Das Lösen, Zirkulieren und Ausleiten von Toxinen und Schlacken (Ama) ist eine Grundlage natürlichen Heilens in allen Kulturen und in Indien als eine der 5 Hauptbehandlungen des Panchakarma sehr differenziert und effektiv entwickelt und schon vor ca. 2000 Jahren in den Kompendien (Samhitas) von Sushruta und Caraka beschrieben worden.

Alle 5 Hauptbehandlungen (Vamana, Nasya, Virechana, Rakta Moksha und Basti) werden erst tiefgreifend und nachhaltig wirksam durch tagelange Vor- und Nachbehandlung. Dazu dienen Enthaltsamkeit, Diät, Ölanwendungen und Erwärmungen; denn es dürfen keine neuen Belastungen während der Ausleitung auf den Organismus treffen, die Schlacken und Blockaden müssen gelöst, in Zirkulation gebracht und in den Darm geleitet, sofern sie nicht schon über Urin, Haut und Atem ausgeschieden werden.

Grundlagen des Virechana

Tatra doshaharanam adhobhagam virechana- sanjnakam „Die Krankhaftigkeit, die nach unten durch den Anus (Schließmuskel, Rektum, Enddarm) ausgeschieden wird, wird als Virechana bezeichnet.“

Virechana ist das Mittel der Wahl für Krankheiten, die mit Pitta in Beziehung stehen und hat sich auch als ein ideales Verfahren bewährt, um Vata zu kontrollieren. Die Praxis zeigt, dass auch Ama (Schlacken) und ein guter Teil von Kapha ausgeleitet werden. Virechana beruhigt die Intensität des Verdauungsfeuers (agni), in dem es überschüssiges Pitta aus dem Magen und Dünndarm (Amashaya) sowie aus dem gesamten Körper entfernt. Es verbessert die Ausdruckfähigkeit der Intelligenz, unterstützt die Stärke der Sinnesorgane, Kompaktheit der Gewebe und verzögert die Alterungsprozesse.

Wirkungsweise:

Die abführenden Kräuter (Purgativa) haben Eigenschaften wie scharf, heiß, subtil, durchdringend und sich ausbreitend. Darüber hinaus müssen sie große Anteile der Elemente Erde und Wasser haben!

Wegen der scharfen, heißen, subtil durchdringenden und sich ausbreitenden Eigenschaften der purgativen Kräuter erreichen ihre aktiven Prinzipien das Herz und treten in die Blutzirkulation ein. Sie dringen durch ihre Potenz in die Mikro- und Makrokanäle (Shrotas) ein und lösen durch ihre heißen Eigenschaften die Krankhaftigkeit auf, schneiden die Unreinheiten mit ihrer Schärfe heraus, lösen die Krankhaftigkeit von ihrem Platz und bringen sie zu den Därmen, von wo sie später mit Hilfe des Erd- und Wasserelements der Kräuter durch den Anus mit dem Stuhl ausgeschieden werden.

Schema des Virechana:

  • Purva Karma (Vorbereitende Prozeduren) – Die Sammlung der Kräuter. Untersuchung des Patienten für das Abführen. Vorbereitung des Patienten – wie Einnahme von Ghee, Bestimmung der Dosis der ausgewählten Kräuter und Ghee. Dampfbad – Svedana vor dem Abführen
  • Pradhana Karma (Hauptbehandlung) Verabreichung der abführenden Kräuter. Fürsorge für den Patienten. Zählen der Frequenz des Abführens (Vegas). Einschätzung des idealen / zu häufigen / zu geringen Abführens
  • Pashcat Karma (Nachbehandlung) Samsarjanakarma: Diät, um Agni zu stimulieren. Ernährung und Beruhigung des Patienten. Entspannung und Ethik, die befolgt werden sollen, und Regulierung des Stuhlgangs nach der Therapie.

Kontraindikationen

Personen mit zartem Damm, anorektalen Geschwüren, atonischem rektalen Schließmuskel, innerlichen Blutungen des Darms; Personen nach Gewichtsabnahme, nach langem Fasten, mit einem schwachen Sinnessystem, schlechtem Appetit, agitiert von Leidenschaft, mit exzessivem Sexualverkehr, Konditionen wie Verdauungsstörungen, akutes Fieber, Alkoholvergiftung, ausgedehnt harter Stuhl, verwundete Brust, Übergewicht, Auszehrung, Kindheit, Senium (wenn debilitiert, müde, durstig, hungrig, erschöpft), Studien, sportliche Übungen, Sorgen, schlecht ernährt, schwanger usw. Sushruta erwähnt außerdem postnatal, akute Erkältung, Vagbhata nennt noch Tuberkulose, Durchfall, ständiges sich Sorgen. Herzpatienten, sich fürchtende Patienten sind ebenfalls nicht für das Abführen auszuwählen.

Details der Behandlungen

Purva Karma – Vorbereitung des Patienten:

Der Patient soll geölt (innerlich durch Ghee und äußerlich durch Ölmassage) und erwärmt durch Dampfbad (Svedana) werden. Die Diät muss leicht verdaulich und vegetarisch sein, sollte befeuchtend und darf etwas scharf und sauer sein, aber so abgestimmt, dass niemals Kapha erhöht wird. Suppen, Kicheri und warmes Wasser werden bevorzugt.

Am Abführtag sollte nur flüssige Nahrung angeboten werden, wie Reis- und Dalsuppe, damit der Bauch unbelastet von Verdauungsarbeit bleibt, um die Ausleitung der Toxine zu fördern. Jegliche Kapha oder Pitta erhöhende Kost ist für Virechana kontraproduktiv, weil Kapha vermehrende Nahrung eher Vamana (Ausleitung nach oben) stimuliert statt Virechana (Ausleitung nach unten). Zu sehr Pitta anregende Nahrung dagegen verdaut selbst die Abführkräuter infolge Tikshna-Pradiptagni (Übermaß an Verdauungsfeuer) und schwächt dadurch ihre Wirkung. Das Essen muss also gut geplant werden, damit die Reinigung so effektiv erfolgt wie gewünscht.

Pradhana Karma – Abführtag:

  • Zeit – Generell zwischen 7.00-8.00 Uhr morgens (am Ende der Kapha-Zeit) nimmt der Patient innerlich die Kräuter ein, die für seine Körperkonstitution verschrieben worden sind.
  • Zum Abführen: Die passenden Drogen in Pulverform: Triphala, Trivrith, Haritaki, Katuki, Aragvadha, Drakshadhi etc.. und Taila, traditionell am besten Eranda (Rizinusöl, Castor oil).
  • Richtiges Abführen: Wenn die Person ideal abgeführt hat, zeigt sie Symptome von freien Körperkanälen, d.h. klare Sinne, Leichtigkeit, Energie, verbessertes Verdauungsfeuer, Abwesenheit von Beschwerden. Sie scheidet Mala, Pitta und Kapha in dieser Reihenfolge aus (Stuhl, Säure, Schleim).
  • Abführen: Symptome von Kapha, Pitta, Vata, geschwächtem Agni, Schwere, Kälte, Dösigkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, im Bauch fest sitzende Blähungen usw.

Pashcat Karma – Nachbehandlung:

Pashcat Karma – Nachbehandlung: Um Agni, die Verdauungskraft, wieder herzustellen, sollte das Essen von leichtem zu schwerem Essen in 3 bis 6 Tagen allmählich aufgebaut werden. Zum Beispiel von Schleimsuppen, über breiige Nahrung und dann weicher vegetarischer Kost zu normaler Ernährung. Reiskräcker und geröstetes Kichererbsenmehl sind in der Aufbauphase gut bei Schwäche oder Hunger zwischendurch.

Rezepte zur Stabilisierung des Darms und zur Kräftigung:

  • Sharkara (basischer Ayurveda-Zucker) und Pippali-Wurzel werden mit Ghee und Honig und 2 Teilen Sattu (geröstetes Maismehl) oder gerösteter Gerste gemischt, um den klassischen Mantha-Trunk herzustellen.
  • Ebenfalls gut, aber einfacher zu machen ist ein Trunk mit Sattu, Rosinen und Honig.
  • Kräftigend, Vata und Pitta ausgleichend ist ein Trunk aus pürierten Datteln und Rosinen in Quellwasser.
  • Amalaki gilt jedoch als beste Nahrung. Diese gibt es zwar in Konserven aber viel besser ist Sweet Amla (mit Sharkara mild kandiert) und auch als Amalaki Getränkepulver bei www.amla.de.

Virechana ist aber nicht nur auf die stationäre Panchakarma-Kur beschränkt, sondern kann auch in kleinerem Umfang zu Hause eingesetzte werden. Hier nach Prof. Dr. K. Nishteswar einige Rezepte für das Abführen in der täglichen Praxis, um Krankheiten zu vermeiden:

Tipps für Zuhause

  1. Tag: Eine Schleimsuppe aus 2 Teilen Sesamsamen, 1 Teil Reis und 1 Teil Ghee sowie eine kleine Menge Saindhava Lavana (Steinsalz) in 400 ml Wasser gekocht, sollte einmal morgens genossen werden.
  2. Tag: Übungen, bis der ganze Körper schwitzt oder den Körper mit dicken Decken umhüllen, bis reichliches Schwitzen auftritt.
  3. Tag: Morgens- Virechana (Abführen)-
    a) Rizinus Öl 25ml + Triphala Abkochung 50ml. Oder
    b) Rizinus Öl 25ml + warme, abgekochte Milch 50ml. Oder
    c) Haritaki Pulver 5gr. + Ingwerpulver 5 gr. + Palmzucker 5gr.

Die Kost sollte am 1., 2. und 4. Tag wie bei Purva- und Pradhana Karma beschrieben leicht, warm und pflanzlich sein: Gemüse mit etwas Ghee gedünstet, Kompott, Reis, Hirse, Quinoa, Buchweizen (alles sehr weich gekocht), Mungdal, kleine Linsen etc. eventuell ergänzt durch Ghee, etwas Mandelmus, Sesampaste u. ä.

Am 3. Tag sollte nur Reissuppe oder Reis-Dal-Suppe oder Reis-Gemüsesuppe genossen werden. Die Suppen sollten mit je ½-1 Teel. Ingwer und Kreuzkümmel und ½ Teel. Salz 2 – 3 Stunden geköchelt werden.

Virechana sollte am besten zumindest beim ersten Mal unter Anleitung eines damit erfahrenen Therapeuten praktiziert werden. Andererseits ist ja die Einnahme, ja sogar das Einflößen von Rizinus bei Kindern früher gängiges Hausmittel gegen allerlei Beschwerden vom Fieber über die Magenverstimmung und Durchfall bis zum Kopfschmerz gewesen. Ayurveda lehrt uns den differenzierteren und therapeutisch wirksameren sowie zugleich sicheren Weg.

Ayurveda Journal 28 · Seite 21 – 22
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Vaidya Kalyan Chakravarthy
Vaidya Kalyan Chakravarthy ist 1979 in Hyderabad, Indien geboren. Im Jahr 2002 hat er an der Sri Jayendra Saraswathi Ayurveda-Universität in Tamil Nadu, Indien seinen Bachelor der Ayurvedischen Medizin erworben. Im Jahr 2005 hat er sein Medizinstudium an der angesehenen S.D.M. Ayurveda-Universität von Karnataka, Indien abgeschlossen mit dem Grad M.D. Herbalist (Doktor der Pflanzenheilkunde – Dravyaguna). Er lernte ab seinem dritten Lebensjahr von seinen Großeltern die Pulsdiagnose und kommt aus einer Familientradition, die seit vielen Generationen als Vaidyas im südindischen Andhra Pradesh bekannt sind. Er ist Experte für Nadi Pariksha, der Pulsdiagbose und Panchakarma und als Vaidya in der Maharishi Ayurveda Privatklinik in Bad Ems tätig.