Charakter und Epigenetik – Teil 2

Ein Hund und ein Esel lebten im gleichen Haushalt. Eines nachts entdeckte der Hund Einbrecher und bellte so laut, dass die Bewohner aufwachten und die Diebe vertrieben. Der Hund bekam viel Lob, was den Esel eifersüchtig machte. „Ich kann das auch“, war er überzeugt und hielt jede Nacht Wache. In einer ruhigen Nacht entdeckte er Diebe und brüllte lauthals. Die Bewohner wachten auf und warfen verärgert Knüppel nach dem Lärmver-ursacher. „Das ist nicht fair“, denkt der Esel und mit ihm die Verfechter des Gleichheitsprinzips. Die Realität lehrt uns ein anderes.

Wie im letzten Artikel ausgeführt, ist die Grundpersönlichkeit durch epigenetische Veranlagungen bei Geburt vorgegeben. Davon ausgehend sind jedoch Veränderungen möglich, im Positiven wie im Negativen. So ist heute auch aus der Wissenschaft bekannt,
dass Lifestyle-Faktoren und aktuelle Umwelteinflüsse (Diät, Rauchen, Alkohol, Stress und Umweltgifte) unsere Gesundheit und Langlebigkeit bis zu 50 % positiv oder negativ beeinflussen können, vermittelt durch epigenetische Mechanismen.

Ausgangspunkt für jede Veränderung bleibt immer die charakterliche Grundkonstitution. Je höher der Sattva-Anteil hier ist, umso leichter ist eine Entwicklung in Richtung Sattva (Klarheit, Mitgefühl, Ausgeglichenheit). Grundsätzlich ist das aber für alle Typen möglich. Umgekehrt ist eine Entwicklung in Richtung Rajas (Intoleranz, Aktionismus) und Tamas (Desinteresse, Trägheit) für alle möglich. Aus gesundheitlicher Sicht ist nur eine Entwicklung, nämlich von Tamas und Rajas in Richtung Sattva sinnvoll. Denn diese wirkt sich unmittelbar positiv auf die geistige wie körperliche Verfassung aus. In der Ayurveda-Medizin und -Therapie spielt der Faktor Sattva eine gewichtige Rolle und wird bei allen Maßnahmen eingesetzt. Das
fängt bei Intention und Lebensstil des Personals, den Therapieräumen, der Küche, bei der Herstellung und Auswahl der Heilmittel an und hört eigentlich nie auf.

Sie können Ihr Sattva auch in jeder Lebenssituation verbessern. Das führt direkt zu Aufhellung Ihrer Stimmung, also zu mehr Lebensfreude, Glücksempfinden wie auch körperlicher Immunkraft.

Der Klassiker Caraka meint dazu:

„Es gibt drei Arten von Stärke (Immunität):

  • (a) die konstitutionelle, charakterliche wie körperliche,
  • (b) die zeitweilige, bedingt durch Faktoren wie Alter, Jahreszeiten, Umgebung, sowie
  • (c) die angeeignete, beeinflusst durch Ernährung, Lebensstil und Bewusstseinsbildung.“

Das ist das Werkzeug, mit dessen Hilfe Sie Ihr Leben zum Besseren wenden können. Eine passende Beschreibung für den Effekt von mentaler Stärke finden wir beim anderen Klassiker, Sushruta:

„Mentale Stärke (Sattva) sorgt für emotionale Ausgeglichenheit im grössten Luxus wie bei katastrophalen Umständen. Eine von Sattva geprägte Person kann jede Lebenssituation meistern, eine von Rajas geprägter Mensch kann nur mithilfe anderer zurechtkommen,
und eine von Tamas geprägte Person kommt in keiner Situation zurecht.“

Mit den folgenden Massnahmen können Sie in allen Lebenssituationen Ihr Sattva verbessern.

Umgebung / Umwelt

Leben umgeben von intakter Natur fördert Sattva, die hektische Grossstadt Rajas und zerstörte Lebensräume Tamas. Ähnliches gilt für Ihr Haus, Ihre Wohnung oder Ihr Zimmer. Die vedische Lehre vom gesunden Bauen und Wohnen, Vastu, unterstützt Sie dabei, Ihren Lebensraum nicht nur auf individuelle Bedürfnisse anzupassen, sondern auch darauf, wie Sie eine möglichst hohe Sattva-Energie in Ihren Lebensräumen schaffen können. Prana, der Lebensatem, und Jhiva, die Lebenskraft, treffen im Nordosten auf ein Grundstück, Gebäude oder Zimmer. Wenn sich dort keine Öffnungen befinden, werden sie abgeblockt. Das Gleiche gilt, wenn der Nordostquadrant zugemüllt oder mit schweren Möbeln verstellt ist. Der Nordosten birgt immer die höchste Lebensenergie und damit auch das Sattva. Halten Sie diese Ecke möglichst frei. Dort sollte Ihre Meditationsecke liegen, wo Sie frische Sattva-Energie tanken können. Räuchern und andere Opferhandlungen verstärken diese positive Wirkung.

Ernährung

Nahrungsmittel, welche den pflanzlichen oder tierischen Lieferanten nicht zerstören, bieten den höchsten Sattva-Anteil. Wenn Sie einen Apfel oder eine Mandel essen, stirbt der Baum deswegen nicht. Wenn Sie eine Kartoffel aus der Erde ziehen, bedeutet dies das Ende für dieses Pflanzenwesen. Wenn Tiere überschüssige Milch oder Bienen einen Teil ihres Honigs liefern, so entsteht ihnen kein Schaden. So funktioniert das Prinzip von Sattva. Natürlich wird die eben genannte Kartoffel immer noch mehr Sattva-Anteile aufweisen als Fleisch oder Fisch. Naturbelassene Nahrungsmittel, die täglich frisch zubereitet werden, erhöhen den Sattva-Effekt. Bei einer Ayurveda-Kur beobachten wir immer wieder, wie die Gesichter der Gäste auf
Grund der sattvischen Ernährung schon nach wenigen Tagen aufhellen, sie strahlen förmlich. Industrielle Nahrung (Convenience-Food) hingegen sorgt für eine Zunahme von Tamas, und damit Desinteresse und Trägheit, oder Rajas und so zu Spannungs- und Unruhezuständen.

Lifestyle

Ein Lebensstil auf Kosten anderer bewirkt Rajas und Tamas im ganzen Organismus. Durch einen bewussten, aber nicht fanatischen Umgang mit unserem sozialen Umfeld und der Natur eignen wir uns Sattva-Anteile an. Es geht nicht an, dass wir die Menschen, die wir am meisten lieben, verletzen. Auch ein selbstzerstörerischer Umgang vermindert Sattva. Damit sind wir bei den Genussmitteln angelangt. Ihr Konsum sollte immer in ein Ritual gebettet sein. So entsteht ein Bewusstsein und damit auch die Selbstverantwortung oder der Selbstschutz. Zum Beispiel sollte das Rauchen nur nach einem guten Essen, in einem dafür geeigneten
Raum, in guter Gesellschaft und Stimmung und ohne schlechtes Gewissen erfolgen. Das minimiert den gesundheitlichen Schaden, führt zu weniger Konsum und befreit von Abhängigkeit. Damit wird dieses Genussmittel vielleicht schon bald überflüssig. Sportliche
Aktivitäten sollten der körperlichen Konstitution und Neigung entsprechen. Den inneren Schweinehund zu bekämpfen, ist sicher keine Sattva erhöhende Aktivität, der liebevolle Umgang mit sich selbst dagegen ist eine.

Yoga & Moksha

„Alle Leiden können mittels Yoga und Moksha ausgelöscht werden. Die völlige Abwesenheit von Leid wird Moksha genannt und Moskha kann durch den Prozess von Yoga erreicht werden,“ sagt Caraka und fügt hinzu: „All das kann mittels ständiger Erinnerung daran erreicht werden, dass unsere Seele eigentlich nichts mit unserem Körper zu tun hat.“ Das ist
eine starke Ansage, die wohl in keinem anderen medizinischen Lehrbuch zu finden ist. Yoga ist eine kritische Wissenschaft. Sie fördert das emanzipatorische Erkenntnisinteresse und befreit die Praktizierenden von der Herrschaft gesellschaftlicher und technischer Manipulation. Yoga kann laut Vedanta-Philosophie verschiedene Wege hin zur spirituellen Emanzipation (Moksha) umfassen: Dhyana Yoga ist der Weg der ungetrübten Meditation; Jnana Yoga führt mittels Aneignung von spirituellem Wissen zur Erkenntnis, Karma Yoga über selbstloses Handeln und Bhakti Yoga mittels hingebungsvoller Liebe. Die Türen zum Yoga-Prozess sind also weit offen und können optimal auf die eigenen Stärken und Vorlieben angepasst werden.

Diese vier wirksamen Maßnahmengruppen ermöglichen Ihnen, teils sogar schon wissenschaftlich gestützt, im Rahmen der vorgegebenen Strukturen, d. h. der körperlichen und Persönlichkeitskonstitution, eine positive Veränderung in Richtung Sattva. Diese Entwicklung unseres Selbst stellt, nach Ayurveda und Yoga, den eigentlichen Sinn des menschlichen Daseins (Dharma) dar, schafft inneren Frieden, Glück und Zufriedenheit.

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Erschienen im Ayurveda Journal 59

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Das Ayurveda Journal beschäftigt sich in dieser Ausgabe als Titelthema mit dem Schwerpunkt „Ayurveda Traumziel Sri Lanka“.

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Hans H. Rhyner
Hans H. Rhyner gilt international als Experte für Ayurveda. Er lebte 25 Jahre in Indien und praktizierte dort in seiner eigenen Klinik in Bangalore. Er blickt auf 40 Jahre klinische Erfahrung zurück, die er insbesondere im Bereich Diagnostik, Panchakarma und ayurvedische Heilmittelkunde einsetzt. Er ist in seiner Praxis in Teufen, im Ayurveda Parkschlösschen Bad Wildstein und in Wien tätig. www.ayurveda-rhyner.com, Institut in Wien: Naglergasse 3, 1010 Wien