Dass die täglich verwendeten Nahrungsmittel eine hohe Qualität aufweisen, zählt zu den wichtigsten Grundsätzen der ayurvedischen Ernährung. Vitalstoffreiche Gemüse, Früchte und Milchprodukte sowie vollwertige Getreide und Hülsenfrüchte stellen dabei die Grundnahrungsmittel dar. Bevorzugt werden regionale Produkte und leichtverdauliche Zubereitungsformen. Ebenso wird auf Vielfalt und Frische geachtet.

Für viele Menschen sind diese im Ayurveda hervor-gehobenen Qualitätsmerkmale gleichbedeutend mit Nahrungsmitteln aus kontrolliert biologischem Anbau.

Zu Recht, denn natürlich angebaute Früchte, Gemüse, Getreide und Hülsenfrüchte garantieren dem Verbraucher nicht nur eine schonende und schadstofffreie Herstellung, sondern schützen auch vor modernen Kreationen hoch-bezahlter Fooddesigner, die mit raffinierten Aromen und Geschmacksverstärkern das Essverhalten des Einzelnen manipulieren und vermutlich Verursacher vieler Stoffwech-selstörungen und Autoimmunerkrankungen darstellen.

Doch gesunde Nahrungsmittel müssen aus ayurvedischer Sicht nicht ausschließlich „BIO” sein. Auch die Kartoffeln und Kohlrabis aus Omas Garten können allen Eigen-schaften eines hochwertigen Lebensmittels entsprechen, ohne die notwendigen BIO-Zertifikate nachweisen zu können. Was zählt, ist primär der „Prana”-Gehalt des Lebensmittels. Prana heißt übersetzt Lebensenergie oder Lebensatem und ist verantwortlich für die vitale Ernährung des grob- und feinstofflichen Körpers.

Wir versorgen unsere physiologischen und energetischen Funktionen (pranamayakosha) durch Atemtechniken des Yoga (pranayama), mit entspannter Bewegung, Meditation und Spaziergängen in der Natur und durch eine prana-reiche Ernährung. Je frischer, saftiger, knackiger und duftreicher dabei die einzelnen Spezies sind, umso besser – darin sind sich sowohl die westlichen als auch die ayurvedischen Ernährungsmediziner einig. Die Unter-schiede zwischen der hiesigen Vollwertlehre und der ayurvedischen Diätetik liegen vor allem in den Empfehlungen für die Zubereitung.

Rohes und Gekochtes

Während die moderne Ernährungswissenschaft häufig rohe und unbehandelte Speisen empfiehlt, um möglichst viele Enzyme, Vitamine und Spurenelemente aufzuneh-men, legt die ayurvedische Ernährung ihr Hauptaugenmerk auf bekömmliche und leicht verdauliche Zubereitungs-formen. Denn auch wenn durch Kochen und Dünsten einige Vitalstoffe verloren gehen, kann der Organismus die verbleibenden optimal aufnehmen und verwerten. Allerdings werden ausschließlich frisch gekochte Speisen empfohlen. Mehrmaliges Aufwärmen und erhitzen in der Mikrowelle hingegen reduzieren, bzw. zerstören das Prana der Nahrung auf ein Minimum und sind tabu.

Besonders Menschen die unter Erkrankungen leiden, deren Ursache mit Störungen im Energiehaushalt in Zusammenhang steht, wie es z.B. bei Burnout, Schlaf-störungen, Autoimmunerkrankungen, Hormonschwan-kungen und allgemeinen Erschöpfungszuständen der Fall ist, sollten auf frisch zubereitete Nahrung achten.

Dass die pranareiche Heilkraft der Nahrung auch während des Kochens freigesetzt wird, das spürt auch jeder gute Koch, wenn er den aromatischen Dampf aus seinen Koch-töpfen einatmet und dadurch Befriedigung und Sättigung erfährt. In diesem Sinne wird Kochen im Ayurveda als alchemistischer Vorgang betrachtet, welcher die Qualität der Nahrung optimiert. Dazu sollte die Küche sauber, freundlich und lichtdurchflutet sein und mit frischer Luft versorgt sein. Kochen in geschlossenen Räumen, insbesondere mit einem Gasherd, kann die Prana-Qualität im Essen vermindern, genauso wie das Verwenden von unreif geernteten und lang gelagerten Nahrungsmitteln.

Sehr positiv hingegen wirken sich die harmonische Zusammenstellung von Nahrungsmitteln entsprechend ihrer Geschmacksqualitäten süß, sauer, salzig, scharf, bitter und zusammenziehend, die innere Ein-stellung des Kochs und das Ver-wenden von frisch gemahlenen Gewürzen aus.

Das beste Merkmal für energiereiche Nahrungsmittel ist der ihnen eigene Geschmack. Denn pranahaltige Früchte schmecken nicht nur unvergleichlich lecker, sondern ihr süßer Geschmack, aromatischer Duft, feste und knackige Struktur, leuchtende Farbe und dünne Schale geben dem Kenner auch genaue Auskunft über ihren energetischen Nährwert: Wer schon einmal im Morgentau eine saftige, zuckersüße Aprikose aus dem eigenen Garten geerntet und probiert hat, der kann gar nicht verstehen, warum Leute diese grünen, harten, geschmacklosen Dinger im Supermarkt kaufen. Geschweige denn diese bis zur Unkenntlichkeit veränderten Dosenfrüchte.

Grundsätzlich haben frische Früchte und Gemüse die höchste Qualität, dann folgen getrocknete. Tiefkühlkost zählt aus ayurvedischer Sicht bereits zu den prana-verminderten Nahrungsmitteln und Konservenkost ent-spricht dem ayurvedischen Ansatz überhaupt nicht. Somit zählen frisches Obst und Gemüse, aber auch Blattsalate und Kräuter zu den wichtigsten Vitalstoffträgern in der Ernährung. Je nach Konstitution sollten sie zwischen 50 – 75% unseres täglichen Speiseplans ausmachen. Ergänzt werden sie von aufbauenden Nahrungsmitteln, zu denen alle eiweiß-, fett- und kohlenhydrathhaltigen Speisen zählen. Auch hier gibt es unterschiedliche Prana-Kategorien: Als besonders wertvoll werden frische Kuhmilch (am besten von Bergkühen), Ghee, Mandeln und Nüsse, alter Reis (mindestens ½ Jahr gelagert), frisch gemahlenes Mehl aus Weizen oder Dinkel sowie die hochwertigen Hülsenfrüchte empfohlen.

Wer sich jedoch das moderne Nahrungsmittelangebot in den Supermärkten anschaut und die „normalen” Ernäh-rungsgewohnheiten des Durchschnittsbürgers verfolgt, den wundert es nicht, warum so viele Menschen massiven Vitalstoffmangel haben. Häufig auftretende Müdigkeit und Leistungsabfall – besonders nach dem Essen – sowie Heißhunger nach Süßigkeiten sind die ersten Signale des Körpers, mit dem er nach prana-energiespendenden Nahrungsmitteln verlangt. Diese können durch die regelmäßige Zufuhr von frischen Früchten, Gemüse, Keimlingen und Kräutern direkt behoben werden. Noch schneller helfen allerdings Nahrungsmittelergänzungen, wie Chyavanprash, Weizengras oder Ashvangandha, die ein Konzentrat an Prana darstellen. Diese sollten wir als „Notfall-Apotheke” immer in greifbarer Nähe haben.

Empfehlungen für die pranahaltige Ernährung

  • Bevorzugen Sie regional angebautes und möglichst erntefrisches Obst und Gemüse.
  • Wählen Sie hochwertige Produkte aus, natürlich süße, saftige, knackige, duftende und reife Früchte mit dünner Schale haben die beste Qualität.
  • Vermeiden Sie industriell hergestellte Nahrungs- mittel, ganz besonders diejenigen, die Geschmacksverstärker, Emulgatoren und künstliche Aromen enthalten
  • Betrachten Sie Süßigkeiten, Alkohol und Kaffee als „Ersatzdrogen”, nach denen Ihr Körper bei Energiemangel verlangt und ersetzen sie diese durch frische Früchte und Gemüse, Trocken- früchte, Nüsse und Nahrungsergänzungen
  • Bereiten Sie Ihre Speisen mit Liebe und Sorgfalt zu und essen Sie langsam und in Ruhe. Vermeiden Sie Stress, Streit und Ärger beim Essen, dies zerstört die Leben spendende Energie in ihrer Nahrung.

Ayurveda Journal 22 · Seite 9 – 10

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Kerstin Rosenberg
Kerstin Rosenberg ist eine international bekannte Ayurveda-Spezialistin, Dozentin und Autorin. Seit mehr als 20 Jahren bildet sie Ayurveda-Ernährungsberater, Gesundheitscoachs und psychologische Ayurveda-Therapeuten in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Gemeinsam mit ihrem Mann leitet sie die renommierte Europäische Akademie für Ayurveda mit angeschlossenem Kur- und Kompetenzzentrum in Birstein, Hessen. www.ayurveda-akademie.org, www.rosenberg-ayurveda.de