Die Behandlung des Marma-Nadi-Systems kann einen beeindruckenden therapeutischen Nutzen haben. Unterschiedlichste Beschwerdebilder, von Gelenkschmerz bis zu Angststörungen, können behandelt werden.

Einen nahezu mystischen Klang hat der Begriff „Marma“ in westlichen, ayurvedischen Kreisen. Es gibt Bücher über Ayurveda und Marmas, Marma-Yoga, Marma-Therapie mit ätherischen Ölen und Kristallen. In fast jeder Massage-Ausbildung fällt der Begriff im Zusammenhang mit „Punkt für konzentrierte Lebensenergie“, „Treffpunkt der Gewebe“, „Körper-Seele-Knoten“ und einigen anderen mehr. Marma-Therapie ist geeignet, um über relativ einfache Manipulation der Punkte, den Bewegungsapparat, das Nervensystem, die Organe und insbesondere auch geistig-seelische Zustände zu beeinflussen.

Die heutige Ayurvedamedizin bedient sich zunehmend aus diesem traditionellen Kalari-System und bindet das Wissen um Energiebahnen und darauf befindliche Vitalpunkte in ihre Manualtherapie ein.

Marmapunkte im klassischen Ayurveda

Vor etwa 1500 Jahren durchkämmte der große nordindische Ayurveda-Arzt Sushruta die Schlachtfelder und untersuchte die Wunden der Verletzten und Gefallenen. Er studierte die genauen Eintrittsstellen von Pfeilen und anderen Waffen, um zu verstehen, welche Verletzungen vollständig geheilt werden können und welche unmittelbar zu Gebrechen oder gar zum Tode führen. Er kategorisierte die Punkte am Körper entsprechend einer eventuell fatalen Prognose: unheilbar, mit tödlicher Folge oder sofort tödlich.

Seine Kenntnisse systematisierte Sushruta und übertrug es auch auf die Chirurgie, die damals in Indien schon sehr weit entwickelt war. Nun konnte er klar definieren, welche Stellen am Körper während einer Operation, wegen möglicher schlimmer Folgen, nicht verletzt werden durften. So gilt Sushruta, der große ayurvedische Chirurg, auch als der Vater des ayurvedischen Marma-Systems, das 108 solcher sensiblen Punkte am Menschen beschreibt. Nach seiner Lehre zeichnen sich die Marmapunkte eben genau darin aus, dass ihre Verletzungen nicht heilbar sind, sondern eben schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Und so wird es auch heute noch von vielen Ayurveda-Ärzten zitiert.

Die klassische Therapie des Marma-Nadi-Systems wurzelt nicht, wie so häufig angenommen, in Sushrutas chirurgischem Punkte System, sondern im Wissen der südindischen Kalari-Kampfkunst-Meister. Dieses Kalari Marma System ist vom Weisen Agastya beschrieben und erklärt über dreihundert Punkte am Körper.

Es werden Techniken gelehrt, die Punkte zu blockieren, dessen Folgen und Therapie. In der Therapie der blockierten Marmas werden insbesondere die Verwendung spezieller Öle und verschiedene manuelle Techniken beschrieben.

Das Geheimnis der Marmapunkte

Durch die klassische Marma-Therapie kann ein großes Spektrum an Beschwerden behandelt werden: Bandscheibenvorfälle, Gelenkschmerzen, insbesondere auch Arthrose, Migräne, Erschöpfungssyndrome, verschiedene Beschwerden der Brust- und Bauchorgane, wie Herzrhythmusstörungen, Darmbeschwerden, aber auch Depressionen und Angstzustände. Tatsächlich kann bei fast jedem Beschwerdebild die Marma-Therapie mindestens unterstützend beziehungsweise lindernd sein.

Das Geheimnis der Wirkungsweise findet sich im System der Nadis. Diese sind nicht nur feinstoffliche Energiekanäle, wie es im Yoga gelehrt wird – sondern vielmehr jede Art von Bewegungsfluss. Die Bildungskräfte, die uns im Mutterleib heranwachsen lassen, arbeiten über die Nadis beziehungsweise formen sie. So entstehen die strukturellen Bewegungsbahnen, wie Blutgefäße, Darm, Wirbelsäule, strukturelle Muskelketten, letztlich der Körper mit seinen Räumen, Organen und Bewegungsapparat.

Die Marmapunkte sind wichtige Kreuzpunkte der Nadis. Blockaden der Marmas verursachen Stauungen, Stress oder Spannungen im Nadi-System – und andersrum. Ist ein Marma blockiert, der mit den Bewegungsflüssen im Brustraum korrespondiert, so können erschwerte Atmung, Reizhusten, Ablagerungen in den Atemwegen, Depressionen, aber auch Herzrhythmusstörungen und/oder Angstzustände auftreten. So können auf jeder Körperebene, Becken, Bauch, Brust, Hals und Kopf spezifische Symptome benannt werden, die mit einer Blockade entsprechender Marmas einhergehen. Die Behandlung dieser Blockaden verbessert kurzfristig die Funktion der Körperebene. Durch die günstigere Situation können nun auch kräftigende, regulierende oder reinigende Kräuter besser wirken.

Ursachen von Blockaden

Zerstörte Marmas können bei Unfällen und Operationen auftreten. Ihre Behandlung ist langfristig und oft auch nur eingeschränkt möglich. Blockierte Marmas finden sich jedoch bei fast jedem Symptom. Diese Blockaden sind strukturell mehr oder weniger deutlich wahrzunehmen – als Festigkeiten, Spannungsänderungen im Gewebe oder Ansammlungen.

Die Ursachen einer Blockade können auf der körperlichen Ebene sein, wie ein Stoß oder Schlag, sowie andauernde Überlastung. Häufig sind ursächliche Faktoren von Blockaden auf der psychoemotionalen Ebene zu finden. Typische Schutzreaktionen bei Angst und Stress sind Schultern anheben, nach innen drehen, den Nacken anspannen und den Brustkorb einziehen. Ist Angst und Stress dauerhaft, manifestiert sich dieses Muster und blockiert Marmas beziehungsweise Bewegungsflüsse im Brustbereich – und dies kann zu Herzrhythmusstörungen, Atembeschwerden, Erschöpfung, Depressionen und sich weiter verstärkenden Angstzuständen führen.

Dauerhaft unterdrückte Emotionen können Blockaden im Bauchbereich verursachen, die sich insbesondere auf die Bewegungsflüsse des Darms und der Gebärmutter auswirken. Ein weiterer, die Blockaden oft verstärkender Faktor ist falsche Ernährung. Schlacken (Ama) bewegen sich durch die Nadis und sammeln sich vornehmlich an Engstellen an.

Klassische Behandlung blockierter Marmapunkte

Das wohl wichtigste Grundprinzip der klassischen Marma-Nadi-Therapie zur Behandlung von Blockaden ist: „geschmeidig machen – erwärmen – dehnen“. Die speziellen Öle helfen, die unterschiedlichen Blockaden, muskuläre Spannung, Verschlackung oder fasziale Verklebung zu erweichen oder zu lösen. Die Wärme verbessert die Reaktionsfreudigkeit der Gewebe. So vorbereitet wird die Blockade manuell gelöst – dies kann sehr kräftig sein, aber auch höchst feinfühlig, je nach Stärke der Blockade.

Die Arbeit mit dem sogenannten Kizhi, dem Kräuterbeutel (Pinda Sveda) der Kalari-Therapie vereint die wesentlichen Elemente: Der mit lösenden Kräutern gefüllte Beutel wird im erhitzten Öl erwärmt und damit das den Marmapunkt blockierende Gewebe massiert. Für die „Feinarbeit“ wird der Beutel zur Seite gelegt und mit sensiblen Fingern werden die Blockaden geöffnet. Je nach Indikation und Durchführung fühlt sich eine Marma-Therapie unterschiedlich an – das Spektrum reicht von subtilem Kribbeln und Strömen bis zu schmerzhaftem Druck- und Spannungsgefühl. Am Ende führen alle zu einem Ergebnis: mehr Beweglichkeit, mehr Freiheit.

Das Lösen der Blockaden hat sehr häufig eine schnelle Erleichterung der Symptome zur Folge. Wie lange die Wirkung vorhält liegt daran, ob die Ursache der Blockade noch gegenwärtig ist – wenn zum Beispiel psychischer Stress im Alltag, familiär oder beruflich, die Schultern hochziehen lässt und wegen der folgenden Kopfschmerzen eine Behandlung der blockierten Marmas schnelle Erleichterung schafft, ist natürlich nur eine Frage der Zeit, wann sich die Blockade und damit die Beschwerde wieder aufgebaut hat.

Und so finden sich tatsächlich viele der eigentlichen Ursachen in unserer Überlastung, unserer Selbstwahrnehmung, unseren Ansprüchen und damit verbundenen Ängsten – die klassische Marma-Therapie kann hier helfen, relativ einfach Linderung zu verschaffen. Übungen für Wahrnehmung, Atmung und Haltung oder auch Anpassung der Ernährung können dann folgend häufige Ursachen reduzieren. So reicht das Spektrum der Marma-Therapie vom einfachen Befreien eines Gelenkes bis hin zur Lösung blockierender Verhaltens- und Stressmuster. Die Fähigkeit zur Selbstregulation des Organismus wird verbessert und die innere Dynamik optimiert. So kann die Behandlung des Marma-Nadi-Systems auch hervorragend andere Therapien ergänzen bzw. intensivieren – und das hat nichts mit Mystik zu tun, mag auch das Wort „Marma“ danach klingen.

Ayurveda Journal 39 · Seite 39 – 41