Angefangen hatte alles mit großem Stress, unter dem Herr W., der in einer verantwortungsvollen Position arbeitet, litt. Termindruck, zu wenig Mitarbeitende, fordernder Chef, das Familienleben litt. Herr W. reagierte mit Schlafstörungen, später Schwindel und dem immer stärker werdenden Gefühl, alles werde zu viel. Die Diagnose des Arztes: Depressionen. Herr W. kommt in die ayurvedisch-psychologische Therapie, weil die starken Psychopharmaka nichts bringen, wie er erzählt. Er nimmt zu dem Zeitpunkt seit einem halben Jahr die Medikamente und hat nun den Wunsch, ohne Arzneimittel leben zu können. Seine Ehefrau und der Arzt überredeten ihn zu einer psychologischen Behandlung.

Woran erkennt man Depressionen?

Depressionen sind ernst zu nehmende psychische Störungen, die unbedingt durch einen Spezialarzt (Psychiater) kontrolliert und behandelt werden müssen. Trotzdem und ergänzend kann die Ayurvedische Psychologie wertvolle Unterstützung geben.

Es kommt nicht selten vor, dass Patienten vom Arzt lediglich mit Antidepressiva behandelt werden, die die Stimmung aufhellen und dadurch den Eindruck aufkommen lassen, die Depression sei besiegt. Doch erstens treten durch Antidepressiva nicht selten Nebenwirkungen auf, und zweitens besteht die Gefahr, dass sich nach dem Absetzen der Medikamente, die Depression – eventuell in veränderter Form – wieder einschleicht.

Der Sinn der begleitenden psychologischen Intervention, besonders der ayurvedischen Psychologie, besteht darin, mit dem Patienten so weit voran zu kommen, dass er – in Absprache mit dem behandelnden Arzt – die Medikamente ausschleichen und ohne sie wieder zu einer guten Lebensqualität finden kann.

In Fällen von leichteren Depressionen, Verstimmungen oder bei der Bewältigung von traurigen Situationen, kann die ayurvedische Psychologie eine erfolgversprechende Unterstützung geben, aus diesen Zuständen leichter und schneller wieder heraus zu finden. Auch hier gilt der Grundsatz: Prävention ist die beste Therapie!

Was ist eine Depression?

Die Depression, im Ayurveda „dukha“ (Traurigkeit) genannt, ist ein Zustand von andauernder psychischer Niedergeschlagenheit.

Psychopathologisch wird die Depression zu den affektiven Störungen gezählt. Wir unterscheiden die depressive Episode von der wiederkehrenden depressiven Störung und der chronischen Krankheit. Die Ursachen einer Depression können exogen (reaktiv = durch ein belastendes Ereignis verursacht), neurotisch (entwicklungs- oder verhaltensbedingt; zum Beispiel Erschöpfungsdepression) oder endogen (von innen verursacht) sein. Hinzu kommen noch eine Sonderform der endogenen Depression, die „organische Depression“, die durch eine körperliche Fehlfunktion (wie Schilddrüsenfunktionsstörung) ausgelöst wird und die bipolare affektive Störung (früher „Manisch-Depressive Erkrankung“), bei der sich Niedergeschlagenheit mit übersteigertem Antrieb und euphorischer Stimmung abwechseln.

Die Depression ist in Mitteleuropa die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung. Ihre Zahl ist im stetigen Steigen begriffen. In Deutschland wird geschätzt, dass rund vier Millionen Menschen von einer Depression betroffen sind, und dass mehr als zehn Millionen bis zum 65. Lebensjahr einmal wegen einer Depression behandelt wurden. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich höher, denn viele Depressionen werden nicht als solche erkannt.

Aus ayurvedisch-psychologischer Sicht entsteht die Depression oft aufgrund des Kontaktverlustes des heutigen Menschen zu sich selbst. Der Mensch wird andauernd von äußeren Reizen angezogen und strebt nach Erfolg, weltlichem Vergnügungen und „vergisst“ so, worin die wahre Zufriedenheit des menschlichen Lebens besteht. Werteverluste tragen ihren Teil zur Depression bei, da ohne echte Werte der Sinn des Daseins in Frage gestellt wird.

Die Grundstimmung bei der Depression ist die energielose Niedergeschlagenheit, die keine Freude mehr zulässt. Verständlicherweise stellt sich sehr schnell einmal die Frage, ob das Leben überhaupt noch einen Sinn macht, wenn einem alles so schwer fällt.

Wie können aus ayurvedischer Sicht Depressionen entstehen?

Nach dem Ayurveda können Depressionen aus Vata-Störungen heraus entstehen. Trotzdem kann aber die Depression Vata-, Pitta oder Kapha-Charakter haben und je nach dem wird jede Depression entsprechend leicht anders behandelt.

Aus ayurvedisch-psychologischer Sicht können Depressionen aus einer Dosha-Störung entstehen, sie können karmisch sein, durch bestimmte Ereignisse ausgelöst, sich aus neurotischen Verstrickungen heraus ergeben oder aus einer Erschöpfung heraus entstehen.

Wie geht die ayurvedische Psychologie mit Depressionen um?

Vorbeugung ist ein wichtiger Aspekt. Denn viele Menschen neigen, nicht selten saisonal, zu depressiven Zuständen oder Verstimmungen. Das Wissen um die eigene depressive Neigung könnte dazu beitragen, dass sich jemand prophylaktisch verhält.

Die Vorbeugung vom Ayurveda aus gesehen:

  • Regelmäßige körperliche Aktivität und Sport, möglichst an der frischen Luft, möglichst bei Tageslicht (3x pro Woche mindestens 40 Minuten). Gut ist, was Spaß macht. Yoga-Übungen eignen sich wunderbar.
  • Regelmäßige, genügende, sattvige Ernährung
  • Regelmäßig schlafen, jedoch nicht zu lang und nicht am Tag (Richtwert: 6 – maximal 8 Stunden)
  • Konflikte und Probleme vorwärts schauend lösen und nicht nur analysieren (gegebenenfalls mit Hilfe)

Die ayurvedisch-psychologische Unterstützung

Eine Depression spielt sich in erster Linie im psychischen Bereich eines Menschen ab, also muss aus ayurvedischer Sicht zwingend die professionelle ayurvedisch-psychologische Beratung eingesetzt werden, damit eine nachhaltige Verbesserung der depressiven Zustände erreicht werden kann. Gespräche werden mit einer therapeutischen Grundhaltung von Echtheit, Einfühlsamkeit und Wertschätzung geführt.

  • Akzeptanz des tamasigen (energielähmende) Zustandes, mit dem Ziel „Power“ (rajas) zurückzugewinnen.
  • Suizidgedanken sind ernst zu nehmen.

Die folgenden Methoden kommen in der psychologischen Ayurveda-Therapie zur Anwendung:

1. Das psychologische Gespräch

Im psychologischen Gespräch geht es in erster Linie darum, zu erfahren, wie sich die Person genau fühlt. Wie reagiert der Körper? Welche Symptome und Gefühle? Wie oft? Wie stark? Bei welchen Gelegenheiten? Was stört am meisten?

Die professionell beratende Person darf dem Klienten Empfindungen nicht ausreden oder besänftigen. Wenn etwas für die betreffende Person schlimm ist, ist das schlimm! Ein ayurvedisch-psychologischer Leitsatz heißt: „Gib dem Klienten, was er braucht!“

  • Vata braucht Struktur, Ordnung, Regelmäßigkeit, Entscheidungshilfe und viel positive emotionale Unterstützung.
  • Pitta muss, nebst Verständnis für die aggressiven Impulse, im Verlauf des Gesprächs Ruhe erfahren. Das Gespräch soll sich in erster Linie um den Klienten selbst und nicht um andere Menschen oder äußere Dinge drehen.
  • Kapha soll herausgefordert werden und genau die Empfindungen schildern. Kapha braucht wie Vata ebenfalls Entscheidungshilfe, jedoch zusätzlich mit etwas Druck, sich entscheiden und sich „bewegen“ zu müssen.

Das psychologische Gespräch hat folgende Ziele:

  • Die Selbstexplorationsfähigkeit der Person zu fördern
  • Der Person das Gefühl zu geben, dass sie so sein darf wie sie ist
  • Der „Buddhi“ näher zu kommen (entdecken der „geheimen“ Weisheit, die der Klient hat und bislang zu wenig hörte)
  • Den Klienten in seinen positiven Anteilen und Erfolgen zu bestärken (Freude zeigen über kleinste Erfolge)

2. Spirituelle Methoden

Die begleitenden, wichtigen Maßnahmen zum reinen Beratergespräch sind mit der Zeit – im Unterschied zur westlichen Psychologie – die spirituellen Methoden, wie Meditation, Mantraarbeit und der Körperdialog. Fallweise bei einer agitierten Depression, bei Unruhe, und Aggressionen kann auch der Einsatz von Klangschalen zur Beruhigung und Harmonisierung viel bringen.

Zurück zum Fallbeispiel:

Die Therapie mit Herrn W. dauerte rund 30 Stunden, über den Zeitraum von einem Jahr und beinhaltete viele der oben erwähnten Maßnahmen. Das größte Hindernis, das sich einer schnelleren Besserung in den Weg stellte, war der anfängliche tamasige Zustand, der nur mühsam und mit viel Geduld überwunden werden konnte. Ganz allmählich konnten in der zweiten Jahreshälfte – in Absprachen mit dem behandelnden Arzt – die Medikamente ausgeschlichen werden.

Heute lebt Herr W. ohne Medikamente, geht wieder zu 50 Prozent seiner Arbeit nach und kommt einmal pro Monat für ein unterstützendes Coaching. Das Ziel besteht darin, dass Herr W. in sechs Monaten wieder Vollzeit arbeiten kann.

Ayurveda Journal 37 · Seite 45 – 47

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