Wer Yoga kennt, weiß nur zu gut, dass man fast süchtig danach werden kann. Jedes Jahr aufs Neue durchstöbere ich Yogazeitschriften, google mich durchs Internet, bis ich dann wieder durch mein Schicksal gelotst auf einen Workshop oder ein abgelegenes Retreat stoße, bei dem ich einfach nicht widerstehen kann. Diese magische Anziehungskraft lässt mich nicht lange zögern. Besonders wenn es noch kalt und trüb zu Hause ist, ich am Sonntag Nachmittag bei einer Tasse Yogitee vor dem Laptop sitze und mir nichts sehnlicher wünsche, als endlich wieder barfuss in freier Natur meine Yoga Asanas praktizieren zu können. Was gibt es Schöneres für einen Yogi?

Bei mir begann alles mit der Yogalehrer Ausbildung in Griechenland 2007, darauf folgte die ayurvedische Abhyanga Massage Ausbildung im Shivananda Ashram auf den Bahamas im Dezember 2008. Dieser Ashram befindet sich unweit der Hauptstadt Nassau auf Paradise Island, die nur via Wasserboot erreicht werden kann. Wunderschön gelegen am gleichnamigen Paradiesstrand.

Mein Bekanntenkreis hält mich wahrscheinlich für verrückt – dass ich nur drei Monate nach meinem letzten Aufenthalt auf den Bahamas – genau hier und jetzt in diesem Moment glücklich im Bett auf Paradise Island sitze, diese Zeilen in mein Laptop tippe und mich nach Gesundheit und Wohlbefinden in Perfektion sehne. Und genau das bekommt man hier jeden Tag aufs Neue. Eigentlich sollte man doch meinen, dass ein 12-Stundentag, der morgens um 5:30 Uhr beginnt, nur zwei vegetarische Mahlzeiten beinhaltet und neben der Ausbildung auch noch Karma-Yoga (Mithilfe in der Küche oder andere soziale Dienste) beinhaltet, alles andere als schön sei! Wer würde freiwillig seine Ferien gegen einen solchen straffen Tagesplan eintauschen? Das Leben im Ashram kann hart sein, aber auch unglaublich glückselig machen.

Dieses Mal habe ich mich für eine Ausbildung zur Thai Yoga Massage angemeldet. Nach dem langen Sitzen im Flugzeug macht sich der erste Tag bereits bezahlt. Am liebsten würde ich gar nicht mehr aufstehen, sondern nur liegen bleiben und mich von einer Yogapose in die nächste sanft hineingleiten zu lassen. Thai Yoga Massage ist sozusagen ein Yoga-Traum im Liegen, bei dem man passiv in alle möglichen Yoga Asanas gebracht wird. Zusätzlich wird über die Handflächen oder mit den Daumen Druck entlang der Sen-Linien (Enegielinien) gegeben. Diese Massage wird am Boden und bekleidet durchgeführt.

Am eigenen Leibe spüre ich eine tiefe Entspannung und eine angenehme Wärme, die durch den ganzen Körper zieht. Die Thai Yoga Massage wirkt detonisierend auf den Muskel und löst somit Muskelverspannungen, verbessert die Blutzirkulation, regt den gesamten Stoffwechsel an und schwemmt Schlackenstoffe (Ama) aus dem Körper. Die Massage wirkt aber nicht nur körperlich, sondern auch energetisch. Ein verbesserter Energiefluss kann bei vielen Krankheitssymptomen lindernd wirken. So kann Thai Yoga Massage bei Kopfschmerzen, Arthritis, Verdauungsbeschwerden, Rückenprobleme, Stress usw. hervorragend eingesetzt werden.

Dozent Dr. K. K. Pandey, zuständig für die ayurvedische Anästhesie und operative Intensivmedizin, verdeutlichte uns plastisch den Einsatz ursprünglich ayurvedisch-pflanzlicher Drogen in der modernen Intensivmedizin: Kokain, Opium, Curare, Atropin, Ephedrin. Vor der Operation werden die Patientinnen üblicherweise mit Bastis zur Vatareduktion versorgt, brahmi fungiert als Tranquilizer, ashvagandha zur Immunstimulation, dashamula zur Dämpfung des Parasympathicus. Dies soll nur als ein kleines Beispiel für die Einsatzmöglichkeiten von ayurvedischen Strategien in der modernen operativen Medizin dienen.

Die Wurzeln der Thai Yoga Massage findet man in Indien. Erst später wurde die Massage nach Thailand gebracht, woher der Name stammt. Der Gründer war ein gefeierter Yogi und ayurvedischer Arzt. In jeder Thai Yoga Massage findet man die Synthese von Yoga, Ayurveda und Meditation. Je nach Konstitutionstyp und augenblicklicher Verfassung wird der Thai Yoga Masseur die Massage so ausführen, dass die jeweilige Bioenergie (Vata / Pitta / Kapha) des Massierten wieder harmonisiert wird. So wird bei einem Vata-Typ viel Wert auf erdende Positionen gelegt und eher langsamere und auch sanftere Massagegriffe werden verwendet. Bei einem Kapha-Typ hingegen werden die Griffe schneller und kräftiger ausgeführt.

Nach dem dritten Tag in der Ausbildung beginne ich es fast mehr zu genießen, die Massage zu geben, als selber zu bekommen. Wir sind in der Massagesequenz so weit fortgeschritten, das man mühelos und spielerisch seinen Massagepartner von einer Position in die nächste bringen kann. Das Geben der Massage erinnert sehr stark an einen Tanz oder die weichen fließenden Bewegungen des Tai Chi. Vorteilhaft ist auch, das man während des Gebens der Massage wunderbar seine eigenen Yogaübungen praktizieren kann. Eine häufige Stellung ist z.B. der bekannte Krieger aus dem Yoga. Eine tolle Übung zum Dehnen des Hüftbeugers. Nach 90 Minuten Massage hat man tatsächlich ein wahres Workout geleistet und freut sich dann eben doch, wenn man sich zum Massiert-werden entspannt auf die weiche Bodenmatte legen darf.

Ayurveda Journal 22 · Seite 18 – 19