In erstaunlicher Weise nähert sich in unserer Zeit das gesellschaftliche Bild des Frauenarztes dem Idealbild des Ayurveda-Arztes:

Nicht mehr der technikorientierte Fachmann für Krankheitsbekämpfung sondern der Frauen-Gesundheits-Berater ist in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Der Frauenarzt als Life-style-Coach ist heute gefragt und begehrt!

Wie definiert doch der Ayurveda den Kern der Lehre?

Gutes und schlechtes Leben, glückliches und unglückliches Leben, das, was dem Leben zu- oder abträglich ist, das Maß des Lebens und seiner Komponenten und das Leben selbst

(Caraka Samhita I/1,41)

Genau diese Lebensbegleitung in all den Belangen des „Frau-Seins“ muss die Aufgabe der modernen Frauenheilkunde sein. So bietet sich uns Ayurveda förmlich an in dem Bestreben, gute und kompetente Partner unserer Patientinnen und Klientinnen zu sein.
Als primär schulmedizinisch ausgebildeter Frauenarzt denke ich, das ideale Gesundheitskonzept für die moderne Frau ist die Integration des Ayurveda in die Strukturen unserer westlichen Medizin. Nicht Ayurveda statt Schulmedizin ist die Devise, vielmehr Ayurveda und Schulmedizin als gleichwertige Partner bieten einen innovativen, ganzheitlichen Ansatz für die moderne Gynäkologie in unserer westlichen Industriegesellschaft.

Ein weites Arbeitsfeld eröffnet sich somit dem engagierten Frauenarzt:

Er sollte behutsamer Ansprechpartner in allen Fragen der Sexualität, vom jungen Mädchen bis hin zur Frau im Alter sein. Ayurveda gibt uns dazu eine Fülle von Hinweisen aus den Bereichen Körperlichkeit, Ernährung, Verjüngung, Attraktivitätssteigerung, Erotik und Spiritualität an die Hand. Auch Rasayana-Kuren und Yoga-Strategien seien in diesem Zusammenhang erwähnt. Ausgesprochen blumig und poetisch sagt uns dazu beispielsweise Vaghbata in seiner Astanga-Samgraha, Uttarasthana 50,118:

Eine bezaubernde Frau,… deren Blick einem milden Sommerregen von Nektar gleichkommt, die starke sinnliche Anziehung verspürt, bei der Liebe alle Hemmungen ablegt und der Fantasie freien Lauf lässt, sie ist das Anziehendste in dieser Welt…

Nahtlos anschließend möchte ich das faszinierende Teilgebiet der Schwangerschafts- und Geburtsbegleitung nennen: Wir Frauenärzte sprechen ja schon immer von „Vorsorge“, „Beratung“ und „Begleitung“ bei all den Problemen, Höhen und Tiefen einer Schwangerschaft und der abschließenden Geburt. Stellen nicht diese Begriffe das zentrale Anliegen der ayurvedischen Medizin dar? „Rtu-carya“ verstanden als Richtschnur für die „Lebensetappe“, sozusagen die „Jahreszeit“ der Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft!
Wie sehr ein ganzheitlicher Behandlungsansatz gerade in der Frauenheilkunde nötig ist, erkennen wir aus der Tatsache, dass vermutlich über 60% aller gynäkologischen Erkrankungen oder Befindlichkeitsstörungen eine psychosomatische Ursache haben. Dies ist ja auch nicht verwunderlich angesichts der Tatsache, wie intensiv Veränderungen im Genitalbereich emotional besetzt sind. Sehr schnell spielen dann Probleme der Partnerschaft, der Sexualität sowie das beeinträchtigte Selbstverständnis als Frau in den Entstehungsprozess der Krankheit mit hinein. Hier kann Ayurveda mit seiner homogenen Ausgewogenheit von somatischen und mental-spirituellen Strategien mitunter wahre Wunder bewirken.

Werfen wir einen Blick auf die faszinierende Dynamik der Zyklus-Regelung bei der Frau! Wie einleuchtend kann uns Ayurveda zum ganzheitlichen Verständnis dieser komplexen Regelkreise führen: So sehen wir die hormonelle Situation des Mädchens als typische Manifestation von Kapha, die Phase der Geschlechtsreife als die von Pitta und die Zeitspanne der Wechseljahre und des Alters als Vata-dominiertes Phänomen. Auch die hormonelle Dynamik korreliert dabei mit dem primären Absinken von Kapha nach der Pubertät, dem langsamen Abfall von Pitta über die Zeitspanne der 40-60 jährigen Frau sowie dem gleichermaßen in den Vordergrund tretenden Vata-Anteil der reiferen Frau, der sie ja gerade nach den Jahren der Schwangerschaften und Kindererziehung zur Blüte ihrer Kreativität und möglicherweise zur zweiten Phase ihrer beruflichen oder künstlerischen Entfaltung führen kann.

Auch der monatliche Zyklus der Frau findet seine harmonische Entsprechung in der ayurvedischen Doshalehre: So sehen wir in der ersten Zyklusphase, der Proliferations- oder Aufbauphase eine typische Kapha-Dominanz, wohingegen die Sekretions- oder Funktionsphase eine Paradebeispiel für ein Pitta-gesteuertes Geschehen darstellt. Die den Zyklus abschließende Abbruchphase, die Menstruation können wir schließlich der Dynamik von Vata zuordnen. Ein jeder Monatszyklus der Frau gibt uns somit ein wunderschönes Abbild des Ineinandergreifens der ayurvedischen Bioprinzipien. Die kleinen und die großen Zyklen im Leben einer Frau erkennen wir so als die gültigen Grundpfeiler der ayurvedischen Physiologie.
Persönlich halte ich ja sogar die Regelblutung für einen natürlichen Reinigungsprozess, welcher ähnlich einer kleinen Pancakarma-Kur der Frau monatlich Reinigung und Regeneration ermöglicht. Dem feinstofflichen Aspekt des Ausleitens von unerwünschten „Produkten“ sollte man hierbei besondere Bedeutung zumessen: Pitta-das Blut, Kapha-der schleimig,gewebliche Anteil und Vata-das mobilisierende Agens dieses dynamischen Prozesses. Wir sollten als ganzheitlich orientierte Ayurveda-Mediziner die Frauen zu einer positiven Grundeinstellung diesen Prozessen gegenüber ermuntern, gerade in einer Zeit, in der das hormonelle Vermeiden des weiblichen Zyklus zum chicen Attribut pseudomodernen Lifestyles verkommt!
Es würde den Rahmen dieser kurzen Übersicht sprengen, auf all die medikamentösen Strategien des Ayurveda in der Frauenheilkunde einzugehen. Exemplarisch möchte ich nur nennen:

  • Ashoka bei Blutungsstörungen
  • Brahmi und Shatavari beim Prämenstruellen Syndrom (psychovegetative Fehlsteuerung vor der Menstruation)
  • Shatavari und Chandraprabhava bei der Amenorrhoe (fehlende Periodenblutung)
  • Niruha-bastis und Picus bei der Dysmenorrhoe (Schmerzen bei der Regelblutung)
  • Sahacaradi-thaila bei entzündlichen Ausflussbeschwerden
  • Kshirabala 101 lokal bei gutartigen Knoten in der Brust

Wichtig erscheint mir weiterhin die Förderung von wissenschaftlichen Untersuchungen zu sein, um so die Effizienz von ayurvedischen Behandlungskonzepten beweisen zu können. Gemeinsam mit dem P.D.Patel-Hospital in Nadiad/Indien und dem Klinikum Weimar haben wir in der AyurSan-Klinik ein Pilotprojekt zur Überprüfung einer ayurvedischen Behandlungsstrategie bei den Früh- und Vorformen des Gebärmutterhalskrebses gestartet. Solche Projekte werden in Zukunft die Akzeptanz von Ayurveda in Europa erheblich fördern.
So konnten wir in den vergangenen Jahren immer wieder eindrucksvoll die Potenz der alten indischen Medizin im Bereich der Frauenheilkunde unter Beweis stellen. Sogar schwer erkrankte Patientinnen mit bösartigen Tumoren wie Brustkrebs oder Unterleibskrebs profitieren von einem gemeinsamen Therapieansatz Schulmedizin-Ayurveda in erstaunlicher Weise: Unser Konzept OnkoVeda, welches wir hier in der AyurSan-Klinik Rotthalmünster entwickeln konnten, führt uns fast täglich eindrucksvoll vor Augen, in einem wie viel besseren Zustand die Patientinnen aus der onkologischen Ersttherapie herausgehen, ganzheitlich gestärkt für ein Leben nach oder mit dem Krebs.
Lassen Sie mich zum Ende noch ein Bild symbolhaft für Ayurveda und Frauenheilkunde entwickeln, das Bild eines blühenden Ashoka-Baumes: Leuchtend und machtvoll drückt sich hier die Potenz ayurvedischer Pflanzendrogen aus. Das tiefe Rot der unzähligen Blüten- ein Sinnbild für Blut, Leben und kreative Weiblichkeit – Unter diesem Baum wurde vor 2500 Jahren der Buddha geboren!
Ayurveda Journal 14 · Seite 28 – 29

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Dr. Ludwig Kronpaß
Ludwig Kronpaß ist seit 20 Jahren Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin sowie dem Brustzentrum Region Passau am Krankenhaus Rotthalmünster. Seine Schwerpunkte sind alternative Geburtsmodelle und ganzheitliche Therapie bei Krebserkrankungen. Die Ayurvedische Medizin studierte er an der Europäischen Akademie für Ayurveda und in Indien. Seit 2004 leitet er die AyurSan-Klinik am Krankenhaus Rotthalmünster und leistet damit einen wichtigen Beitrag für die klinische Anwendung der Ayurveda-Medizin in Deutschland.