Der Ursprung der Kalari Tradition stammt aus dem Süden Indiens, aus Kerala. Kalari bedeutet soviel wie Heil- und Lehranstalt, das Gebäude bzw. der Raum, in dem die hohen Künste des Menschen, die Kalas gelehrt und geübt werden.

Zu diesen Kalas gehörten von alters her 64 der unterschiedlichsten Wissenschaften und traditionellen Künste, wie z. B. Heilkunst, Kampfkunst, Tanz, Musik, Astrologie, Malerei. Zur Kolonialzeit wurden Kalaris geschlossen, da die Engländer sie strikt verboten haben.

Heute gibt es sie wieder in verschiedenen Orten in Kerala, in denen überwiegend das Kalarippayat (die traditionelle Kampfkunst) und das Kalari Chikitza (Heilkunst), aber auch Musik und Tanz praktiziert werden.

Das Besondere am Wissen (Vidya) des Ayurveda Kalari ist die einmalige Verbindung des ursprünglichen vedischen Gesundheits- und Medizinsystems (Ayurveda) mit dem traditionellen Wissen der südindischen Kalaris. Über die Jahrhunderte hinweg haben beide Medizinsysteme sich gegenseitig beeinflusst aber doch ihre Eigenständigkeit bewahrt.Das besondere an der Kalari Tradition ist das gezielte und tiefgreifende Arbeiten mit dem sogenannten Marma – Nadi –System, einem Wissen von sensiblen Punkten (Marmas) und Energiebahnen (Nadis) des Körpers. Die Grundlage dieses Systems reicht auf eine weit über 2000jährige Anwendung zurück.Shushruta, einer der drei großen Weisen beschrieb 107 solcher Marma Punkte, die lokalisiert sind in Gefäßen, Gelenken, Muskeln, Sehnen bzw. Knochen. Der südindische Weise und Kalari Meister Agasthya hat das System auf über 350 Punkte erweitert und konkrete Behandlungstechniken bei Verletzungen und Blockaden beschrieben. Die Kalari Tradition hat diese Kenntnisse zu einem komplexen und wirkungsvollen Diagnose und Therapie- System weiterentwickelt.Marmas sind vitale Punkte, die am Körper eine exakte Lokalisierung haben. Sie sind Verbindungspunkte von Geist und Körper und sie können als wichtige Konzentrations- und Kreuzungspunkte innerhalb des Nadi – Systems verstanden werden.

  1. Sie zeigen fehlerhafte dynamische Prozesse innerhalb eines Systems an.
  2. Durch sie kann das Innere eines Systems relativ leicht und tiefgreifend therapeutisch beeinflusst werden.

Nadis – Energiebahnen des Körpers

Nadis sind Kanäle/Bahnen, in denen spezifische dynamische Prozesse in definierter Richtung stattfinden.Es gibt 72.000 Nadis, die den gesamten Körper durchziehen. Das Medium der Bewegung kann grobstofflicher Natur wie die der Lymphe, des Blutes, Stuhl, Urin etc. sein oder wie der `feinstoffliche´ Fluss von Gedanken und Emotionen.Durch die Nadis verteilt sich Prana, die dynamische Lebenskraft. Sie ist gemäß ihrer Eigenschaft immer in Bewegung. Sollte dieser natürliche Fluss unterbrochen werden, z.B. durch: Fehlhaltung, Schmerzen, Bewegungseinschränkung, durch vermindertes Agni (Verdauungsfeuer) bzw. durch erhöhtes Kapha/Ama (Unverdautes), können die Nadis bzw. Marmas durch Schlacken blockiert werden. Es können lokale Beschwerden auftreten aber auch das ganze System kann durch den Rückstau bzw. durch die veränderte Flussrichtung gestört werden.

Kalari Marma Massage

Die Einzigartigkeit der Kalari Marma Massage (Uzichil) ist, dass bestimmte Marma – Konstellationen (Vitalpunkte) miteinander in Verbindung gesetzt werden, um Blockaden zu beheben. Dabei bedient man sich der Stimulation der dazugehörigen Nadis (Energiebahnen). Um die Nadis auf die Massage vorzubereiten, werden spezifische Ausgangsstellungen gewählt: Seitlage, Sitz, Stand etc., in denen immer wieder auch veränderte Gelenkstellungen eingenommen werden, sodass die Nadis gestreckt sind und damit durchgängiger gemacht werden.

Die Energie wird somit aus dem Körperstamm in die jeweiligen Marmaregionen geleitet. Das bedeutet, dass der Druck in der Regel vom Zentrum zu der Peripherie (Extremitäten) hin gerichtet ist. Somit werden die Nadis in die Länge gezogen und gedehnt. Bereiche, die durch Fehlbelastung, Traumen, Schmerzen in gestauchten Zustand geraten und evt. blockiert sind (Ansammlung, Schwellung, Verspannung, Verklebung), werden so gelöst und in ihrem Verlauf begradigt. Hierbei wird das Besondere der Kalari Marma Massage deutlich, da der Fokus der Massagestriche auf dem genauen Verlauf der jeweiligen Nadis und der dazugehörigen Marmas liegt. Die Wirkung der Uzichil beruht sowohl auf der mechanischen und energetischen Komponente, sowie der spezifischen Wirkweise des medizinierten Öls.Die Kalari Therapeuten nutzen für ihre Arbeit bestimmte energetische Stellungen aus dem Kalarippayat (Kampfkunst), um ihr eigenes energetisches Potenzial zu erhöhen und die es ermöglichen, in der Massage vermehrt heilende Energie auf den Patienten zu übertragen.

Eine Kalari Behandlung kann verschiedene Elemente­ ­besitzen…

  • Uzichil (eine spezielle Massagetechnik mit Öl, die gezielt mit dem Marma – Nadi – System arbeitet. Die Stimulierung und Öffnung der Marma Punkte steht hier im Vordergrund.)
  • Kizhi (Vorbereiten, Bearbeiten des Gewebes und Massieren mit einem lösenden, erhitzenden Kräuterbeutel)
  • Navara Kizhi (Massieren mit einem nährenden Kräuterbeutel)
  • etc.

Die Wirkungsweise der Uzichil basiert grundsätzlich auf denselben physiologischen Prinzipien wie die des Abhyanga. Durch das gezielte Arbeiten im Marma Nadi System kann sie zusätzlich physische und mentale Blockierungen ­beseitigen.

Der Kalari Behandlung geht immer eine umfassende Anamnese voraus (Erfassen der Grundkonstitution etc.). Danach folgt eine umfassende und eingehende manuelle Untersuchung, speziell die der Marma Punkte und der Nadis lokal in dem betroffenen Gebiet oder auch systemisch und darauf folgend die individuelle Behandlung des Klienten/Patienten.

Ziel der Kalari Behandlungen ist es, den Energiefluß des Menschen sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene zu optimieren oder überhaupt wieder herzustellen und somit die Selbstregulation des Körpers zu aktivieren. Nach den Behandlungen folgt ein Abschlußgespräch mit Gesundheitsempfehlungen für zu Hause.

Mit diesem einzigartigen System ergeben sich weitreichende Therapiemöglichkeiten bei Erkrankungen des Bewegungsapparates, in der Neurologie und im systemischen Bereich, sowie eine umfassende Behandlungsvielfalt für den Präventivbereich/Gesundheitsvorsorge.
Ayurveda Journal 12 · Seite 36 – 37

Vorheriger ArtikelRosinen
Nächster ArtikelZeckenbisse und Insektenstiche
Karin Bachmaier
Physiotherapeutin, Auyrvedatherapeutin für Ernährung, Massage, Therapie und psychologische Ayurveda Beraterin Mahindra-Insitut. Beschäftigung mit Ayurveda seit über 10 Jahren durch Studium des Ayurveda in Europa und Indien. Seit einigen Jahren als Dozentin mit Ayurveda im In- und Ausland tätig, eigene Seminare, Ausbildungen und Kuren und als Dozentin an der SEVA-Akademie, München und Fa. Euroved Bell. Eigene Praxistätigkeit in Eichendorf, Niederbayern. Physiotherapeutin, Ayurvedatherapeutin-/Dozentin