Ayurveda ist eine ganzheitliche Heilkunst, die immer Körper, Geist und Seele behandelt, das ist vielen mittlerweile bekannt. Jeder, der eine professionell ausgeführte ayurvedische Massage bekommen hat, weiß, dass sie nicht nur zu körperlichem, sondern auch zu seelischem Wohlbefinden führt. Relativ unbekannt dagegen ist, dass es innerhalb des großen ayurvedischen Behandlungsspektrums auch eine eigene Psychotherapie gibt.

Die Seele wird im Ayurveda als göttlicher unantastbarer Kern angesehen, der seine Erfahrung aus den jeweiligen Leben in sich trägt, aber nie selbst verletzt werden kann. Deshalb wird im Ayurveda das Hauptaugenmerk auf „Buddhi“ gelegt, unsere Körperintelligenz, oder auch unser Bauchgefühl. Gesunde Kinder wissen immer, was für sie gut oder schlecht ist und formulieren das auch, wenn sie dazu ermuntert werden. Im Laufe des Erwachsenwerdens passen wir uns durch Erziehung, Schule und Umwelt an soziale und gesellschaftliche Strukturen und den damit verbundenen Normen an und verlieren dadurch sehr oft das Gefühl für uns selbst oder unsere innere Unterscheidungskraft, Buddhi.

Die Folge davon: Wir handeln, wie „man“ scheinbar zu handeln hat. In den westlichen Ländern leben wir viel im Außen und in der Erfüllung von Vorgaben im Beruf und in der Familie. Eigenschaften, die bei uns allgemein als gut gelten wie Fleiß, Strebsamkeit, Ehrgeiz und beruflicher Erfolg haben ihre Schattenseiten, wenn sie ohne Achtsamkeit für die eigene Person und ihre Konstitution gelebt werden. Im Gegensatz zur „westlichen“ Psychotherapie, bei der der Klient viel erzählen und letztendlich selbst auf seine Lösungen kommen muss, wird der Klient im Ayurveda angeleitet, neue Wege zu beschreiten, die zur Gesundung führen.

Individualität und Gesundheit

Die ayurvedische Lehre sieht und behandelt jeden Menschen als Individuum. Individuelles Verhalten wird in der westlichen Betrachtung nicht immer besonders geschätzt, sondern schnell als „skurril“ oder im besten Fall als „anders“ angesehen. Menschen, die einerseits Normen erfüllen möchten, um in der Gesellschaft optimal dazuzugehören, andererseits aber notgedrungen dabei immer wieder über eigene Grenzen gehen, verlieren ihr Bauchgefühl. Und so auch ihr instinktives Wissen, was ihnen schadet und was ihnen nutzt.

Irgendwann meldet sich das Bauchgefühl nicht mehr, um anzuzeigen, dass jetzt eine Pause gut wäre oder eine Situation besser vermieden werden sollte. Die Folge davon ist, dass sich geistiges Ama wie Ärger, Neid und Furcht ausprägt und Tamas gebildet wird. So entstehen im Körper Stresshormone, die zu körperlichen und seelischen Erkrankungen führen. Besonders ausgeprägt ist dieses Verhalten beim Burnout-Syndrom, einer Erkrankung, die sich immer mehr und auch schon bei Schulkindern ausbreitet. Deshalb möchte ich Ihnen eine Burnoutbehandlung als Beispiel für den psychotherapeutischen Aspekt im Ayurveda schildern.

Eine neue Lebensbalance finden

Burnout ist eine Krankheit, die schon lange nicht mehr nur Managern in hohen Positionen zugebilligt wird. Jeder Mensch, der ein starkes Pitta hat und gerne für etwas „Feuer und Flamme“ ist, läuft Gefahr, sich selbst zu verbrennen, wenn seine Unterscheidungskraft (Buddhi) ausgeschaltet ist. Das lässt natürlich den Umkehrschluss zu, dass sich seelische und körperliche Dysbalancen und Krankheiten nicht ausbilden bzw. wieder heilen können, wenn das Bauchgefühl (wieder) eingeschaltet ist.

Um das eigene Bauchgefühl wiederfinden zu können, sind folgende Schritte nötig:

  • Ausführliche Konstitutionsanalyse zu Beginn der Therapie mit einer genauen Darstellung des äußeren Umfeldes wie Beruf und Familie – vor allem mit der Beleuchtung der persönlichen Faktoren wie der Haltung “immer alles gut machen zu wollen”, mangelnde Stressbewältigung oder “nicht nein sagen können”.
  • Harmonisierende Massagen. Mein Favorit ist sehr oft die Fußmassage. Durch die besänftigende Behandlung wird der Geist, der beim Burnout in steter Unruhe ist, in einen ausgleichenden Ruhezustand versetzt, der allein schon eine andere Herangehensweise an die alltäglichen Probleme erleichtert.
  • Eine Unterweisung in eine zu dem Klienten passende entspannende Methode, die er täglich zu Hause ausüben sollte. Optimalerweise ist dies Meditation, aber nicht für alle Menschen ist es möglich, zu Beginn einer Burnoutbehandlung zu meditieren. Eine angeleitete Körperreise oder Atemmeditation hilft dabei gut und kann auch zu Hause mithilfe von CD´s selbst ausgeführt werden.
  • Das Singen von Mantras. Durch die Schwingungen, die die Mantras im Körper erzeugen, stellt sich eine heilende Wirkung ein. Sollte sich ein Klient nicht durch die in Sanskrit gesungenen Mantras angesprochen fühlen, habe ich auch gute Erfahrungen mit deutschen Chants, z.B. von Margit Berg, gemacht, die durch ihre positiven Affirmationen auch eine heilende Wirkung auf uns haben.
  • Eine ausführliche Ernährungsberatung mit einer detaillierten Liste für die Lebensmittel und Gewürze, die in diesem Moment hilfreich sind.
  • Empfehlungen für regelmäßige Bewegung, wie z.B. jeden Abend ein 30-minütiger Spaziergang, Schwimmen oder Yoga.

Nach jeder Therapiestunde setzen Klient und Therapeut realistische Ziele fest, die bis zum nächsten Treffen erreicht werden sollen, z.B. genügend Bewegung als Ausgleich am Abend, gesund zu kochen, Mantras zu singen etc. In den darauffolgenden Terminen, die in der Regel nach drei bis sieben Tagen angesetzt werden, schauen sie Klient und Therapeut gemeinsam an, wann es leicht und wann es schwierig war, diese Ziele einzuhalten, welche Hindernisse es unter Umständen gab und wie diese zukünftig umgangen werden können. Oftmals sind diese auftretenden Schwierigkeiten auch Synonym für das Verhalten im Beruf oder in der Beziehung. Dadurch ergeben sich auch auf diesen Gebieten ganz automatisch Lösungen durch ein geändertes Verhalten in Situationen, die belasten. 

Durch die Therapieinhalte Entspannung, Verhaltensänderung, Förderung der eigenen Spiritualität durch Meditation und Mantras, genügend Bewegung als Ausgleich und gesunde Ernährung, die der Klient mit in seinen Alltag hineinnimmt, erwacht das Bauchgefühl wieder. Es entwickelt sich ein harmonischer, der eigenen Konstitution angepasster Lebensstil, der selbstschädigendes Verhalten und schädigende Einflüsse von außen vermeidet. Ein Leben im eigenen Gleichgewicht, das auch stressiger Tage gut kompensieren kann.

Erschienen im Ayurveda Journal 27

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Das Ayurveda Journal beschäftigt sich in dieser Ausgabe als Titelthema mit dem Schwerpunkt “Seelisches Gleichgewicht”.

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