Jeder Mensch hat seine ganz individuelle Stresswahrnehmung. Sie ist abhängig von der augenblicklichen Befindlichkeit, dem Erfahrungshintergrund und der inneren Balance. Was jedoch rein objektiv im menschlichen Körper passiert, wenn er unter Stress steht, ist bei allen gleich. Egal, ob in der Savanne plötzlich ein Tiger auftaucht oder auf der Autobahn ein Geisterfahrer auf einen zukommt: Der Organismus gerät in Alarmbereitschaft: Das Gehirn erkennt augenblicklich die Bedrohung und setzt nun eine Kaskade von Prozessen in Gang – mit dem Ziel, das Überleben zu sichern.

Die Natur hat die Stressreaktion als einen Überlebensreflex konzipiert. Der amerikanische Mediziner Walter B. Cannon hat sie bereits 1932 als „Fight or Flight Response“ beschrieben. Bei diesem physiologischen Prozess geht es im Wesentlichen um nichts anderes als um die schnelle Bereitstellung von Energie.

Was bei Stress im Körper passiert

Dabei läuft folgendes ab: Im Gehirn werden innerhalb von Sekundenbruchteilen alle verfügbaren Informationen abgerufen, die zur Bewältigung der Gefahrensituation beitragen können.

Die Stressreaktion selbst entspringt dem limbischen System, das aktivierende Reize an den Hypothalamus schickt. Von dieser Region des Zwischenhirns strömen dann blitzschnell stimulierende Impulse zum Sympathikus – dem aktivierenden Schenkel des autonomen oder vegetativen Nervensystems, das nicht der willentlichen Kontrolle unterliegt. Dadurch kommt es im Nebennierenmark zur gesteigerten Ausschüttung der Hormone Adrenalin und Noradrenalin – der Stresshormone. Diese Botenstoffe, bekannt als Katecholamine, kreisen auch sonst, allerdings in sehr kleinen Dosen, durch die Blutbahnen. In einer Lebenslage, die der Wahrnehmungsapparat jedoch als bedrohlich einordnet, schnellt die Konzentration sofort in die Höhe.

Durch die vermehrte Ausschüttung der Katecholamine beginnt das Herz zu rasen und pumpt mehr Blut dorthin, wo es benötigt wird – vor allem zu den Muskeln und zum Gehirn. Der Blutdruck steigt an, man atmet rascher und die Atemwege weiten sich, damit mehr Sauerstoff in den Körper kommt. Gleichzeitig beginnt man an Händen und Füßen zu schwitzen und der Mund wird trocken.

Ein aktivierter Sympathikus und erhöhter Stresshormonspiegel ermöglichen in erster Linie aber die unmittelbare Bereitstellung von Energie. Zucker – aus den Glykogendepots in der Leber – und Fettsäuren – durch den Abbau aus dem Speicherfett des Körpers – werden freigesetzt.

Um eine länger währende Stresssituation überhaupt bewältigen zu können, braucht der Körper weiterhin Energie. Dabei hilft nun Cortisol. Es sorgt für die zusätzliche Herstellung von Noradrenalin und Adrenalin, für den Abbau von Eiweiß und dessen Umwandlung in Zucker sowie für die Freisetzung von Fettsäuren. Cortisol hält weiterhin den Blutdruck hoch und hemmt alle Entzündungsprozesse im Körper.

Soweit unser modernes physiologisches Verständnis der Stressreaktion. Was heißt das nun übersetzt in die Sprache des Ayurveda? Wie wirkt sich Stress auf die Doshas aus, auf unsere Bioprogramme Vata, Pitta und Kapha?

Was bei Stress mit den Doshas passiert

Stress bedroht das Gleichgewicht der Doshas. Er heizt sowohl Vata als auch Pitta an. Stimuliert durch den Stressreiz aktiviert Vata den Organismus und Pitta sorgt für die Bereitstellung von Energie. Nach einer akuten Anspannung beruhigen sich diese beiden Doshas wieder, insbesondere da über das homöostatische Prinzip eine Aktivierung von Kapha die Balance wieder herstellt. Je höher die Kapha-Power, desto stärker die Resilienz – also die Fähigkeit des Organismus, sich nach einer Störung wieder ins Gleichgewicht einzuschwingen.

Chronischer Stress jedoch führt zu einer allmählichen Überreizung von Vata und Pitta. Im Lauf der Zeit verbrauchen sich dadurch die körpereigenen Reserven von Kapha, das sich fortwährend um einen Ausgleich bemüht. Subjektiv fühlt sich ein gestresster Mensch zunächst durch das aktive Vata und Pitta energiegeladen und voller Elan, dann aufgedreht, bis er allmählich überdreht und dieser hyperaktive Zustand schließlich durch das schrumpfende Kapha immer mehr einer tiefen Müdigkeit und Erschöpfung weicht und Begeisterung, Optimismus und Lebensfreude abnehmen.

Wie lange das dauert, hängt vom Ausmaß der chronischen Stressbelastung und unseren typbedingten Kapha-Speichern ab. Beim klassischen Burnout-Syndrom sind die Kapha-Reserven aufgezehrt, Pitta brennt nur noch auf niedriger Flamme, und das überzogene Vata erhält von den beiden anderen Doshas keine Unterstützung mehr. Die Lebenskraft Ojas schwindet dahin.

Wozu Ayurveda bei chronischem Stress rät

Was nun rät die ayurvedische Medizin bei chronischem Stress, um die Doshas wieder in Balance
zu bringen und einen drohenden Burnout zu verhindern? Welche alltagstauglichen Maßnahmen
kann man zu Hause ergreifen, um Vata und Pitta zu beruhigen sowie Kapha zu stärken?

Grundsätzlich geht es darum, seine Lebensweise ganz bewusst zu strukturieren und zu disziplinieren, seine Aufmerksamkeit gezielt auf das eigene Wohlbefinden zu richten, achtsam mit sich umzugehen und wieder zu lernen, sich zu spüren.

Genügend Ruhephasen

Die erste Empfehlung, die Vata und Pitta beruhigt und gleichzeitig Kapha stärkt, besteht darin, sich ausreichend Ruhe zu gönnen. Dazu gehören genügend Schlaf, immer wieder Regenerationsphasen während des Tages und Meditation. Gehen Sie Konflikten aus dem Weg, gönnen Sie sich abends Phasen der Muße, wenden Sie sich angenehmen Dingen zu und meiden Sie aufregende Aktivitäten wie Streitereien oder gewaltsame Filme, bevor Sie ins Bett gehen.

Ausreichend Schlaf, so oft wie möglich

Jeder sollte sich soviel Schlaf gönnen, wie er braucht. Das kann individuell stark variieren. Fest steht jedoch: Die meisten Menschen schlafen, gemessen an ihrem persönlichen Bedarf, zu wenig. In den vergangenen Jahren hat sich die durchschnittliche Schlafdauer in Deutschland
auf sieben Stunden verkürzt – und das bei stetig wachsender psychischer Belastung. Schlaf ist aber der wichtigste regenerative Prozess, über den der Körper verfügt. Wer pro Nacht nur eine Stunde zu wenig schläft, summiert dieses Defizit auf fast volle zwei Wochen im Jahr. Unvermeidliches Resultat: geringeres Leistungsvermögen, weniger Belastbarkeit, Gereiztheit, Unlust, kaum mehr Spaß und Freude, geringe Stressresistenz. Wenn Sie morgens früh raus müssen, gehen Sie so frühzeitig ins Bett, dass Sie ausreichend schlafen können. Und wenn es nicht immer klappt, dann versuchen Sie, es so oft wie möglich einzurichten. Es lohnt sich, denn Ihre gesamte Lebensqualität wird davon profitieren.

Wohltuende Öl-Anwendungen

Die zweite Maßnahme, die alle drei Zwecke in Bezug auf die Doshas erfüllt, ist die Anwendung von Öl. Zum einen können Sie über Ihr Essen immer etwas Ghee (geklärte Butter) gießen, falls Ihre Blutfette nicht zu hoch sind. Zum anderen ist eine Ölmassage, zum Beispiel mit Mandelöl, morgens sehr hilfreich. Wenn Sie es zeitlich nicht regelmäßig einrichten können, dann zumindest am Wochenende oder abends vor dem Schlafen die Fußsohlen einmassieren.

Die dritte Strategie, die ebenso auf alle drei Doshas harmonisierend wirkt, besteht in einer ausgewogenen, strukturierten Tagesroutine mit regelmäßigen Essens-, Schlafens-, Bewegungs- und Mußezeiten.

Beruhigende und ausgleichende Bewegung

Eine hervorragende Antistressmaßnahme sind außerdem regelmäßige Yoga-Asanas, angeleitet durch einen gut ausgebildeten Yogalehrer. Gehen Sie auch regelmäßig ans Licht und an die frische Luft. Beides sind wichtige Energiespender. Ganz besonders Spaziergänge im Wald beruhigen Vata sowie Pitta und stärken Kapha.

Ayurvedische Nahrung für den gestressten Organismus

Die Geschmacksrichtung süß beruhigt Vata wie auch Pitta und kräftigt Kapha. Damit sind nicht Süßigkeiten gemeint, sondern Lebensmittel wie Reis, Weizen, Dinkel, Süßkartoffeln, qualitativ hochwertige Milch, Sahne, süßes Lassi, süße Buttermilch, süßes, saftiges Obst, Süßwasserfisch, Geflügel, Wild. Als Gewürze sind Gelbwurz, Kardamon, Safran oder Koriander geeignet.

Als Heilpflanzen werden als Monopräparate oder Kombinationsmittel unter anderem Nabelkraut (Brahmi, Bacopa monniera), Ackerwinde (Shankhapushpi, Convolvulus pluricaulis), Ashvagandha (Withania somnifera), Süßholz (Yastimadhu, Glycyrrhiza glabra), aschfarbene Myrobalane (Amla, Emblica officinalis) und Gelbwurz (Haridra, Curcuma longa) verwendet.

Mediation für einen ruhigen Geist

Doch die effektivste Methode, um Stress entgegenzuwirken und um die Stressresistenz und Resilienz zu steigern, ist Meditation. Damit wird sich auch das Thema des nächsten Serien-Beitrags befassen.

Ayurveda Journal 41 · Seite 48 – 51

[ratings]

Previous articleSmoothie – Ayurvedischer Energiespender
Next articleAyurveda und Frühling
Dr. med. Ulrich Bauhofer
Dr. med. Ulrich Bauhofer gilt als einer der führenden Ayurveda-Spezialisten außerhalb Indiens und ist erfolgreicher Buchautor. Als erster westlicher Mediziner war er seit 1980 an der wissenschaftlichen Fundierung der Jahrtausende alten ayurvedischen Heilkunde beteiligt. Dr. Bauhofer konzipierte und leitete über 10 Jahre die größte Ayurveda-Klink in Deutschland. Derzeit betreibt er eine ayurvedische Praxis in München, berät Unternehmen in Fragen des Gesundheitsmanagements, hält Vorträge und Seminare. Er ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Ayurveda.