Grundsätzlich ist Ayurveda eine grüne Medizin! Sie steht für Eigenständigkeit in der medizinischen Grundversorgung wie auch in der persönlichen Gesundheitspflege. Das ist nur möglich, wenn lokal erhältliche Heilsubstanzen zur Anwendung kommen. Aus diesem Grund hat sich auf dem indischen Subkontinent eine enorme Vielfalt lang erprobter regionaler Heilmittel entwickelt.

Ein traditioneller Ayurveda Arzt in West Bengalen, Kashmir, Tamil Nadu oder Kerala arbeitet mit jeweils völlig unterschiedlichen Mitteln und Anwendungen. Das Arbeitsmodell bleibt gleich, während die Praxis unglaublich stark variiert. Caraka sagt dazu:

Die vier Eigenschaften, die ein Medikament besitzen muss, sind 1. reichliche Ver-fügbarkeit, 2. Eignung, 3. viele Darreichungsformen und 4. Wirksamkeit.

Caraka Samhita, Sutrasthana 9.7.

Punkte 1 und 4 können nur von heimischem Ausgangs-material erfüllt werden. Denn in Hülle und Fülle sind nur Pflanzen, tierische Produkte oder Mineralien erhältlich, die in der unmittelbaren Region beheimatet sind. Dagegen können lange Transportwege sowie Zwischenlagerung der Wirksamkeit schaden. Caraka weist immer wieder darauf hin, dass vor Beginn einer Therapie sicher gestellt werden muss, dass alle Medikamente in ausreichender Menge vorhanden sind. Er sagt weiter, dass wenn Nebenwirkungen entstehen oder eine zu geringe Dosis verabreicht wurde, der Arzt sofort reagieren muss. Das funktioniert nur, wenn das Medikamentenlager voll ist. – Wie oft unterbreche ich eine Patientensitzung in meiner Schweizer Praxis und sehe zuerst in meinem Medikamentenschrank nach, ob und wieviel ich von einem bestimmten Heilmittel dort noch stehen habe, bevor ich ein Rezept ausstelle.

Das Dilemma, dass die Klassiker beschrieben haben, ist heute um so mehr relevant, da wir hier in Europa Tausende von Kilometern vom Ayurveda-Mutterland Indien entfernt sind. Für den Therapeuten ist die Vorausplanung des benötigten Bedarfs keine leichte Aufgabe.

Öle, die bei Pancakarma aber auch in der ambulanten Praxis in rauen Mengen verbraucht werden, bilden den grössten und kostspieligsten Teil der Lagerhaltung. So erscheint es sinnvoll, die Risiken des Verfalldatums, die langen Transportwege und der damit verbundenen Zeit-verzögerung, die Vorfinanzierung sowie die Frage, ob ein bestimmtes Öl in der bestellten Menge überhaupt benötigt wird, zu umgehen und in Europa verfügbare Substanzen einzusetzen.

Erprobte und komplexe Mittel wie Yograj Guggulu, Chandraprabha, Ashokarishta, Parthadyarishta, Chyavanprasha und viele weitere klassische Heilpflanzen (The Ayurvedic Formulary of India) sind unverzichtbar. Das trifft sowohl auf die Ingredienzien wie die sehr komplexen Herstellungsverfahren zu. Solche Präparate werden auch in Zukunft importiert werden müssen. Die Wirksamkeit und die (noch) kleinen Mengen rechtfertigen eine Anwendung auch aus ökologischer Sicht. Gegenüber konventionellen allopathischen Heilmitteln wie Kortison, Antibiotika, Insulin, etc. – sie werden heute alle in der 3. Welt produziert – schneiden Sie bei einer Ökobilanz deutlich besser ab. Zu Ihrer Herstellung sind keine riesigen, die Umwelt verschmutzenden Fabriken notwendig. Die Chemie-Stadt Vapi im südlichen Teil von Gujarat gehört zu den 10 traurigen Orten der Welt mit der höchsten Umweltverschmutzung.

Caraka betont auch in der Ernährung auf Grundnahrungsmittel aus der Region. Wenn Speisen frisch und aus frischen Zutaten hergestellt werden sollen – so lautet die wichtigste Regel für ayurvedische Ernährungsweise – dann müssen diese aus der Region stammen. Er nennt 8 Faktoren, die für die Wirkung von Nahrung verantwortlich sind. Hier benutzt er das Konzept des Lebensraums oder Desha (Caraka, Vimanasthana, Kapitel 1, Vers 21).

Der spätere Autor Vagbhata erklärt, dass zweierlei Lebensräume (Desha) existieren: 1. die Region, in der man lebt und 2. der eigene Körper. Ganz klar, dass Lebensmittel, welche den gleichen Elementen und Jahreszeiten ausgesetzt sind wie unsere Körper, eine höhere Kompatibilität und damit ein geringeres Allergiepotential besitzen. Sie können leichter und besser in körpereigene Strukturen umgewandelt werden. Das verbessert die Immunität uns schont die Umwelt. Deshalb ist in diesem Licht der Import von Grundnahrungsmitteln aus fernen Ländern (Getreide, Hülsenfrüchte, tierische Produkte und Öle) im Sinne des Ayurveda und der Ökologie kritisch zu sehen.
Ayurveda Journal 23 · Seite 11

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Hans H. Rhyner
Hans H. Rhyner gilt international als Experte für Ayurveda. Er lebte 25 Jahre in Indien und praktizierte dort in seiner eigenen Klinik in Bangalore. Er blickt auf 40 Jahre klinische Erfahrung zurück, die er insbesondere im Bereich Diagnostik, Panchakarma und ayurvedische Heilmittelkunde einsetzt. Er ist in seiner Praxis in Teufen, im Ayurveda Parkschlösschen Bad Wildstein und in Wien tätig. www.ayurveda-rhyner.com, Institut in Wien: Naglergasse 3, 1010 Wien