Der Ayurveda ist nicht nur ein traditionelles System der Heilkunde, sondern weit mehr: Er beinhaltet eine Therapie und Praxis der gesunden Lebensführung und entwickelt darüber hinaus eine Philosophie des Lebens, die jedem Menschen helfen kann, erfüllt und bejahend durch jede einzelne Phase des Lebens zu gehen.

Lebensphasen aus ayurvedischer Sicht

Die Grundidee basiert auf den drei Doshas, den regulierenden Kräften Vata, Pitta und Kapha, die wir vereinfachend mit „Vata = Bewegungsprinzip, Pitta = Stoffwechselprinzip und Kapha = Substanzprinzip übersetzen können. Jeder Mensch hat eine individuelle Konstitution, die auf einer speziellen Mischung der drei Doshas beruht und von Geburt an vorgegeben ist. Eine Körperkonstitution verändert sich also normalerweise während eines Lebens nicht, kann aber durch verschiedene Einflüsse überlagert werden. An erster Stelle steht natürlich die Lebensweise, die ein Mensch praktiziert, die aber im Gegenzug auch diesen Menschen prägt. Wer beispielsweise regelmäßig hart körperlich arbeitet, nähert sich unter Umständen dem Pitta ähnlichen Typus des Athleten an. Oder wer sehr hektisch lebt, kann sein Kapha stark in den Hintergrund drängen.

Interessanterweise bringt aber auch die Zeit an sich eine Veränderung mit sich, und so werden im Ayurveda folgende Zuordnungen getroffen:

Lebensphase: Kapha
Lebensphase: Pitta
Lebensphase: Vata

Teilen wir das Leben, das aus ayurvedischer Sicht auf 100 Jahre angesetzt ist, ergeben sich drei Abschnitte von jeweils 33 Jahren. Wenn wir eine Lebensspanne von 81 Jahren annehmen, ist nach jeweils 27 Lebensjahren ein Wechsel in den nächsten Lebensabschnitt zu beobachten.

Konkrete Beobachtung des Menschen und seiner Lebensphasen

Der Beginn im Zeichen von Kapha

Die Weisheit des Ayurveda beruht auf konkreter Beobachtung des Menschen und des Lebens: Der Säugling mit seinen runden Bäckchen und dem dazugehörigen Babyspeck ist in seiner gesamten Körperstatur eine Verkörperung von Kapha, alles ist rund und weich, die Haut voll und leicht ölig glänzend. Und ganz stark im Mittelpunkt steht eines: Die regelmäßige Nahrungsaufnahme, die für das Wachstum, den Substanzaufbau wichtig ist.

Der junge Mensch will sich in die Materie hineinfinden, er setzt sich mit dem Substanz-Prinzip auseinander, will als Pubertierender die ganze Welt verändern und als junger Erwachsener nach seiner Ausbildung einen Platz im Leben finden, sein eigenes Heim begründen. Alles strebt also nach Sicherheit, dem Sichfestsetzen, der Stabilität.

Pitta in der Lebensmitte

Die Pitta-Lebensphase hat ihre Wurzeln schon in der Pubertät, in der feurig nach neuen Antworten und einem Lebenssinn gesucht wird. In diese Phase fallen die Hauptzeit der Berufstätigkeit, die Familiengründung und das Betreuen der heranwachsenden Kinder. Pitta als Stoffwechselprinzip will umgestalten und formen. Es ist zielgerichtet und entwickelt langfristige Perspektiven. Eine gesunde Portion Realismus gehört zu einem guten Pitta, und genau diese lässt einen Menschen erfolgreich werden, da er seine Handlungen sowohl an seinen eigenen Visionen und Plänen, als auch an den realen Gegebenheiten seines Umfeldes ausrichtet.

Vata im Alter

Vata als Herrscher der dritten Phase kann der geistigen Verwirklichung zugeordnet werden. Auf der Basis vielfältiger Erfahrungen entsteht eine praktische Lebensweisheit, die nichts mit abstrakter Philosophie zu tun hat, aber doch das philosophische Ideal der Weisheit aufleuchten lässt. Menschen, die so bei sich angekommen sind, werden zu natürlichen Beratern und Ratgebern, sie erzählen nicht, dass früher alles besser war, sondern sind wach, gegenwärtig und bewusst.

Wer es in der Pitta-Phase geschafft hat, sich wichtige Lebenswünsche zu erfüllen, dem werden in der Vata-Phase Erfolge unwichtiger, es tritt eine gewisse Abgeklärtheit ein, eine Unabhängigkeit, die zu einem unbeeinflussten Werturteil führt. Der weise ältere Mensch hört wirklich zu und projiziert nicht mehr seine eigenen Wünsche in das Leben anderer Menschen.

Die Sehnsucht des Alterns

In unserer heutigen Gesellschaft wollen die Menschen alle lange leben, aber keiner will alt werden. Und trotzdem ist die Sehnsucht nach der Altersweisheit da, wie sie etwa ein Dalai Lama oder der Altbundeskanzler Schmidt verkörpert. Ein sehr alter Mensch mit vielen Falten, trockener Haut, wenig Muskulatur usw. ist eine Verkörperung von Vata. Aber – und das hat die wissenschaftliche Forschung der letzten 10 – 15 Jahre gezeigt – es ist nicht notwendig, dass auch der Geist altert. Vielmehr sind durch entsprechendes Training und eine dazugehörige Lebensweise die geistigen Fähigkeiten auch bis ins hohe Alter hinein entwickel- und ausbaubar.

Die Erfüllung des Lebens sieht der Ayurveda in der geistigen Essenz, in dem letztendlichen Resultat eines Lebens, und zwar nicht im Sinne eines äußeren Erfolges, den man sowieso am Ende des Lebens abgeben muss, sondern in der Fähigkeit des Überblicks, in der Gesamtschau und im inneren Frieden. Wer früher einmal übers Land gefahren ist, konnte alte Bäuerinnen oder Bauern auf einer Bank vor dem Hause sitzen sehen. Und jeder, der vorbeikam, konnte ein Schwätzchen halten und sich von ihnen inspirieren lassen.

Für ein wirklich erfülltes Leben im Alter sind geistige Interessen und Perspektiven von essentieller Wichtigkeit. Gesund bleibt der, der noch Ziele hat. Diese Ziele sind aber nicht mehr äußerlich, sondern innerlich bzw. geistig. Vollendung und Abrundung des Lebens ist das Geschenk des Alterns, Frieden zu finden mit dem eigenen Weg und ein Wegweiser zu sein für andere.

Ayurveda im Alter

Der Ayurveda ermöglicht durch seine vielfältigen Ansätze der Lebensführung, der Therapie und der reinigenden Pancakarma-Kuren, die Gesundheit auch im Alter zu erhalten und zu stabilisieren. Auf einer solchen Basis kann dann das Geistige sich frei entfalten und zu neuen Horizonten und Perspektiven aufbrechen. Auch der Tod – das bei uns nach wie vor stark verdrängte Thema – verliert dann viel von seinem Schrecken. Für den Weisen ist er nur noch ein Schritt weiter, nur eine Schwelle, die im Kontinuum des Lebens überschritten wird.
Ayurveda Journal 32 · Seite 7 – 8

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Martin Mittwede
Martin Mittwede ist Religionswissenschaftler und Indologe. Lehrt Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Frankfurt/Main, praktische Philosophie an der Universität Köln. Ein profunder Kenner der indischen Philosophie und der vedischen Tradition. Medizingeschichtliche Forschung im Ayurveda, langjährige Erfahrungen in der medizinischen Fortbildung. Führt Coachings für Menschen in Krisen- und Wandlungsphasen durch.