Abhyanga – die ayurvedische Ganzkörpermassage

Sie ist der Inbegriff für genussreiche Entspannung: die Abhyanga. Mit warmen pflanzlichen Ölen ausgeführt gehört die Ganzkörpermassage zu den wohltuendsten und effektivsten Behandlungsformen der ayurvedischen Gesundheitslehre. Sie verbindet auf harmonische Art und Weise mehrere Techniken, die der tiefen Entspannung und Vitalisierung des Körpers dienen. Nicht umsonst bedeutet Abhyanga im Alt-Indischen so viel wie „große Einölung mit liebenden Händen“.

Die hochwertigen Öle dringen tief in die Haut ein und sind wertvoll für ein gesundes Hautbild. Zudem sind die sanften Berührungen eine sehr wirkungsvolle Methode, um den Kopf freizubekommen. Kurz:

Eine Abhyanga ist einfach ein bereicherndes Erlebnis.

Abhyanga Ganzkörperölmassagen werden in ganz Europa in unterschiedlichsten Einrichtungen angeboten: in Hotels, Wohlfühleinrichtungen, Praxen für Ganzheitliche Behandlungen oder bei Ayurveda-Ärzten, Heilpraktikern und Ayurveda-Therapeuten. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der Ayurveda-Therapien wie der Pancha Karma Kur zum Beispiel.

Auch für den Ayurveda Praktizierenden gibt es immer wieder berührende Momente. So erging es mir vor kurzem, als eine Frau Ihren Geschenkgutschein über eine Abhyanga einlöste. Es war das erste Mal, dass sie eine Ayurvedische Ganzkörpermassage erhielt. Und am Ende der Massage flüsterte sie erstaunt: „Ich wusste gar nicht, dass ich soviel Körper habe!“ Das sind Momente, die uns Massierende glücklich und dankbar sein lassen.

Ein wertvoller Tipp für die eher Vata-betonten Menschen:

Wenn Sie mit Ayurveda Ganzkörpermassagen im Herbst beginnen und über den Winter hinweg regelmäßig genießen, können Sie stabiler, freudiger und kräftigter durch die nasskalte und windige Jahreszeit hindurch gehen.

Die Tradition

„Meine Hand ist Gott. Grenzenlos glückselig ist meine Hand. Diese Hand bewahrt alle Geheimnisse, die ganz machen mit ihrer sanften Berührung.“

Schon diese Worte aus dem Rigveda, der zu den wichtigsten Schriften des Hinduismus gehört und als ältestes Buch der Welt gilt, weisen auf den intensiven Effekt der Abhyanga-Behandlungen hin.

Abhyanga heißt wörtlich: „eine besondere Bewegung um etwas“. Im Ayurveda werden Ölungen als „Snehana“ bezeichnet. Man unterscheidet hierbei Innere Ölungen (Abhyantara) und äußere Ölanwendungen (Bhahya Snehana). „Ang“ heißt Bewegung. „Abhi“ heißt äußerlich oder drumherum. Die Abhyanga ist eingeteilt in Mardana (Druckmassage) und Samvahana (leichte, sanfte Massage).

Die Ölungen (Snehana) sind weitaus mehr als nur ein Einölen der Haut. Das deutsche Wort Schnee hat dieselbe indogermanische Wurzel, wie das indische Wort Snehana. So wie frisch gefallener Schnee sich um einen Baum schmiegt, so wie Schnee alles Spitze, Unebene sanft umhüllt, einhüllt und nichts in Unordnung hinterlässt, so liebevoll sollten sich die Hände des Ayurveda-Therapeuten mit dem Öl, dem Snehana, um den Körper des Klienten hüllen.

Die Wirkung

Die Abhyanga-Ganzkörpermassage entspannt, stärkt das Immunsystem, wirkt verjüngend und hat insgesamt eine Art reinigenden und befreienden Effekt.

Jeder, der eine Abhyanga genießt, ob von einem oder zwei Ayurveda-Therapeuten ausgeführt, spürt umgehend, wie intensiv diese Ölmassagen wirken. Wobei es nicht die eine Abhyanga gibt. Ich habe bei meinen bisherigen Ayurveda-Studienaufenthalten in Indien noch niemals die gleiche Abhyanga erhalten, egal, wo ich war. Je nach traditioneller und lokaler Herkunft werden andere Massagegriffe und -ausstreichungen betont, manchmal ist die Abhyanga dynamischer und druckvoller.

Die Streichrichtungen

In der klassischen Abhyanga werden zwei Streichrichtungen angewandt. Es gibt „Anuloma“, eine Ausstreichung mit der Haarrichtung, die eine eher beruhigende und ausgleichende Wirkung hat. Die andere Variante ist „Pratiloma“, eine Ausstreichung gegen die Haarrichtung, die eher einen anregenden und belebenden Effekt hat. Der Ayurveda-Therapeut unterscheidet je nach Klient und Zweck der Massage.

Die Indikationen und Kontraindikationen

Klassische Indikationen für Abhyanga:

  • Bei Dosha Ungleichgewicht, besonders von Vata (das Bewegungsprinzip)
  • Menschen, die täglich intensiv körperliche Übungen durchführen wie zum Beispiel Sportler
  • Bei viel geistiger Arbeit
  • In der Geriatrie, als Rasayna (Verjüngungsmittel)
  • Um die Regeneration von Gewebe und Organen zu fördern
  • Um Stress abzubauen

Klassische Kontraindikation für Abhyanga:

  • Erkältung mit starker Verschleimung
  • Direkt nach einer ausleitenden Behandlung, wie bei der Pancha Karma Kur (ayurvedische Reinigungskur)
  • Akutes Fieber
  • Wenn die Nahrung noch nicht vollständig verdaut ist
  • Sehr schwache Klienten, starke Müdigkeit
  • Stark blockierte Shrotas (Körperkanäle) hervorgerufen durch Ama (Unverdautes)

Die Bedeutung des Öls bei der Abhyanga

Das Öl nährt die Zellen und die Organe, löst Schlacken aus dem Gewebe, und die Wahrnehmung des Körpers nimmt deutlich zu.

Für eine Abhyanga werden verschiedene Öle verwendet und je nach Konstitution und Indikation vom Ayurveda-Therapeuten ausgewählt. So können zum Beispiel für den Präventivbereich als Körperöl Sesamöl (erhitzend), Olivenöl sowie Kokosöl (kühlend) zum Einsatz kommen.

Sesamöl spielt eine bedeutende Rolle, denn es hat eine hohe Penetrationskraft, so dass es sehr tief durch das Gewebe dringt und es adäquat versorgen kann. Es heißt nicht umsonst:

„Sesam öffne Dich!“

Die kühlenden und wohlriechenden Eigenschaften von Rosenöl oder Mandelöl betören den Klienten bei der Gesichtsmassage während der Abhyanga.

Das Gesicht und der Kopf insgesamt werden im Ayurveda immer „kühlend“ behandelt, so dass keine Hitze im Kopf entsteht.

Die speziellen Ölarten

Im Ayurveda werden für alle Anwendungen medizinierte Öle, Thailams, verwendet. Ölmassagen sind sozusagen eine Art Phytotherapie für die Haut. Die Herstellung der Kräuteröle ist sehr zeit- und materialaufwendig. In Indien werden die Öle für die Abhyanga immer vor Ort im Ayurveda-Krankenhaus, in der eigenen Pharmazie, aus dem eigenen Heilpflanzengarten hergestellt – und das kann manchmal Tage dauern.

Auf eine hohe Qualität der Öle ist zu achten, da sie sonst keinen therapeutischen Nutzen haben. Spezielle medizinierte Öle, individuell auf den Patienten abgestimmt, machen bis zu 70 Prozent für die Qualität einer Behandlung aus, der Therapeut dagegen etwa 30 Prozent.

Drei typische medizinierte Öle im Ayurveda

  • Mahanarayan Thailam, ein Öl, das entzündungshemmend, schmerzlindernd und nährend auf die verschiedenen Dhatus (Gewebe) wirkt. Es findet Anwendung bei Versteifung der Gelenke, Sehnenentzündungen, rheumatische Erkrankungen. Kurz gesagt: eines der beeindruckendsten Öle bei verschiedenen Leiden des Bewegungsapparates. Zudem wunderbar geeignet als Ganzkörperöl für die Abhyanga bei Vata oder bei Vata-Ungleichgewicht.
  • Pinda Thailam, ein Öl, das kühlend und blutreinigend wirkt. Es findet Anwendung, bei zuviel Hitze im Körper und Störungen des Hautstoffwechsels. Pinda Thailam wird bei Pitta oder Pitta-Ungleichgewicht angewendet.
  • Shulahara Thailam, ein Öl, das unter anderem Kampfer und Senföl enthält und reinigend, stoffwechselanregend und erhitzend wirkt. Gut bei Verschlackung, Cellulite, Trägheit oder Muskelverpannungen. Anzuwenden bei Kapha-Konstitution oder Kaphastörungen.

Welches Öl wann und wie eingesetzt wird, wird ein kompetenter Ayurveda-Therapeut im persönlichen Gespräch vor einer Abhyanga entscheiden.

Merkmale einer authentischen Ayurveda Abhyanga

Professionell ausgebildete Ayurveda-Therapeuten klären in der Regel vor der eigentlichen Massage einige wichtige Punkte ab:

  • Sind Sie gegen etwas allergisch?
  • Sind Sie im vergangenen halben Jahr operiert worden?
  • Besteht eine Schwangerschaft?
  • Haben Sie aktuell Ihre Menstruation?

Er führt die Ganzkörpermassage mit sorgfältig ausgesuchtem Öl aus, stimmt den Druck, den Rhythmus, die Dauer der Massage, die Nachbehandlung und nicht zuletzt die Tipps ganz auf Ihre individuelle Konstitution und momentanen Zustand ab. Der Therapeut sollte ebenfalls über mögliche Reaktionen aufklären.

Nach der Abhyanga sind Tipps wichtig, damit das gewonnene Gleichgewicht auch erhalten bleibt:

  • nicht barfuss laufen
  • sich vor Zugluft und Wind schützen
  • den Kopf bedecken
  • kein üppiges Essen und keine extremen Aktivitäten nach der Massage
  • heißes Ingwerwasser-Wasser trinken

Es gibt viele gute Gründe für eine ayurvedische Ganzkörpermassage. Sie kann sehr gut bei Rückenbeschwerden helfen, bei Verspannungen, Stress, Allergien und starken Kopfschmerzen. Alles in allem ist die Abhyanga aber nicht nur gesund und sinnvoll – sondern einfach purer Genuss. In jeder Lebenslage!

Ayurveda Journal 36 · Seite 40 – 41

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