In vielen alten Kulturen gab es spirituelles Leben. In Indien entwickelten sich die Philosophien und Praktiken des Yoga, aber auch in Griechenland oder China gab es immaterielle Weltanschauungen und Rituale. Ungeachtet der großen räumlichen Entfernung kristallisierten sich im Verlauf der Jahrhunderte einige Konzepte und Weisheiten heraus, die trotz unterschiedlicher Kulturräume und Regin vielen alten Kulturen gab es spirituelles Leben. In Indien entwickelten sich die Philosophien und Praktiken des Yoga, aber auch in Griechenland oder China gab es immaterielle Weltanschauungen und Rituale. Ungeachtet der großen räumlichen Entfernung kristallisierten sich im Verlauf der Jahrhunderte einige Konzepte und Weisheiten heraus, die trotz unterschiedlicher Kulturräume und Regientspricht dem indischen Verständnis von Prana oder im Chinesischen der Energie des Chi.

Yin und Yang

Die aus der chinesischen Tradition des Daoismus stammenden Begriffe Yin und Yang stellen die beiden Grundpolaritäten dar, welche sich in allen Aspekten des Lebens und dem gesamten Universum wiederfinden. Unsere innere wie auch äußere Yang-Seite steht für Aktivität, Feuer, Schnelligkeit, bewegt sich mehr an der Oberfläche, strebt nach Veränderung und entspricht eher den männlichen Qualitäten. Die Yin-Seite hingegen ist eher passiv, kühl, nährend, entspricht den Eigenschaften von Wasser und wird den weiblichen Qualitäten zugeordnet. Im Yoga bezeichnen wir diese gegensätzlichen Kräfte als „tha“ und „ha“.

Das Konzept hinter dahinter ist immer das Gleiche. Es geht um Gleichgewicht, die Harmonie zwischen Körper und Geist. Dies ist die Basis, um gesund zu bleiben, uns innerlich wie körperlich stabil und ausgeglichen zu fühlen oder auch, um spirituelle Befreiung erlangen zu können. Je nachdem welche dieser Energien gerade in uns aktiver ist, beeinflussen sie unser tägliches Leben, unseren physischen wie auch psychischen Zustand.

Yang als prägendes Element unseres Alltags

Wenn wir uns unseren Alltag anschauen, finden wir meist wenig Gleichgewicht. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Konsum, Leistungssteigerung, Gewinnmaximierung und Ansehen an erster Stelle stehen. Dabei nehmen wir oft wenig oder gar keine Rücksicht auf unsere natürlichen körperlichen und seelischen Bedürfnisse nach Ruhe, Regeneration und Ausgleich. Erst wenn sich dieses Ungleichgewicht durch Beschwerden oder Krankheiten äußert, merken wir, dass etwas aus den Fugen geraten ist.
Sehr deutlich zeigen das die steigenden Zahlen von stressbedingten Erkrankungen wie Burnout oder Herzinfarkt. Was uns im Alltag häufig verloren geht oder wofür wir scheinbar keine Zeit haben, ist der achtsame Umgang mit Körper, Geist und unseren eigenen Ressourcen.

Yin und Yang im Yoga

In der jahrtausendealten Yogatradition gab es von Beginn an schon immer Übungen, die in ihrer Qualität sehr aktiv, kraftvoll, dynamisch (= ha/yang) sind und solche, die eher passiv, regenerativ und statisch (= tha/yin) sind. Dem Lebensstil unserer westlichen Welt entsprechend haben sich jedoch die körperorientierten, anstrengenden und dynamischen Yogarichtungen schneller verbreitet und entwickelt. Jetzt im 21. Jahrhundert wächst die Erkenntnis, wie wichtig es ist, auch der anderen Seite Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Entstehung des Yin Yoga

Yin Yoga wurde bereits in den 1980er-Jahren von Paulie Zink, einem Meister asiatischer Kampfkunst, als Gegenpol zu den damals immer populärer werdenden dynamischen Yogastilen wie Ashtanga oder Vinyasa Power Yoga wiederbelebt und entwickelt. Es entstand eine Verbindung von Hatha-Yoga-Positionen mit taoistischen Einflüssen, in denen der Fokus der Körperübungen auf der Ansammlung, Lenkung und Kultivierung des Chi, der Lebensenergie, liegt. Sein Schüler Paul Grilley lernte in der Zusammenarbeit mit einem japanischen Wissenschaftler die Gemeinsamkeiten der chinesischen Meridianlehre mit der indischen Feinstoffphysiologie von Nadis, Chakras und Prana kennen. Grilley erkannte, wie bestimmte Asanas auf Meridiane wirken und entwickelte daraus die heutige moderne Form des Yin Yoga. Die Kombination des chinesischen Wortes Yin mit dem Sanskritbegriff Yoga verdeutlicht, wo der Schwerpunkt einer Yin-Yoga-Praxis liegt.

Kennzeichen von Yin Yoga

Yin Yoga ist eine ruhige, eher statische und nach innen gerichtete Praxis. Es geht nicht darum, den Körper in eine anatomisch korrekte Haltung zu bringen, sondern darum, die Positionen zu nutzen, um in den Körper hineinzuspüren. Die dafür notwendige Konzentration und Achtsamkeit macht Yin Yoga zu einer eher meditativen Übungspraxis. Die einzelnen Positionen werden meist zwischen drei und acht Minuten gehalten. Der Einsatz von Hilfsmitteln wie Blöcken und Kissen ermöglicht, mit entspannter Muskulatur allmählich in die Haltungen hineinzusinken, um die Wirkung in den tiefen Schichten des Fasziengewebes zu spüren.
Auch im Kontext unseres Körpers kann man zwischen Yin und Yang unterscheiden. So zählen z. B. Muskeln, Blut und Haut zum Yang; Gewebe, Bänder, Knochen und Gelenke hingegen zum Yin.

Die physische Wirkung des Yin Yoga spricht in erster Linie das Yin-Gewebe, unser Bindegewebe und die faszialen Strukturen unseres Körpers, an. Es gibt keine rhythmischen, sich wiederholenden Bewegungen, die, wie in aktiven Yoga-Stilen, unsere elastische Muskulatur trainieren. Das Yin-Gewebe wird stattdessen durch sanften Druck und Zug über einen längeren Zeitraum gehalten, vitalisiert und gekräftigt. Ziel ist, die Beweglichkeit des Körpers zu erhalten und faszialen Verspannungen oder Verklebungen entgegenzuwirken. Auf energetischer Ebene sollen die Meridiane sanft stimuliert und gedehnt werden, um den Energiefluss (Chi) zu harmonisieren.

Grenzen wahrnehmen

Der erste Schritt besteht darin, die individuellen Grenzen wahrzunehmen und auszutesten, aber auch zu akzeptieren. Eine bestimmte Position wird eingenommen, bis ein Widerstand im Körper zu spüren ist. Wir zwingen uns jedoch niemals in Positionen, gegen die sich der Körper wehrt. Der eigene Wille und unser Körper sollten nicht im Wettkampf miteinander stehen. Schmerzen sind immer ein klares Signal, etwas zu verändern oder die Position zu verlassen.

Die Position halten und beobachten

Im nächsten Schritt gilt es, unbeweglich zu bleiben, zu spüren und die Reaktionen des eigenen Körpers zu beobachten. Wir versuchen, ruhig zu bleiben und in der Regungslosigkeit zu verweilen, unabhängig davon, welche Gefühle oder Gedanken aufkommen. Wir nehmen alles wahr und beobachten. Wie lange in einer Position verweilt werden kann, ist sehr individuell und richtet sich immer nach dem eigenen Empfinden. Gerade zu Beginn der Yin-Yoga-Praxis ist eine Zeitspanne zwischen zwei und drei Minuten empfehlenswert.

Das Auflösen der Haltungen sollte ebenfalls langsam und ohne ruckartige Bewegungen erfolgen. Meist empfiehlt es sich, in der neutralen Rückenlage der Wirkung nachzuspüren, bevor sich die nächste Übung anschließt. Nach intensiven Asanas kann das Bedürfnis nach einer Ausgleichshaltung auch durch eine Yang-Position wie dem herabschauenden Hund befriedigt werden.

Die Hocke

Ein Übungsbeispiel:

Beginnen Sie im aufrechten Stand und platzieren Sie Ihre Füße etwa im hüftweiten Abstand. Gehen Sie nun langsam in die Hocke, das Becken darf tief sinken. Die Hände berühren sich wie im Namaskar Mudra. Mit den Ellenbogen können Sie einen sanften Druck gegen die Innenschenkel oder Knie ausüben. Knie und Füße sollten in die gleiche Richtung zeigen. Wenn die Fersen vom Boden abheben, kann eine gerollte Decke darunter geschoben werden, sodass der Körper entspannen kann.

Diese Position öffnet Hüften und Knie, stärkt die Fußgelenke und entspannt und entlastet die Lendenwirbelsäule. Sie wirkt auf die Meridiane von Leber, Nieren und Blase. Wenn möglich, zwei Minuten halten, anschließend in der Rückenlage neutralisieren.

Wie Yin Yoga wirkt

Solange wir jung sind, geht es in der Regel darum, mehr an Stabilität und Kraft zu gewinnen, wir befinden uns im Yang-Abschnitt des Lebens. Je älter wir werden, umso steifer werden wir und profitieren deshalb ganz besonders von einer regelmäßigen Yin-Praxis, um unsere Beweglichkeit zu erhalten. Aus ayurvedischer Sicht ist Yin Yoga durch die ruhige Übungsweise, die lange Verweildauer und den höheren Anspruch auf Innenschau vor allem eine Vata reduzierende Praxis.

Yin Yoga kann auf physischer Ebene die Beweglichkeit fördern, das gesamte Bindegewebe vitalisieren, stressbedingte Anspannungen abbauen, Verspannungen lösen und das Zusammenspiel zwischen Muskeln, Gelenken, Sehnen und Bändern verbessern. Ein entspannter Körper wiederum nimmt über das vegetative Nervensystem direkten Einfluss auf unser emotionales Wohlbefinden und kann uns zu mehr innerer Ruhe und Ausgeglichenheit verhelfen.

Auch wenn das Ergebnis einer guten Yin-Yoga-Stunde eine tiefe Entspannung und Ruhe auf allen Ebenen ist, ist Yin Yoga keinesfalls leicht. Besonders am Anfang fällt es vielen Menschen schwer, einmal bewusst innezuhalten, loszulassen und aufkommende Gedanken und Gefühle anzunehmen. Hier kann die mentale Verwendung eines Mantras oder sanftes Ujjayi (Atemtechnik) in der Ausatmung hilfreich sein. Eine regelmäßige Yin-Yoga-Praxis kann uns lehren, auch jenseits der Matte einen liebevollen Umgang mit uns selbst und unserer Umwelt zu etablieren.