Wir stellen führende Medizinsysteme und Naturheilverfahren im ayurvedischen Vergleich vor. Wo liegen Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten? Lassen sich die Verfahren kombinieren – wenn ja, wie?

Teil 1: Traditionelle chinesische Medizin

Hier konkurriert gewissermaßen uraltes Wissen. Die „Traditionelle Chinesische Medizin“ (TCM) und die Ayurveda Medizin stellen gemeinsam mit der „Traditionellen Europäischen Naturheilkunde“ (TEN) die drei ältesten ganzheitlichen Medizinsysteme der Menschheit dar.

Yin, Yang und Qi – die Trias der TCM

Die vielleicht bedeutendsten Entwicklungen der TCM sind das Konzept von Yin & Yang und das Verständnis von Qi.

Yin und Yang stellen zwei entgegengesetzte Kräfte in der Natur dar, die zugleich aufeinander bezogen sind. Häufig werden sie als weibliche oder lunare und männliche oder solare Prinzipien verstanden. Alle Erscheinungen der Natur, jede Funktion unseres Körpers und jede Erkrankung kann in Yin und Yang unterteilt werden.

Es gibt 5 Grundregeln von Yin & Yang:

  • Alles hat zwei Seiten.
  • Jedes Yin und Yang kann wieder in Yin und Yang unterteilt werden.
  • Yin und Yang sind unteilbar, sie bedingen sich.
  • Yin und Yang kontrollieren sich gegenseitig.
  • Yin und Yang transformieren ineinander, werden zueinander, gehen ineinander über.

Die dynamische Balance von Yin und Yang garantiert Gesundheit. Ein Überschuss wird als Fülle, ein Mangel als Leere bezeichnet. Somit muss im Krankheitsfall ein geschwächtes Yin gestärkt oder eine Yang-Fülle beseitigt werden.

Qi ist der vielleicht wichtigste Begriff der chinesischen Medizin und wird zumeist unspezifisch als „Lebensenergie“ übersetzt. Qi ist die Essenz, die alles durchdringt und durchströmt. Im Körper bewegt sich das Qi in Leitbahnen, den so genannten Meridianen. Es werden 12 Hauptmeridiane sowie zahlreiche Sondermeridiane unterschieden. Auf diesen Bahnen befinden sich Kraftpunkte, an denen sich das Qi sammelt oder bewegt – diese werden in der Akupunktur durch Nadeln, in durch Wärme („Moxibustion“) und in der Manualtherapie durch Druck behandelt, um den reibungslosen Fluss wiederherzustellen.

Die Funktionen in der chinesischen Medizin von Qi sind:

  • Umwandlung
  • Transport
  • Halten
  • Heben
  • Schützen
  • Wärmen

Diese Funktionen für den menschlichen Körper aufrecht zu halten, ist das zentrale Anliegen der TCM. Zur Heilung wird ein in Mangel geratenes Qi gestärkt, eine mögliche Stagnation gelöst und die Bewegungsrichtung korrigiert.

Die Trias der chinesischen Medizin lassen sich mit denen der Ayurveda Medizin wie folgt vergleichen:

YIN in der TCM: entspricht in weiten Teilen KAPHA im Ayurveda

YANG in der TCM: entspricht in weiten Teilen PITTA im Ayurveda

QI in der TCM: entspricht in weiten Teilen VATA im Ayurveda

Ayurvedische Elemente – Chinesische Wandlungsphasen

Aus Sicht der Ayurveda Medizin stellen die fünf Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum die Basis aller Materie dar. Von der Erde bis zum Raum werden die Elemente immer feiner und verlieren an Substanzhaftigkeit. Jede Zelle unseres Körpers setzt sich aus diesen Elementen zusammen. Die Elemente bilden alle körperlichen Strukturen (zum Beispiel die Gewebe), und ihre Eigenschaften stellen die Grundlage aller Funktionen dar, von denen die wichtigsten die Doshas Vata, Pitta, Kapha und das Verdauungsfeuer Agni sind.

Die chinesische Medizin kennt keine Elemente in diesem struktiven Sinne, sie unterscheidet hingegen fünf Qualitäten als Wandlungsphasen eines Zyklus oder chinesisch ausgedrückt: das „inhärente Vermögen der Phänomene zur Veränderung“. Diese Phasen werden Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser genannt. Von ihnen ausgehend lassen sich u.a. Jahreszeiten, klimatische Faktoren, Farben, Prinzipien und „Organe“ assoziieren, wie die nachfolgende Tabelle zeigt:

tcm-phasen© Ayus Publications

Jede Phase bringt die jeweils nächste Phase hervor, wird durch je eine Phase „kontrolliert“ und durch eine weitere potenziell gefährdet. Somit stehen alle Phasen netzartig miteinander in Verbindung. Diese Zusammenhänge betrachtet der TCM-Therapeut detailliert und stellt die natürliche Harmonie wieder her.

„Organe“ und „Gewebe“ werden als solche in der TCM nicht beschrieben. Man spricht stattdessen von „Funktionskreisen“ und „Schichten“. Verwechseln Sie daher nicht das Yin-„Organ“ Leber mit dem Stoffwechselorgan in Ihrem rechten Oberbauch – die chinesische Leber ist kein Entgiftungsorgan, sondern für den reibungslosen Fluss von Qi zuständig!

Es ist deutlich erkennbar, dass die Ayurveda Medizin mit ihrem Element- und Strukturdenken der westlichen Medizin im Vergleich näher steht als die chinesische Medizin, die alles Leben als Energiegefüge und Wandlung betrachtet. Zahlreiche ayurvedische Konzepte lassen sich „schulmedizinisch“ erklären, die TCM hat hier weitaus größere Schwierigkeiten.

Die Mitte stärken…

Das ist ein zentraler Gedanke in der TCM und im Ayurveda! Die Mitte bezieht sich übergeordnet auf den edlen mittleren Weg, der Extreme im Ernährungsverhalten, der Lebensführung sowie den Geisteszuständen vermeidet. Körperlich bezieht sich diese Mitte auf den Magen und die Milz, die aus chinesischer Sicht für die Bildung von Energie aus Nahrung zuständig sind. Im Ayurveda spricht man von Agni, dem Verdauungsfeuer im Magen- Darm-Trakt, dem diese Bedeutung zukommt.

Diagnostik und Therapie – Maßnahmen von TCM und Ayurveda im Vergleich

Die Diagnostik beider Systeme setzt sich aus umfangreicher Befragung und körperlicher Untersuchung mit jeweils eigenständigen Interpretationsmodellen zusammen.

Die drei bekanntesten traditionellen Untersuchungsmethoden sind:

  • Pulspalpation
  • Zungeninspektion
  • Antlitzinspektion

Auch die Parallelen der Therapieverfahren beider Systeme sind verblüffend.

Die sieben Therapiesäulen der TCM umfassen:

  • Ernährungsmedizin
  • Gesunde Lebensführung in Einklang mit den Wandlungsphasen
  • Arzneimitteltherapie
  • Manuelle Therapie
  • Akupunktur und Moxibustion
  • Bewegungstherapie: QiGong, TaiQi
  • Meditation

Die Ayurveda Medizin unterteilt sechs Körpertherapieverfahren, die geistige und spirituelle Therapieebene

  • Ernährungsmedizin
  • Gesunde Lebensführung in Einklang mit den Rhythmen der Natur
  • Arzneimitteltherapie
  • Manuelle Therapie
  • Ausleitungsverfahren
  • Chirurgische Maßnahmen
  • Geistige Heilkunde inklusive Meditation
  • Spirituelle Heil- und Ritualkunde

Kombinationsmöglichkeiten

In meiner eigenen Praxis, in der ich seit 15 Jahren den Schwerpunkt Ayurvedamedizin durch chinesische Medizin ergänze, konnte ich durch kombinierte Therapie zahlreiche Vorteile für den Patienten beobachten.

Zusammenfassend möchte ich Ihnen hierzu folgende Empfehlungen geben:

  • Vermeiden Sie Kombinationen in einem Verfahren, das erzeugt Antagonismen. Nehmen Sie also z.B. keine ayurvedischen und chinesischen Präparate zeitgleich ein.
  • Die Ernährungs- und Arzneimitteltherapie gehören aus ayurvedischer Sicht zusammen. Wenden Sie beide daher entweder ayurvedisch oder chinesisch an und vermeiden Sie eine Durchmischung.
  • Die Akupunktur kann als ergänzende Therapie gute Dienste in der Behandlung von Schmerzzuständen und psychovegetativen Beschwerden leisten – hier ist eine Kombination also durchaus möglich.
  • Viele Empfehlungen zur Lebensführung und auch einige Grundregeln zur Ernährung sind in beiden Systemen absolut deckungsgleich.
  • Der Ayurveda hat keine eigene Bewegungstherapie entwickelt, daher bedienen wir uns meist aus dem Yoga – aber das spricht nicht jeden Patienten an. Eine therapeutisch wirkungsvolle Alternative stellt QiGong dar und ist bestens kompatibel.
  • Die Manualtherapie der TCM „Tuina“ orientiert sich nach dem Meridiansystem und ist der klassisch ayurvedischen Manualtherapie überlegen. Im Ayurveda finden wir ähnliche Ansätze in der Kalari-Tradition Südindiens, in der Anwendungen nach dem Nadi-Marma-System erfolgen – Nadi lässt sich mit Meridianen und Marma mit den Vitalpunkten darauf vergleichen.
  • Die Ausleitungsverfahren aus dem Panchakarma sind eine ayurvedische Spezialität ohne vergleichbare Alternative in der TCM.
  • Welche der geistig-spirituellen Angebote beider Systeme angewandt werden, sollte jeder nach seinem eigenen Gefühl entscheiden.

Fazit: Zwei große Systeme auf Augenhöhe!

Wir können viel lernen von diesen beiden großen Systemen, die an Aktualität nie verloren haben, da sie beide unvergängliche Naturgesetze beschreiben und auf überregionalen, zeitlosen und überkonfessionellen Werten basieren. Diese großen Medizinkulturen sind erhaltenswert!

Ayurveda Journal 38 · Seite 28 – 30

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