Ein Modethema in der integrativmedizinischen Betrachtung

Teil 1: Diagnostik und Ursachenforschung

Die Debatte der Gegenwart

Ob Laktose-, Fruktose-, Gluten- oder Histaminunverträglichkeit beziehungsweise -intoleranz: Nahrungsmittelunverträglichkeiten und -intoleranzen sind in den letzten Jahren regelrechte Modethemen in Medizin, Medien und Gesundheitsöffentlichkeit geworden.

Neben sachlichen Beiträgen, Diskussionen und Forschungsergebnissen zu diesem „hot
topic“, die uns ein zunehmend differenziertes Bild zu verschiedenen Fragestellungen
in diesem Kontext liefern, wird die gesamte Debatte leider vielfach hoch emotional geführt, wobei es sich häufiger um Meinungen, Weltanschauungen und persönliche Erfahrungen handelt als um gesundheitswissenschaftliche und vor allem gesundheitsrelevante Tatsachen. (Ernährung ist für uns alle eben auch ein sehr persönliches Thema!) Darüber hinaus gibt es
bei Patienten mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten häufig fließende Übergänge zu psychosomatischen/somatopsychischen Fragestellungen, die vielfach vor dem Hintergrund moderner westlicher Lebensstile zu interpretieren sind (beispielsweise Reizdarm, Reizmagen, die nicht-zöliakische Glutensensitivität,u.v.a). Patienten mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten und -intoleranzen, die auf der Suche nach alternativen Behandlungsansätzen sind, suchen oft gezielt Ayurveda-Therapeuten auf.

Die Menschen wissen längst, dass die Ernährungslehre bekanntermaßen eine zentrale Säule des traditionellen indischen Gesundheitssystems darstellt, was sich nicht zuletzt an der Anzahl ayurvedischer Kochbücher und Kochkurse in Deutschland und Europa spiegelt.

Ernährung aus ayurvedischer Sicht

Der Stellenwert von Nahrungsmitteln, Ernährungsweisen und Verdauung wird an zahlreichen Stellen in den klassischen Ayurveda-Texten nur zu deutlich. So heißt es in der Charaka Samhita sinngemäß, dass „bei gesunder Ernährung Medizin nicht nötig ist, bei schlechter Ernährung Medizin nicht wirksam ist“. Ein weiteres bekanntes Diktum aus dem gleichen Klassikertext sagt: „Medizin ist die Behandlung des inneren (Verdauungs-)Feuers“. Und tatsächlich liefert das ayurvedische Gesundheitssystem hochdifferenzierte Konzepte zu ernährungstherapeutischen Herangehensweisen im Kontext multimodaler Behandlungs-ansätze, nicht nur bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten, aber natürlich und vor allem auch dort.

Medizinische Weltbilder

Zwischen der modernen „Schulmedizin“ und dem Ayurveda gibt es bezüglich der Vorstellung zur Entstehung sowie zu Diagnostik und Therapie von Nahrungsmittelunverträglichkeiten einige erhebliche Unterschiede: Im Gegensatz zur etablierten naturwissenschaftlichen Betrachtung, die sich vor allem auf direkt nahrungsmittelabhängige Ursachen fokussiert und zumeist bestimmte molekulare Strukturen von Kohlenhydraten und Proteinen als krankheits- auslösend/-erhaltend für Nahrungsmittelunverträglichkeiten definiert, sieht die Ayurveda-Medizin die entscheidenden Gründe für Unverträglichkeiten (fast) immer auf der Ebene gestörter Funktionsprinzipien, wie zum Beispiel auf der Basis der drei Doshas Vata, Pitta und Kapha sowie des zentralen Verdauungsfeuers Agni.

Die moderne Sichtweise

Schulmedizinisch wird bei dem Beschwerdekomplex Nahrungsmittelunverträglichkeiten zwischen echter Allergie, Pseudoallergie und Intoleranz unterschieden. Am einfachsten ist eine Diagnose, wenn echte allergische Reaktionen regelmäßig nach Kontakt mit dem Nahrungs-mittelallergen auftreten (z. B. Symptome der oberen Atemwege nach Genuss von Kernobst) und allergiespezifische Antikörper im Blut nachgewiesen werden können. Auch bei der sogenannten Zöliakie (Gluten-Unverträglichkeit) lässt sich eine pathologische (krankhafte) Reaktion auf Gluten – einem Klebeeiweiß, das in vielen Getreiden vorkommt – diagnostisch eindeutig anhand von Antikörpern im Blut und durch Gewebeproben nachweisen. Allerdings handelt es sich bei der Zöliakie um eine Autoimmunerkrankung und nicht um eine echte Allergiereaktion. Diese beiden Krankheitsbilder sind jedoch im Vergleich zu vielen vermeintlichen Unverträglichkeiten eher selten und viel schwerer in der Symptomatik.

Bei Pseudoallergien liegen Symptome beim Patienten vor, die eine Reaktion im Sinne einer Allergie vermuten lassen, aber bei denen keine Erhöhung der Antikörper im Blut nachweisbar ist. An dieser Stelle beginnt die diagnostische Unschärfe, die das Thema Nahrungsmittel-unverträglichkeiten mit sich bringt: Patienten haben Beschwerden, aber der Mechanismus ihrer Entstehung ist nicht eindeutig zuzuordnen und es werden Unverträglichkeiten als Ursache lediglich vermutet.

Bei den sogenannten Intoleranzen bietet sich ein diffuses Bild von Symptomen im Magendarmtrakt (wie Blähungen, Völlegefühl, Übelkeit, Durchfälle) aber auch allgemeine Symptome wie Müdigkeit und Erschöpfung, die als Reaktion auf bestimmte Moleküle in der Ernährung gesehen werden. Nur könnten diese auch viele andere Ursachen haben. Selten haben Patienten die genannten Beschwerden zuverlässig dann, wenn sie entsprechende Nahrungsmittel essen, sondern vertragen diese zuweilen, aber manchmal auch nicht. Folglich vermutet man inzwischen, dass es bestimmte Schwellenwerte für die einzelnen nicht tolerierten Stoffe gibt, bei deren Überschreiten die Symptome entstehen.

Zudem unterscheidet man z. B. bei der Laktoseintoleranz primäre Formen (genetische Anlage) von sekundären (in Folge z. B. einer chronischen Darmerkrankung). Es gibt also absolute Unverträglichkeiten und relative. In ostasiatischen Ländern sind über 70 % der Bevölkerung aufgrund eines Enzymmangels (Laktase) grundsätzlich nicht in der Lage, Laktose aufzuspalten. In Deutschland sollen aber nur ca. 15 % der Bevölkerung betroffen sein.

Die Laktoseintoleranz

Sicher 40 % der Patienten in meiner Ayurveda-Ernährungsberatung kommen mit der Diagnose Laktoseintoleranz. Die Diagnose wird mithilfe eines H2-Atemtests gestellt, bei dem der Gehalt an Wasserstoff in der Atemluft nach dem Trinken einer Laktoselösung gemessen wird. Eine andere Methode ist der Toleranztest mit Blutzuckermessung. Daraufhin sind die
Patienten insofern erleichtert, dass sie eine Diagnose für ihre Beschwerden gefunden haben, die sie meist schon über Jahre begleiten, aber in der modernen Medizin selten ernst ge- nommen werden. Jedoch sind die meisten Patienten nicht in der Lage, alle Nahrungsmittel zu meiden, die Laktose enthalten. Milchzucker kommt in sämtlichen Milchprodukten vor, in Käse jedoch deutlich weniger als in Milch oder Joghurt. Eine psychische Belastung mit Versagens- gefühlen ist eine häufige Folge. Und diejenigen, die den schweren Weg des Verzichts auf laktosehaltige Nahrungsmittel gehen oder Laktase substituieren, stellen meist fest, dass die Beschwerden doch nur zu einem Teil verschwinden.

Hilft die moderne Diagnostk überhaupt weiter?

Die Frage ist, ob die genannten Diagnoseverfahren wirklich geeignet sind, um die Darm- symptomatik zu erfassen und ob überhaupt die Laktose das wesentliche Problem darstellt. Meist halten Patienten und Therapeuten an der Sichtweise einer quasiallergischen Reaktion fest und vermuten, dass weitere Intoleranzen bestehen könnten, wie z. B. gegenüber Histamin (z. B. in Hefe, Wein, Tomaten, Salami, Meeresfrüchten, Essig, Schokolade, ge- räuchertem Fleisch, Innereien, Schwein, reifem Käse, Sauerkraut, verdorbenen Nahrungs- mitteln vorkommend). Oder gegen Gluten (ein Klebeeiweiß, das z. B. in Weizen, Hafer, Dinkel
und Gerste enthalten ist) oder gar eine Fruktosemalabsorption, bei der Fruchtzucker von vor allem Steinund Kernobst – besonders in Form von Säften – zu Beschwerden führt.

Noch einmal: Alle diese Erkrankungen gibt es tatsächlich, aber sie kommen nur in sehr wenigen Fällen eindeutig nachweisbar vor. Für den Verdachtspatienten mit unklarer Diagnose bedeutet diese Annahme jedoch, dass immer mehr Nahrungsmittel gemieden werden müssen. Das Essen wird umständlich. Und kostspielig, denn die vielen „x-freien“ Nahrungs- mittel, die von der Lebensmittelindustrie angeboten werden, haben ihren Preis – ein boomender Markt profitiert von diesen Diagnosen.

Dann entsteht zusätzlich zu den tatsächlichen Beschwerden bei den Patienten häufig eine Irritation, die diese Sichtweise mit sich bringt. Viele Menschen kommen geradezu verängstigt in die Praxis, weil sie in jedem Nahrungsmittel Moleküle befürchten, auf die sie reagieren könnten, und deswegen völlig verunsichert sind, was sie überhaupt noch essen können. Die psychosomatische Komponente beginnt dann schnell, eine große Rolle zu spielen. Schließlich sollte man sich auch die Frage stellen, warum gerade Nährstoffe aus grundlegenden Nahrungsmitteln wie Milch, Obst und Getreide verdächtigt werden und weniger die vielen chemischen Zusatzstoffe, die bei Produktion und Verarbeitung von tierischen und pflanzlichen Nahrungsmitteln verwendet werden. Sind es vielleicht eher die Züchtungs- und Produktionsverfahren und weniger das Nahrungsmittel selbst?

Die ayurvedische Perspektive

Der Ayurveda bietet für diese diffuse Situation einen interessanten alternativen Ansatz. Um diesen nutzen zu können, muss man sich gedanklich zunächst von der molekularbiologischen Betrachtungsweise der modernen Medizin lösen und sich auf die grundsätzlich andere Perspektive (Paradigma) des Ayurveda einlassen. Im Ayurveda wird die Ursache von Intoleranzen nicht in einzelnen Molekülgruppen, die von außen über Nahrungsmittel zugeführt werden und auf die der Körper empfindlich reagiert, gesehen. Vielmehr verlegt man den Fokus „nach innen“ auf die individuelle Verdauungs- bzw. Stoffwechselkraft des Patienten, das sogenannte Agni (wörtlich das „Feuer“ bzw. das Verdauungsfeuer).

Man geht davon aus, dass ein gut funktionierendes Agni alle Nahrungsmittel verträgt. Teilweise wird eine solche Verträglichkeit auch von Volksgruppen über Generationen erworben (oka-satmya), sodass z. B. die vergleichsweise einseitige, schwere Kost von Eskimos nicht zu Beschwerden führt, wie sie es bei anderen Volksgruppen tun würde.

Die Kraft des Verdauungsfeuers Agni variiert – konstitutionell von Mensch zu Mensch, physiologisch im Tagesverlauf, gemäß dem Schweregrad der aufgenommenen Nahrung, im Falle von Erkrankungen usw. – und wird durch viele Faktoren beeinflusst. Ein geschwächtes oder unzureichendes Agni reagiert auf „schwer verdauliche“ Nahrungsmittel mit Magen-Darm-Beschwerden unterschiedlichster Art. Ist Agni überfordert, so entledigt sich der Körper von der aufgenommenen Nahrung quasi als Notreaktion in Form von Durchfällen oder un- verdautem Stuhl. Blähungen entstehen bei einem Übermaß an Kohlenhydraten, vor allem bei hoch raffinierten Zucker- oder Weißmehlprodukten.

Eine unzureichende Verwertung derNahrung und die Beanspruchung der Selbstheilung durch die Darmbeschwerden bewirken zudem generelle Symptome wie Müdigkeit und Erschöpfung. In der Betrachtungsweise des Ayurveda zoomt man sozusagen vom schulmedizinischen Blick durch das Mikroskop heraus zu einer geweiteten Perspektive. Man müsste im Sinne des Ayurveda fragen, ob es z. B. eine „Käsebrotintoleranz“ gibt. Im Ayurveda sind nicht die einzelnen Moleküle in der Nahrung das Problem, sondern ein Missverhältnis zwischen Verdauungskraft und dem Schweregrad einer Mahlzeit. Schwer verdaulich sind kompakte Mahlzeiten, die meist fetteiweißreich und kalt sind und zu unregelmäßigen Zeiten im Übermaß gegessen werden.

Zusammenfassung

Das Konzept der Allergie existiert im klassischen Ayurveda nicht als eigenständiges Krankheitsbild. Somit bleibt die Korrelation (Wechselbeziehung) von ayurvedischen und modernen Konzepten immer ein Versuch. Bei der Betrachtung von Nahrungsmittel- unverträglichkeiten aus ayurvedischer Perspektive muss grundlegend geklärt werden, von welchen körperlichen und psychischen Beschwerden die Rede ist und auf welchem Weg die Diagnose gestellt wird. Die Entlastung und Stärkung der Verdauungs- und Stoffwechselleistung (Agni) spielt in der Ayurveda-Therapie die wichtigste Rolle.

Die Charité Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin führt eine Studie zu Verdauungsbeschwerden und Ayurveda-Ernährung durch. Wenn Sie an der Studie teilnehmen möchten, kontaktieren Sie bitte unsere Studien-sekretärin Frau Rösner unter 030/80505-682.

Im Heft 52 finden Sie Teil 2 dieses Artikels.
Wir stellen Ihnen die ayurvedische Diagnostik und Therapie vor und zeigen alternative Wege zur Behandlung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

Erschienen im Ayurveda Journal 51

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Das Ayurveda Journal beschäftigt sich in dieser Ausgabe als Titelthema mit dem Schwerpunkt „Gesunde Körpermitte“.

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Dr. med. Christian S. Kessler
forscht am Immanuel Krankenhaus Berlin im Rahmen der Stifungsprofessur für klinische Naturheilkunde am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité-Universitätsmedizin. Er ist Experte für Ayurveda und Traditionelle Indische Medizin sowie studierter Indologe (M.A.)

Elmar Stapelfeldt M.A. ist Heilpraktiker und Indologe. Seit 2012 ist er Mitarbeiter am Berliner Immanuel Krankenhaus in der Abteilung für Naturheilkunde. Neben seiner Ayurveda-Heilpraktiker-Sprechstunde und Ernährungsberatungen leitet er Ayurveda-Ausbildungen, organisiert Fachkongresse und hält Ayurveda-Kochkurse. Diverse Fachpublikationen. Außerdem wirkt er in der Forschungsabteilung für Naturheilkunde der Charité bei klinischen Ayurveda-Studien mit.