Dr. Hans Schäffler gründete 1985 das erste Ayurveda Gesundheitszentrum im deutschsprachigen Raum und arbeitet seitdem mit der ayurvedischen Reinigungskur Panchakarma. Er betont, dass diese Kur regelmäßig durchgeführt zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität führt und sich viele seiner Gäste ein Leben ohne Ayurveda nicht mehr vorstellen können. Allerdings sieht er die Gefahr, dass der Ayurveda ein schnell verwertbares Gut werden könnte in einer Gesellschaft, die ständig nach neuen, vermarktbaren Inhalten sucht. Die Beliebtheit des Ayurveda im Westen lässt sich in erster Linie auf die Ganzkörperölmassagen zurückführen. In diesem Artikel werden Sie erfahren, dass diese jedoch nur ein Element innerhalb der Reinigungsbehandlungen des Panchakarma ausmachen.

Das therapeutische Angebot des Ayurveda reichte in der klassischen Zeit von der Chirurgie für körperliche Notfälle bis hin zu den Bewusstseinstechnologien des Yoga. Zwischen diesen beiden Eckpunkten gibt es eine Vielzahl therapeutischer Ansätze, die alle Bedürfnisse einer umfassenden medizinischen Versorgung abdecken.

Unter allen Therapien hat Panchakarma eine Sonderstellung.

Panchakarma ist die klassische Shodhana-Therapie

Sie wird kurmäßig durchgeführt. Shodhana bezeichnet den Prozess der Ausscheidung. Hier werden Krankheitsstoffe zunächst mobilisiert, um sie dann auszuscheiden. Panchakarma bedeutet fünf Handlungen. Es umfasst fünf reinigende Zyklen, die verschiedene Gruppen von Krankheitsstoffen ausscheiden und die Doshas, die grundlegenden Bioregulatoren wieder ins Gleichgewicht bringen. In den klassischen Texten heißt es:

Die angeregten Doshas werden aus dem Körper über den Verdauungskanal ausgeschieden, Verdauungskraft und Stoffwechsel verbessern sich, Krankheiten werden geheilt und die normale Gesundheit wiederhergestellt. Sinne, Geist, Intelligenz und Ausstrahlung gewinnen an Klarheit. Die Kraft nimmt zu, Gewebe werden aufgebaut, Zeugungskraft und Potenz werden gestärkt. Das Altern verliert seinen Einfluss und man führt ein langes, krankheitsfreies Leben. Um diese Wirkungen zu erreichen, sollte man Reinigungsbehandlungen zur richtigen Zeit durchführen.

A) Vorbereitung auf die Kur: Ama-Pachana

Die meisten Patienten leiden an Störungen des Verdauungssystems. Vor einer Panchakarma Kur ist es deshalb sinnvoll, für 3-7 Tage durch leichte Diät und verdauungsanregende Präparate den Darm zu schonen und zu entschlacken. „Ama“ ist ein Sammelbegriff für Schlacken, „Pachana“ steht für die Verabreichung verdauungsfördernder Maßnahmen.

B) Die Panchakarma Kur

Das Ziel von Panchakarma ist es, Krankheitsstoffe zu lösen, zu mobilisieren und auszuscheiden. Demnach ist jeder reinigende Zyklus in diese drei Schritte gegliedert. Purva Karma ist wörtlich die vorbereitende Therapie: Hier sollen die Krankheitsstoffe und Schlacken in den Geweben gelöst und anschließend mobilisiert werden, sodass sie in die Zirkulation gelangen. Da es sich meistens um fettlösliche Stoffe handelt, kommen als Kurmittel keine wässrigen Zubereitungen zur Anwendung, sondern verschiedene Formen von Fetten und Ölen. Anschließend werden über eine Wärmebehandlung die Kapillaren erweitert und dadurch der Abtransport der Toxine erleichtert.

Snehana

Sneha bedeutet ölig

Die Gabe von öligen Substanzen steht am Beginn der Vorbehandlungen. Die Öle und Fette können innerlich oder äußerlich in Form von Massagen verabreicht werden. Die Art der Applikation hängt davon ab, welche ausscheidende Therapie anschließend zur Anwendung kommt. Svedana steht für die verschiedenen Wärmetherapien. In den Texten werden 13 Arten von Svedana beschrieben. Die gängigste Art der ist ein Kräuterdampfbad, ähnlich einer Heimsauna. Hier wird der ganze Körper erwärmt, wobei der Kopf frei bleibt. Durch die Wärmebehandlungen lassen sich die gelösten Schlacken leichter aus den Geweben abtransportieren. Es kommt zu einer Weiterstellung der Gefäße. Die Sekretion an Haut und Schleimhäuten nimmt zu. Lokale Wärmeanwendungen kommen vor allem bei Beschwerden des Bewegungsapparates zum Einsatz. Beim Pinda-Sveda werden etwa faustgroße Leinenbeutel mit Kräutern und anderen Substanzen gefüllt und erhitzt. Die Massage mit diesen Beutel vereinigt die Wirkung von Massage, Wärme und der Wirkung der Kräuter.

Ausscheidung der Schlacken Pradhana Karma

Nach den vorbereitenden Therapien sind die Schlacken aus den Geweben gelöst und im Begriff vor allem über die Schleimhäute und die Verdauungsdrüsen ausgeschieden zu werden. Hier setzt nun das Pradhana Karma, die eigentlichen reinigenden Verfahren ein. Abhängig von der Art der Schlacken, die mobilisiert wurden, kommen fünf Verfahren in Frage:

Vamana – Brechtherapie
Virechana – abführende Maßnahmen
Matra Basti – öliger kräftigender Einlauf
Anuvasana Basti – reinigender, überwiegend wässriger Einlauf
Nasya – Ausscheidung über die Schleimhäute der Atemwege.

Jedes Verfahren zielt auf eine andere Form von Schlacken. Dementsprechend wird die Vorbehandlung in verschiedenen Varianten durchgeführt. Wichtig bei jeder Form der Ausscheidung ist die Vorbereitung mit Snehana und Svedana. Sie wird hier mit Ghee (Butterreinfett) durchgeführt. Eine klassische Ghee-Kur geht bis zu sieben Tagen.

­Vorbereitung mit Ghee

Ghee ist ausgelassene Butter. Es wird in steigender Dosierung morgens ohne weitere Zutaten verabreicht. Die Fettsäuren des Ghee sind mittelkettig und werden leicht vom Darm aufgenommen. In der Abwesenheit von Kohlehydraten können die Fettsäuren im Blut jedoch nicht weiter abgebaut oder in Fettzellen eingeschleust werden. Entsprechend der klassischen Vorstellung des Ayurveda dienen die Fettsäuren nun als Lösungsmittel für fettlösliche Toxine. Die gelösten Toxine werden dann mit dem Ghee über die Schleimhäute eliminiert. Die Wärmetherapie unterstützt den Vorgang. Sie hilft, die Schlacken in den Geweben zu lösen, abzutransportieren und auszuscheiden.

Brechtherapie – Vamana:

Die Brechtherapie leitet vor allem Schlacken aus, die sich von einem gestörten Kapha ableiten. Das sind vor allem schleimige Erkrankungen wie Bronchitis und Sinusitis. Das Erbrechen mobilisiert die Schleimzellen, sodass die Sekretion dieser Schlacken erleichtert wird.

Abführende Maßnahmen-Virechana:

Deshalb ist hier die reinigende Maßnahme ein kräftiges Abführen. Sehr oft kommt Rizinusöl zum Einsatz. Es reizt die Dünndarmschleimhaut und erleichtert dadurch die Sekretion der pitta-assoziierten Schlacken.

Die Vorbereitung erfolgt ebenfalls mit Ghee und Wärme. Das Virechana zielt vor allem auf Schlacken ab, die mit dem Pitta assoziiert sind. Dazu gehören Säuren sowie Reiz- und Entzündungsstoffe. Die Drüsen und Schleimhäute des Mittelbauches, vom unteren Teil des Magens bis zum Dünndarm sind der geeignete Ort, um diese Schlacken auszuscheiden.

Aufbauende und reinigende Einläufe:

Matra- und Anuvasana-Basti Bastis sind die Einläufe. Mit ihnen wird Vata beruhigt. Die Vorbereitung mit Öl erfolgt hier äußerlich, meistens über Ganzkörperölmassagen.

Eine typische Ölmassage ist das Abhyanga. Hier wird der gesamte Körper vom Kopf bis zu den Zehen mit Sesamöl massiert. Unter allen Ölen beruhigt das Sesamöl am besten das Vata. Durch den Zusatz von Kräutern kann diese Wirkung modifiziert werden. Vorzugsweise wird das Abhyanga von zwei Therapeuten durchgeführt, die den Patienten in verschiedenen Stellungen behandeln. Die Massage erfolgt in aller Stille.

Die spezielle Form, in der das Abhyanga und ähnliche Massagen durchgeführt werden, balanciert bereits für sich alleine ein gestörtes Vata. Deshalb können die Ganzkörperölmassagen auch eigenständig angewandt werden. Während des Panchakarma sind die Ölmassagen jedoch nur ein Element innerhalb der Reinigung. Sie werden durch andere Ölbehandlungen wie dem Shirodhara ergänzt.

Hier fließt ein kontinuierlicher Ölstrahl über die Stirn. Das Shirodhara beruhigt das Vata und balanciert dadurch einen überhöhten Tonus des vegetativen Nervensystems. Deshalb ist es z.B. bei Hypertonie oder Schlafstörungen angezeigt. Auch in dieser Kurphase folgen auf das Öl die Wärmetherapien. Die Reinigung erfolgt dann über verschiedene Einläufe.

Der Ayurveda sieht im Dickdarm den Hauptsitz des Vata. Schlacken, die mit Vata in Verbindung stehen, werden deshalb über den Dickdarm ausgeschieden

Die Behandlung des Dickdarms erfolgt über verschiede Bastis. Der Matra-Basti ist rein öliger Natur. Er wird in geringen Mengen gegeben. Seine Aufgabe ist es, das Vata zu beruhigen und dadurch das vegetative Nervensystem des Dickdarms ins Gleichgewicht zu bringen. Der Anuvasana-Basti ist eine ausgeklügelte Mischung zwischen Dekokts, Ölen und anderen Zutaten. Er hat eine reinigende und vataberuhigende Wirkung. Die Einläufe werden über mehrere Tage gegeben, wobei man eine Serie vorzugsweise mit einem Matra-Basti beginnt und beendet.

Ausscheidung über die Schleimhäute der Atemwege – Nasya

Eine Sonderform der Reinigung ist das Nasya. Es zielt auf Verschlackungen ab, die im Kopf, Nacken und oberen Schultergürtel sitzen. Dazu gehören Störungen in den Nebenhöhlen, Augen, Ohren, Zentralnervensystem und Nackenmuskulatur. Die Vorbereitung erfolgt über Ölmassagen im genannten Bereich, Wärmepackungen und Inhalation. Die Schlacken werden nun hauptsächlich über die Schleimhaut der Nase ausgeschieden. Dies wird mit verschiedenen Ölen, Dekokts oder pulvrigen Mischungen unterstützt, die in die Nase instilliert werden.

C) Nachbehandlung nach Panchakarma Therapie: Paschat-Karma

Nach einer Panchakarma Therapie besteht die Nachbehandlung aus drei Schritten.Als erstes wird das Verdauungsfeuer mit leichter Ernährung wieder aufgebaut.

Um das neue Gleichgewicht zu stabilisieren, wird mit dem Patienten ein Plan für geeignete Ernährung und Lebensstil besprochen. Liegen noch Gesundheitsstörungen vor, kommen ayurvedische Präparate zum Einsatz. Der letzte Schritt ist die Einnahme von Rasayanas. Das sind ayurvedische Präparate, die sich nicht gegen Krankheiten richten, sondern die Gesundheit stärken. Nach einer Reinigung der Gewebe durch Panchakarma ist es der richtige Zeitpunkt, mit Rasayanas die Gewebe so zu stärken, dass sie gegen Krankheiten und den Alterungsvorgang widerstandsfähiger sind. Eine ayurvedische Kur, die wirklich diesen Namen verdient, ist eine ganzheitliche und tiefgreifende Therapie und muss deshalb unter der Aufsicht eines ayurvedisch ausgebildeten, erfahrenen Arztes stehen.

Ayurveda Journal 9 · Seite 5 – 7

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Dr. Hans Schäffler
Dr. Hans Schäffler gehört zu den ersten Ayurveda-Ärzten in Europa. 1977 medizinisches Staatsexamen, seit 1984 Arzt für Naturheilverfahren, 1983 Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Ayurveda e.V., 1984 / 85 Studium des Ayurveda bei führenden ayurvedischen Kapazitäten in Indien, USA und Europa, 1986 Aufbau des ersten ayurvedischen Gesundheitszentrums in Deutschland, seit 1993 ärztlicher Leiter des Ayur-Veda Gesundheitszentrums im Hotel Schloss Pichlarn, Österreich. Seit 2010 persönliche Ausbildung bei Te Wairemana in der Spiritualität und der Heilkunst der Maori.