Sie sind der Meinung, Götter haben es leicht? Sie strahlen in ihrem Licht, regieren nach eigenen Gesetzen, schnippen nur mit dem Finger und schon sind alle Wünsche erfüllt?
Das mag auf viele Götter der indischen Mythologie zutreffen, nicht aber auf Lord Vishnu. Mit ihm möchten Sie bestimmt nicht tauschen! Er hatte richtig zu tun, um die Probleme seiner Götterkollegen zu lösen und die Weltordnung immer wieder herzustellen.
In der nachfolgenden Geschichte aus dem Reigen der indischen Göttersagen erzähle ich Ihnen etwas über das Leben und Wirken von Vishnu, dem Zaubergott mit vielen Gesichtern.

Neu und modern interpretiert von Irene Rhyner

in Wesen wie Vishnu – mal Mensch, mal Tier, mit vielfältigen Charakterzügen und wunder-samen Kräften? Er ist ein Phänomen und ist, wie er ist: der Verwandlungskünstler und Dompteur im vedischen Götterzirkus. Eine Gottheit mit liebenswerten Eigenschaften? Ja und Nein. Vishnu wirkt mit seinen kosmischen Kräften als Erhalter dieses Universums. Er sorgt für Gerechtigkeit und Ordnung, wenn die Welt aus den Fugen zu geraten droht. Dabei kann man nicht immer nur nett sein. Es ist seine Bestimmung, sich mit Rat und Tat und, wenn nötig, mit Kraft einzubringen. Vishnu in seiner wahren göttlichen Gestalt ist ein prächtiger und schöner Mann. Allerdings schimmert er immer leicht blau. Er hatte bei einer gewaltigen Hilfsaktion für die Halbgötter von der Weltenschlange zu viel Gift abbekommen. Die vier Gegenstände, die er in seinen vier Händen trägt, demonstrieren seine Macht und gleichzeitig seine Weisheit und Güte. Eine Wurfscheibe dient ihm als Kampfinstrument, ebenso wie eine Keule, die er in der anderen Hand hält. Das Schneckenhorn in seiner rechten Hand ermöglicht ihm, die Energien mit dem Urton zu reinigen, gleichzeitig verschafft ihm das Instrument einen unüberhörbaren Auftritt. Zum Zeichen seiner hellen und weisen Wirkkraft hält er eine Lotusblume in seiner vierten Hand. Sie strahlt und leuchtet hell. Selbst im größten Dunkel verbreitet sie Sattva,
das Prinzip der göttlichen Reinheit.

Eigentlich verbrachte Vishnu den Großteil seiner Tage mit Rettungsaktionen. Garuda, sein Vogelfreund, flog mit ihm von einer Mission zur anderen und trug ihn auf seinem Rücken. Überall wurde er gebraucht, musste zwischen den Halbgöttern schlichten, mit Ungeheuern kämpfen und seine Frauen beglücken. Lakshmi, seine Gemahlin, ist die glückverheißende
Göttin der Schönheit und der Fülle. Er tanzt und singt aber auch gerne mit anderen Frauen, die von seiner Willenskraft und Stärke begeistert sind und ihm zu Füßen liegen. Drei weitere Favoritinnen sind bekannt, mit denen er mehr als getanzt haben soll: Saraswati, Parvati und Bhumidevi.

Jedesmal, wenn die Weltordnung ins Wanken geriet, manifestierte er sich in einer anderen Gestalt und wurde zum Avatar. Wer weiß, wie oft Sie schon mit ihm zu tun hatten? Er ist ein begnadeter Retter und Wiederhersteller – und zwar immer dann, wenn es Probleme gibt. Wenn Sie ihm süßen Joghurt offerieren, hilft er Ihnen bestimmt. Er ist nämlich eine kleine Naschkatze und braucht als wilder Pitta-Mann zur Beruhigung regelmäßig seine Süßigkeiten. Zehn verschiedene Erscheinungsformen (Avatare) sind bekannt. So rettete er als Walfisch (Matsya) bei einer großen Sintflut die überlebenden Menschen auf einer Arche und zog diese
mithilfe der Weltenschlange ans trockene Ufer. Bei der „Milchquirlaktion“ mit Dhanvantari schwamm er als bergtragende Schildkröte (Kurma) im Urozean. Er kämpfte als Rieseneber (Varahara) um die Ehre der Erdengöttin Bhumidevi, dann als Dämonentöter mit Löwenkopf (Narasimha). Er wurde vom Zwerg zum Riesen (Vamana) und durchmaß mit ein paar Schritten die Welt. In seiner nächsten Gestalt als Rama (Parashurama) kam es zu Mord und Totschlag, weil er seinen damaligen Vater rächen musste. Als Rama-Avatar schrieb er Geschichte und wurde der Held im Epos der Ramayana. Danach lustwandelte er als Krishna
und wurde zur Hauptfigur für die Mahabharata.

Nach dem Liebestaumel als Krishna legte er eine Zeit der Askese ein und inkarnierte als Buddha, der schließlich durch Verzicht auf Vergnügungen und materielles Vermögen mit Yoga und Meditation zur Erleuchtung gelangte.

Somit war der Buddhismus begründet.

Nun ist ihm vorausgesagt, dass er sich als zehnter Avatar manifestieren und unser Zeitalter beenden wird. Dazu wird er als Held (Kalki) alle zu dieser Zeit lebenden Dämonen auf einem weißen Pferd mit flammendem Schwert besiegen. All seine Taten ebnen somit den Weg für die Entstehung eines neuen, goldenen Universums, in dem Recht und Gerechtigkeit herrscht.
Oh, mein Gott Vishnu. Erhalte und wandle unsere derzeitige Welt. Erinnere uns an die Pflichten zur Erhaltung der Natur und zum Schutz der Menschen. Reinige das Universum, damit alle Menschen das Strahlen der Lotusblume wieder sehen können und wir uns an ihrem Licht erfreuen dürfen.

Om Namoh Bhagawate Vasudevaya

Erschienen im Ayurveda Journal 56

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