Die Fibromyalgie ist eine chronische Erkrankung, die in Deutschland ca. 2% der Bevölkerung trifft. Das sind etwa 1,6 Mio. Patienten. 80% der Betroffenen sind Frauen, meist im mittleren Lebensalter zwischen 35-60 Jahren. Die Hauptsymptome sind Schmerzen am ganzen Körper, besonders an den Übergängen der Muskeln zu den Knochen, den Sehnenansätzen, welche meist den ayurvedischen Marmapunkten entsprechen. Häufig sind aber auch die Muskulatur selbst und die Wirbelsäule betroffen. Dazu gesellen sich jedoch eine Fülle weiterer Symptome, die das Fachgebiet der Orthopädie oder Rheumatologie sprengen: Die Patienten klagen über eine abnorme Erschöpfung und Müdigkeit auch nach geringen Belastungen, dazu kommen Schlafstörungen und mangelnde Erholung am nächsten Morgen. Im Bereich des Magen-Darmtraktes kommt es zu Reizmagen und Reizdarm oder Reizblasesymptomen. Auftreten können auch Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Depressionen und Angstzustände, eine vermehrte Stressempfindlichkeit und Neigung zu Kopfschmerz, Menstruationsbeschwerden und anderes mehr.

Viele dieser Symptome können auch zunächst auf andere Erkrankungen hinweisen und die Aufgabe der Ärzte ist es als erstes diese anderen Möglichkeiten auszuschließen.

Fibromyalgie ist weder im Röntgen, in der Sonographie noch über Laboruntersuchungen eindeutig festzustellen, trotzdem werden viele dieser Untersuchungen gemacht, um Rheuma, Gelenkverschleiß, seltene Autoimmunerkrankungen, chronische virale und bakterielle Infekte, Schilddrüsenunterfunktion und anderes auszuschließen, was ähnliche Symptome auslösen kann. Oft wird die Diagnose Fibromyalgie erst nach Jahren gestellt, was für den Patienten recht frustrierend ist.

1990 hat die amerikanische Gesellschaft für Rheumatologie zu Forschungszwecken Kriterien veröffentlicht, welche aber auch in der ärztlichen Praxis geeignet sind die Fibromyalgie-Patienten herauszufiltern:

  1. Vorgeschichte mit generalisierten Schmerzen
  2. Mindestens 11 von 18 „Triggerpunkten“ am Hinterkopf, Hals, Nacken, Rippen, Ellbogen, Gesäßmuskel, Oberschenkelknochen, Knieinnenseiten müssen bei relativ geringem Druck als schmerzhaft empfunden werden

Wir wissen noch wenig über die Fibromyalgie und so werden auch verschiedene Therapien angeboten:

Schmerzmedikamente, Rheumamittel, Muskelentspannungsmittel, Neuraltherapie der Triggerpunkte, Chirotherapie, Akupunktur und andere Verfahren der TCM, verschiedene physikalische Therapien, Psychotherapie und Stressbewältigung.

Ayurveda als hilfreiche ­Therapie

Die Ayurveda-Medizin hat sich als Therapieform in der Praxis sehr bewährt. Immer wenn die Schulmedizin mit ihrem linearen kausalen Denkansatz an ihre Grenzen stößt, und das ist bei vielen multikausalen chronischen Erkrankungen so, dann macht es Sinn, die Angelegenheit von einer anderen Seite zu betrachten.

Die indische Naturheilkunde Ayurveda tut das. Ayurveda denkt in Regelkreisen. Wenn diese inneren Regelkreise des Menschen gestört werden, können Erkrankungen entstehen. Störungen gehen häufig von den Wechselbeziehung zwischen dem Mensch und seiner Umwelt aus. Unsere Nahrung, unsere sozialen Beziehungen, klimatische Einflüsse und unser Umgang mit der Zeit, all dies hat Wirkung auf unsere inneren Regelkreise und kann uns gesund oder krank machen.

Nach Ayurveda steuern 3 „Bioenergien“ oder Wirkprinzipe unseren Organismus. Diese heißen Vata, zuständig für alle Bewegungen und Transportvorgänge, Pitta, verantwortlich für alle Umwandlungsvorgänge und Kapha zuständig für den Aufbau und Erhaltung des Körpers.

Die Einheit von Körper, Psyche und Seele ist ein wichtiger Bestandteil des Ayurveda. Jeder Mensch hat von Geburt an seine höchstpersönliche Verteilung dieser 3 Bioenergien. Solange diese im Gleichgewicht bleiben, alle Stoffwechselvorgänge regelrecht sind und alle Gewebe des Körpers regelrecht ernährt werden können, ist der Mensch gesund. Verschiebt sich das Gleichgewicht von Vata, Pitta und Kapha über einen langen Zeitraum, so entstehen Beschwerden und Krankheiten.

Der ayurvedische Arzt ist dann bemüht dieses Gleichgewicht wieder herzustellen. Er verwendet dazu verschiedene Therapieformen:

Umstellung der Ernährung

Zunächst gilt es, die schädigenden Einflüsse auszuschalten. Großen Einfluss auf unsere Gesundheit hat unsere Ernährung, weswegen auch im Falle der Fibromyalgie eine Umstellung nötig ist. Nach Ayurveda ist die Fibromyalgie eine Vatastörung und deswegen ist eine vatasteigernde Ernährung schädlich. Vatasteigernd wirkt z.B. ein übermäßiger Verzehr von trockenen, kalten, bitteren, scharfen und herben Nahrungsmitteln, aber auch häufige Fastenkuren und unregelmäßiges Essen. Stattdessen sollte bei der Fibromyalgie eine leicht verdauliche warme, gut gekochte Mahlzeit regelmäßig eingenommen werden, dagegen wenig Rohkost!

Insbesondere werden im Ayurveda Gewürze und Kräuter wie Arzneimittel eingesetzt: Bei der Fibromyalgie steigern sie die Verdauungskraft und steigern so den Stoffwechsel, um die Gewebe besser zu ernähren. Beispielhaft können folgende Gewürze und Kräuter verwendet werden:

Gewürze:

  • Ingwer

Kräuter:

  • Dill
  • Koriander
  • Estragon
  • Kümmel
  • Fenchel
  • Kurkuma
  • Thymian
  • Asa foetida (Teufelsdreck)
  • Rosmarin
  • Bockshornklee
  • Oregano
  • Majoran

Die Ordnungstherapie

Die zweite Säule der ayurvedischen Therapie ist die Ordnungstherapie. Dabei werden Tagesablauf und Belastungen auf die Belastbarkeit des Kranken abgestimmt. Auch die Schulmedizin zählt Stress zu den Auslösern der Fibromyalgie und wir beobachten in der Praxis oftmals eine Verschlechterung aller Symptome der Fibromyalgie bei vermehrtem Stress.

Hier ist der Übergang zur Psychotherapie im Ayurveda fließend. Yoga und Meditation sind über 3000 Jahre alte Verfahren um Entspannung und Stressabbau zu bessern. Daraus sind weitere Verfahren wie Autogenes Training, Muskelrelaxantien nach Jacobson und andere hervorgegangen.

Physikalische Therapie im Ayurveda

Beim Fibromyalgie-Kranken ist die Bioenergie Vata unter anderem übermächtig geworden. Vata hat die Eigenschaften trocken, kalt, rau, hart und leicht. Ein Mittel mit gegensätzlichen Eigenschaften kann Vata „besänftigen“: warmes, glattes, geschmeidiges, schweres und feuchtes Öl. In den ayurvedischen Ölen stecken die Extrakte von vielerlei Arzneimittelpflanzen, die je nach Erkrankung und Konstitutionstyp des Patienten individuell verwendet werden. Eine Ölmassage ist also nicht nur eine physikalische Therapie, sondern auch die Verabreichung von Medikamenten über die Haut. Viele Fibromyalgie-Patienten vertragen die herkömmlichen Bindegewebs- und Muskelmassagen nicht, da sie als schmerzhaft empfunden werden. Die mit geringem Druck verabreichten Ayurvedamassagen werden in den allermeisten Fällen als wohltuend, schmerzlindernd und muskelentkrampfend empfunden.

Meist wird die Ayurvedamassage mit einer Wärmeanwendung, z.B. einer leichten Saunaanwendung verbunden, so dass sich die Poren der Haut öffnen und das Öl noch tiefer eindringen kann. In der Praxis haben sich hierzu Infrarotwärmekabinen bewährt, da sich hierbei der Kopf nicht so stark erhitzt. Nach Ayurveda ist zuviel Hitze am Nervengewebe schädlich! Weitere physikalische Therapien sind Stirnölgüsse, Ganzkörperölgüsse, warme Packungen und Bäder, die je nach Symptomen und Patient eingesetzt werden.

Eine Besonderheit der ayurvedischen Medizin ist die Bastitherapie.

Sie ist hauptsächlich bei Vatastörungen geeignet, bei Nervenleiden und Schmerzzuständen! Die Bastitherapie ist eine Einlauftherapie: Kräuteröl, Dekokt oder auch Milchzubereitungen werden als Einlauf dem Körper zugeführt. Bei dieser Einlauftherapie wird nicht der Darm saniert. Der Einlauf bleibt mehrere Stunden im Darm liegen und kann dadurch die Darmmukosa, die Nerven im Darmgewebe und damit vor allem das vegetative Nervensystem beeinflussen. Nach ayurvedischer Medizin ist der Darm Hauptsitz für die Vata-Bioenergie. Deswegen ist die Bastitherapie im Ayurveda eine wichtige Therapiesäule bei Vatastörungen.

Ayurvedische Phytotherapie

Ayurveda kennt ca. 700 Heilpflanzen, aus denen ca. 8000 verschiedene Arzneimittelrezepturen gemacht werden. Bei der Fibromyalgie werden verschiedene Pflanzen und Rezepturen gegeben, so z.B. Ashwagandha, Rasna Jatamansi, Guggul, etc.

1. Ashwagandha – Withania somnifera:

Ashwagandha ist eine wichtige Pflanze gegen Vatastörungen. Diese Pflanze wirkt im Körper erwärmend. Sie unterstützt die Aufbauwirkung in allen Geweben, insbesondere im Muskelgewebe. Zur Anwendung kommt sie bei verschiedenen Muskel- und Knochenschmerzen. Ashwagandha ist auch ein bekanntes Nerventonikum, vergleichbar in der Wirkung wie Ginseng, welches im TCM angewendet wird. Von Ashwagandha werden hauptsächlich die Wurzel und Blätter verwendet.

2. Rasna – Vanda tesselata:

Rasna wird in der Ayurvedamedizin hauptsächlich bei rheumatischen Beschwerden benutzt. Er wirkt schmerzlindernd. Aus der Wurzel wird Öl oder Paste gewonnen, welches zur äußerlichen lokalen Anwendung benutzt wird. Aus den Rasnablättern wird ein Tee zubereitet, der dann innerlich verabreicht wird.

3. Guggul – Boswellia serrata:

Guggul ist eine sehr bekannte Pflanze in der Ayurvedamedizin. Sie unterstützt den Gewebestoffwechsel und verarbeitet die Giftstoffe im Körper und beseitigt Ama aus den Geweben. Daher wird Guggul bei verschiedenen Stoffwechselkrankheiten angewendet. Guggul wird in der ayurvedischen Medizin immer zusammen mit anderen Pflanzen wie z.B. Rasna verwendet.

Ziel der Behandlung ist vor allem die durch die Vatastörung verursachten Verdauungsstörungen mit der Anhäufung von „Schlacken“ (Ama = unvollständig verdauter Nährsaft) zu beheben. Diese Schlacken verursachen eine schlechte Versorgung und Ernährung der einzelnen Körpergewebe mit verschiedenen daraus abgeleiteten Beschwerden.

Die Panchakarma Kur

Hat der Ayurveda-Arzt nun den Eindruck, dass die Verschlackung des Fibromyalgie-Patienten ausgeprägt ist, wird er quasi als Einstieg in die Therapie eine Reinigungskur zur Stoffwechselanregung empfehlen. Diese Reinigungskur wird „Panchakarma“ genannt. Panchakarma heißt „fünffache Reinigung“, was bedeutet, dass der Körper auf fünf möglichen Wegen gereinigt werden kann. Bei einer solchen Kur werden sowohl die wasserlöslichen, als auch die fettlöslichen Schlacken aus dem Körper ausgeschieden. Die Dauer einer Kur richtet sich nach dem Kranken; meist beträgt sie 2-3 Wochen. (Anmerkung der Redaktion: Details zur Panchakarma Kur siehe Heft Nr. 9 )

Bewegungstherapie

Bei Fibromyalgie-Patienten ist die individuell richtige Dosierung von Bewegung und Sport wichtig, da jede Überbelastung zur Schmerzverstärkung führt. Bestimmte Yogaübungen sind sehr geeignet. Wir haben auch sehr gute Erfahrungen mit unserer Energiegymnastik, die weiche, fließende, langsame Elemente des Tai Chi und Qi Gong enthält, sowie auch sanfte Dehnübungen für alle großen Muskelgruppen.

Eine neue Studie mit 132 Fibromyalgie-Patienten zeigte, dass 1 Stunde Aerobic 2x pro Woche besser gegen die Schmerzen half als Dehn- und Entspannungsübungen. Das Beste ist wohl verschiedene Techniken zu verwenden. Oft gibt sich die anfängliche Beschwerdeverstärkung nach der Bewegung nach wenigen Wochen. Hier ist etwas Durchhaltevermögen anzuraten. Bewiesen ist aber auch, dass moderater Ausdauersport wie Walking, Schwimmen, etc. auch Stress abbauen und die Psyche aufhellen kann.

Individuelle Behandlung des Patienten

Jeder Fibromyalgie-Kranke ist eine eigene Persönlichkeit mit einer höchst persönlichen Krankengeschichte und einer individuellen Ausprägung verschiedener Symptome. Dem trägt Ayurveda Rechnung. Nach einer ausführlichen Anamnese erfolgt die körperliche Untersuchung und die Konstitutionsbestimmung. Danach werden Therapieziele in Absprache mit dem Patient festgelegt und die Ernährung besprochen, ggf. umgestellt. Aber auch dies muss behutsam erfolgen, sonst kann es im Alltag des Patienten kaum umgesetzt werden.

Die Mitarbeit des Patienten ist vor allem auch bei der Ordnungstherapie gefragt, da hier auch lieb gewonnene, aber die Krankheit verstärkende Gewohnheiten geändert werden sollten. Individuelle Bewegungs- und Entspannungsübungen, Gespräche zur Lebenssituation, pflanzliche Medikamente und physikalische Anwendungen runden den Therapieplan ab. Zu bedenken ist allerdings, dass auch Ayurveda keine Wundermethode ist, sondern Geduld, Zeit und Durchhaltevermögen sowohl vom Patient als auch vom Arzt gefordert werden.

Erschienen im Ayurveda Journal 16

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