Eine der drei Säulen des Lebens (Tristambha) im Ayurveda ist neben dem Schlaf (Nidra) und der bewussten Kontrolle der sexuellen Energie (Brahmacharya) die Nahrung (Ahara). Hieraus ist schon ersichtlich, welche Bedeutung die Er­nährung im Leben eines jeden Lebewesens hat. Die Ernährung nach der Ayurvedischen Er­nährungslehre (Annavijnana) ist jenseits aller Ernährungsdogmen. In 20 Jahren Praxis habe ich häufig erlebt, wie die strenge Einhaltung einer Ernährungsrichtlinie zu gesundheitlichen Schä­den geführt hat. So haben z.B. die von mancher Seite gegebene Empfehlung zur ausschließlichen Verwendung von Vollkornprodukten, ohne Be­rücksichtigung eines schwachen Agnis, zu ge­sundheitlichen Störungen nicht unerheblichen Ausmaßes geführt.

Wie aus dieser kleinen Tabelle ersichtlich, sind beliebte Getränke wie Bananenshake oder auch Fruchtyoghurts nicht zu empfehlen. Rührei mit Milch zubereitet oder die Kombination Tomaten und Gurken, die in fast jedem Salat zu finden sind, sollten ebenfalls vermieden werden. Wenn wir uns unter diesen Gesichtspunkten unsere verschieden Mahlzeiten anschauen, werden wir vielerlei Kombinationen finden, die unserer Gesundheit keineswegs zuträglich sind.

Frische und natürlich angebaute Nahrungsmittel, also die Beschaffenheit der Nahrung (Prakriti) ist ebenso wichtig wie die Herkunft der Nahrung (Desha), Quantität (Rashi), Art der Zubereitung (Karana), Zeitpunkt der Nah­rungsaufnahme (Kala), die Qualität der Nahrung (Satva, Rajas und Tamas), Essgewohnheiten, Gemüts- und Gesundheitszustand (Upayoktrin) des Essenden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Kombination (Samyoga) der einzelnen Lebensmittel miteinander, ihre Kompatibilität. Nichtkompatible Nahrungsmittel wirken sich ungünstig auf die Gesundheit aus. Die ayur­vedischen Essensregeln (Upayoga samstha) sollten ebenfalls berücksichtigt werden. Diese acht Merkmale für richtige und falsche Ess­gewohnheiten sind zu berücksichtigen. Le­bensmittel, die aus ayurvedischer Sicht nicht kompatibel sind (Virudhahara), sollten niemals zusammen in einer Mahlzeit verzehrt werden.

Ungünstige Kombinationen Nahrung – Mensch – Umwelt

Wie schon oben erwähnt, spielen auch Zeit, Herkunft, Dosierung eine wesentliche Rolle für die falsche oder richtige Nahrungsaufnahme. Kalte und trockene Nahrung im Winter ist eine schlechte Kombination von Nahrung und Zeitpunkt. Trockene und scharfe Nahrung ist wiederum für ein Wüstenklima ungeeignet, also eine ungünstige Kombination von Ort und Nahrung.

Ein typisches Beispiel für ungünstige Dosierung ist die gleiche Menge von Ghee und Honig. Schwer verdauliche Speisen zu sich zu nehmen bei einem schwachen Agni (Mandagni), ist eine schlechte Verbindung von Nahrung und Verdauungskraft. Natürlich sind auch die Doshas in diesem Zusammenhang von großer Bedeu­tung. So sollte bei einer Konstitution, in der Vata-Dosha dominiert, oder einer Erkrankung mit erhöhtem Vata keine trockene und kalte Nahrung zu sich genommen werden. Heiße und kalte Speisen passen ebenso wenig zueinander wie Milch und Salz, da ihre Wirkungen gegensätzlich sind. Bei der Zubereitung können schwere (also schwer verdauliche Nahrungsmittel) wie Kohl oder Kartoffeln im Rohzustand durch kochen oder einlegen z.B. in Essig zu leichteren transformiert werden. Durch Zutaten von Gewürzen wie Ingwer oder Selleriesamen können Blähungen vermieden werden.

Hieraus wird mehr als deutlich, wie wichtig für die Erhaltung oder Wiederherstellung einer optimalen Verdauungskraft (Agni) all die bisher beschriebenen Aspekte sind. Eine optimale Verdauung ist die Grundlage unserer Gesundheit und bedarf daher einer besonderen Pflege und Aufmerksamkeit. Nahrungsaufnahme, welche auf die Befriedigung der Geschmacksknospen reduziert ist, gilt als respektloser Umgang mit dem Geschenk Gesundheit.

Nahrung für Körper und Geist

Ein sehr schönes Bild dazu habe ich in Indien kennen gelernt. Die Mahlzeit als Opfergabe an Lord Agni, den Gott des Feuers zu sehen, der in Form des Agni (Verdauungsfeuer) unsere körperliche Existenz erst ermöglicht. Mit diesem gedanklichen Hintergrund wird die Nah­rungs­aufnahme zu einem lebenserhaltenden Ritual. Ein hastiges Herunterschlingen der Mahlzeit, gestresst oder schlecht gelaunt wird dadurch kaum noch möglich. Sich Zeit nehmen für eine der drei Säulen des Lebens, eine Mahlzeit in entspannter Atmosphäre und mit ausge­glichenem heiterem Gemüt, in Ruhe zu sich genommen, ist eine Freude für Lord Agni, für unser Verdauungssystem. Wer Freude an guter, gesunder und schmackhafter Nahrung hat, wird schnell merken, dass eine Ayurvedische Ernäh­rungsweise weitaus weniger schwierig ist, als es auf den ersten Blick erscheint.
Ayurveda Journal 18 · Seite 20 – 21

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Michael Rohrschneider
Heilpraktiker, seit 1989 in eigener Praxis tätig. Ayurveda-Spezialist, Panchakarma-Therapeut, Seminarleiter, Meditationslehrer, Autor, Adviser of Dr. Gahukar’s International Academy of Ayurved & Panchakarma, Nagpur. rohrschneider@ayur-med.de, www.ayur-med.de