„Alle Aktivitäten der Wesen dienen dazu, Glück zu erlangen. Aufgrund des Unterschieds zwischen Erkennen und Nichterkennen aber gliedern sich die Aktivitäten in Wege und Abwege.“

Diese Aussage aus der Charaka Samhita, dem wichtigsten Klassiker der Ayurvedamedizin, stellt die Grundlage der ayurvedischen Glücksformel dar:
Geistige Gesundheit und Unterscheidungsfähigkeit fördern körperliche Gesundheit und lassen uns tiefes Glück erfahren.

Der psychologisch-psychotherapeutische Ansatz des Ayurveda, Sattvajaya, fördert unser geistiges Wohlbefinden durch den Einsatz aller lebensförderlichen und geistig aufbauenden Einflüsse des Lebens (Sattva), die frühere schädliche und belastende Gewohnheiten ersetzen. Dabei geht der Anspruch des Ayurveda weit über das hinaus, was die moderne Psychologie
für ein sinnerfülltes, selbstbestimmtes und glückliches Leben fordert.

Körper und Geist sind eins

Es gibt unzählige Strategien im Ayurveda-Wissen, die uns helfen, mehr Glück, Leistungs-fähigkeit, Erfolg und Zufriedenheit im Leben zu erhalten. Wobei der Ayurveda schon seit Jahrtausenden weiß, was die moderne Medizin erst im letzten Jahrhundert mit der
Entdeckung von Stressmechanismen und Neuropeptiden herausgefunden hat: Körper und Geist sind eine untrennbare Einheit und beeinflussen sich in jedem Moment unseres Lebens gegenseitig. Daher kann man eine gestörte und verletzte Psyche, die nicht ihr volles Potenzial leben kann, im Ayurveda ganz gezielt auch mit körperlichen Methoden der Entgiftung und ver-
änderter Nahrung umstimmen, ebenso wie sich z. B. durch eine regelmäßige tiefe Meditationspraxis körperliche Beschwerden lindern lassen. 

Im Ayurveda stehen weniger Krankheiten mit ihren Namen, sondern vielmehr Doshas (Unreinheiten) im Vordergrund. Doshas sind Ansammlungen von seelischen und körperlichen Einflüssen, die das Geist-Körper-Gefüge und den inneren unendlichen und gesunden Wesenskern eines Menschen über- schatten. Es gibt aber ein klares Wort für Gesundheit: Svasthya, was übersetzt so viel wie „im Selbst ruhen“ bedeutet.

Gesunde Psyche – Gesundes Selbst

Was ist nun dieses innere Selbst? Die Seher, die den Ayurveda vor langer Zeit geschaut haben, überlieferten uns auch hier ein Wissen, dass die moderne Physik erst im letzten Jahrhundert postulieren konnte: Alles in der Schöpfung ist eine Manifestation des „Einheitlichen Feldes“, eines unendlichen Feldes in sich ruhender Energie, Intelligenz und Liebe, das alles durchdringt. Dieses ewige Feld (Brahman) erschafft alle Materie aus sich selbst heraus, indem es sich selbst in Schwingung versetzt, in einen ewigen Zyklus von Werden und Vergehen. Viele Texte der vedischen Literatur ebenso wie der Ayurveda beschreiben minutiös die verschiedenen Stufen, über die sich Brahman zunehmend zu Materie verdichtet, ohne seine eigene stille Natur zu verlieren.

Dieser Brahman wird im individuellen Menschen zu Atma, dem unver-letzten, gesunden und göttlichen Wesenskern eines jeden von uns. Die Vielfalt aller Ayurveda-Therapien soll dabei helfen, dieses in jedem von uns schlummernde Selbst freizulegen, sodass unsere innere Natur wieder erstrahlen kann und zu ihrer göttlichen Natur zurückfindet.

Störungen der Seele

Hauptursache allen Ungleichgewichts

Seit Urzeiten geht der Ayurveda davon aus, dass letztlich jede Gesundheitsstörung auf seelische Faktoren zurückzuführen ist.

„Die Hauptursache des Ungleichgewichts der Doshas usw. ist ein Leben, das nicht im Einklang mit den Naturgesetzen ist… Die Ursache dessen ist der Fehler des Intellekts (Pragya Paradh).“ (Charaka Samhita, Vi, III, 20)

Pragya Paradh, der Irrtum des Intellekts, beschreibt einen Zustand, indem ein Mensch sich mit den äußeren Aspekten des Lebens so sehr identifiziert, dass die Wahrnehmung seiner eigent-lichen inneren Natur darüber verloren geht und er nicht mehr fühlen kann, dass er das unbe- grenzte, unendliche Selbst ist. Genauso wie er nicht mehr spürt, dass alle anderen Menschen, Pflanzen Tiere, einfach alles im Universum, mit ihm verbunden und Ausdruck dieser einen
göttlichen Energie sind.

In diesem eingeschränkten Zustand sieht er Schädliches als gut und Gutes als schädlich an. Seine Intuition für die feinen Signale von Körper und Geist ist reduziert, sodass er sich nicht spontan im Einklang mit den natürlichen Gesetzen des Lebens verhalten kann. Daher bemühen sich all die verschiedenen Therapieansätze des Ayurveda gemeinsam darum, diejenigen Störungen zu beseitigen, die unser eigentliches Selbst überschatten.

Wenn wir entspannt und aufmerksam sind, senden Geist und Körper in jedem Moment des Tages klare Signale, was uns ins Gleichgewicht bringen könnte oder was es stört. Durch unsere Erziehung in Familie, Schule und auch im Beruf lernen wir ständig, diese Signale zugunsten gesellschaftlicher Normen und Zwänge zu überhören. Jedoch sprechen Geist und Körper immer noch in jedem Augenblick mit uns, wir müssen nur wieder lernen, richtig hinzuhören und umzusetzen. Auch hierbei hilft das ayurvedische Wissen: Je mehr dieser Naturgesetze über das Funktionieren von Geist und Körper wir kennen, desto leichter ist es,
deren Signale richtig zu interpretieren und uns mehr und mehr das zu geben, was wir wirklich brauchen.

Glück förderndes Verhalten

Achara Rasayanas

Achara Rasayanas meint optimale Bewegung der Körpersäfte durch richtiges Verhalten.
Auch hier wird deutlich, dass das körperliche Wohlbefinden vom geistigen Verhalten abhängt. Schaut man sich die vom Ayurveda empfohlenen Verhaltensweisen an, sieht man, dass
auch sie dabei helfen, möglichst im Einklang mit sich selbst und seiner Umgebung zu leben:
Wahrhaftigkeit, freundliche Sprache, Zeit mit Kindern und Weisen verbringen, Wohltätigkeit,
Zeit für Meditation erübrigen, spontan Positives wahrnehmen, ohne Ärger sein, um nur
einige zu nennen. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen inzwischen den stimmungs-aufhellenden Effekt von Yoga und Atemübungen sowie die positive Wirkung verschiedener
Meditationstechniken auf Ängste, depressive Verstimmungen und posttraumatische Be- lastungsstörungen. Faszinierend dabei ist, dass es bei den Achara Rasayanas nicht darum geht, positive Verhaltensweisen zu praktizieren und dabei negative Emotionen zu unter-drücken, was eine neue Spannung in der Geist-Körper-Einheit nach sich ziehen würde. Vielmehr sollteder Geist gesundheitlich zuträgliche Gewohnheiten aufbauen und wenig nützliche Impulse wie Wut, Neid oder Gier nicht durch Beachtung und Identifikation verstärken, sondern vorbeiziehen lassen.

Auch die früher statische Sicht der Neurowissenschaften hat sich in den letzten Jahrzehnten
massiv geändert: Das Gehirn ist nichts Fixes, sondern ständig im Fluss, im Umbau begriffen.
Daher erzeugt jede liebevolle Verhaltensweise, sanftes Bemühen um aufbauendes Verhalten,
neue Hirnstrukturen, die nach und nach zur zweiten Natur werden, je öfter wir sie wieder-holen. Außerdem stellt sich dieses lebensförderliche Verhalten ganz von selbst ein, je mehr
sattvische Lebensgewohnheiten ein Mensch annimmt, je mehr er ins Gleichgewicht kommt.

Seelische Entlastung durch Entschlackung

Um das unbegrenzte Selbst freizulegen, legt der Ayurveda größten Wert auf die Befreiung des Körpers von Unreinheiten, die Ausleitung von Ama. Ama ist ein Sammelbegriff für alle Arten von Substanzen, die sich in Zellen und Geweben abgelagert haben und dort wie Sand im Getriebe wirken: Stoffwechselrückstände aus nicht vollständig verdauter Nahrung, im
Körper abgelagerte Umwelttoxine wie Herbizide, Pestizide, aber auch Konservierungsstoffe, Aroma- und Farbstoffe aus der modernen, unnatürlich verarbeiteten und haltbar gemachten Nahrung und nicht zuletzt durch psychische Belastungen entstandenes Ama.

Die moderne Medizin weiß inzwischen, dass jedem Gemütszustand ein ganz bestimmtes Neuropeptid entspricht, eine ganz spezifische kurzkettige Aminosäureverbindung, die die geistigen Empfindungen widerspiegelt. Der Ayurveda geht sogar noch über dieses Wissen hinaus: Auch unverdaute mentale Eindrücke können sozusagen als geistiger Müll im Körper als Ama abgelagert werden.

Vorbeugung ist besser als heilen

Eine Vielzahl der Empfehlungen des Ayurveda für das tägliche Leben hilft uns, von vornherein möglichst wenig Ama entstehen zu lassen. Das beginnt bei der Auswahl biologisch ange- bauter, lebendiger und leicht verdaulicher Nahrung.

  • Sattvische Nahrung ist besonders lebensförderlich. Dazu zählen Bio-Milch, Sahne, Ghee, Honig, Mandeln, Sesamsamen, Mung-Bohnen, frisch gekochte Gemüse und Getreide, vor allem Reis, frische reife Früchte und insgesamt weiche, leicht verdauliche Nahrung, alles Nahrungsmittel, die besonders reich an Biophotonen sind.
  • Eine Vielzahl von Gewürzen stärkt die Verdauungskraft des Einzelnen so, dass die Nahrung im Magen-Darm-Trakt vollständig in ihre feinsten Bestandteile zerlegt und optimal für den Zellaufbau des Körpers verwertet werden kann.
  • Sehr wichtig ist dabei, den natürlichen Hungerund Sättigungspunkt zu beachten. Denn Hunger zeigt an, dass genügend Verdauungssäfte bereitstehen, um die Nahrung kraftvoll zerlegen zu können, während das erste Sättigungsgefühl umgekehrt darauf hinweist, dass die Kapazität der Verdauung erreicht ist. Essen ohne eindeutiges Hungergefühl ist eine wesentliche Ursache fast aller Gesundheitsstörungen.

Wie aber wird man bereits vorhandenes Ama wieder los, wenn es einmal entstanden ist?

Ama gezielt abbauen

Auch hier kennt der Ayurveda viele Empfehlungen für das tägliche Leben:

  • Trinken Sie alle 30 Minuten ein paar Schluck 10–20 Minuten abgekochtes, reines Wasser – dies hilft, die Verdauungskraft zu stärken und baut wasserlösliche Ablagerungen in Ihrem Körper ab.
  • Legen Sie einen Entlastungstag pro Woche mit frischen Säften und Suppen ein. Schon die klassischen Texte versprechen: Wird diese Maßnahme einmal pro Woche umgesetzt, beschert sie ein langes Leben bei voller geistiger und körperlicher Gesundheit.
  • Eine zehntätige Halbfastenkur putzt Überflüssiges aus Körper und Seele. Mittags eine vegetarische, gekochte, gut gewürzte und leicht verdauliche Mahlzeit und ansonsten nur Säfte, Suppen und zwischendurch immer wieder heißes Wasser (s. o.).

Die subjektive Erfahrung all dieser Ama-reduzierenden Maßnahmen: Niedergeschlagenheit und depressive Stimmungen werden im gleichen Maße leichter wie Schwere und Trägheit. Der Körper wird entlastet und durchlässiger. Das ursprüngliche Selbst hat weniger belastende Schichten um sich herum und die uns innewohnende Glückseligkeit und geistige Gesundheit
können wieder besser hindurchschimmern.
Auch jede Aktivierung kräftigt nicht nur die Verdauungskraft Agni, sondern baut auch bereits angesammeltes Ama wieder ab und fördert Glücksempfindungen. Dazu gehören sportliche Betätigungen, die den Kreislauf anregen, ohne den Körper zu überlasten, ebenso wie ayurvedische Ölmassagen, warme Dusch- und Wannenbäder sowie Sonnenbaden (nicht
in der Mittagssonne).

Richtig verdaute Nahrung erzeugt Glückseligkeit

Wenn die Verdauungskraft Agni, die nicht nur im Magen-Darm-Trakt, sondern bei allen Stoffwechselleistungen des Körpers wirkt, gut funktioniert und sich der Mensch gesund ernährt und verhält, vermeidet und reduziert er Ama. Die zerlegten Bausteine aus der Nahrung werden im Stoffwechsel zunehmend umgewandelt und verfeinert, bis schließlich als feinstes Endprodukt der Verdauung Ojas entsteht. Ojas ist ein so feines Substrat, dass es gerade noch materiell ist, aber auch überall im Körper als feinstes Bewusstsein zirkuliert.
Daher erzeugt Ojas nicht nur eine gute, lichtvolle Ausstrahlung von Haut und Augen, sondern auch jede Menge positiver Eigenschaften für die menschliche Psyche: Neben einer guten Abwehrlage und langem Leben bei körperlicher Jugendlichkeit bewirkt es gleichzeitig Abstand von Problemen, Freiheit von psychosomatischen Störungen, positives Denken sowie die
Erfahrung von innerem Frieden und Glückseligkeit. All dies unterstreicht noch einmal nach- drücklich die Wichtigkeit einer gesunden und gut verdaulichen Nahrung für eine ausgewogene Psyche.

Guter Schlaf macht glücklich

Ein wesentlicher Baustein für seelische Gesundheit ist ein guter Nachtschlaf. Auch der Ayurveda betont die Wichtigkeit der alten Volksweisheit: möglichst früh zu Bett und – ausgeschlafen – früh aufstehen. Patienten mit seelischen Verstimmungen empfehle ich häufig
eine Schlafkur: eine Woche lang ein leichtes, frühes Abendessen und um 21:00 Uhr den Schlaf beginnen. Bereits nach wenigen Tagen stellen sich eine verloren geglaubte Leistungsfähigkeit und Lebensfreude wieder ein, während sich Ängste, Panik und depressive Stimmung verflüchtigen.

Sollte ein Mensch die Fähigkeit zu gesundem Nachtschlaf verloren haben, ist es daher eines der ersten Ziele jedes Ayurveda-Arztes, dem Menschen zu helfen, zu so viel Entspanntheit zurückzufinden, dass er wieder gut schlafen und regenerieren kann.

Stille heilt

Das erklärte Hauptziel des Ayurveda ist Svasthya, ganzheitliche Gesundheit durch das Ruhen im Selbst. Das berühmte Shushruta-Samhita-Zitat (Su XV, 38) fasst alle Aspekte dafür noch einmal vollständig zusammen:

„Ein Mensch,
dessen Doshas balanciert sind,
dessen Verdauungsfeuer, Agni, balanciert ist,
dessen Körpergewebe (Dhatus) und Ausscheidungsprodukte (Malas) normal funktionieren
und dessen Sinne (Indriya), Geist (Manas),
und Selbst (Atma) voll Glückseligkeit sind,
ein solcher wird als gesunde Person bezeichnet.“

Gesundheit in dieser Tiefe ist die Basis für Moksha, Erlösung oder Befreiung, auch wenn dies heute bei der Vielzahl der angebotenen Therapieverfahren des Ayurveda und der beein-druckenden Linderung aller Arten von Gesundheitsstörungen nicht selten in den Hintergrund gerät. Moksha beschreibt einen Bewusstseinszustand, der sich einstellt, wenn alle Störungen
und Verdrehungen, die das Selbst überschatten, ausgeglichen worden sind. Dann nimmt ein Mensch die tiefe, unvergängliche Stille des Brahman unablässig wahr, auch während er äußeren Tätigkeiten nachgeht oder schläft.

Im Yoga und zu Teilen auch im Ayurveda gibt es viele Empfehlungen, um Moksha nach und nach zu erreichen. Die direkteste dabei ist Dhyan, das Ruhen des Geistes im Selbst, eine Erfahrung des Bewusstseins, in dem alle gedankliche Aktivität aufhört. Dann ruht der Geist in grenzenloser Stille und erfährt seine eigene innere Natur, Atma. Dies ist letztlich mit
dem Zustand von Yoga, Vereinigung, gemeint. Inzwischen hat man den Zustand von Moksha sogar wissenschaftlich bestätigen können: Untersuchungen an Menschen, die jahrelang regelmäßig Transzendentale Meditation praktiziert haben und dauerhaft im Zustand Kosmischen Bewusstseins leben, zeigen nicht nur eine völlig veränderte Gehirnaktivität, sondern auch eine massiv gesteigerte Wachsamkeit und Effizienz im Alltag, während sie gleichzeitig subjektiv völlig entspannt in dieser alles durchdringenden, unzerstörbaren Stille ruhen.
Nicht zuletzt dadurch wird deutlich, dass die umfassenden Weisheiten des Ayurveda für den modernen Menschen viele praktikable Tipps enthalten, deren Umsetzung ihm nicht nur eine verbesserte körperliche Gesundheit schenken, sondern gleichzeitig zu einer stabilen Grundlage von größerem Glück verhelfen.

 


Erschienen im Ayurveda Journal 52

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Dr. Karin Pirc
Dr. Karin Pirc gründete 1985 das erste deutsche Maharishi Ayurveda Gesundheitszentrum und war bis 1992 dessen ärztliche Leiterin. 1993 eröffnete sie mit Ihrem Mann die Maharishi Ayurveda Privatklinik Bad Ems und hat mehr als 20.000 Patienten ayurvedisch behandelt. Die promovierte Psychologin und approbierte Ärztin ist vierfache Mutter und erfolgreiche Autorin mehrerer Ayurveda-Bücher. 2007 wurde ihr von der Hakim Ajmal Khan Memorial Society, Neu Delhi, Indien, die Auszeichnung "Bester Ayurveda-Arzt 2006" verliehen.