Die Tri-Dosha Lehre von Vata, Pitta und Kapha ist im Ayurveda die Basis für das Verständnis der physiologischen und pathologischen Abläufe im menschlichen Körper. Das auf den ersten Blick so simpel erscheinende Tri-Dosha-System bedarf jedoch eines ausgiebigen Studiums, um ein wirkliches und umfassendes Verständnis der Doshas und ihrer Funktionen zu erlangen. Da sich die Doshas sowohl in ihrer Qualität als auch Quantität verändern können, werden dann womöglich aus den die Körperfunktionen aufrechterhaltenden Doshas krankmachende Faktoren.

Eine Zu- oder Abnahme einzelner oder mehrerer Doshas haben Einfluss auf die anderen Doshas, die Dhatus (Gewebe) und Malas (Abfallprodukte). Aus diesen Erkenntnissen heraus werden die Doshas auch als Verderber bezeichnet.

Pitta Dosha ist das Dosha der Transformation. Einige der wichtigsten Funktionen des physiologischen Pitta sind:

Verdauung der Nahrung
Erzeugung der Körperwärme
Entstehung von Hunger und Durst
Hautfarbe
Auffassungsgabe
Intelligenz

Pitta Dosha und Agni

Das Wort Pitta hat seine Wurzel in dem Wort “Tap”, was soviel bedeutet wie erhitzen oder brennen. Die lebenswichtigen unterschiedlichen Formen der Transformation im menschlichen Organismus werden von Pitta bewirkt und gesteuert, wobei Vata und Kapha in verschiedenster Weise daran beteiligt sind. Pitta besteht nach der Elementenlehre hauptsächlich aus dem Element Feuer (Tejas). Einige Autoren der klassischen ayurvedischen Literatur erwähnen Element Wasser (Ap) als zweiten wesentlichen Bestandteil, während die anderen Elemente Akash (Raum) , Vayu (Luft) und Prthvi (Erde) eine untergeordnete Rolle spielen. Pitta-Dosha entsteht als ein Nebenprodukt bei der Bildung von Rakta-Dhatu (Blut).

Eine oft gestellte Frage, ob Pitta identisch mit Agni ist, wird in einigen bedeutenden klassischen Ayurveda-Schriften (z.B. Sushruta Samhita, 21. Kapitel) eindeutig mit ja beantwortet. Pitta und Agni verfügen über gemeinsame Eigenschaften wie Transformation, Oxydation, Erzeugung von Wärme, Brennen, die dem Feuer eigen sind, weshalb Pitta auch als Antaragni bekannt ist.

Durch die unterschiedlichen Aufgaben der einzelnen Doshas innerhalb der eigenen Grundfunktionen wie die transformierende Wirkung von Pitta, werden fünf Sub-Doshas nach ihren Wirkungsbereichen und Funktionen unterschieden.

Dies sind:

  • Pacaka-Pitta – primäre Verdauung, Unterstützung der anderen Pitta
  • Ranjaka-Pitta – sekundäre Verdauung, Blutbildung
  • Sadhaka-Pitta – Intelligenz, Wissen
  • Alocaka-Pitta – Sehvermögen
  • Bhrajaka-Pitta – Hautfarbe und Temperatur, Absorbtion von Substanzen

Pitta Subdoshas

Zwei dieser Sub-Doshas möchte ich im Rahmen dieses Artikels ausführlicher beschreiben.
Nach reiflicher Überlegung habe ich mich für Pacaka und Bhrajaka entschieden.
Pacaka steuert die umfangreichen Transformationsprozesse der Nahrungsumwandlung im Verdauungstrakt. Pach ist die Wurzel des Wortes Pachaka und bedeutet soviel wie Verdauen, Absorbieren und Assimilieren.
Bhrajaka verrichtet seine Arbeit in der Haut, unserem größten Organ. Die Auswirkungen der Funktionen dieses Pitta sind für uns teilweise gut zu beobachten und tragen daher sicher zum Verständnis bei.

Pacaka-Pitta ist in dem Bereich zwischen Amashaya (Magen) und Pakvashaya (Dickdarm) tätig. Es ist eine Mischung aus Gallenflüssigkeit und verschiedenen Verdauungssäften der Bauchspeicheldrüse (Pankreas). Pacaka-Pitta leistet in Kooperation mit Samana-Vata einen wesentlichen Teil der Verdauungstätigkeit (Pachan), unterstützt alle anderen Pitta, inklusive der Dhatu-Agnis (Erzeugung von Gewebematerial und der Gewebe) und Bhutagnis (Verwertung der elementaren Bestandteile). Aus diesem Grund möchte ich zum besseren Verständnis noch etwas detaillierter auf das Prinzip Agni eingehen.
Agni ist das komplexe System der Transformation von Nahrung in Doshas, Dhatus und Malas (Ausscheidungsprodukte). Jatharagni, das zentrale Verdauungsfeuer, ist für die Umwandlung der Nahrung im Verdauungstrakt verantwortlich. Pacaka-Pitta ist neben Samana-Vata, Kledaka-Kapha und Prana-Vata ein wesentlicher Bestandteil von Jatharagni. Von seiner optimalen Funktion hängen alle weiteren Stoffwechselprozesse, die Entstehung und Erhaltung der Doshas und Dhatus sowie die Produktion der Malas ab. Die Verwertung der einzelnen elementaren Bestandteile (Bhutas) nach der primären Verdauung durch Jatharagni ist ein Prozess, der sich vom Verdauungstrakt bis hin zu den bestehenden Geweben erstreckt. Hierbei werden zwei Arten von Dhatus unterschieden:

Asthayi, das Gewebematerial
Sthayi, das fertige Gewebe

Die sieben, vom Zustand von Jatharagni abhängigen Dhatuagnis, tragen bei einer Hyperfunktion zur Geweberegeneration und bei einer Hypofunktion zur Degeneration bei. Sie wandeln Gewebematerial in fertiges Gewebe um.
Pacakamsa als ein Bestandteil von Jatharagni baut bei einer Hyperfunktion Gewebe ab und regeneriert bei einer Hypofunktion die fertigen Gewebe
Da aus ayurvedischer Sicht viele Erkrankungen ihren Ursprung im Magen haben, wird die zentrale Bedeutung von Pacaka-Pitta für einen gut funktionierenden Stoffwechsel und damit für die Erhaltung der Gesundheit leicht verständlich. Eine Störung des Pacaka-Pitta kann z. B. zu Sodbrennen, Gastritis, Magengeschwür, Verdauungsschwäche oder Abmagerung führen.

Bhrajaka-Pitta, das zweite Sub-Dosha, was hier behandelt werden soll, befindet sich in unserem sichtbarsten Organ, der Haut. Die Haut mit ihren unzähligen Poren ist wie ein Eingangstor zu tieferen Geweben, deren Funktionen durch Bhrajaka-Pitta ausgeführt werden. Es hilft Öle, Cremes usw. zu absorbieren, deren Eigenschaften tief ins Gewebe zu übertragen und gibt der Haut Farbe und Glanz. Die Möglichkeit, über die Haut mit ihren sensiblen Nerven Formen und Größe von Gegenständen zu erfühlen und diese durch erneutes Tasten wieder zu erkennen, Schmerzempfinden und die Regulierung der Hauttemperatur sind weitere Funktionen von Bhrajaka-Pitta. Emotionale Vorgänge, die mit Hautverfärbungen wie Rötung oder Blässe einhergehen, werden im Zusammenspiel mit Prana gesteuert.
Gestörtes Bhrajaka-Pitta führt zu Hauterkrankungen wie Ekzemen, Akne und Dermatitis. Hautver- und Entfärbungen (Cloasmen und Vertiligo) haben hier ebenfalls ihren Ursprung. Da Bhrajaka-Pitta wie auch die anderen Pitta vom Funktionszustand von Pacaka-Pitta beeinflusst werden, lässt sich leicht verstehen, dass der Zustand unserer Haut in direkter Verbindung mit der Qualität der Nahrung und deren Transformation durch Pacaka-Pitta steht.

Vermehrtes Pitta (Vrdda Pitta Karma) kann zu verschiedenen Erscheinungen und Symptomen führen wie Gelbfärbung der Haut, Schwäche, Schwäche der Sinnesorgane, eine Verminderung von Ojas, Durst, Schlaflosigkeit, Furcht, um nur einige Wesentliche zu nennen.

Neben diesen Symptomen können aber auch verschiedenste Erkrankungen durch vermehrtes Pitta entstehen. Lokalisiert sich vermehrtes Pitta z. B. im Blut, kommt es zu Herpes, im Muskel- und Fettgewebe kann es Tumore hervorrufen und in der Haut kann es zu Furunkeln und Akne kommen.

Pitta im physiologischem Zustand ist das Feuer des Lebens, welches gepflegt und gehegt sein will. Erlischt Agni, tritt der Zustand ein, den wir Tod nennen. Ein optimal funktionierendes Pitta/Agni lässt uns im Scheine unseres inneren Feuers mit Lebensfreude, Enthusiasmus, Intelligenz und Selbstbewusstsein ein erfülltes Leben führen.
Mit dem Wort des christlichen Mystikers Meister Eckehart: “Leibliche Speise verwandeln wir in uns und geistige Speise verwandelt uns” ist eigentlich alles gesagt. Transformation ist Entwicklung und Entwicklung ist Leben. Essen als Dienst am Agni ist der beste Weg zu einer gesunden Ernährung.

Ayurveda Journal 14 · Seite 26 – 27