Die wachsende Beliebtheit der großen asiatischen Heilweisen hat auch für die europäischen Pflanzen das Verständnis von Energetik und traditioneller Wirkungsweise gefördert. Dadurch können die Anwender des Ayurveda und der chinesischen Medizin (TCM), so wie in den Texten gefordert, immer mehr auf einheimische und eingebürgerte Pflanzen zurückgreifen.

Das wissenschaftliche Interesse an indigenen Pflanzen wächst nicht nur für Asien sondern auch für Afrika und auf dem amerikanischen Kontinent.

Die Ergebnisse bestätigen teilweise nicht nur den traditionellen Gebrauch, sondern eröffnen oft neue Anwendungsgebiete. Auf diese Weise wächst neben der allgemeinen Globalisierung auch die Welt der Phytotherapie zusammen. Produkte mit einer Kombination der wirkungsvollsten Pflanzen aus verschiedenen Regionen der Welt sind keine Seltenheit mehr.

Pflanzen und Sexualhormone

Hormone sind Botenstoffe, die in Hormondrüsen (endokrine Drüsen) gebildet werden und in den Zielorganen über Rezeptoren auf der Zelloberfläche wirken. Das Interesse an pflanzlichen Alternativen zur klassischen Hormontherapie ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Im amerikanischen Schrifttum wird diese Gruppe von Pflanzen Phytokrine genannt, also Pflanzen, die auf die Sekretion (von Hormonen) wirken).Der klassische Ayurveda hat kein Hormonkonzept. Phytokrine tauchen deshalb in verschiedenen Gruppierungen von Pflanzen auf, die auf die Fortpflanzungsorgane wirken.

Dazu gehören z.B. die Gruppe menstruationsfördernder bzw. menstruations-hemmender Pflanzen, Uterustonika, Aphrodisiaka (Vajikarana) aber auch die allgemeinen Tonika (Rasayana) und ojasvermehrende Pflanzen. Die jüngste wissen-schaftliche Forschung macht es möglich, die Phytokrine als eine eigene Gruppe von Pflanzen zu definieren.Die Hormondrüsen zählen im ayurvedischen Modell zum Medha-Dhatu, dem „Fettgewebe“.

Ama, aber auch ein Übermaß an Trockenheit oder Hitze im Fettgewebe schwächt deshalb auch die Hormondrüsen. Die Sexualhormone wirken aufbauend (anabol) und zwar nicht nur auf die Sexualorgane sondern auf eine Reihe anderer Körpergewebe (Kapha, Dhatuvardhana, Brimhana). Sie tonisieren die Stoffwechselkraft und sind die Grundlage für Sexualität und Fortpflanzung. (überwiegend Pitta und Kapha). In der Forschung unterscheidet man drei Gruppen an Phytokrinen.

  1. Die erste Gruppe (phytohormongenics) stärkt die Hormondrüsen selbst oder die Hirnanhangsdrüse, die ihrerseits die Hormondrüsen stimuliert.
  2. Die zweiten Gruppe sind die klassischen Phytohormone. Sie stimulieren den Hormonrezeptor an den Zielorganen (Gebärmutter, Eierstöcke, Knochen, Ner-vensystem etc.). Die Inhaltsstoffe dieser Pflanzen haben eine hormonähnliche Struktur. Wichtige Vertreter sind die Isoflavone und die Lignane.
  3. Die dritte Gruppe (functional mimetics) wirkt unab-hängig von Hormondrüsen und Rezeptoren. Sie ahmen die Wirkungsweise von Hormonen nach und führen zu vergleichbaren physiologischen Ergebnissen.

In der folgenden Übersicht finden sich Pflanzen, deren Wirkung auf das Hormonsystem wissenschaftlich bestätigt ist. Europäische Pflanzen sind bevorzugt. Im Sinne einer zusammenwachsenden Welt sind jedoch wichtige Pflanzen aus anderen Kulturkreisen ebenfalls berücksichtigt.

Phytokrine zur Wiederherstellung einer optimalen Östrogenfunktion

  • Rotklee: süß, salzig kühlend
  • Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa): süß, scharf, leicht bitter, kühlend
  • Soja
  • Angelikawurzel: süß, scharf, erwärmendHopfen: bitter herb, erhitzend
  • Kudzu (Pueraria lobata): süß, scharf, kühlendSie besitzen als wichtige Inhaltsstoffe die Isoflavone, diese binden an den Östrogenrezeptor und entfalten dadurch ein schwache hormonelle Wirkung. Ähnlich wie die Isoflavone wirken die Lignane. Wichtige Vertreter sind:
  • Leinsamen: süß, bitter, ölig, erwärmend
  • Klettenwurzel: bitter, herb, süß, erwärmend
  • Brennnesselwurzel: herb, erhitzend
  • Salbei mit seiner scharfen, zusammenziehenden und erwärmenden Energetik reduziert die Schweißbildung über Phytoöstrogene und ahmt die Gedächtnis verbessern-de und beruhigende Wirkung des Östrogens im Gehirn nach.
  • Beifuss: bitter, herb, trocken, erwärmend
  • Thymian: scharf, trocken, erhitzendBeide beinhalten Phytosterole. Sie haben eine milde Östrogenwirkung und stimulieren gleichzeitig die Hormondrüsen.
  • Die amerikanische Moosbeere bzw. Preiselbeere (herb) und Melisse (scharf, süß, erwärmend) ahmen die schützende und antioxidative Wirkung des Östrogens auf Gefäße, Nervensystem und Stoffwechsel nach.

Phytokrine zur Wiederherstellung einer optimalen Progesteronfunktion

Sichelblättriges Hasenohr (Bupleurum falcatum): scharf, bitter kühlend

Braunwurz (Rehmannia glutinosa): süß, erwärmend Edelpfingstrose Diese stärken vorwiegend die Hypophyse und stimulieren auf diese Weise die Progesteronbildung.

Am meisten verbreitet ist bei uns der Mönchspfeffer (scharf, erwärmend). Er unterstützt die Progesteronbildung in der zweiten Zyklusphase. Ähnlich wirkt die Buntnessel (Coleus forskohlii / Makandi).

Neben der Stimulation der Progesteronwirkung unterstützt es Signalwege in der Zelle und verbessert dadurch allgemein die Wirksamkeit von Hormonen. Beifuss und Thymian fördern nicht nur die Produktion von Östrogen sondern auch von Progesteron. Beifuss bewährt sich deshalb besonders bei einer Pillenpause.

Der Frauenmantel reduziert durch seine Gerbstoffe (herb) übermäßige Blutungen und ahmt daher Wirkungen des Progesterons nach. Zu den Pflanzen, die unter-schiedliche Funktionen des Progesterons unterstützen, gehören auch Schafgarbe: bitter, herb, kühlend

Küchenschelle: bitter, kühlend Yamswurzel: süß, bitter, erwärmend Passionsblume: bitter, kühl. Letztere wirkt wie das Progesteron beruhigend.

Phytokrine zur Wiederherstellung einer optimalen Testosteronfunktion

Aphrodisiaka sind in allen Kulturen in großer Zahl bekannt. Die Pflanzen, deren Wirkung am besten dokumentiert ist, sind vorwiegend außereuropäischen Ursprungs. Eine optimale Durchblutung der Sexualorgane ist für Mann und Frau Grundlage einer befriedigenden Sexualität. Diese Wirkung des Testosterons wird von folgenden Heilpflanzen nachgeahmt:

Damiana: scharf warm Ziegenkraut (Epimedium sagittatum): scharf, süß, warm Maca

Erdstachelnuss (Tribulus terrestris): süß, kühlendNatürlich gibt es auch Pflanzen, die die sexuell erregende (sexual arousal) Wirkung des Testosterons nachahmen:Juckbohne (Mucuna pruriens): süß, erwärmend

Winterkirsche (Withania somnifera): bitter, scharf, süß, erwärmend Wilder Spargel (Asparagus racemosus): süß, bitter, kühlend.

Die letzten beiden sowie sibirischer Ginseng (Eleuthe-rococcus senticosus – scharf, süß, bitter, erwärmend) helfen dem Körper, Spannungszustände auszugleichen (Adaptogene), und verbessern ähnlich wie das Testosteron die Anpassung an Stress.
Ayurveda Journal 19 · Seite 10 – 11

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Dr. Hans Schäffler
Dr. Hans Schäffler gehört zu den ersten Ayurveda-Ärzten in Europa. 1977 medizinisches Staatsexamen, seit 1984 Arzt für Naturheilverfahren, 1983 Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Ayurveda e.V., 1984 / 85 Studium des Ayurveda bei führenden ayurvedischen Kapazitäten in Indien, USA und Europa, 1986 Aufbau des ersten ayurvedischen Gesundheitszentrums in Deutschland, seit 1993 ärztlicher Leiter des Ayur-Veda Gesundheitszentrums im Hotel Schloss Pichlarn, Österreich. Seit 2010 persönliche Ausbildung bei Te Wairemana in der Spiritualität und der Heilkunst der Maori.