruationsblut, Blutgefäße, Sehnen, Haut, Muskelfett, Bänder und Gelenke
  • Mala – Ausscheidungsprodukte: Stuhl, Urin, Galle, Schleim, Abfall äußerer Körperhöhlen, Schweiß, Haare, Nägel und schmierige Sekrete
  • Srotas – Zirkulationsbahnen: drei Transportkanäle für Atem, Wasser und Nahrung; sieben Kanäle zur Versorgung der Hauptgewebe; drei Kanäle zur Entsorgung von Urin, Stuhl und Schweiß; zwei weibliche Kanäle zum Transport von Muttermilch und Menstruationsblut sowie ein Kanal für geistige Funktionen

Als Funktionen gelten:

  • Doshas: Vata (bewegendes Prinzip), Pitta (thermisches Prinzip) und Kapha (strukturelles Prinzip)
  • Agni: das „Zentralfeuer“ für die Verdauung im Magen-Darm-Trakt, fünf „Elementfeuer“ zur Umwandlung fremder in körpereigene Substanzen und sieben „Gewebefeuer“ zur Aufrechterhaltung unserer Haupt- und Nebengewebe. Organe und ihre Funktionen werden anhand dieser Klassifikation beschrieben.

Unser Lebenswichtiges Atmungsorgan

Die Lunge dient dem Gasaustausch durch Aufnahme von Sauerstoff und Abgabe von Kohlendioxid. Das paarig angelegte Organ beginnt in der Brusthöhle seitlich der Luftröhre und verzweigt sich als Bronchialbaum in über eine Million immer feiner werdende Äste, die letztlich in die Lungenbläschen münden. Im Unterschied zum Herzen besitzt die Lunge keine eigene Muskulatur und ist auf das Zwerchfell, die Zwischenrippenmuskulatur und weitere Atemhilfs-muskeln angewiesen. Bei der aktiven Einatmung wird das Brustraumvolumen verändert:
Der Brustkorb hebt sich, das Zwerchfell senkt sich und Luft kann einströmen.

Gesunde Atemwege durch bewusstes Atmen

Für die Energiegewinnung von Prana aus der Atemluft ist unsere Beweglichkeit im Brust- und
Bauchraum von großer Bedeutung. Diese lässt sich durch die tägliche Praxis von Yoga und gezielten Atemübungen optimieren. An unserer Lunge wird die sinnvolle Verbindung von Ayurveda und Yoga besonders deutlich.

Während einer Konsultation beobachte ich stets die Atmung meiner Klienten. Sie drückt ihren aktuellen körperlichen und geistigen Zustand aus. Prana verbindet Körper und Geist. Unser Geist beeinflusst unbewusst über die Atmung unseren Körper und wir können durch bewusstes Atmen unseren psychischen Zustand beeinflussen.

Hierzu ein paar zentrale Empfehlungen:

  • Lernen Sie, Ihre Atmung zunächst unbeeinflusst zu beobachten.
  • Legen Sie eine Hand auf den Bauch und die andere auf die Brust. Atmen Sie nun getrennt
    in den Bauch- und Brustraum ein und aus. Verbinden Sie schließlich beide Räume miteinander.
  • Atmen Sie sanft und liebevoll, weich und rund, ohne Druck, ohne Pressen, ohne Leistung,
    ohne Wollen. Bewusstes Atmen ist eine Form der Meditation.
  • Intensivieren Sie allmählich die Atemtiefe und verlangsamen Sie die Atemfrequenz.
  • Verlängern Sie die Ausatmung und legen Sie nach dem Ausatmen eine kurze Atempause
    ein. Ein optimales Verhältnis in Ruhe ist 4:5:1 – vier Sekunden ein, fünf Sekunden aus,
    eine Sekunde Pause.
  • Bevorzugen Sie die Nasenatmung, durch die unsere Atemluft befeuchtet, erwärmt und gereinigt wird. Nasenatmung erhöht die Sauerstoffaufnahme und aktiviert den wichtigen
    Parasympathikus, unsere „Bremse“ im vegetativen Nervensystem.

Lungenerkrankungen im Ayurveda

Die beiden wichtigsten Erkrankungen der unteren Atemwege werden im Ayurveda Shvasa und
Kasa Roga genannt.

Shvasa bedeutet Atemnot und beschreibt den Zustand einer Blockade. Die im Westen bekannteste Shvasa-Krankheit ist das Asthma bronchiale. Kasa sind Hustensyndrome
und stellen einen Reizzustand dar. Der bekannteste Kasa-Vertreter ist die Bronchitis. Kasa
und Shvasa können getrennt oder kombiniert vorliegen.

Lungenerkrankungen entstehen durch Störungen von Vata und Kapha Dosha, Schleim und Agnischwäche:

  • Kapha und Schleim fördern Blockaden in den Kanälen mit der Folge von Atemnot.
  • Vata kann nicht mehr regelrecht zirkulieren und bewegt sich in falsche Richtungen, erzeugt Hustenreiz, Krämpfe oder psychosomatisch bedingte Hyperventilation.
  • Ein schwaches Agni führt zur Ansammlung von Feuchtigkeit und Entstehung von Schleim, der die Atemwege verlegt.

Ein Sprichwort der chinesischen Medizin lautet:
„Schleim entsteht im Magen und wird gespeichert in den Lungen“. Dieser Gedanke lässt sich auf den Ayurveda übertragen. Vor allem der übermäßige Konsum Kapha erhöhender Nahrung wie Milchprodukte, Süßspeisen, Fleisch, frisch gemahlenes Getreide oder Frischobst kann die Schleimbildung begünstigen. Schleim ist ein Schlaraffenland für Viren und Bakterien, die aus westlicher Sicht für akute Atemwegserkrankungen verantwortlich sind.

Jede Therapie von Lungenerkrankungen beginnt mit einer bedarfsgemäßen Ernährungsumstellung und Änderung eines Prana beeinträchtigenden Lebensstils.
Hierzu zählen vor allem die Schlafhygiene, tägliche Bewegung, Raumluftoptimierung und der gesunde Wechsel von An- und Entspannung.

Nahrungsergänzungen für gesunde Atemwege

Durch den sinnvollen Einsatz ayurvedischer Nahrungsergänzungen lassen sich viele Atemwegsstörungen präventiv vermeiden oder positiv beeinflussen.

Die fünf wichtigsten Heilpflanzen sind:

  • Pippali (Piper longum): schleimauswurffördernd und regenerativ
  • Tulsi (Ocimum sanctum): hustenreizlindernd
  • Bibhitaki (Terminalia bellirica): reduziert überschüssiges Kapha
  • Vasa (Adhatoda vasica): weitet die Bronchien und erleichtert die Atmung
  • Yashtimadhu (Glycyrrhiza glabra): schleimverflüssigend

Fünf traditionelle Kräutermischungen sind:

  • Trikatu: Die Kombination von schwarzem und Langem Pfeffer sowie trockenem Ingwer wirkt auswurffördernd und stärkt das Agni auf allen Ebenen.
  • Sitopaladi: Die Kombination von Sharkara (ayurvedischer Rohrzucker), Bambus, Pippali, Kardamom und Zimt wird bei Husten und Schwäche empfohlen.
  • Chyavanprash: Der tägliche Verzehr stärkt Prana und unterstützt die Infektabwehr.
  • Dashamula: Die zehn Wurzeln stärken Prana und reduzieren Vata.
  • Vasakasava: Das Elixier auf Basis von Vasa erleichtert die Atmung.

Neben Tipps zur Ernährung, zum Lebensstil und Empfehlungen für Nahrungsergänzungen kommen auch Kurverfahren wie Panchakarma bei Atemwegsstörungen erfolgreich zum Einsatz.

Zum Abschluss liegt mir noch einmal besonders am Herzen, auf die Verbindung von Körper, Sinnen und Geist über unsere Atmung aufmerksam zu machen. Prana ist viel mehr als Sauerstoff aus Atemluft. Legen Sie jetzt, nach dem Lesen meines Beitrages das Ayurveda Journal für einen Moment zur Seite, richten Sie Ihren Oberkörper auf, schließen Sie die Augen und lauschen Sie Ihrer Atmung. Vertrauen Sie Prana, es erhält Sie am Leben.

Erschienen im Ayurveda Journal 57

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