Bitte lächeln!
Um die Doshas für Ihre Yogapraxis gut erkennbar und damit nutzbar zu machen, sind Vata, Pitta und Kapha im folgenden Text jeweils stark „typisiert“. Dies geschieht vollkommen wertungsfrei – bitte nehmen Sie die Typologie der Doshas mit etwas Humor.

Yoga mit Dosha-Durchblick

  1. Theoretische Grundkenntnisse aneignen: Studieren Sie die Grundzüge der Doshas.
  2. Gut beobachten: Blicken Sie künftig ganz genau durch die „Dosha-Brille“ – auf alle Naturerscheinungen, Menschen, Tiere, Landschaften, Wetterphänomene, Jahreszeiten, aber auch auf Umfeld, Stimmungen, Nachrichten etc. Alles hat eine Tendenz.
  3. Analysieren: Werten Sie aus und finden Sie so die Grundlage für Ihre aktuelle Yoga-Übungspraxis.
  4. Handeln: Üben Sie Yoga für einen Vata-, Pitta oder Kapha-Ausgleich.

Wie Die Dosha-Typen der Yoga-Praxis begegnen

Vata braucht Yoga

Die sehr schlanke Dame mit tollen langen Beinen und einer markanten Nase winkt mir zu: Sie hätte dann heute spontan Zeit gefunden, das Yoga bei mir mal auszuprobieren. Wir hätten vor einem halben Jahr telefoniert, aber sie sei permanent entweder auf Reisen oder ander-weitig involviert gewesen, jetzt könne sie aber loslegen. Wo muss sie denn hin, wo sind denn die Matten? Alles geht rasend schnell bei ihr, ich habe eigentlich gar nichts mehr zu tun, denn sie ist durch ihre kommunikative Art bereits vollständig in die Gruppe integriert. Nachher leuchten ihre Augen: Sie liebt das Künstlerische, Ästhetische, Kreative. Und sie bleibt.
Für wie lange? Das weiß man nie. Sobald ein neuer Club aufmacht, muss sie da zumindest mal hin, um zu schauen, ob sie nicht doch etwas versäumt.

Yoga für Vata-Dosha

Heute unterrichten Sie eine etwas ältere Gruppe oder Sie sind selbst Ü50. Es kann auch eine Gruppe Flugbegleiterinnen sein oder es gab gerade eine verstörende Meldung in den Nach-richten.
Vata-Dosha ist trocken und luftig, baut eher ab als auf, verliert den Faden, ist leicht besorgt. Dem tragen Sie Rechnung mit einem Yoga, der erdend ist, durchwärmend, nährend und be-ruhigend. Fördern Sie ineiner Vata-Klasse die Konzentration, helfen Sie den Teilnehmern, das Wesentliche im Inneren zu erkennen und sich nicht in tausend Ideen zu verlieren.

So profitiert Vata von Yoga:

  • Haltungen sollten etwas langsamer erkundet werden
  • zu Beginn Zeit lassen: ankommen, sich voll einfinden
  • Surya Namaskar (Sonnengrüße) in besonders stetiger, zentrierter Form üben, Hände in Gebetshaltung
  • Betonung auf Stand- und Gleichgewichtshaltungen, rhythmisch üben
  • Nadi Shodana (Wechselatmung) gleicht aus

Vata, in der Jugend oft sehr beweglich, kann im Alter steif werden, eine Neigung zu Arthritis entsteht. Yoga beugt Degeneration vor, fördert die Knochengesundheit und den Muskelauf-bau. Die Neigung zu Sorgen und Ängsten wird ab-, Vertrauen ins Leben aufgebaut.

Pitta will Yoga

Wenn nicht alles glasklar strukturiert und transparent aufbereitet ist, wird der Pitta-Typ leicht ungeduldig und will es erst recht genau wissen. So einfach lässt er sich nicht mit Halbheiten abspeisen.
Anspruchsvoll ist er, nicht nur was andere betrifft, sondern auch mit sich selbst. Er ist ein Powerpaket, das gerne Leistung bringt – im Pitta-Übermaß sogar ein Perfektionist und von fehlender Kompetenz anderer auch schon mal frustriert. Jedenfalls lässt er sich eine „mangel-hafte“ Performance, egal in welchem Bereich, nicht lange bieten und sucht dann schnell das
Weite. Und weg ist er – mit dem Rennrad, das vor der Yogaschule steht.

Yoga für Pitta-Dosha

Ein Pitta-Schüler liebt es schweißtreibend und fordernd, es soll ja „was bringen“. Nach der Yogaklasse muss er das Gefühl haben, „richtig was gepackt“ zu haben. Nun wäre es eigentlich logisch, im Sinne des Ausgleichs, den wir im Ayurveda ja immer anstreben, gerade den wilden Pitta zu beruhigendem, sanftem Yoga zu ermutigen. Haben Sie das mal versucht? Eben.
Der Pitta-Typ kommt (am liebsten) von ganz allein auf den Kern der Dinge, denn er vertraut einer Person am meisten: sich selbst. Mit geschickter Anleitung kann man ihn sanft unter-stützen: Was ist der Fokus heute? Was bringt diese Klasse körperlich und mental? Wo ist
der Gesamtzusammenhang? Damit hat man den Pitta-Schüler intellektuell gut vorbereitet. Er lässt sich dann eher auch auf kühlende, nährende, statische Praktiken ein, die dann „ihren Sinn haben“.
Und besonders wichtig: Pitta sollte sich freuen. Seine Bereitschaft, alles zu geben, lässt ihn oft etwas verbissen sein. Das schadet manchmal nicht nur ihm, sondern auch seinem Umfeld.

So profitiert Pitta von Yoga:

  • sich in Asanas besonders bewusst bewegen
  • lachen
  • relativierende Partnerübungen, die zeigen, dass jeder anders ist (dadurch den Konkurrenz-druck nehmen)
  • kühlendes Pranayama (z. B. Chandra Bhedana, Sitali)
  • die Zwischen- und Schlussentspannung(en) unbedingt wahrnehmen

Über eine chronologisch sinnvoll aufgebaute Asana-Praxis lässt seine innere Spannung nach. Dann wird er ruhiger, klarer und „leichter“. Er kann sein Herz vorbehaltloser öffnen, sich selbst und anderen liebend begegnen.

Kapha will (vielleicht) Yoga

Eine kurvige, feminine Erscheinung: Da kommt Ihre Kapha-Schülerin in die Klasse – mit Krümeln im Mundwinkel und wieder einmal viel zu knapp vor Unterrichtsbeginn. Sie lacht dieses kehlige Lachen, ihre unwiderstehlichen Grübchen erscheinen, noch ein Küsschen ins Handy gehaucht (Familie ist heilig), bevor dieses in aller Ruhe ausgeschaltet wird. Fürsorglich
greift sie in ihre geräumige Tasche und bietet Ihnen die Krümelursache an: ein zuckriges Gebäck mit Puddingfüllung. Und sie lächelt mitleidig, wenn Sie ablehnen: „Yogalehrer, diese Gesundheitstiere“ denkt sie wohl. Nachdem sie jeden Teilnehmer noch kurz umarmt hat, ist dann endlich Zeit für Asanas. Auch wenn Sie innerlich vor Ungeduld leise stöhnen:
Die Sinnenfreude von Kapha ist ansteckend.

Yoga für Kapha-Dosha

Draußen ist es heute sehr kühl, es hat tagelang geregnet, die Welt gleicht durchnässter Watte. Müde schleichen die Schüler herein, gähnen. Bitte gleich Shavasana, fordern sie. An solchen Tagen sollte es eine Kapha-Stunde werden: Die Praxis wärmend und fließend, denn Stoff-wechsel und Kreislauf schreien förmlich nach Anregung. Sorgen Sie schon vor der Asana-
Praxis für Energie: mit erhitzendem Pranayama und vorbereitenden, aufwärmenden Übungen, gefolgt von Haltungen, die besonders Kraft und Ausdauer fördern.

So profitiert Kapha von Yoga:

  • erhitzendes Pranayama: z. B. Ujjayi oder Surya Bhedana
  • gute Vorbereitung der Sequenzen durch zunächst einfache Abläufe, später Anspruch steigern
  • Vinyasa Flow (fließende, kraftvolle Übungsfolgen),
  • herzöffnende (= schleimlösende) Haltungen für den Brustraum

So kommt Kapha in Fahrt, Schleimansammlungen verflüssigen sich, Lymphe fließt und alte, festsitzende Muster werden durch herausfordernde, aber nicht zu komplexe Choreografien gelöst. Kapha-Sequenzen wirken besonders stimulierend und anregend, sie machen
wacher und klarer.

Nun haben Sie einen ersten typisierten Eindruck gewonnen, wie die Dosha-Konstitutionen jeweils Yoga begegnen und wie sie ihn ausüben sollten, um Ausgleich und Regeneration zu erfahren. Jeder Dosha-Typ kann den für ihn passenden Yogastil finden und von den wohl-tuenden Übungen profitieren. Balancieren Sie Ihr Dosha – mit Yoga!

Erschienen im Ayurveda Journal 55

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Das Ayurveda Journal beschäftigt sich in dieser Ausgabe als Titelthema mit dem Schwerpunkt „zur Mitte finden“.

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Heike Fusswinkel
Beschäftigt sich seit über 30 Jahren intensiv mit natürlichen Heilsystemen, führt zusammen mit ihrem Partner Klaus Heitzenröder eine Yoga- und Pilatesschule in Bad Soden-Salmünster (Hessen) und ist Dozentin im Ausbildungs-Team der Europäischen Akademie für Ayurveda.