Ein mehr als 3000 Jahre altes Heilkundesystem aus Indien und eine junge japanische Kampfkunst, entstanden in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, wie passt das zusammen? Wenn man genauer hinschaut, dann ergeben sich interessante Parallelen und Perspektiven.

Der Ayurveda definiert vollständige Gesundheit in einer umfassenden Weise, dabei sind folgende Dimensionen bedeutsam: ein Gleichgewicht der Doshas zu bewahren, Harmonie im Inneren zu haben, in Harmonie mit der belebten und unbelebten Natur zu sein.

Svasthavritta heißt „eine Lebensweise im Einklang mit der eigenen Natur“ und gibt uns Regeln zu allen Bereichen des menschlichen Lebens. Sadvritta behandelt den Aspekt der ethischen Lebensweise. Dies sind Verhaltensregeln zur Erlangung von geistigem Frieden, innerer Zufriedenheit und spirituellem Wachstum. Sie sind für die Gesundheit sehr wichtig, leider halten sich nicht all unsere Mitmenschen daran. Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, wie unangenehm und stressig negativ verlaufende soziale Kontakte sein können. Nimmt der Stress überhand, macht er krank.

Stressbewältigung

Der Versuch, das Problem mit Stressbewältigungsstrategien anzugehen, ist meist schon deshalb zum Scheitern verurteilt, weil diese Strategien nicht zeitnah genug eingesetzt werden können. Das unangenehme Streitgespräch morgens um 9.00 Uhr setzt uns stundenlang den Stresshormonen aus, bis um 19.00 Uhr die Joggingrunde, die Yogastunde oder eine schöne ayurvedische Ölanwendung zum Einsatz kommen können.

Die Stressreaktion ist von der Natur dazu vorgesehen, sofort in Sekunden maximale körperliche Leistungsfähigkeit für eine Kampf- oder Fluchtsituation herzustellen. Durch die körperliche Aktivität werden die Hormone abgebaut und es kann wieder Ruhe einkehren. Dies ist in unserer Zeit nicht mehr möglich und so bleibt statt Stressbewältigung nur Stressvermeidung.

Stressvermeidung klingt gut, das hätte jeder gerne. Was hindert uns aber daran, immer zu allen Gelegenheiten in Harmonie mit unseren Mitmenschen zu sein? Es ist der Urtrieb der innerartlichen Aggression, ein Urtrieb wie Sexualität, Hunger oder Durst. Pitta-dominierte Menschen sollen ja etwas mehr davon haben, das Feuerelement lässt schön grüßen.

Innerartliche Aggression ist für die Natur wichtig, sie dient unter anderem dazu, den vorhandenen Lebensraum durch die Abstoßung der Einzelindividuen untereinander möglichst vollständig zu besiedeln und somit die Art zu verbreiten und weiterzuentwickeln. Heute sind wir so eng besiedelt, dass wir neu lernen müssen, mit Aggressionen, unseren eigenen, aber auch den stressigen fremden, umzugehen, um belastenden Stress zu vermeiden.

Aikido als Aggressionsventil

Es drängt sich der Verdacht auf, dass das geschriebene oder gesprochene Wort in diesem seit Urzeiten im Gehirn gespeicherten Programm, auf Aggression zu reagieren, wenig Veränderung hervorruft; deswegen ist es ein guter Gedanke, körperliche Reaktionen wie die Stressreaktion auch mit körperlichen Übungsprogrammen anzugehen und so kommen wir zum Thema Aikido.

Aikido wird als Kampfkunst bezeichnet, was den Kern der Sache aber nicht trifft, es ist vielmehr die Kunst, nicht zu kämpfen. Was auf der Übungsmatte geschieht, ist eine künstlich geschaffene Disharmonie zwischen zwei Menschen, die sich sogar körperlich angreifen, in ein harmonisches Miteinander zu verwandeln. Darin ist der Angegriffene geschützt und auch der Angreifer vor den Folgen seiner Aggression geschützt.

Dies unterscheidet Aikido von allen anderen Kampfkünsten und Verteidigungssystemen, wo eine Verletzung des Angreifers billigend in Kauf genommen wird, weil man nicht selber mit dem Konflikt begonnen hat. Ziel ist es, den Angreifer nicht zu verletzen, sondern ihm nur nahezubringen, dass Gewalt nicht zum Ziel führt und kein Mittel menschlicher Kommunikation darstellen sollte.

Wie funktioniert Aikido?

Den Angriff sieht der Aikidoübende als eine Form von Energie an. Energie ist etwas Neutrales, sie kann Gutes und Schlechtes bewirken, je nachdem wie man sie gebraucht. Die intelligente Nutzung macht den Unterschied.

Im Aikido weicht der Angegriffene zunächst aus, klinkt sich in den Fluss der Angriffsenergie ein und übernimmt in der nun gemeinsamen Bewegung die Führung und Kontrolle des Angreifers. Das Üben der Ausweichschritte ist für den Aikidoanfänger sehr wichtig, um bei aller Schnelligkeit und Flexibilität die stabile innere Mitte zu bewahren und in der Bewegung immer aufrecht und kontrolliert zu bleiben. Im täglichen Leben kann das bedeuten: „Ich bin flexibel genug, um mir das Problem mal aus der Sicht des Anderen zu betrachten, ohne mich aus meinem seelischen Gleichgewicht bringen zu lassen, und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen.“

Beim Üben des Aikido spürt jeder ständig körperlich, wie man auf eine körperliche Bedrohung reagiert. Anspannung in der Muskulatur, Schultern hoch, Kopf eingezogen, Puls und Atmung schneller, usw. Und wie locker und entspannt sich so eine Situation auflösen lässt, wenn man die richtigen Techniken zur Verfügung hat. Gemeinsam geht immer leicht, was gegeneinander viel Kraft kostet oder misslingt. Dieses mit dem eigenen Körper zu erleben („haptisches“ Lernen) hilft bei der Umsetzung dieser Strategien in den Alltag viel besser als viele Worte.

Aikido hilft, neue Handlungsmuster zu suchen und zu erfahren. Stress entsteht, wenn sich der Mensch in seiner körperlichen Unversehrtheit, seinen Wertvorstellungen, seinen Zielen bedroht fühlt und gleichzeitig nicht über die Mittel verfügt, an der Situation etwas zu ändern. Gibt man dem Menschen die richtigen Werkzeuge, Kenntnisse und genug Zeit, kann er die Herausforderung meistern.

Wenn man immer wieder in den gleichen Situationen Stress empfindet, hilft es oft, diese zu analysieren und ein neues Handlungsmuster einzuüben. Oft erkennt man dabei, dass man zum Problem ordentlich etwas beigetragen hat: „hausgemachter Stress“.

Eine kleine Übung zum Thema Selbstblockade

Sie bitten einen Partner, er solle Sie mit 2 Händen fest an einem Handgelenk festhalten. Sie spüren einen unangenehmen Druck und verspannen Ihren Arm samt Schultergürtel. Sie stellen fest, dass Sie in Ihrer freien Bewegung blockiert sind. Jetzt lassen Sie den gehaltenen Arm einfach fallen, Sie lassen Gelenke locker und plötzlich sind Sie in der Lage, ca. 270° um den Partner herumzulaufen, auch sich neben ihn zu stellen und ihm freundlich den Arm um die Schultern zu legen. Die Situationen sind sehr unterschiedlich, Ihr Partner hat aber immer das gleiche getan.

So kann man beim Üben von Aikido viel über sein eigenes Konfliktverhalten lernen. Darüber hinaus ist Aikido ein Training für den ganzen Körper, man lernt Atmung und Bewegung zu koordinieren, einen stabilen Stand und Gleichgewicht auch in der Bewegung, wichtig für Vata-dominierte Menschen. Der Pitta-Typ lernt Ruhe und Gelassenheit, während der Kapha-Typ durch einen Zugewinn an Beweglichkeit und Flexibilität profitiert.

Es ist im Übrigen nicht untersagt, Aikido nur deswegen zu üben, weil es Freude und Spaß macht! Da Aikido partnerschaftlich geübt wird, ist es eine gute Ergänzung zum Yoga, wo der Blick doch eher nach innen gerichtet ist. Wenn Harmonie im Menschen herrscht, ist es auch viel leichter, sie mit anderen Menschen herzustellen und somit Stress zu vermeiden.

Ayurveda Journal 27 · Seite 32 – 33
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