Auf Dauer kann ein Mensch nur gesund bleiben, so lehrt der Ayurveda, wenn seine Verdauung in Ordnung ist und somit jeden Tag neues, gesundes Körpergewebe entsteht. Der Magen-Darm-Trakt ist also die zentrale Einheit, die über Gesundheit und Krankheit entscheidet.

Die Verdauung gilt in der Ayurveda-Heilkunde als sehr komplex – und wird ausführlicher dargelegt als in jeder anderen Naturheilkunde. Es lohnt sich, dieses große, aber spannende Gebiet zu erkunden und zu erkennen, wie man sich und seinen Magen-Darm-Trakt besser unterstützen kann.

Sämtliche Stoffwechselvorgänge im Körper eines Menschen werden von Vata, Pitta und Kapha bestimmt. Die Doshas sind die Repräsentanten der drei natürlichen Wirkkräfte der Natur: Wind, Feuer und Wasser in unserem Organismus.

Pachana – der Prozess der Verdauung

Alles, was wir tagtäglich zu uns nehmen, muss vom Organismus verarbeitet werden. Auf jede Nahrung, jedes Getränk, aber auch auf jeden Sinnesreiz reagiert der Körper augenblicklich. Dieser Verdauungsprozess findet in jeder Sekunde auf allen Ebenen statt, ob im Magen-Darm-Trakt, im Gehirn, in den Sinnesorganen oder in jeder Körperzelle. Unser Körper ist permanent beschäftigt. Allein jede Sekunde müssen 50 Millionen (!) neue Körperzellen produziert werden, um die alten Zellen zu ersetzen. Dieser Umwandlungsprozess findet zunächst an drei Stellen im Verdauungstrakt statt:

1. Der Magen

– Kapha sorgt im Magen für die Verflüssigung und Durchmischung des Nahrungsbreis. Dieser Prozess dauert etwa drei Stunden und führt dazu, dass die Nahrungsbestandteile gelöst und aufgeweicht werden, damit sie leichter weiter verarbeitet werden können. Aus diesem ersten Verdauungsprozess entsteht der erste Nahrungsbrei Ahara Rasa und Kapha. Dieses Ahara Rasa wird zusammen mit Kapha zum Herzen transportiert und von dort in den gesamten Organismus verteilt, um die Gewebe mit hohem Kaphaanteil zu ernähren. Beispielsweise Muskeln, Fett, Gehirn.

2. Der Dünndarm

– Pitta zerlegt den verflüssigten Nahrungsbrei durch enzymatische Säfte in seine kleinsten Bestandteile und macht sie so dem Körper zugänglich. Im Dünndarm findet der größte Teil der Resorption der Nahrung statt. Auch hier entsteht am Ende des Prozesses Ahara Rasa und Pitta, das vom Körper aufgenommen wird, um Organe mit hohem Pittaanteil zu ernähren, beispielsweise Augen.

3. Der Dickdarm

– Vata ist für den Transport und die Aufnahme der restlichen Nahrungsbestandteile wie Mineralien und hauptsächlich Wasser und Fette verantwortlich. Daher wird der verbliebene Rest des Nahrungsbreis immer trockener. Dank der Arbeit von Myriaden von Darmbakterien werden auch die letzten Teile der Nahrung verwertet, bis nur noch der unverdaubare Stuhl übrig bleibt. Am Ende wird auch wieder Ahara Rasa und Vata resorbiert, um die Körpergewebe mit hohem Vataanteil zu ernähren – wie Nerven oder Knochen.

Prinzipien einer gesunden Ernährung

Folgende Prinzipien sind entscheidend für eine gesunde Ernährung bzw. Verdauung.

  • Tageszeiten einhalten (Frühstück, Mittag-, Abendessen) und zwei bis drei Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten lassen.
  • Essen anpassen an: Jahreszeit (im Sommer leichtere Kost essen), aktuellen Zustand (nach Sport, bei Krankheit/Rekonvaleszens) und die eigene Konstitution (Vata, Pitta, Kapha)
  • Warmes Essen – damit Agni die Nahrung gut verarbeiten kann, sollte das Essen warm sein oder erwärmend (Gewürze!). Kalte und rohe Nahrung belastet die Verdauung und sollte daher nicht in großen Mengen konsumiert werden.
  • Trinken – zum Essen sollte in Maßen getrunken werden: Ein bis zwei Gläser während einer Hauptmahlzeit wären gut, je nach Klima und Zusammensetzung des Essens.
  • Zusammensetzung des Essens – ein gesundes Essen sollte alle sechs Geschmacksrichtungen (süß, sauer, salzig, scharf, bitter und herb) enthalten, da sie eine direkte Beziehung zu den Doshas haben. Es sollte alle Konsistenzen (hart, fest, weich, flüssig) enthalten für den Aufbau der Körpergewebe (Dhatus) ebenso wie für den Erhalt der Elemente (Mahabhootas) im Körper. Die Mahlzeit sollte eine ausgewogene Verteilung der Eigenschaften (Gunas) haben, von Öligkeit und Trockenheit. Nahrungskombinationen meiden, die unverdaulich sind und Ama hervorrufen.
  • Ort und Art des Essens – nicht unter Stress, an unruhigen Orten, unter starken Emotionen oder während des Gehens essen.
  • Auf die Essensmenge achten: 1/3 festes, 1/3 flüssig, 1/3 des Magens leer lassen. Überessen und zu schweres Essen dringend vermeiden.

Rasa-Dhatu

Wenn alle Bedingungen innerhalb des Magen-Darm-Traktes optimal funktionieren, entsteht als erstes Körpergewebe das Rasa-Dhatu. Rasa-Dhatu ist die zirkulierende Flüssigkeit im gesamten Körper. 75 Prozent der inneren Umgebung des Organismus sind flüssig. Der substantielle, qualitative und funktionelle Zustand von Rasa-Dhatu ist besonders wichtig. Rasa-Dhatu ist überall und ernährt alle Zellen und Organe. Trockenheit, Antriebslosigkeit und Lethargie sind das Ergebnis einer Störung.

Ein optimales Rasa-Dhatu führt im Körper zu einem Zustand der Zufriedenheit und des Wohlfühlens. Mein Lehrer sagte, es ist wie, wenn du an einem heißen Sommertag nach einer langen Wanderung an eine Quelle kommst und mit frischem Wasser dein Gesicht benetzt. So erfrischt und erneuert Rasa-Dhatu den gesamten Organismus. Ein gestörtes, vermindertes Rasa-Dhatu kann man am besten am Zustand der Haut feststellen: faltige, schrumplige, glanzlose Haut ist das Ergebnis. Ein verschmutztes Rasa-Dhatu, beispielsweise durch Ama, zeigt sich in Schwellungen unter den Augen.

Rasa-Dhatu ist auch deshalb so wichtig, da es als einziges Körpergewebe alle drei Doshas beinhaltet. Die Doshas, die als Unterprodukt aus der Verdauung heraus entstehen, benötigen Rasa-Dhatu, um an ihre Einsatzorte im Körper zu gelangen. Man braucht Rasa-Dhatu in der Ayurvedatherapie, um Giftstoffe und Doshas zu lösen und mit dem Verdauungstrakt aus dem Körper zu eliminieren (diese Therapie nennt man Panchakarma).

  • Hunger sollte nie übergangen werden.
  • Abendessen nach 20.00 Uhr kann niemals gesund verdaut werden.
  • Wer zu schnell hintereinander isst, provoziert Verdauungsstörungen und die Bildung von Ama.
  • Niemals Getränke aus dem Kühlschrank trinken!
  • Nicht nach dem Essen trinken.

Erkennen von Ama

  • Weißer Zungenbelag
  • Schwere
  • Antriebslosigkeit
  • fehlender Glanz in den Augen
  • Gewichtszunahme

Die Konzepte Agni und Ama

Agni ist nicht nur der zentrale Faktor, der über Verdauung oder Verdauungsstörung entscheidet. Agni ist der Funke, der alle Stoffwechselprozesse des Körpers initiiert. Sehen oder Blindheit, der Glanz der Haut, Lust oder Unlust, Kontrolle der Körpertemperatur und schließlich Mut oder Feigheit, Glück oder Trauer, Wissen oder Ignoranz unterstehen dem entscheidenden Einfluss von Agni. Daher haben Störungen von Agni so weitreichende Auswirkungen über Körper, Geist und seelische Verfassung eines Menschen.

Agni kann nicht in seiner natürlichen Form als Feuer im Körper existieren. Es braucht ein Vehikel, um seine unterschiedlichen Aktivitäten auszuüben. Sein Medium ist Pitta Dosha, das von seiner Natur her flüssig ist. Durch dieses flüssige Medium (Enzyme, Verdauungssäfte etc.) kann Agni gebunden seine Aktivität ausführen, ohne den Körper zu schädigen. Pitta und Agni sind aufs engste miteinander verbunden. Sie sind jedoch nicht identisch.

Störungen des „Verdauungsfeuers“ Agni führen zur Bildung von Ama. Ama ist unverdaute oder nur teilweise verdaute Nahrung. An Stelle von Rasa-Dhatu entsteht Ama. Es ist von seinen Eigenschaften her klebrig, trüb, kalt, verstopfend. Es blockiert die Körperkanäle (Srotas) und überzieht die Zellen mit seinem klebrigen Schleim.

Ayurveda ist tief davon überzeugt, dass fast alle inneren Krankheiten aufgrund einer Agnifehlfunktion entstehen. Daher sollte man sich immer seines Agnizustandes bewusst sein, um alle Ursachen zu verhindern, die uns davon abhalten ein gesundes, glückliches und fruchtbares Leben zu führen.

Unverdauliche Nahrung, die selbst bei gutem Agni zur Bildung von Ama führen

  • Kalte Milch
  • Milchprodukte mit Früchten, z.B. Fruchtjoghurt, Früchte-Milchshakes
  • Joghurt und Rindfleisch
  • Fisch und Milch (Sahne)
  • Aufgewärmtes Essen

Woran erkenne ich, dass mein Magen-Darm-Trakt nicht in Ordnung ist?

Nachfolgend eine Checkliste anhand der wichtigsten Störungen im Magen/Darmtrakt. Selbstverständlich geht es hierbei um das chronische Auftreten eines oder mehrerer der hier aufgelisteten Beschwerden und nicht um das einmalige oder kurzzeitige:

Checkliste Auftreten:

  • Fehlen von Leichtigkeit im Bauchbereich
  • Unregelmäßige Entleerung/Verstopfung
  • Blähungen
  • Krämpfe
  • Appetitlosigkeit
  • Unverträglichkeiten
  • Stuhlauffälligkeiten/Durchfälle, intensiver Geruch
  • Lethargie
  • Zungenbelag/Mundgeruch

Gesundes Stuhlverhalten:

  • Täglich am besten morgens, ohne Anstrengung oder unangenehmen Empfindungen
  • Danach Gefühl von Leichtigkeit.
  • mittelharte Konsistenz
  • mittelbraune Farbe
  • frei von fauligen und unangenehmen Gerüchen
  • ohne Nahrungsreste
  • Stuhl sollte auf der Wasseroberfläche bleiben, nicht absinken

Welche Heilpflanzen helfen?

Eine gute Darmflora entsteht, wenn die Ernährung gut ist und das Zusammenspiel aller Verdauungsorgane optimal funktioniert.

Ingwer ist gut bei Verschleimungen, Appetitlosigkeit und Resorptionsstörungen. Das Pulver ist auch für Pitta-Konstitutionen und bei Kindern geeignet.

Schwarzer Pfeffer – wichtig bei Halsschmerzen (mit Honig) und Rheuma. Vorsicht bei erhöhtem Pitta.

Kreuzkümmel – Ama vernichtend, regulierend bei Durchfällen ohne zu stopfen, mild in der Wirkung. Für alle Konstitutionen geeignet.

Kurkuma – mildes, verdauungsförderndes Gewürz, für alle Konstitutionen geeignet. Besonders bei Halsschmerzen als Paste auftragen oder mit heißem Wasser gurgeln.

Amalaki –beruhigt Pitta, reinigt und regeneriert die Schleimhäute im Magen-Darm-Trakt, lindert Sodbrennen.

Frühjahrsdarmkur zur Reinigung

Dauer: 3-5 Tage, am besten im März oder April.

Eine kleine Hauskur, die jeder im Frühjahr für sich anwenden kann, um die angesammelten kalten Säfte Ama, Kapha) auszuscheiden. Diese Kur ist nur für Gesunde ohne Bedenken zu empfehlen. Wenn Sie Beschwerden oder Krankheiten haben, sollten Sie vorher Rücksprache mit Ihrem Therapeuten halten.

Durchführung

Nehmen Sie vor dem Schlafen jeden Abend ein bis zwei Esslöffel Rizinusöl. Halten Sie sich dabei am besten die Nase zu und trinken Sie danach heißes Wasser/Tee oder mischen Sie das Rizinusöl gleich in heiße Milch. Keine Sorge, Sie werden, wenn Sie es so nehmen, wenn überhaupt nur leicht Durchfall bekommen, wahrscheinlich nur etwas weicheren Stuhl.

Massieren Sie sich anschließend den Bauch mit Sesamöl. Machen Sie Kreise um den Bauchnabel im Uhrzeigersinn. Essen Sie 3-5 Tage lang reduzierte Kost, am besten Suppen mit Toastbrot. Kapha-Konstitutionen können auch für einige Tage fasten. Trinken Sie über den Tag verteilt einen Liter heißen Nelkentee (Anleitung siehe unten).

Ende der Kur

Fangen Sie langsam an, wieder normal zu essen. Achten Sie auf Ihren Hunger und essen Sie nur so viel bis Sie gerade satt sind. Halten Sie sich strikt an die obigen Ernährungsempfehlungen. Trinken Sie die nächsten 4-6 Wochen weiter Nelkentee. Er wird Ama und Kapha weiter reduzieren und ist ein vorzüglicher Tee, um Agni zu stärken, ohne Pitta zu erhöhen.

Ayurveda Journal 37 · Seite 26 – 29

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Dieter Scherer
Dieter Scherer ist ein erfahrener Heilpraktiker und Buchautor (Ayurveda-Medizin). 1993 machte er sein Diplom an der renommierten Fachschule für Naturheilweisen Josef Angerer in München. Seit dieser Zeit ist er in seiner Praxis in München tätig. Er bildete sich fort in klassischer Homöopathie bei Dr. Mohinder Jus, in Humoralpathologie bei Joachim Broy und in traditionellem Ayurveda bei Dr. Vilas M. Nanal sowie anderen Ayurveda-Ärzten in Indien.Seit 1998 betreibt er gemeinsam mit seiner Frau zusätzlich eine Kurpraxis in Garmisch-Partenkirchen. In beiden Praxen behandelt er nach den Grundsätzen des Ayurveda.