Wie Sexualität und Erotik zum individuellen Wohlbefinden beitragen

Portrait Hans Rhyner
Quelle: © Hans Heinrich Rhyner

Der Schweizer Hans Rhyner ist ein Ayurveda-Pionier. Er gehörte zu den ersten in Europa, die sich intensiv mit der ältesten Naturheilkunde der Welt beschäftigten und sein Erfahrungsschatz ist groß. Rhyners Texte zum Thema Sexualität sind für viele provokant oder wenigstens streitbar – auch wenn sie sich zunächst auf die alten Ayurveda-Schriften beziehen.

Ein besseres Immunsystem, mehr Lebensqualität, Verjüngung und sich jung fühlen. Wer wünscht sich das nicht? Und es scheint so einfach: mehr guten, liebevollen Sex. Denn das menschliche Wohlergehen hängt mit einer erfüllten Sexualität direkt zusammen. Dass es jedoch nicht so einfach umzusetzen ist, das Erotikleben zu optimieren, kann jeden Tag in deutschen Arzt- oder Ayurvedapraxen gehört werden.

Ein Beispiel

Neulich in meiner Praxis:
Eine 37-jährige Frau fragt mich bei der Konsultation, ob Zysten, problematische Gesichtshaut und Haarausfall mit dem Hormonhaushalt zu tun haben könnten. – „Ja sicher stehen diese Symptome in Zusammenhang mit den weiblichen Hormonen“, antworte ich.

Der Fall ist eindeutig: Sie sind eine Akademikerin mit Pittakapha-Konstitution, verschieben ihre ganze Energie in die Kopfregion, Sie leben als Single, sind Abends so erschöpft, dass sie nicht unter die Leute gehen und auch keine Energie oder Zeit finden, Sport zu treiben. In der unteren Körperregion passiert rein nichts. Dafür sprechen auch ihre chronischen Blasenentzündungen.

Was also tun wir? Synthetische Hormone sind sicher keine Lösung, sondern rufen nur noch mehr Beschwerden auf den Plan. Die Empfehlungen des Ayurveda sind handfest: Eine stimulierende Partnerschaft kann sämtliche oben aufgeführten Beschwerden beseitigen.“

„Ich würde ja gern einen Partner haben, aber in meiner Altersgruppe sind alle Männer vergeben!“, erklärt sie. „Dieses Argument höre ich eben so oft von Männerseite“, antworte ich. „Es gibt genau so viele Männer, die verzweifelt eine feste Partnerin suchen, wie Frauen. Leider kann ich Ihnen keine Verordnung für einen Partner ausstellen, mit der Sie dann in der Apotheke einen Partner abholen können.“ – „Ja, aber Sie könnten eine Ayurveda-Partnerschaftsagentur ins Leben rufen“, erwidert sie schlagfertig.

Sexualität fürs Wohlbefinden

Das ist nicht unbedingt meine Aufgabe. Aber Recht hat meine Klientin insoweit, dass es Bedarf dafür gibt. Nicht nur Singles suchen nach einem passenden (Sexual-) Partner. Viele Frauen und Männer, die sich in festen Bindungen befinden, leben, was Erotik und Sexualität angeht, auf Sparflamme. Was in den Schlafzimmern der Nation passiert, entspricht oft nicht den sexuellen Wünschen und Bedürfnissen der Individuen.

Das jedenfalls höre ich oft – und seit rund 30 Jahren in meiner Praxis. Es geht nicht um die alte Hippie-Doktrin make love not war, von der meine Generation für kurze Zeit getragen wurde. Nicht um Normen und soziale Gepflogenheiten. Es geht um Wohlbefinden auf körperlicher wie emotionaler Ebene.

Wenn der große, indische Philosoph und Asket des 8. Jahrhunderts Shankaracharya deklariert, dass nur, wenn Shiva (das Männliche) sich mit Shakti (dem Weiblichen) vereint, beide ihr wirkliches Potential entfalten können, und dass wenn diese Vereinigung nicht stattfindet, Shiva nicht einmal in der Lage ist, zu zittern – so zeigt der Denker, wie Sexualität die schöpferische Kraft im spirituellen wie im materiellen Kosmos antreibt. Sex fesselt alle Sinne, alle Emotionen, mobilisiert alle immunisierenden Kräfte und führt uns unserer Bestimmung zu.

Sexuelle Energie im Fluss

Die menschliche Sexualität widerspiegelt die Polarität der universellen Kräfte, welche gleichzeitig ihre Dynamik ausmachen. Eine Schwächung der sexuellen Energie durch Unterdrücken oder Mangel führt oft zu tiefsitzenden Frustrationen. Männer entwickeln in solchen Situationen teils Wut und Gewaltbereitschaft, während Frauen eher zu Ängsten und Depression neigen.

Unsere Zufriedenheit und Glücksgefühle hängen von der optimalen Balance der weiblichen und männlichen Kräfte in uns ab. Sie werden symbolisiert durch Mond und Sonne, Wasser und Feuer, der linken und rechten Körperseite, den „großen“ Körperströmen von Ida (weiblich) und Pingala (männlich). Die beiden sexuellen Energien wurzeln tief in uns.

Die Restriktionen betreffend Art und Häufigkeit von Geschlechtsverkehr bezieht sich in der Sexualmedizin des Ayurveda immer auf die ganzheitlich gesundheitlichen Aspekte von Frau und Mann sowie auf Nachkommenschaft. Es geht in keinem Fall darum, jemandem das Grundrecht auf Sexualität einzuschränken, sondern aufzuzeigen, was die Folgen einer Aktivität sind – und wie eventuell unerwünschte Wirkungen ausgeglichen werden können.

Doshas und Sexualität

Wenn – wie oft missinterpretiert wird – Vata-Konstitutionen im Gegensatz zu den glücklichen Kapha-Menschen angeblich möglichst wenig Sex haben sollten, dann ist damit gemeint, dass der Verlust von Körperflüssigkeiten bei Vata-Typen ein Problem darstellen kann, während bei Kapha-Typen dieser Verlust von Vorteil ist.

Nun kann ein Vata-Paar diesen Verlust mit einer passenden Mahlzeit und Getränken ausgleichen. Und wenn die Sommerhitze die Libido erstickt, so macht man vielleicht einen Ausflug an einen kühlenden Bergsee oder nimmt ein kaltes Bad. Der Kreativität und Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

In den Kapiteln der alten Ayurveda-Schriften über Tagesroutine (Dina Caryadi Prakarana) finden sich Hinweise über den gesundheitlich Nutzen von Sex:

  • „Frische Nahrungsmittel, Speisen angereichert mit Milch und Ghee sowie Sex – diese sechs Aktivitäten mobilisieren unmittelbar mächtige Kräfte.“
  • „Im Winter sollten Paare jede Nacht aneinander kuscheln und Sex haben; im Frühjahr und Herbst nach Konsum von Libido steigernden Mitteln alle zwei bis drei Tage; während der großen Sommerhitze (über 32 Grad Celsius), wenn der Körper unter Wassermangel leidet, nur noch alle 2 Wochen.“
  • „Der Wunsch nach Sex manifestiert sich im Menschen jeden Tag. Wenn diesem Verlangen nicht Folge geleistet wird, entwickeln sich gesundheitliche Störungen.“

Gesunde Sexualität für Körper und Geist

Zu den Kontraindikationen führen die Klassiker Folgendes an:
„Keine Penetration, wenn der Menstruationsfluss aktiv ist – weil damit der Reinigungsprozess der weiblichen Organe gestört wird; nicht mit einem unwilligen oder nicht stimulierten Partner; nicht ohne Liebe und Zuneigung; nicht bei Krankheiten, insbesondere der Geschlechtsorgane; nicht mit einem völlig Unbekannten; nicht an einem öffentlichen Ort; keine Penetration in den ersten Monaten der Schwangerschaft; nicht hungrig, durstig, mit voller Blase oder Darm; nicht bei Ängsten, Trauer, Schmerzen. Samenfluss, der einmal begonnen hat, darf nicht unterdrückt werden; gleiches gilt für Orgasmen. Wer diese Regeln befolgt wird in dieser und der nächsten Welt Erfüllung finden.“

Das sind natürlich hohe Ansprüche:
Kreativität und gegenseitige Rücksichtnahme sind gefordert, Planung einer romantisch stimulierenden Atmosphäre und Umgebung sind angesagt, fit sollte man sich fühlen und liebevoll zurechtgemacht sein. Das sind für mich die Eckpfeiler einer aktiven Sexualität. Man sollte nicht nur seine Freizeitgestaltung minutiös und aufwendig planen und Sex dem Zufall überlassen.

Legen Sie Ihre Hemmungen ab und fordern Sie Ihre sexuellen Freuden ein. Das ist der Zündstoff für ein langes, gesundes Leben und zufriedenem Selbst. Meditation und Spiritualität setzen ein erfülltes sinnliches Leben voraus. Nur wer satt ist, denkt nicht ans Essen – wird frei davon.

Ayurveda Journal 38 · Seite 56 – 57

[ratings]

Vorheriger ArtikelWildkräuter – eine Naturerlebnis
Nächster ArtikelAyurveda auf Sri Lanka
Hans H. Rhyner
Hans H. Rhyner gilt international als Experte für Ayurveda. Er lebte 25 Jahre in Indien und praktizierte dort in seiner eigenen Klinik in Bangalore. Er blickt auf 40 Jahre klinische Erfahrung zurück, die er insbesondere im Bereich Diagnostik, Panchakarma und ayurvedische Heilmittelkunde einsetzt. Er ist in seiner Praxis in Teufen, im Ayurveda Parkschlösschen Bad Wildstein und in Wien tätig. www.ayurveda-rhyner.com, Institut in Wien: Naglergasse 3, 1010 Wien