Um die Ursächlichkeit eines Übergewichtszustandes individuell zu verstehen, ist die Kenntnis der physiologischen Verdauungs- und Stoffwechselprozesse unabdingbar.

Nach der Nahrungsaufnahme führt Prana Vata die Nahrung in den Rumpf, nachdem im Mund durch Bodhaka Kapha eingespeichelt und durch die von Vata gesteuerte Kaubewegung adäquat zerkleinert wurde. Das im Magen befindliche Samana Vata stimuliert nun Jathar-Agni und Pacaka Pitta, die für die Aufspaltung der aufgenommenen Nahrung verantwortlich sind. Ferner trennt es die Essenz von Abfallprodukten und hilft bei deren Absorption.

Samana Vata kann wie der Zünder einer Flamme angesehen werden. Die einzelnen Elementfraktionen werden durch Bhut-Agni, dem für die Elemente verantwortlichen Feuer, zerlegt. Durch dieses „Bhut-Agni-Paka“ werden die heterogenen Ingredienten und Attribute homolog und erzeugen dadurch eine angemessene Nährung für die Gewebe. Nachdem die unreifen Gewebematerialien durch die Aktivität der Dhatv-Agni, den für die Gewebebildung verantwortlichen Feuern, in den Körperbahnen in reife Gewebe transformiert werden, stehen dem Körper nun Energie und funktionstüchtige Masse zur Verfügung.

Ist der Prozess der Verdauung, Energie- und Gewebsbildung durch eine Schwächung des zentralen Körperfeuers „Jathar-Agni“ gestört, kann sich diese auf unterschiedliche Gewebe auswirken

Ist das dem Fettgewebe zugehörige Dhatvagni von der Unterfunktion betroffen, kommt es zur Bildung vermehrten unreifen Gewebes und Ansammlung von Abfallprodukten. Dieses funktionsuntüchtige Gewebe stellt nun eine nicht vorgesehene Raumforderung durch seine Masse dar und blockiert in der Folge die umgebenden Zirkulationskanäle (Srota) und Strukturen. Durch diese Blockade wiederum können frische nahrhafte Säfte nicht mehr an ihre Zielorte gelangen, alte verbrauchte Abfallstoffe werden gleichzeitig nicht mehr abtransportiert. Vata wird in seiner Bewegung zudem gehindert, was nicht selten zu Schmerzsyndromen führen kann. Ist dieses Vata im Bauchraum blockiert, kommt es vor der Blockade zur übermäßigen Bewegung, in deren Folge Jatharagni ständig stimuliert und die Absorption gefördert wird. Durch die schnellere Verdauung kommt es zu gesteigertem Appetit und Hunger, die vermehrte Nahrungsaufnahme führt letztlich zur Fettleibigkeit. Dieser Circulus Vitiosus wurde bereits vor über 2000 Jahren in der Caraka Samhita, Sutrasthana 21.4 f., detailliert beschrieben. Wird der Hunger in diesem skizzierten Fall nicht gestillt, kann es zu schweren Störungen kommen. Dieser Zustand wird wie folgt beschrieben: „Agni und Vayu verbrennen den Fettleibigen wie Feuer einen Wald“.

Ursachen für eine Schwächung des Jathar-Agni

Als Ursachen für eine Schwächung des Jatharagni mit der Folge einer Fettgewebszunahme (Medovrddhi) werden in den Ayurvedischen Texten übermäßiger Konsum schwerer, süßer, kalter und fetter Nahrungsmittel angesehen. Übermäßiger Schlaf, Tagesschlaf sowie Schlaf nach Mahlzeiten fördern die Trägheit der Körpersäfte und ergänzen die Ursachen für Fettleibigkeit wie auch ein Mangel an körperlicher und geistiger Aktivität. Liegen diese Ursachen in einer Kapha-dominierten Konstitution vor, kommt es in kurzer Zeit zu Übergewicht. Pitta-dominierte Konstitutionen sind gewöhnlich durch ein starkes Jatharagni unterstützt und entwickeln erst nach längerfristigem Abusus Zeichen einer derartigen Stoffwechsellage. Im Rahmen einer Vata-Grundlage kommt es zu derartigen Reaktionen eher durch emotionale Störungen, da im gesunden Falle Vata keine großen Mengen an Nahrung verschlingen kann.

Nicht zu unterschätzen ist das Verhalten mangelnder Aktivität und vermehrter unkontrollierter Nahrungsaufnahme in der psychogen bedingten Adipositas, die alle Konstitutionen betreffen kann, obgleich sie bei Vata gehäuft anzutreffen ist. Hier stellt das Essen ein Symbol für Liebe und Geborgenheit als Ersatzbefriedigung dar und tröstet bei Schmerz, Verlust und Krankheit. Es liegt ein massiv gestörtes Körperbild und Körpererleben vor, es kommt zur Selbstdestruktion in Ermangelung nicht erreichbarer anderer Möglichkeiten der Liebeszuwendung. Therapeutisch müssen hier Kapha und Fett sanft reduziert werden, um Frustrationsbildung und massiven emotionalen Spannungslagen vorzubeugen.

Der Prozess der Obstruktion von Leitungsbahnen (Srotorodha) zieht vielfältige Folgen nach sich, die unter dem Begriff „moderne Zivilisationskrankheiten“ zusammengefasst werden können. Die Zellen können ihre Funktionen nicht mehr ausüben, die Zellintelligenz wird beeinträchtigt. Somit ist der Boden für die Entwicklung vieler chronischer und schwerwiegender Erkrankungen inklusive immunologischer Störungen bereitet.

Folgen von Übergewicht

Nach Caraka Samhita, Sutrasthana 21.4, hat der Fettleibige acht Defekte:

  • Verkürzung der Lebensspanne
  • Behinderte Bewegungsfähigkeit
  • Schwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr
  • Schwäche und Entkräftung
  • Fauliger Körpergeruch
  • Übermäßiges Schwitzen
  • Übermäßiger Hunger
  • Übermäßiger Durst

Schätzungen zufolge ist etwa die Hälfte aller Erkrankungen in den westlichen Industrienationen auf falsche Ernährung und ein Großteil davon auf Übergewicht zurückzuführen. Ende der 90er Jahre galt bereits jeder zweite Deutsche als übergewichtig und die BRD stellte das Land mit dem höchsten Gewichtsdurchschnitt weltweit. An diesen Statistiken lässt sich die Bedeutung des Themas Übergewicht leicht erkennen.

In Deutschland gab es bereits Ende der 90er Jahre über 5 Millionen Diabetiker, es starben über 400.000 Menschen an den Folgen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und über 200.000 Menschen an Krebs, etwa 8 Millionen Menschen waren von Osteoporose betroffen und 10 Millionen Menschen litten unter Erkrankungen des Rheumatischen Formenkreises.

Integration eines Konstitutionsmodelles

In der ayurvedischen Diätetik steht die Individualisierung eines Gewichtsreduktionsprogrammes im Vordergrund. Die Analyse der zugrundeliegenden Konstitution gibt zunächst Aufschluss über das zu erreichende „Idealgewicht“. Während eine Vata-dominierte Konstitution von den leichtmachenden Elementen Äther und Luft durchdrungen ist und damit eher zu minimalem Körpergewicht neigt, stehen in einer Kapha-dominierten Konstitution die Elemente Erde und Wasser im Vordergrund und verleihen dieser ein hohes Maß an Körpermasse und -wasser mit der Folge eines maximalen Körpergewichtes. Die vom Feuerelement dominierte Pitta-Konstitution hingegen erzeugt athletische Körperformen und steht auf der Skala in der gesunden Mitte. Trotzdem können durch krankhafte Entwicklungen alle drei Konstitutionen Übergewicht entwickeln.

Gewichtsreduktion im Ayurveda

Zu den gewebereduzierenden Therapieformen (Apatarpana Karma) zählen die Reduktionstherapie (Langhana Cikitsa), die Trocknung des Körpers (Rukshana) und schweißtreibende Therapieformen (Svedana Karma). Auf das Fettgewebe bezogen, spricht man im Ayurveda von der Notwendigkeit des „Lekhana Karma“, welches als Reduktionstherapie die drei genannten umfasst.

Der Begriff „Lekhana“ bedeutet entfernen, abkratzen, durchfurchen oder aufreißen – es wird also förmlich am „Fett gekratzt“. Dies geschieht durch Konsum der Geschmacksrichtungen scharf, bitter und herb. Die bevorzugten Nahrungsmittel tragen Qualitäten wie rau, penetrierend, leicht, fein, klar und sind zumeist erhitzend. Somit lassen sich die für Übergewicht verantwortlichen Elemente Wasser und Erde nachhaltig reduzieren.

Lekhana Karma kann durch Ernährung, Lebensführung, medikamentös oder durch chirurgische Intervention eingeleitet werden.

Die Ernährung wirkt als Lekhana durch Einsatz scharfer Gewürze, Steinsalz als einzige Salzform, heißes Wasser und Getränke bei geringer Menge, Gerstengetreide und Senföl. Allgemein steht die Kostreduktion im Vordergrund, Gemüse und Gewürze stellen die vorherrschenden Nahrungsmittelgruppen dar. Es sollten nur zwei warme Mahlzeiten konsumiert werden, bestenfalls am späten Vormittag und am späten Nachmittag. Ggf. kommt vor Nahrungsaufnahme das Trinken größerer Mengen in Betracht, um den Appetit zu senken. Nach den Mahlzeiten haben sich als „Postprandialdrinks“ bei Übergewicht Honigwässer bewährt, die mit herben und würzigen Honigarten wie Eucalyptus-, Thymian oder Tannenhonig zubereitet und evt. durch langen Pfeffer (Pippali) ergänzt werden. Die Lebensführung sollte durch Schlafrestriktion, Integration täglicher körperlicher Bewegungsprogramme in den Morgenstunden sowie Körperpeelings und Bürstenmassagen mit anschließenden trockenen Schwitzbädern gekennzeichnet sein. Jegliche körperliche und geistige Aktivität hilft in der Anregung des Stoffwechsels.

Medikamentös haben sich Rezepturen auf Basis von Commiphora Mukul (Guggulu Vati) über Jahrhunderte bewährt. Triphala Guggulu, Kancanara Guggulu, Punarnavadi und Gokshuradi Guggulu stellen einige optionale Kombinationen dar. Der Einsatz sollte jedoch nur nach vorheriger Konsultation eines erfahrenen Phytotherapeuten erfolgen. Stark wirsame Lekhana Rezepturen sind klassischerweise auch Candra Prabha Vati oder Arogya Vardhini Vati, die neben pflanzlichen Ingredienten auch gereinigtes Kupfer enthalten. Allgemein können in Gewichtsreduktionsprogrammen alle Agni-steigernden Mischungen hilfreich sein. Beispiele hierfür sind Citrakadi Vati, Trikatu Curna oder Hingvasthaka Curna. Panca Karma als Tiefenreinigung sowie alle Ausleitungsverfahren unterstützen die Wirkung der medikamentösen Therapie erheblich und führen oft zu verblüffenden Ergebnissen.

Zusammenfassung

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass Übergewicht eine der zentralen Probleme der heutigen Zeit darstellt und langfristig verheerende Folgen für Gesundheit und Wohlbefinden des Betroffenen bedeutet. Die Analyse des pathogenetischen Prozesses hinter der jeweiligen Fettgewebsansammlung und die darauf abgestimmte Ernährungstherapie, Lebensführung, medikamentöse Einstellung sowie evt. chirurgische Intervention sind die Garanten für eine erfolgreiche Reduktion.

Erschienen im Ayurveda Journal 4

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Ralph Steuernagel
Ralph Steuernagel zählt seit über 15 Jahren zu den Pionieren des europäischen Ayurveda. Er therapiert in eigener Privatpraxis und bildet in seiner renommierten Ayurveda Schule in Bad Homburg Heilberufe und Quereinsteiger in Ernährungstherapie, Pflanzenheilkunde, Präventivmedizin und Psychosomatik aus.