Schmerz ist ein interaktives Phänomen welches auf der physischen, mentalen, emotionalen und biochemischen Ebene wirke. In dem medizinischen Text über klinische Praxis namens Madhava Nidana (ca. 700 n. Chr.) wird Schmerz (shula) als eine eigenständige Krankheit (roga) behandelt.

Im Alltag erfahren wir Schmerz oftmals als ein Symptom einer anderen Krankheit. Was also ist der Unterschied zwischen einem Symptom und einer Krankheit? Eine Krankheit hat ihre eigene samprapti-Pathogenese, eine klar definierte Entstehungsgeschichte sowie spezifische Anzeichen und Symptome. Sie durchläuft doshaspezifische Veränderungen durch die 6 Stadien der Entwicklung einer Krankheit: Akkumulation, Provokation, Ausbreitung, Komplexbildung, das in Erscheinung Treten und die Chronifizierung.

Andererseits muss ein Symptom nicht auf der Basis eines besonderen Krankheitsprozesses entstehen. Ein Symptom kann verursacht werden, wenn ein Dosha sich in seinem eigenen Hauptsitz vermehrt, ohne dabei eine Krankheit zu verursachen. Beispiel: Vata sammelt sich im Dickdarm an und erzeugt Unterbauchkrämpfe, Flatulenz und Obstipation. Wenn die Ursache nicht behoben wird, kann Vata durch Veränderungsprozesse gehen. Es produziert im Verlauf verschiedene Anzeichen und Symptome in Jedem Krankheitsstadium. Wenn Schmerz konstant, also chronisch auftritt und das Hauptproblem darstellt, kann man ihn als Krankheit einstufen.

Vata und Schmerz

Vata ist vornehmlich verantwortlich für das Zustandekommen von Schmerz. Grund ist, dass Vata eng mit Prana (oder dem Qi in der TCM) verbunden ist, welches wiederum das zentrale Nervensystem kontrolliert. Vom Dickdarm aus bewegt sich Vata in verschiedene Körperkanäle (srotamsi).

Prana fließt durch den gesamten Körper, durch jeden srotas, durch jedes Organ und jeden Vitalpunkt (marma). Wenn Prana in seiner Funktion gestört wird auf Grund einer Störung des Gleichgewichts einer oder mehrerer Qualitäten von Vata, ist Schmerz in den Sinnesorganen, im Emotionalkörper oder im physischen Körper die Folge.

Die Qualitäten von Vata sind folgende: trocken (ruksha), leicht (laghu), kalt (shita), rau (khara), subtil (sukshma) und beweglich (chala). Nach dem Axiom „Gleiches verstärkt Gleiches“ führen extrem trockene Speisen oder Klimaeinflüsse sowie Kälteexposition zu erhöhtem Schmerzempfinden. Die bewegliche Qualität von Vata kann Wanderschmerzen verursachen. Vata-Schmerzen verschlimmern sich während der Vata-Tageszeiten – zum Morgengrauen und zur Abenddämmerung und in der Herbst- und Winterjahreszeit.

Pitta und Kapha-Schmerzen

Als nächstes betrachten wir die Qualitäten von Pitta: heiß (ushna), sich ausbreitend (sara), scharf (tikshna), ölig (sniqdha), flüssig (drava) und leicht (laghu). Wenn sich diese Qualitäten im Organismus vermehren und Pitta somit Vata blockiert, mischen sich die Attribute der beiden Doshas.

Der typische Pitta-Schmerz ist folglich von heißer Qualität und erzeugt Entzündungen und Hautirritationen; die scharfe Eigenschaft kann Geschwüre und Gewebsdurchbrüche erzeugen.

Vermehrte ölige Qualitäten führen zu Verschleimung von Lunge und Atemwegen und möglicherweise zu Übelkeit; die sara-Qualitäten produzieren einen ausstrahlenden Schmerz und eine Rötung bei Berührung. Der Pitta-Schmerz ist mit Entzündung verbunden. Er erhöht sich um Mittag und Mitternacht sowie während des Sommers. Er ist oft gefolgt von Übelkeit, Erbrechen, Durchfall. Dieser Schmerz verschlimmert sich durch Hitzeeinflüsse und wird gelindert durch Kälteanwendungen.

Die Qualitäten von Kapha sind: schwer (guru), dumpf (manda), kalt (shita), ölig (snigdha), klebrig (picchila), statisch (sthira) und zähflüssig (drava). Wenn eine dieser Qualitäten gestört wird und Vata blockiert, so wird der entstehende Schmerz charakteristisch sein für Kapha. Aufgrund der schweren Eigenschaften wird der Schmerz tief sein. Die langsamen und dumpfen Qualitäten lassen den Schmerz dumpf erscheinen.

Flüssige, ölige und kühle Attribute führen zu Kaltschweißigkeit, Verschleimung und Schwellungen. Im Gegensatz zum Wanderschmerz von Vata und dem Fokalschmerz von Pitta lässt sich der Kapha-Schmerz durch die statische Eigenheit von Kapha lokalisieren. Dieser Schmerz lässt sich generell durch Bewegung, Aufwärmübungen oder eine kräftige Druckmassage lindern. Der Kapha-Schmerz tritt meist am Vormittag oder frühen Abend auf sowie im Spätwinter und Frühling.

Diagnostik

Differentialdiagnostisch gilt es, folgendes abzuklären:

  • Finden Sie die Dosha-Beteiligung heraus: Verschleimung bedeutet Kapha; Infektion bzw. Entzündungsanzeichen bedeuten Pitta; Trauma, Unfall oder Nervenschmerzen zeigen Vata an. Fragen Sie nach dem Auftreten des Schmerzes in Abhängigkeit zur Tageszeit.
  • Finden Sie heraus, welche Maßnahmen verschlimmernd bzw. lindernd wirken: Bewegung wird Vata erhöhen, aber Kapha lindern. Wärmeanwendungen wie z.B. Rizinusölpackungen, werden Vata reduzieren jedoch Pitta erhöhen.
  • Handelt es sich um einen physisch, mental, emotional oder biochemisch verursachten Schmerz?

Ayurvedische Schmerztherapien für die Praxis

  1. Abhyanga: die ayurvedische zweihändige bzw. vierhändige Ölmassage mit speziellen, medizinierten Kräuterölen, welche entsprechend der Dosha-Aggravation eingesetzt wird.
  2. Ushma Sveda: das Aroma-Dampfbad – eine Dampfkabine, in der bei 40 – 50 °C feuchter Hitze und diaphoretischen Kräutern besonders Vata-Schmerzpatienten behandelt werden.
  3. Khadi·Basti: lokales, warmes Kräuterölbad bei Vata bedingter Lumbo-lschialgie bzw. Diskprolaps.
  4. Niruha Basti: Kräutereinlauf zur primären Vata-Therapie bei chronischen Schmerzsyndromen, chronisch-degenerativen und neuro-psychiatrischen Erkrankungen
  5. Pinda Sveda: In heißes, mediziniertes Öl getauchte Kräuterbolus. Sie wirken schmerzlindernd bei Arthralgien, Myalgien, Myogelosen.
  6. Padanqhata: Die indische Seilfußmassage löst tiefe Schmerzblockaden in der Skelettmuskulatur, macht die Gelenke, Sehnen und Muskeln geschmeidig und beugt Sportverletzungen vor, wirkt Abwehr stärkend.
  7. Pizzichil: Beim „königlichen Ölguss“ kombiniert man die Wirkung des Überwärmungsbades mit der einer Tiefenmassage. 6-8 Liter warmes Sesamöl fließen unter den kreisenden Händen zweier Therapeuten über den gesamten Körper. Alle Gewebe werden gleichmäßig durchwärmt. Durch Vata-, Pitta- und Kapha-Störungen verursachte Schmerzen werden auf diese Weise ausgeglichen. Das Bindegewebe wird gereinigt von Schwermetallen, Amalgam, freien Radikalen Säureschlacken und Nahrungsmittelzusätzen.
  8. Sira Vedha: das blutige Schröpfen bei heißen Gelosen im Rückenbereich bei von Pitta verunreinigtem Blutgewebe (rakta dhatu).

Erschienen im Ayurveda Journal 20

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Das Ayurveda Journal beschäftigt sich in dieser Ausgabe als Titelthema mit dem Schwerpunkt “Unsere Haut”.

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