Yoga? Das habe ich schon versucht. Das ist nichts für mich. Zu anstrengend. Den Muskelkater, den ich danach hatte, habe ich bis heute nicht vergessen. Das ist etwas für junge Leute, die beweglich sind. Außerdem passt das auch irgendwie nicht zu mir.

Was ist Yoga?

Eine Argumentation, die ich als Yogalehrer oft höre. Auch Krankheiten müssen bei vielen als Begründung herhalten, sich nicht mit Yoga zu beschäftigen. Aber woran liegt es, dass die einen sich wohl und andere wiederum unwohl mit der Praxis fühlen? Yoga wird oft entweder als Philosophie oder Übung gelehrt. Seine wahre Bedeutung als innerer Bewusstseinszustand bleibt jedoch meist verborgen. Entgegen der weitläufigen Meinung ist Yoga keine Religion. Dennoch hat Yoga die gleiche Basis wie alle heiligen Schriften dieser Welt.

Yoga stammt von yuj = verbinden, vereinen.

Es bezeichnet einerseits die Verbindung von Körper, Geist und ‚Atma‘, der Seele. Und andererseits die Einheit mit der alles durchdringenden kosmischen Kraft ‚Paramatma‘. Wohnort der Seele ist gemäß den Yogaschriften ein bestimmter Ort im Kopf. Konzentriert man sich willentlich auf diesen Ort, wird man sich dieser Kraft bewusster. „Wenn jemand Yoga erreicht, werden alle Geistes- und Gemütszustände versiegelt und lösen sich in der Seele auf“, heißt es in den Yogasutren, den Lehrtexten des Yoga. Man wird ruhiger, das Bewusstsein wird klarer und Ängste oder Ärger lösen sich auf. Eine innere Ruhe breitet sich im ganzen Körper und Geist aus. Man wird sich der eigenen Seele und der inneren kosmischen Kraft bewusst. Sie ist wie ein Kompass, der einem in jedem Moment die richtige Richtung weist.

Doch was hindert uns daran, diese Einheit wahrzunehmen? Bedingt durch unsere Sinneswahrnehmungen und unseren Geistes beschäftigen wir uns den ganzen Tag mit den Bedürfnissen unseres Körpers. Sie bestimmen den Grad unserer Zufriedenheit und der inneren Ruhe. Jede Bewegung und jeder Gedanke aber braucht Kraft. Gehen wir zu verschwenderisch mit dieser Kraft um, kann es zum Zusammenbruch des gesamten körperlichen Systems kommen. Daher ist innere Achtsamkeit und die Konzentration auf ‚Atma‘, die Seele, als Bindeglied zur alles durchdringenden kosmischen Kraft von lebenswichtiger Bedeutung.

Das klassiche Ashtanga-Yoga

Dem achtstufigen Pfad des Yoga werden verschiedene Stufen beschrieben, die dazu dienen, diesen Bewusstseinszustand der Einheit zu erreichen. Diese Stufen sind aufeinander aufbauend und immer zusammenhängend.

Die ersten vier Stufen werden Hatha-Yoga genannt. In den ersten beiden Stufen übt man Verhaltensregeln zur geistigen und körperlichen Disziplin und Kontrolle. Sie dienen dazu, die innere Kraft zu erhalten und zu stabilisieren. Auf der dritten Stufe übt man die richtige Sitzhaltung, was eine stabile Wirbelsäule voraussetzt. Bedingt durch aufkommende Zivilisationskrankheiten und einer vermehrten Wertschätzung des Körpers begannen die Yogis und Heiligen in Indien, entsprechende Übungen, so genannte ‚Asanas‘, zu entwickeln. Ziel dieser Übungen ist es, den Körper und seine inneren Organe, das innere Drüsensystem wie auch den Geist auf einfache Art und Weise in Balance zu bringen. Dabei wird die Wirbelsäule gestärkt, so dass eine bequeme und stabile Sitzhaltung möglich wird, in der man sich auf die Seele konzentrieren kann. Überbetont man aber diese Übungen, bewirkt man eher das Gegenteil: der Körper wird so gegenwärtig, dass eine Konzentration nach Innen nicht mehr möglich ist.

Die vierte Stufe sind Pranayama-Übungen. ‚prana‘ bedeutet Lebenskraft und ‚yama‘ deren Kontrolle oder Speicherung. Pranayama-Übungen sind somit einerseits Atemübungen zur Beruhigung des Geistes, und andererseits ein Weg, die Lebenskraft zu speichern. Diese ersten vier Stufen sind eine Vorbereitung auf die höheren vier Stufen, das Raja-Yoga oder ,königliche Yoga‘. Es besteht ebenfalls aus verschiedenen Stufen.

Auf der fünften Stufe übt man, das Bewusstsein von der äußeren Welt zurückzuziehen. Auf der sechsten Stufe widmet man sich der Konzentration, auf der siebten Stufe der Meditation. Dabei konzentriert man sich ununterbrochen auf einen bestimmten Punkt oder ein Objekt, zum Beispiel Gott. Die achte Stufe bezeichnet schließlich die Erleuchtung, ein Ruhen im Innersten durch das bewusste Spüren der ununterbrochenen Einheit mit der Seele oder dieser göttlichen Kraft, durch welche wir existieren.

Jede Stufe des Ashtanga-Yoga- Weges hat eine bestimmte Qualität und ist Teil eines Übungswegs, an dessen Ende Yoga steht. Ein Bewusstseinszustand, in welchem der Mensch ‚Atma‘, die Seele, erkennt, und die Einheit mit der alles durchdringenden kosmischen Kraft ‚Paramatma‘ spürt. Dieses Erkennen bewirkt eine tiefe innere Ruhe und Zufriedenheit. Dieser Bewusstseinszustand ist unbewusst immer da. Es gilt nur, ihn z.B. durch Yoga wieder bewusst zu machen. Um jeden Moment seines Lebens bewusster zu spüren und zu genießen. Damit man vielleicht sagen kann: „Yoga hat mir geholfen, Ruhe zu finden, innere Sicherheit zu gewinnen und Leichtigkeit in mein Leben zu bringen. Das hätte ich anfangs nicht für möglich gehalten.“

Ayurveda Journal 34 · Seite 44 – 45

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