Depressionen:


eine Belastung für Patienten und Angehörige. Hilfen aus der ayurvedischen Psychologie

Die WHO schätzt zurzeit die Zahl der Menschen mit Depressionen in Deutschland auf ca. 4,1 Millionen, das sind 5,2 Prozent der Bevölkerung. Dabei wissen wir, dass bei dieser Zahl
eine große Dunkelziffer gar nicht erfasst wird, da viele Menschen erst dann Hilfe suchen, wenn es gar nicht mehr anders geht. Es stellt sich auch die Frage: Ab wann sprechen wir von einer Depression? Insgesamt ist die Depression in Mitteleuropa die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung. Und die Zahlen sprechen von einer Zunahme.

Depressionen sind vielschichtig und komplexer, als man gemeinhin annimmt. Aus diesem Grund lohnt es sich, diese ernstzunehmende psychische Störung differenziert zu betrachten. Die ayurvedische Psychologie liefert hier eine höchst moderne Sicht, indem sie die Depression als dynamisch-hochkomplexes Geschehen auffasst, welches mit psychotherapeutischen Gesprächen und spirituellen Ansätzen angegangen werden muss.

Interdisziplinäre, fachkundige Behandlungsansätze

Vorerst sei betont, dass eine Depression unbedingt durch einen Spezialisten (Facharzt/-ärztin für Psychiatrie) diagnostiziert und behandelt werden muss. Ergänzend dazu müsste jedoch immer eine Psychotherapie stattfinden. Meine Erfahrung als westlicher und ayurvedischer Psychotherapeut zeigt, dass gerade mit spirituellen Methoden der ayurvedischen Psychologie
und des Yoga eine relativ schnelle und nachhaltige Hilfe geboten werden kann. Allerdings betone ich ausdrücklich, dass bei der therapeutischen Intervention von Depressionen eine fundierte Ausbildung als Psychologe oder Psychotherapeut unerlässlich ist, da ungenügend ausgebildete Berater Schaden beim Klienten und bei sich selbst anrichten können.

Antidepressiva können für viele Menschen mit einer Depression und damit auch für ihre Angehörigen ein echter Segen sein. Sie tragen dazu bei, dass sich die Stimmung aufhellt und Ängste mindern. Wir dürfen uns jedoch nicht täuschen lassen: Eine Depression lässt sich nicht durch Medikamente besiegen. Wir machen leider die Erfahrung, dass sich nach dem Absetzen der Medikamente die Depression – möglicherweise in veränderter Form – immer wieder einschleicht. Der Sinn einer begleitenden ayurvedisch-psychologischen Intervention besteht darin, Patienten darin zu unterstützen, aus der Depression herauszufinden. Nach dem schritt- weisen Absetzen der Medikamente können sie so wieder zu einer zufriedenstellenden Lebens- qualität und zu einer für alle Seiten konstruktiven Form des Zusammenlebens finden. Bei der psychotherapeutischen Arbeit kann es sinnvoll oder gar nötig sein, die Angehörigen mitein-zubeziehen.

Nicht selten sind auch die Familienmitglieder eines Menschen mit einer Depression ratlos, verzweifelt und überfordert. Hier wäre oftmals ebenfalls eine psychologische Unterstützung notwendig und hilfreich, denn das Zusammenleben mit Menschen in einer Depression kann enorm kräfteraubend und deprimierend sein. Allerdings raten wir dazu, dass der Patient und seine Angehörigen nicht denselben Therapeuten aufsuchen, damit keine Bündnisse entstehen, welche die Offenheit der Patienten beeinträchtigen könnten.

In Fällen von leichteren Depressionen, Verstimmungen oder bei der Bewältigung von traurigen Situationen kann die ayurvedische Psychologie einen erfolgversprechenden Beitrag leisten, aus diesen Zuständen leichter und schneller wieder herauszufinden und somit dazu beitragen, dass keine Antidepressiva eingenommen werden müssen. Auch als Prävention, beispielsweise gegen die mehr oder weniger regelmäßig zurückkehrende Winterdepression, kann der Ayurveda hervorragende Dienste leisten.

Depressionen aus ayurvedisch-psychologischer Sicht

Die Depression ist ein Zustand einer anhaltenden psychischen Niedergeschlagenheit.
Wir unterscheiden die einmalige depressive Episode (z. B. Wochenbett-Depression) von der periodisch wiederkehrenden depressiven Störung (z. B. die Herbstdepression) und der chronischen Krankheit. Die Auslöser einer Depression können von außen kommen (reaktiv =
durch ein belastendes Ereignis verursacht), neurotisch (entwicklungsoder verhaltensbedingt; z. B. Erschöpfungsdepression, die oft aus einem inadäquaten Perfektionismus heraus ent-stehen kann) oder endogen (von innen verursacht; aus ayurvedisch-psychologischer Sicht: karmisch) sein. Hinzu kommt die „organische Depression“, die durch eine körperliche Fehl-funktion (z. B. Schilddrüsenfunktionsstörung) ausgelöst wird und die bipolare affektive Störung (früher „manisch-depressive Erkrankung“), bei der sich Niedergeschlagenheit mit übersteigertem Antrieb und euphorischer Stimmung abwechselt.

Unterschiedliche Wahrnehmungen

Wir sprechen hier nicht von depressiven Menschen, sondern von Menschen mit einer Depression, weil diese Menschen die Depression haben und diese – wie das meiste in der Welt, was man hat – auch wieder loswerden können. Dies ist die Wahrnehmung der ayurve-dischen Psychologie, die im Umgang mit diesen Menschen als wichtiges Element zum Tragen kommt: „Ich bin der, der ich in Wahrheit bin und habe zusätzlich eine Depression. Weil ich die Depression habe, kann ich lernen, anders mit diesem Phänomen umzugehen und sie möglicherweise auch wieder loslassen.“ Aus vedischer Sicht ist der Sinn des Lebens, sich zu
entwickeln und zu wachsen. Wachstum ist im Plan der Natur vorgesehen. Wenn ich das Wachstum blockiere, wie das bei einer Depression der Fall ist, lebe ich gegen die Natur. Da die Natur jedoch stärker als das Individuum ist, und ich gegen die Gesetze der Natur verstoße, holt sich die Natur ihr Recht zurück: Die Krankheit verstärkt sich. Also muss das Ziel der ayurvedisch-psychologischen Arbeit sein, Wachstum auszulösen und zu unterstützen.

Lernen bedeutet Wachstum. Mein Karma hat mir die Depression als Lern- und damit als Wachstumsaufgabe beschert: Ich habe zu lernen, wie ich konstruktiver mit dem Leben und meinem Zustand umgehen kann. Mein Umfeld kann aus dieser Sicht lernen, mich in diesem Prozess zu unterstützen.

Das klingt natürlich einfacher, als es in Tat und Wahrheit ist. Menschen mit einer Depression haben eine andere Wahrnehmung: Sie nehmen sich gefangen, in einem niedergeschlagenen, sinn- und hoffnungslosen, energielosen Zustand wahr. Sie erleben die Welt und das Umfeld
als bedrohlich und fühlen sich unfähig, das Leben zu meistern und zu lernen.

Die Hilflosigkeit der Helfer

Für Nichtbetroffene ist dieser Zustand schlecht nachvollziehbar: Dem Menschen fehlt ja nichts, er müsste doch nur sehen, dass das Leben schön, das Wetter sonnig, die Natur blühend ist. Nichtbetroffene haben eine andere Wahrnehmung, und dies macht es so uner- träglich, die Depression tatenlos mitzuerleben. Angehörige fühlen sich hilflos, weil es ihnen nicht gelingt, den geliebten Menschen in ihre eigene Wahrnehmung der Welt zu führen. Da kommen – ausgesprochen oder unausgesprochen – Impulse wie „Reiß dich mal etwas zusammen!“, „Geh’ mal raus in die schöne Natur, da geht’s dir sofort besser!“ oder „Du
musst nur etwas unternehmen, das hellt die Stimmung auf!“ Das ist als säße ich in einem Konzert, in dem mir die Musik nicht gefällt, und mein Nachbar sagt, ich müsse diese Musik nur genießen, alle anderen genössen sie auch.

Diese gut gemeinten Impulse der Aktivierung sind in der Regel wenig konstruktiv. Vielmehr verursachen sie beim Menschen mit der Depression ein schlechtes Gewissen und verstärken das Gefühl, dass man die Angehörigen belastet.

Die unterschiedliche Wahrnehmung, die Hilflosigkeit und die oftmals auch unausgesprochenen, gegenläufigen Erwartungen rauben den Angehörigen Energie. Nicht selten kommen auch sie an ihre energetischen Grenzen.

Was hilft wirklich?

Menschen mit einer Depression und ihren Angehörigen zu helfen, ist eine zu vielschichtige Geschichte, als dass sie hier abschließend behandelt werden könnte. Erstens ist die Depres-sion komplex und bei jedem Menschen wieder etwas anders, und zweitens ist auch die Konstellation des Patientenumfelds immer wieder unterschiedlich.

Die beste Hilfe für Angehörige mit einer Depression besteht darin, diese verständnisvoll und feinfühlig in den Alltag miteinzubeziehen, ihnen überschaubare, abgegrenzte, dem Zustand angemessene Aufgaben, z. B. im Haushalt, zu übertragen, wie Bilder aufhängen, einkaufen oder Liegengebliebenes zu erledigen.

Grundsätzlich raten wir Menschen mit einer Depression, sich möglichst frühzeitig, bei ersten Anzeichen (Morgen-Stimmungstief, unbegründete Energielosigkeit und Überforderungs-gefühle) ihrem Hausarzt oder dem Ayurveda-Arzt anzuvertrauen. Stimmungsaufhellende
Medikamente oder bestimmte ayurvedische Substanzen können dazu beitragen, dass sich die
Symptome soweit verbessern, dass die betroffene Person in einer psychotherapeutischen Behandlung konstruktiv mitarbeiten kann. Die ayurvedische Psychologie arbeitet mithilfe von Gesprächen und spirituellen Methoden (Meditation, Körperdialog, Chakraarbeit etc.) daran, dass der Mensch den inneren Frieden findet, den Kontakt zu seinem wahren Selbst aufnimmt
und so wieder zu Kräften kommt. Dies verändert automatisch die Wahrnehmung des Selbst und der Welt. Selbstverständlich spielen dabei auch die Ernährung, die ayurvedische Massage, die Beachtung der Atmung und ein sanfter Yoga (z. B. Ayuryoga) eine wichtige Rolle.

Angehörige sollten lernen, den Zustand der Depression und die unterschiedliche Wahrnehmung zu respektieren, sich auf eine liebevolle Art und Weise abzugrenzen und für sich und ihren eigenen Energiehaushalt zu sorgen. Weil dies so anspruchsvoll und oftmals mit Schuldgefühlen verbunden ist, gelingt dies sicher besser, wenn auch sie sich von einem fachkundigen Psycho- logen unterstützen lassen. Vor allem sich auszusprechen, kann entlastend sein. Auch Ange-hörigen tut Yoga gut und auch sie profitieren von Massagen. Angehörige sollten jedoch getrennt von dem Betroffenen etwas für sich unternehmen.

Erschienen im Ayurveda Journal 56

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