Lebensgeister wecken und neue Kraft spüren

Geht es Ihnen auch so? Je älter ich werde, desto mehr erlebe ich jeden Frühling immer wieder aufs Neue als ein absolutes Wunder. Wo hatten sich bloß all diese wunderbaren Pflanzen, Blüten, Blätter und Tiere in der Zwischenzeit versteckt? Die ersten wärmenden Sonnenstrahlen scheinen auf Weidenkätzchen und auf meine Haut. Explosionsbereite Knospen sind in Startposition und es dauert nicht mehr lange, bis alle Bäume und Sträucher wieder ihr volles Kleid angelegt haben, als wäre es nie anders gewesen. Es tut gut, dass die Tage länger werden und wir spüren können, dass wir in die größeren Zyklen der Jahreszeiten eingebettet sind.

IM EINKLANG MIT SAISONALEN EINFLÜSSEN

Der Ayurveda beschreibt die jahreszeitlichen Routinen, Ritucharya, um im Einklang mit den saisonalen Einflüssen zu leben, die Gesundheit zu pflegen und der Entstehung von Krankheiten vorzubeugen. Im Frühjahr dominiert bekanntermaßen das Kapha-Dosha, das sich während des Winters wie ein kalter und feuchter Schnee im Körper angesammelt hat. Die Wärme der ersten Sonnenstrahlen „verflüssigt“ diesen Schnee, was Beschwerden wie Heuschnupfen, Schweregefühl, Frühjahrsmüdigkeit, Erkältungen, ein geschwächtes Agni (Verdauungsfeuer) und andere Probleme zur Folge haben kann. Daher ist das Frühjahr die richtige Zeit, um Kapha reduzierende Maßnahmen anzuwenden. Traditionell wird vor Ostern gefastet, um die Schlacken des Winters zu entfernen, bevor mit dem Osterfest dann das Wiedererwachen der uns umgebenden Natur gefeiert wird. Yogameister haben immer wieder betont, dass sich die Übungspraxis dem einzelnen Menschen, seinen Bedürfnissen und Gegebenheiten anpassen sollte. Auch die Jahreszeiten bilden wichtige Einflüsse und sollten dementsprechend in unserer Yogapraxis berücksichtigt werden.

Wenn es im engeren Sinne auch keinen speziellen „Frühlingsyoga“ gibt, dann lautet dennoch die Frage, wie wir unsere Yogapraxis saisonal ausrichten können. Was sollten wir insbesondere im Frühling tun? Und was sollten wir besser lassen? Allgemeine Ziele für die Yogapraxis im Frühling sind die Stärkung des Agni, das Ausleiten von Ama und Kapha und die Anregung des Kreislaufs, um die Lebensgeister nach dem Winterschlaf wieder in Schwung zu bringen. Insgesamt sollte der Fokus auf dem reduzierenden Behandlungsansatz beruhen, d. h. der Körper wird durch erwärmende, scharfe, bittere Substanzen, Fasten, Bewegung und Schwitzen entschlackt und leicht gemacht. Falsch wäre es hingegen, schwer verdauliche, süße, ölige, kalte Speisen zu verzehren und einfach der Trägheit nachzugeben.

BELEBENDE ÜBUNGEN

Auf der Yogamatte sind es Vinyasas, also Bewegungsabfolgen, die aus mehreren Asanas bestehen und zu deren bekanntesten Vertretern wohl die diversen Sonnengrüße gehören. Das bringt den Kreislauf wieder ordentlich in Schwung und hilft dabei, innere Hitze zu produzieren. Es gibt viele Möglichkeiten, belebende Vinyasas zu gestalten, sodass für jeden Geschmack etwas dabei ist und Körper und Atmung gut in Fluss kommen.

Holen Sie im Frühling mal wieder Asanas aus der Schatzkiste hervor, die im Winter etwas in Vergessenheit geraten sind: Liegestütz, Bauchübungen, Handstand, Krähe u. a. Die vorrangige Idee dabei ist, etwas Ungewohntes zu üben und sich auf das Neue, und dafür steht ja der Frühling, einzulassen. Die Übungen sollten natürlich der eigenen Kapazität entsprechen und nicht überfordern.

ÄUSSERER UND INNERER FRÜHJAHRSPUTZ

Als fantastisches, körperliches Work-out sei an dieser Stelle auch der jährliche Frühjahrsputz erwähnt. Wie wäre es, selbst Besen und Schrubber in die Hand zu nehmen und unter alle Möbel und in alle Ecken zu kriechen, um nicht nur der Wohnung zu neuem Glanz, sondern auch sich selbst zu einer guten Portion körperlichen und geistigen Wohlbefindens zu verhelfen? So bringt man neue Bewegung in den Alltag und reinigt ganz nebenbei auch den Geist.

Aus dem Blickwinkel des traditionellen Hatha Yoga gehören auf jeden Fall die Reinigungsübungen zu den Techniken, die im Frühjahr von großem Interesse sind. Sie können vermehrtes Fett und auch Schleim zu beseitigen. Z. B. leiten die Reinigung der Zunge und die Nasendusche übermäßigen Schleim aus. Diese wirksamen Techniken bedürfen einer guten Einweisung durch erfahrene Yogalehrende, bevor sie zur Anwendung kommen. Einmal gelernt können sie dann jedoch eigenständig Jahr für Jahr praktiziert werden.

DIE ROLLE DES FEUERS

Die Aufmerksamkeit gehört im Frühling ganz dem Element Feuer, welches seinen Sitz in der Oberbauchregion hat und dessen Energie vom Symboltier Widder mit seiner geballten Energie repräsentiert wird. Ist es da nicht passend, dass auch der kalendarische Frühlingsanfang in das Sternzeichen des dynamischen, feurigen Widders fällt? Viele Yogatechniken beziehen sich auf das Feuer in der Oberbauchregion, auf die Mitte des Menschen, um dort das Feuer zu schüren. Die Magenheberübung in ihren verschiedensten Varianten im Stehen, Sitzen und Liegen, als auch verwandte Reinigungstechniken, wie z. B. Bauchmuskelübungen, sind äußerst empfehlenswert, um die Doshas ins Gleichgewicht zu bringen.

Die Feueratmung und andere Pranayamatechniken helfen, das innere Feuer zu stärken, Kapha zu reduzieren und mehr Leichtigkeit in Körper und Geist zu erfahren. Insgesamt übt Pranayama eine intensiv reinigende Wirkung auf die Nadis, die feinstofflichen Kanäle, aus.

ZEIT FÜR VERÄNDERUNG UND WACHSTUM

Im Rahmen der Meditation kann die Frage gestellt werden, wohin ich mich eigentlich (weiter-)entwickeln möchte. Was darf wachsen und sich verändern? Wie bringe ich eine Veränderung auf den Weg? Wer oder was kann mir dabei helfen? Woran erkenne ich die Weiterentwicklung? Wenn ich dieses Thema über einen längeren Zeitraum in meinem Bewusstsein halten kann, kommt eine Veränderung in Gang. Sicher ist: Der Frühling lädt uns ein, wieder neue Anregungen an uns heranzulassen. Jedem Neuanfang wohnt bekanntermaßen ein Zauber inne, von dem wir uns verzaubern lassen können. Und solange wir uns vom Wunder des Frühlings berühren lassen können, bleiben wir jung im Herzen.

Ansonsten gilt für die Yogapraxis natürlich das, was zu allen Jahreszeiten gilt: Wenn Geist und Herz in Frieden sind, dann steht unserer Erfüllung nichts im Wege.

KAPALABHATI – DIE FEUERATMUNG

Nehmen Sie einen stabilen Sitz ein und entspannen den gesamten Körper. Richten Sie jetzt Ihre Aufmerksamkeit auf die Atmung und beobachten Sie das natürliche Atemgeschehen. Wie fließt der Atem jetzt? Lassen Sie den Atem schrittweise tiefer und vollständiger werden. Dies sollte ohne Eile und Anstrengung geschehen. Sobald der Atem tief, entspannt und ruhevoll geworden ist, besteht die Möglichkeit, zur Praxis von Kapalabhati weiter zu gehen.Atmen Sie ein, wieder vollständig aus und dann erneut zur Hälfte einatmen. Jetzt den Atem durch die Nase ausstoßen, sodass die Bauchdecke zurückschnellt. Einatmend die Bauchdecke sich entspannen lassen. Dann erneut den Atem ausstoßen. Wieder passiv einatmen mit entspannter Bauchdecke. Diesen Vorgang zehn Mal hintereinander praktizieren und im Anschluss daran langsam und vollständig einatmen und dann lang und ruhevoll ausatmen. Den Atem sich selbst überlassen und die Wirkung beobachten. Nach etwa einer Minute kann die Atemtechnik wiederholt werden. Für den Anfang sollten nicht mehr als drei Wiederholungen nacheinander insgesamt geübt werden, um dem Organismus ausreichend Gelegenheit zu geben, die Wirkung zu integrieren.

Hinweis:
Die Praxis sollte jederzeit beendet werden, wenn Unwohlsein oder Atemnot entstehen. Die Atemtechnik sollte keinesfalls erzwungen werden – die eigenen Grenzen unbedingt respektieren.

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Alexander Peters
Alexander Peters ist Yogalehrer BDY / EYU, Yogatherapeut und Heilpraktiker für Ayurveda. Er leitet das Gesundheitszentrum Sonne & Mond in Berlin-Prenzlauer Berg und ist außerdem als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Naturheilkunde am Immanuel-Krankenhaus / Hochschulambulanz der Charité tätig.