Gesund Wohnen war auch im alten Indien schon Trend

Die Weisen Indiens wussten es schon: Räume, in denen wir leben, schlafen und arbeiten, beeinflussen unsere Gesundheit und Lebensqualität! Heute denken wir bei diesen Worten vornehmlich an gesunde Baustoffe, an nicht vorhandenen Elektrosmog oder versteckte Raumgifte, und wir denken an eine Architektur, die sowohl Licht und Offenheit signalisiert, aber auch eine Einrichtung, die Gemütlichkeit ausstrahlt und zur Entspannung einlädt.

Was genau ist nun das Besondere an der traditionellen Baukunst des alten Indien? Was daran ist logisch Architektur-Wissenschaft und was daran doch eher nur esoterischer Glaube.

Das Wort Vastu bedeutet “der Ort eines Gebäudes” und Shastra etwa soviel wie “Gesetzmäßigkeit”, Vastu-Shastra können wir somit als die “Lehre von Architektur und Raum” übersetzen. Die Gelehrten der vedischen Hochkultur studierten intensiv ihre Umgebung, die Natur und den Kosmos. Dabei entdeckten sie kosmische Gesetzmäßigkeiten, die daraufhin beim Bau von Tempeln, Häusern, Wohngebäuden oder Geschäftsräumen Anwendung fanden, um dem Menschen größtmöglichen Nutzen zu bieten. Sie begründeten eine Bautradition, die später beeindruckende Zeugnisse unter Einbeziehung dieser Gesetzmäßigkeiten hervorbrachte. So finden wir erhaltene Denkmäler u.a. in der Gupta Periode Indiens (300 – 600 nach Chr.) sowie der Vijayanagar Periode (1336 bis 1646 n. Chr.).

Die Erkenntnisse dieser vedischen Wissenschaft basieren auf der Ausbalancierung der fünf Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum) und der Einsicht, dass der Mensch sich um so besser fühlt, je intakter die Harmonie zwischen ihm und seiner natürlichen Umgebung ist. Während der Periode des Buddhismus trugen die Mönche diese Tradition nach China, wo es ähnlich, aber unter Einbeziehung spezieller lokaler Gegebenheiten unter dem Namen FengShui weiterentwickelt wurde.

Der Einfluss von Magnetfeldern

Im Vastu-Shastra finden wir verstärkt naturwissenschaftliche Bezüge, welche das Regelwerk weg vom Mystizismus hin zu einer Ganzheitswissenschaft führen. Ein grundlegendes Thema ist z.B. der Einfluss des Magnetismus auf den Raumkörper und das benutzte Baumaterial, aus welchem sich einige wichtige Prinzipien des Vastu erklären. Die Magnetfeldtherapie kann effektiv heilen und auch in der Tierwelt spielen die magnetischen Wellen, die permanent von Nord nach Süd fließen, eine entscheidende Rolle. Denken wir nur an die Zugvögel, welche dieser Informationen zur Orientierung nutzen.

Wir dürfen vermuten, dass auch unsere Körper- und Gehirnzellen die Richtung “kennen” und unbewusst wissen, wie die magnetischen Feldkräfte fließen. Denn seit Millionen Jahren werden nicht nur unser genetischer Code sondern auch die grundlegende Struktur der Zellen unter Einfluss dieser kosmischen Bewegung programmiert, welche in allen Grundprinzipien des Vastu-Shastra Berücksichtigung findet. Das Vorhandensein eines geordneten Magnetismus hält ein positives Energiefeld in unserer Umgebung aufrecht, welches die Erhaltung von körperlicher Gesundheit und mentaler Vitalität unterstützt.

Zur Bereitstellung einer guten Vastu-Raumwellen-Matrix findet neben den magnetischen Kräften auch die solare Strahlung höchste Beachtung. Durch die Bewegung unseres Planeten treffen jene kontinuierlich von Osten auf uns ein und richten damit die Moleküle in unserer Atmosphäre auf andere Weise aus. Neben der Sonne und den elektrischen Kräften werden nun auch noch die 5 Elemente in der vorhandenen Umgebung einbezogen: das Vorhandensein von Feuer und Luft, die Stoffe der Erde und ihrer Pflanzen wie auch die Winde und Wasser. Sie alle bringen sich ein ins Wellenkonzert und beeinflussen die Beziehung zwischen Mensch, Erde und Kosmos.

Im Vastu wird nun eine bestimmte Raum-Wellen-Ordnung beschrieben, welche für den Menschen günstig bzw. hinsichtlich der körperlichen und geistigen Entwicklung unterstützend ist.

Diese Orientierungskarte nennt man im Vastu auch Vastu-Purusha-Mandala. Es ist eine Matrix, die den Umgang mit Form und Raum wie auch mit Elementen und Kräften aufzeigt und an welcher sich Bauvorhaben orientieren können. Es ist eine Art Kompass, bei dem auch die Ausrichtung nach den Himmelsrichtungen und damit nach magnetischen und solaren Feldkräften bedeutsam ist. Maßgebend ist aber auch die Balance von Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum (oder Äther).

Praktisch wird diese Balance durch klare Zuordnungen, bewusst gewählte Proportionen und Farben, dem Umgang mit dem Grundstück, seiner Umgebung und Pflanzenwelt wie auch durch die Nutzung der Räume selbst geschaffen bzw. optimiert. Die Lage des Grundstücks wie des Hauses auf dem Grundstück, der Grenzverlauf, die Form und Ausrichtung des Grundstückes, geologische und geomantische, astrologische wie astronomische, technische wie künstlerische Prinzipien, die Ausrichtung der Eingänge als Übergang zwischen innen und außen und nicht zuletzt die Platzierung von besonderen Raumfunktionen wie Bäder, Toiletten, Küche, Treppen, Schlaf- und Arbeitsräume – all das fließt in die Überlegung und Bewertungen nach Vastu-Shastra mit ein.

Vastu-Architekten verstehen den Raum als lebendigen Körper, welcher wie unser leiblicher Körper Qualitäten unserer Persönlichkeit oder eines Unternehmens abbildet. Die Bewohner mit ihren individuellen Potentialen stehen somit im Mittelpunkt einer jeden Planung oder Beratung. Und entsprechend den besonderen Qualitäten der Bewohner finden die Prinzipien des Vastu-Shastra auch unterschiedliche Anwendung vor allem hinsichtlich ihrer Gewichtung.

Beispiel aus der Vastu-Praxis

Ein Ehepaar kam mit der Bitte, ihr Haus nach den Prinzipien des Vastu zu untersuchen. Es zeigte sich, dass das Ehepaar im nördlichen Schlafzimmer des Obergeschosses nicht gut schlafen konnte (da im hochfrequenten Bereich) und auch die Toilette im N/O des OG im Bereich des Zellstoffwechsels Störungen verursachen könnte. Auch der Eingang im ungünstigen südlichen Sektor des Ostens ist nicht optimal und kann dazu führen, dass nur noch wenig Freundschaften nach außen bestehen. Nach gemeinsamem Gespräch kam bald heraus, dass nicht nur der Schlaf sondern auch die typischen ehelichen Aktivitäten zum Erliegen gekommen waren und das Paar oft auch getrennte Schlafplätze benutzte – ohne großen Erfolg hinsichtlich der Qualität des Schlafes. Ich konzentriere meine Beratung im Wesentlichen auf den Schlafplatz (Verlegung in den Süd-Westen des OG, Schlafrichtung mit Kopf gen Süden) und den Eingangsbereich (Verlegung des Eingangsbereiches des Grundstücks und den fünften mittleren Quadranten des Ostens) und schlug darüber hinaus weitere 7 Einzelmaßnahmen vor.

Sieben Wochen später kam eine E-Mail mit den Worten: „Es ist unglaublich, im neuem Schlafbereich fühlen wir uns beide sehr wohl und haben wieder Freude miteinander … Seit Jahren kann ich endlich wieder durchschlafen und wache viel öfter nun erfrischt auf… und dann ist meine Warze, die ich seit Jahren nicht losbekommen konnte, ganz einfach verschwunden, dies wenige Tage, nachdem wir die Toilette im OG (N/O) nicht mehr benutzt haben, sondern dort nur noch Zähne putzen und duschen… Dann ist etwas Seltsames passiert: Wir haben die Versetzung des Eingangsbereiches in Auftrag gegeben und sind in die USA gereist. Ohne es zu wissen, erhielten wir gerade an dem Tag, an dem bei uns Zuhause das Eingangstor versetzt wurde, auf einmal zwei Einladungen von ehemaligen Freunden in den USA und auch aus der Schweiz …

Vastu-Shastra ist ein besonderes Tool zum Erkennen der Verbindungen zwischen Raum, Mensch und Natur. Die Gestaltung von Lebensräumen ist ein oft unterschätzter Faktor in Bezug auf Gesundheit und Erfolg im Leben.

Erschienen im Ayurveda Journal 20

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Das Ayurveda Journal beschäftigt sich in dieser Ausgabe als Titelthema mit dem Schwerpunkt “Unsere Haut”.

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Mark Rosenberg ist Geschäftsführer und Begründer der Europäischen Akademie für Ayurveda, die sich unter seiner Leitung zu einer der führenden Bildungseinrichtungen für Ayurveda, Yoga und vedische Wissenschaften in Europa entwickelte und mit Universitäten, Qualitäts- und Forschungseinrichtungen weltweit in einem Netzwerk verbunden ist. Seine persönliche Leidenschaft gilt dem Vastu - der indischen Architektur- und Bautradition, deren Erforschung er sich seit mehr als 15 Jahren widmet. Neben seiner Tätigkeit als Manager arbeitet er erfolgreich als Vastu-Berater und leitet Ausbildungen in Vastu-Shastra in Deutschland und der Schweiz.