Lass Dir Zeit – zum Innehalten und Entschleunigen

Eine wesentliche Ursache für unbewältigten Stress mit allen seinen Folgen ist die zunehmende Beschleunigung in unserer Gesellschaft, frei nach: „time is money (!?)“. Es bleibt keine Zeit zum Innehalten, für Pausen, für Regeneration und Muße. Aber nur Langsamkeit und Muße
schaffen Kreativität – in der Ruhe liegt die Kraft.
Durch zunehmende Beschleunigung entsteht das, was wir haben, im Extremfall nach dem Motto: „lieber tot als zweiter“. Durch Langsamkeit entsteht im Idealfall das, was wir sind. „Der ist kein freier Mensch, der sich nicht auch einmal dem Nichtstun hingeben kann“ (Cicero).
Vor über 40 Jahren hat Michael Ende in „Momo“ und in der Geschichte der Schildkröte „Tranquilla Trampeltreu“ den Schaden, der durch Beschleunigung und Zeiträuber entsteht, sowie den Nutzen von Langsamkeit und Beharrlichkeit sehr eindrucksvoll beschrieben. Die langsame Schildkröte Kurma ist auch im Yoga ein Symbol für Langlebigkeit und Klugheit.

Die Folgen von Zeitdruck

Zeitdruck als Ursache für unbewältigten Stress stellt eines der größten Gesundheitsprobleme
unserer Zeit dar. Fehlende Entspannung und Regeneration kann eine Reihe von Erkrankungen
verursachen, wie z. B. Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlafstörungen, verschiedene Schmerz-Syndrome, Ohrgeräusche (Tinnitus) und als Endzustand bei langandauernd unbewältigtem Stress das Burnout-Syndrom.
Aus ayurvedischer Sicht ist das individuelle Gleichgewicht schwer gestört. Die Folgen können Vata-, Pitta- oder zusätzlich auch Kapha-Störungen sein.
Mit einem guten Zeit- und Stressmanagement im Sinne von Ayurveda können Sie jedoch gleichzeitig kreativ, leistungsfähig, motiviert, erfolgreich und gesund sein.

Was ist „Zeit“

Viele Philosophen sind dieser Frage nachgegangen und keiner hat bisher eine eindeutige Antwort gefunden. Sätze wie „die Zeit vergeht wie im Flug“ und „die Zeit ist stehengeblieben“ zeigen, dass Zeit nicht wirklich fassbar und eigentlich auch nicht messbar ist. Die Uhr
misst den Lauf der Minuten und Stunden. Diese Uhrzeit ordnet den Tag in Zeit für Aktivität und Arbeit, Zeit für Ruhe und Regeneration, Zeit für Essen und Zeit für Verdauung, Zeit für Schnelligkeit und Zeit für Langsamkeit. Um mit der Zeit im Einklang zu sein, benötigen wir diese Gegensätze. Schnelligkeit kann nur entstehen, wenn es auch langsam geht. Aktivität
kann nur stattfinden, wenn es Zeiten für kreative Ruhe gibt. Dieser Ausgleich durch Gegen-sätze ist einGrundprinzip des Ayurveda.
Zeit ist ein Gefühl und findet nur im aktuellen Augenblick statt. Zeit ist nicht davor und auch nicht danach. Und: Zeit ist für alle Lebewesen endlich!
Sie sehen, es gibt nicht eine Zeit. Es gibt vielmehr viele verschiedene Formen von Zeit bzw. Zeitgefühl.

© Justin Mullet/Stocksy United

Das Problem der Beschleunigung

Seit über 100 Jahren haben wir, bedingt durch den immer schneller werdenden Takt der modernen Industriegesellschaft, das Problem der ständigen Beschleunigung. Wachstum wird mit immer höherer Geschwindigkeit gleichgesetzt. Dabei wachsen Lebewesen nur in den Ruhezeiten, v. a. im Schlaf. In dieser Zeit ist die höchste Konzentration an Wachstums-hormonen messbar. Was die Natur vorgibt, gilt auch allgemein. Für Wachstum und positive Entwicklung benötigen wir Ruhe.
Die Langsamen haben die Freundschaft erfunden und nur durch Langsamkeit entwickeln sich Liebe und Vertrauen. Hektiker und Menschen, die ausschließlich auf der Überholspur leben, haben dazu einfach weniger Zeit.
Wir versuchen durch immer höhere Geschwindigkeit Zeit zu sparen und merken dabei nicht, dass das eigentliche Leben an uns vorbeifliegt.
Viele Menschen wollen weitere Zeit sparen, indem sie versuchen, mehrere komplexe Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Multitasking (bezeichnet die Fähigkeit eines Betriebs-systems, mehrere Aufgaben (Tasks) nebeneinander auszuführen) ist angesagt. Auto fahren,
SMS schreiben, Musik hören gleichzeitig – der Versuch kann tödlich enden. Multitasking soll die
Effizienz und Produktivität steigern, tatsächlich führt die gleichzeitige Arbeit an mehreren Aufgaben jedoch zu einem erheblichen Konzentrations- und Leistungsverlust.

Ein Beispiel: Telefonieren und Auto fahren. In einem Test haben Forscher die Folgen überprüft. Die Versuchspersonen saßen am Steuer eines Fahrsimulators und sollten während des Fahrens telefonieren, in einem weiteren Versuch sollten sie auch noch eine SMS verfassen. Das Ergebnis: Ihre Leistungsfähigkeit sank um mindestens 40 Prozent. Gleichzeitig erhöhten sich die Stresswerte erheblich. Die Fehlerquote war ähnlich hoch wie bei betrunkenen Fahrern mit einem Promillewert von 0,8.
Weitere Untersuchungen zum Multitasking führten zu ähnlichen Ergebnissen. Multitasking macht weniger produktiv, weniger kreativ und weniger leistungsfähig. Es erhöht den Stress und vermindert die Kommunikationsfähigkeit.
Wir leben zunehmend gegen die Natur. „Ordnung ist das halbe Leben“ – diesen Satz kennen Sie sicher. Nur, haben Sie Ordnung in ihrem Tagesablauf geschaffen – eine Zeit für Arbeit, eine Zeit zum Essen, eine Zeit für Ruhe und Entspannung, eine Zeit für Sport und Fitness usw. Oder gehören Sie zu denjenigen die immer erreichbar sind, jede E-Mail sofort beantworten, am Esstisch SMS schreiben und keine Gelegenheit auslassen, in den sogenannten sozialen
Netzwerken zu kommunizieren? Das wirkliche Leben geht so vielleicht an Ihnen vorüber.

Die Grundlagen der Entschleunigung

Die Grundlagen der Entschleunigung sind gleichzeitig die Grundlagen eines effektiven Stress-managements.

1. Achtsamkeit und Aufmerksamkeit
Die Fertigkeit, seine Gedanken auf die Gegenwart zu konzentrieren, ist ein hervorragendes Mittel zur Stressbewältigung und eine wichtige Grundlage für Lebensfreude und Leistungs-fähigkeit. Um unsere Gedanken und Gefühle zu erkennen und unsere Emotionen zu kontrollieren, ist eine klare, stabile und sensible Aufmerksamkeit notwendig. Statt über Vergangenes nachzugrübeln, sollten Sie Ihren Geist darauf trainieren, aufmerksam und wach bei der gerade ablaufenden Situation zu bleiben.
Achtsamkeit ist die Fähigkeit, die wandernde Aufmerksamkeit immer wieder zum Hier und Jetzt zurückzuholen. Nur durch Achtsamkeit ist es möglich, Zwänge und Zeitdruck zu erkennen und zu managen.

Alle üblichen Zeitmanagementsysteme gewinnen keine Zeit. Sie erhöhen allenfalls die Geschwindigkeit und zuletzt den Zeitdruck.

Wichtige Werkzeuge, um Achtsamkeit zu erreichen,  sind Yoga-Übungen, Atem-Übungen und auch die Meditation. Verbinden Sie Atemübungen mit mentalen Techniken, um sich, je nach Bedarf, zu konzentrieren, zu entspannen, in Balance zu bringen oder zu aktivieren.
Jeder Mensch kann Achtsamkeit üben. Wie ausgeprägt das bewusste Wahrnehmen unserer Sinneseindrücke, unseres Gefühls für die Zeit, unseres Denkens, Fühlens und Handelns ist, hängt zunächst von der persönlichen Prägung jedes Einzelnen (ayurvedisch auch von der Konstitution) ab. Durch regelmäßiges Üben können wir diese Fähigkeit weiterentwickeln.
Thich Nhat Hanh sagt dazu: „Wer drei Schritte bewusst gehen kann, der kann auch vier, fünf oder gar sechs Schritte bewusst gehen“.
Dasselbe gilt für das bewusste Wahrnehmen unseres Atems bei der Meditation. Achtsamkeit und Meditation zu üben bedeutet, immer wieder zu versuchen, im Hier und Jetzt zu sein, die Zeit der Ablenkung zu verkürzen und die Zeit ungeteilter Aufmerksamkeit auszudehnen. Achtsamkeit üben bedeutet auch, den jetzigen Augenblick möglichst nicht zu werten, und in
einer wohlwollenden Haltung anzunehmen.

Eine Übung:

Bei dieser einfachen Übung richten Sie die Aufmerksamkeit auf Ihren Atem. Versuchen Sie, Ihrem Atem so lange wie möglich zu folgen. Wenn Ihre Gedanken abschweifen, beobachten Sie dies, werten es aber nicht. Kehren Sie wieder zu Ihrem Atem zurück.

  • Setzen Sie sich in einen aufrechten Sitz Ihrer Wahl.
  • Schließen Sie am besten die Augen.
  • Atmen Sie ruhig durch die Nase ein und aus.
  • Beobachten Sie anfangs nur das Ein- und Ausströmen der Luft beim Atmen.
  • Atmen Sie so lange, bis Ihr Atem ruhig und gleichmäßig fließt.
  • Dann sagen Sie innerlich beim Einatmen: „Ich weiß, dass ich einatme.“
  • Beim Ausatmen sagen sie innerlich: „Ich weiß, dass ich ausatme.“
  • Setzen Sie diese Übung für einige Minuten fort.
  • Dann öffnen Sie Ihre Augen und atmen noch einige Atemzüge ruhig ein und aus, bevor Sie sich wieder erheben oder evtl. einige Yoga-Übungen anschließen.

2. Verbesserung des Selbstwertgefühls und der bewussten Wahrnehmung

Sich selbst bewusst sein (= Selbstbewusstsein), seine eigenen Stärken und Schwächen zu kennen, ist ein wesentlicher Bestandteil aktiver Stressbewältigung. Ein wichtiges Werkzeug ist hier die Bestimmung der Konstitution (Prakriti) und evtl. vorhandener Störungen (Vikriti) nach ayurvedischen Richtlinien.

  • Stellen Sie keine unrealistischen oder perfektionistischen Ansprüche an sich und Ihre Um-welt.
  • Hinterfragen Sie immer wieder Ihre Denkmuster. Werden Sie sich Ihrer Gedanken bewusst. Nur dann haben Sie die Möglichkeit, Veränderungen vorzunehmen.
  • Erlernen Sie beruhigende und aktivierende Atemtechniken.

Nutzen Sie die Kraft Ihrer Gedanken!

3. Aktive, positive Zielsetzung

Werden Sie sich klar über Ihre Lebensziele, Ihre Jahresziele und Ihre kurzfristigen Ziele. Setzen Sie sich Ziele, die realistisch, zeitlich festgelegt, positiv formuliert sind usw. und schreiben Sie diese nieder. So können Sie ihr Vata im Griff halten.

4. Positive soziale Kontakte

Pflegen Sie Ihre sozialen Kontakte. Ein fester Freundeskreis, gute Bekannte und eine intakte Familie beeinflussen Ihre Gesundheit und Ihre Belastbarkeit nachweislich positiv. Die positive Unterstützung durch den Lebenspartner ist dabei besonders wichtig. Insbesondere Menschen mit hohen Vata-Anteilen in der Konstitution sind auf ein intaktes Umfeld angewiesen.

5. Gute Zeitplanung und Vorbereitung aller Aktivitäten

  • Planen Sie zuerst Ihre privaten Ziele, die Zeit für sich und Ihre Familie, Zeit für Regeneration und Entspannung, Zeit für Urlaub etc.
  • Planen Sie Ihren Tagesablauf im Sinne der ayurvedischen Ordnungstherapie von der Morgenroutine über die Mahlzeiten, die Arbeit bis hin zum Schlaf. Die ayurvedische Ordnungstherapie ist sicher die erste schriftliche Empfehlung zum Zeit und Stress-management der Welt.
  • Dann planen Sie Ihre beruflichen Ziele.
  • Die Erfolgsvision gibt Ihnen einen Motivationsschub für langfristige Ziele, steigert das Selbstbewusstsein, verbessert die Zielstrebigkeit und beugt so Vata- und / -oder Pitta-Störungen vor.
  • Bereiten Sie sich auf Ihre Aufgaben so gut wie möglich vor. Auf diese Weise werden Sie nicht auf dem falschen Fuß erwischt. Ohne Lernen auf eine Prüfung oder gewissenhafte Vorbereitung einer wichtigen Verhandlung geht es nicht.
  • Lassen Sie sich nicht durch Zeitmangel unter Druck setzen.
  • Ordnen Sie Ihre Aktivitäten nach Wichtigkeit.
  • Lernen Sie „Nein“ zu sagen, freundlich aber bestimmt.

6. Erlernen schneller Stresslöser (Atemtechniken, mentale Techniken)

Schnelle Stresslöser können jederzeit und fast an jedem Ort eingesetzt werden. Sie dienen der raschen Kontrolle von Stressreaktionen und der Beseitigung oder Verminderung der Folgen von akutem oder chronischem Zeitdruck.
Je nach Bedarf können dabei entspannende, harmonisierende, aktivierende und / oder motivierende Techniken eingesetzt werden. Hier einige Beispiele:

  • Die tiefe Bauchatmung entspannt, vermindert Vata und gleicht Pitta aus, harmonisiert das Subdosha Prana-Vata und steigert die Lebensenergie.
  • Die dreiteilige, vollständige Atmung senkt Vata, reguliert Pitta, wirkt geistig und emotional beruhigend, körperlich belebend und steigert die Lebensenergie.
  • Gedankenstopp und positives Denken unterbrechen negative Gedanken und beugen dadurch Vata- und / oder Pitta-Störungen vor, verbessern die Konzentration und die Selbstkontrolle und verändern negative Denkweisen.
© Michela Ravasio/Stocksy United

7. Gute aktive Regeneration

Aktive Regeneration dient mehreren Zielen. Einerseits werden die körperliche Fitness (Ausdauer, Beweglichkeit, Kraft, richtige Atmung) und die geistige Fitness (Steigerung der Konzentration; Verbesserung der Gehirndurchblutung) erhöht. Andererseits werden die
schädlichen Energiepotenziale abgebaut, die durch Stress und Zeitdruck entstehen.
Besonders effektiv sind folgende Methoden:

  • Yoga
  • gesundheitsorientierter Ausdauersport
  • Meditation

Eine Übung:
Dieser kleine Atmungs- und Bewegungsablauf kann nahezu überall und zu jeder Zeit durchgeführt werden. Er dehnt, macht gelenkig und fit, entspannt und verbessert die Achtsamkeit:

  • Stehen Sie aufrecht mit leicht gegrätschten Beinen.
  • Beim Einatmen heben Sie beide Arme über vorne nach oben in eine V-Position. Zählen Sie während der Einatmung bis 3.
  • Strecken Sie sich ganz und zählen in der Atempause bis 2.
  • Atmen Sie aus, beugen Sie die Beine bis in die Hocke, senken Sie die Arme über die Seite und legen Sie die Hände auf den Oberschenkeln ab. Zählen Sie dabei auf 5.
  • Kommen Sie ohne zu atmen zurück in den aufrechten Stand. Zählen Sie dabei bis 2.
  • Wiederholen Sie diesen Ablauf einige Minuten.

8. Gute passive Regeneration

Unser Körper hat seinen Rhythmus und seine innere Uhr auf den 24-Stunden-Tag eingestellt. Der Alltagsstress und die zeitliche Belastung nehmen jedoch häufig keine Rücksicht auf unseren Biorhythmus.
Ein ausreichender und ruhiger Nachtschlaf ist unersetzlich. Sehr effektiv kann jedoch auch ein regenerativer Kurzschlaf von 10 bis 30 Minuten Dauer sein. Ein solches Minischläfchen macht topfit und kann nach Angaben von Schlafforschern bis zu zwei Stunden Nachtschlaf ersetzen.

Um die Regeneration zu beschleunigen, wenn nötig, zu entschlacken und die Leistungs-fähigkeit zu steigern, sind auch ayurvedische Massagen und andere Ayurveda-Therapien sehr nützlich. Besonders wirkungsvoll sind hier Massagen wie z. B. die Ganzkörper-Ölmassage (Abhyanga) mit passenden Ölen und insbesondere auch der Stirnölguss (Shirodhara).

Es ist Zeit, zum Schluss zu kommen

Zum Abschluss möchten wir Ihnen einige ausgewählte Tipps mit auf den Weg geben:

  • Nehmen Sie sich Zeit für sich, Ihren Partner oder Ihre Partnerin, Ihre Kinder und Ihre Freunde.
  • Nehmen Sie sich Zeit für die Schönheiten der Natur.
  • Lassen Sie Unwichtiges weg. Eines der wichtigsten Utensilien eines erfolgreichen Menschen ist der Papierkorb.
  • Sagen Sie „Nein“, wenn Sie etwas wirklich nicht tun wollen. Seien Sie dabei ehrlich zu anderen Menschen und sich selbst.
  • Vergessen Sie die Scherben und den Schnee von gestern und verschwenden Sie Ihre Energie auch nicht an Zukunftssorgen.
  • Leben Sie mit Ihrem Geist in der Gegenwart.
  • Tun Sie alles, was Sie tun, bewusst und aufmerksam.
  • Achten Sie auf die Stille, den Raum zwischen den Gedanken, die Zeitspanne zwischen den Geräuschen.
  • Vergessen Sie nicht, einmal stehen zu bleiben und einen Schmetterling zu beobachten oder an einer Blume zu riechen.
  • Und nun gehen Sie Ihren Weg. Fliegen Sie ihn nicht und fahren Sie ihn nicht mit dem Auto, sonst fliegt das Leben an Ihnen vorbei.

Erschienen im Ayurveda Journal 54

Ayurveda Journal 54 Cover

Das Ayurveda Journal beschäftigt sich in dieser Ausgabe als Titelthema mit dem Schwerpunkt „Entschleunigung“.

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